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„Klagen ist sehr wichtig“: Wie Hass im Netz wirkt und wie man ihn stoppt

Schon früh hat Journalistin Ingrid Brodnig begonnen sich dem Thema Hass im Netz zu widmen, vor genau 10 Jahren ist ihr gleichnamiges Buch dazu erschienen. Nun hat sie daran publizistisch angeknüpft und mit „Feindbild Frau“ ein neues Werk vorgelegt. Konzentrierte sie sich damals darauf die allgemeinen Mechanismen von Manipulation und Hetze im digitalen Raum zu erklären, widmet sie sich diesmal einer Gruppe von stark Betroffenen von digitaler Gewalt: Frauen in der Öffentlichkeit.

Das Buch bietet nicht nur spannende Einblicke in die Erfahrungswelten von Betroffenen, sondern eignet sich auch hervorragend als Handbuch für den Umgang in konkreten Situationen. Dazu dienen praxisbezogene Tipps und Hinweise, die für viele von uns unmittelbar anwendbar sind. Brodnig schafft es auf diese Weise sichtbar zu machen, wie insbesondere Frauen von ganz spezifischen Formen von digitaler Gewalt betroffen sind, ohne bei Lesenden ein Gefühl der Ohnmacht entstehen zu lassen.

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Das neue Buch von Ingrid Brodnig, erschienen im Brandstätter Verlag

Wenn die Demokraten sich zurückziehen

Am Beispiel von ausgewählten Politikerinnen aus Österreich und Deutschland zeigt Brodnig detailliert auf, wie Frauen systematisch aus der Öffentlichkeit gedrängt werden. Wenn sie etwa den Fall einer deutschen CDU-Politikerin schildert, die nach unzähligen Attacken und Einschüchterungsversuchen auf eine erneute Kandidatur verzichtete. Eine Entscheidung, die sie schweren Herzens traf, die aber auch ein unmittelbares Resultat des Hasses war, mit dem sie insbesondere im Netz konfrontiert war.

Maßgeblicher Auslöser war eine Kampagne der AfD und ihre rechtliche Gegenwehr dazu, die zu noch mehr persönlicher Abwertung führte. Und zu Erlebnissen offline, die nicht weniger verstörend waren. Wenn ihr etwa eine „vollonanierte Deutschlandflagge“ zugeschickt wurde. „Ich habe mich irgendwann gefragt: Muss ich mir das antun? Und ich habe mir wirklich zunehmend Gedanken um meine Sicherheit und die meiner Familie gemacht. Das alles zusammen führte zur Entscheidung: Ich höre auf.

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Toxische Männlichkeit als Programm

An ihrem Beispiel wird sichtbar, wie desaströs digitale Gewalt nicht nur auf der höchstpersönlichen Ebene wirkt, sondern wie sie auch das demokratische System schwächt. Wenn sich in Zeiten einer fortschreitenden gesellschaftlichen Radikalisierung gerade jene Personen aus der Politik zurückziehen, die für ein Miteinander einstehen, die auch den Mut aufbringen dem Extremismus offensiv zu widersprechen, welchen Schaden nimmt dann die Demokratie und unsere Gemeinschaft insgesamt?

Es ist, wie im Falle dieser CDU-Politikerin aus dem Buch von Brodnig, wohl kein Zufall, dass in vielen Fällen die stark im Aufwind befindliche rechtsextreme Szene hinter dem Hass im Netz steht. Längst ist sie nicht mehr nur der politische Arm von Rassismus und Fremdenhass, sondern auch von Frauenfeindlichkeit und toxischer Männlichkeit. Zahlreiche AfD-Politiker haben das geradezu als Markenzeichen entwickelt, denkt man etwa an den Abgeordneten Maximilian Krah und seine skurril anmutenden Videos.

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Flut an kleinen Angriffen

Viel zu oft kanalisiert sich diese Frauenfeindlichkeit in Fantasien von und Drohungen mit sexualisierter Gewalt im Netz. Davon berichten viele Frauen im Gespräch mit Brodnig. Besonders perfide dabei ist, dass es sich bei den Drohungen oftmals um Formulierungen handelt, die strafrechtlich nicht immer greifbar sind. Wenn etwa einer Politikerin in sozialen Netzwerken eine „Busfahrt in Indien“ gewünscht wird. Eine Anspielung auf die fürchterlichen Gruppenvergewaltigungen mit Todesfolge in Indien. 

Strafrechtlich kann man diese Nachrichten oftmals nicht ahnden, ihren grausamen Zweck erfüllen sie dennoch. Denn Frau weiß ganz genau, was damit gemeint ist. Von einer „Rhetorik der tausend Nadelstiche“ spricht Brodnig in diesem Zusammenhang und meint damit die unaufhörliche Bombardierung mit Beschimpfungen, Beleidigungen, Diffamierungen & Co, mit der viele in der Öffentlichkeit stehende Frauen konfrontiert sind. Es geht um eine schlichtweg unerträgliche Anzahl an kleinen Angriffen.

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Präzedenzfälle ebnen den Weg

Auch wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen nachweislich noch nicht ausreichend sind, um als Privatperson effektiv gegen digitale Gewalt vorzugehen, so sind wir dennoch nicht machtlos, so Brodnig. Auch die persönliche Gegenwehr in Form von Klagen sei wichtig, nicht nur um den Hass zu stoppen oder aus Gründen der Wiederherstellung des eigenen Rufes. „Es gibt noch einen weiteren wesentlichen Grund, der für manch eine Klage spricht: Präzedenzfälle schaffen!“

In den letzten Monaten und Jahren wurden wichtige Meilensteine erreicht, einige davon zählt Brodnig im Buch auf, weil Menschen sich mit juristischen Mitteln gewehrt haben. Sie sorgen für eine Sensibilisierung von Gerichten und ebnen den Weg für andere, die sich aufmachen, dem Hass im Netz entgegenzutreten. Und so endet dieses wichtige Buch hoffnungsfroh, dass der Kampf gegen die digitale Gewalt noch nicht verloren ist. Ein Resümee, dem wir uns nur vollends anschließen können.

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Klar aussprechen, digitale Gewalt zurückdrängen

Vieles von dem, was Ingrid Brodnig beschreibt, haben wir selbst erlebt. Veronika kennt Vergewaltigungsdrohungen, sexualisierte Gewaltsprache und körperbezogene Angriffe, mit denen vor allem Frauen konfrontiert sind. Und Sebastian weiß, wie es ist, wenn Menschen mit (familiärer) Migrationsgeschichte im Netz zur Zielscheibe gemacht werden, nur weil ihre Haare & Haut dunkler sind. Vor allem aber kennen wir den steinigen Weg der rechtlichen Gegenwehr.

Wir können Ingrid an der Stelle nur von Herzen für ihre wertvolle Arbeit danken und uns wünschen, dass möglichst viele dieses Buch lesen. Weil es mit seiner klaren Sprache das Bewusstsein dafür schafft, womit wir und ganz viele Menschen tagtäglich konfrontiert sind. Oder wie sie es selbst zum Schluss sagt: „Die Mehrheit der Menschen da draußen ist für dieses Anliegen erreichbar, dass digitale Gewalt zurückgedrängt werden soll. Es geht nur noch darum, dass wir das auch klar genug aussprechen.“

Mehr Infos zum Buch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

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