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#25: Ablenkung finden, vermeiden, brauchen

Ablenkung hat keinen guten Ruf. Denn wir sind Follower des Fokus-Kults. Trotzdem suchen wir überall nach Ablenkungen und verwenden jede Menge Zeit darauf, ständig neue zu erschaffen. Ob das wohl heißt, dass wir sie einfach brauchen? Oder liegt die Entscheidung, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, vor dem Hintergrund von Smartphones, endlosen Content-Feeds und digitalen Gleichzeitigkeiten schlicht nicht mehr in unserer Hand?

“Hintergrund” ist dabei ein interessantes Stichwort, ist er doch zu der Bühne geworden, auf der sich viele Sachen abspielen, die eigentlich für den Vordergrund gedacht waren: Podcasts und Hörbücher, Serien, Filme und TV-Sendungen, Radio und Musik - manchmal sogar das Gespräch, das wir gerade mit jemandem führen.

All diese Dinge sind heute viel häufiger Hintergrundrauschen als im Fokus unserer Aufmerksamkeit, obwohl wir sie dort eigentlich nicht in Gänze wahrnehmen können. Dabei sind Inhalte, die uns informieren, zum Tanzen motivieren, uns unterhalten oder uns miteinander verbinden sollen, eigentlich nur dann so richtig in der Lage all das zu tun, wenn wir uns auf sie konzentrieren. 

Aber zeig mir mal die Person, die sich abends 45 Minuten lang auf die Couch setzt, um einen Podcast zu hören. Nicht zum essen und Podcast hören oder stricken und Podcast hören oder scrollen und Podcast hören, sondern um nichts anderes zu tun als den Podcast zu hören. Nee, ich kenn’ die auch nicht. 

Wenn ich Podcasts höre, putze ich oft währenddessen oder fahre in öffentlichen Verkehrsmitteln. Wenn ich eine Serie gucke, dann koche oder esse ich meistens dabei. Wenn ich Musik höre, liegt meine Aufmerksamkeit meistens auf der Arbeit oder dem Sport, den ich dabei mache. Die Vermutung liegt also nahe, dass das Hintergrund-Entertainment ganz andere Funktion erfüllen soll, als eigentlich gedacht.

Auch wenn es nicht immer zwingend mit Bildschirmen zu tun hat, nennt man das Phänomen, zu dem dieses Verhalten bereits geworden ist “Second Screening” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Eigentlich beschreibt der Begriff Verhaltensweisen wie das Scrollen auf dem Telefon, während man gerade auf dem Laptop oder Fernseher eine Serie schaut - also wenn buchstäblich mehr Screens eingeschaltet sind, als man Augenpaare zum Hinsehen hat.

Aber im Kern geht es nicht nur um Bildschirme und Energieverschwendung, sondern darum, zwei Aktivitäten gleichzeitig zu tun, für die es aber in beiden Fällen mehr als nur jeweils 50% der Aufmerksamkeit benötigen würde. Die Ablenkung ist hierbei also keine Einbahnstraße. Das Scrollen lenkt von der Serie genauso ab wie die Serie vom Scrollen.

Termine

26.02. Soli-Lesung für den Periodenladen im Friedrichshain!

Ab 19:30 Uhr sprechen Nike Wessel, Lea Holzfurtner, Stephanie Kossow, Beate Absalon und ich mit EUCH über “Orgas-MUSS? - Ein Abend zu Scham, Stress und Spielräumen”.

Tickets gibt’s bald hier! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Wir freuen uns auf euch!

Ganz im Gegensatz zur Prokrastination, bei der die Ablenkung von der eigentlichen Aufgabe darin besteht, mit voller Aufmerksamkeit etwas ganz anderes zu machen (Wäsche aufhängen, anstatt einen Text zu schreiben zum Beispiel oder mit einer Freundin Kaffee zu trinken anstatt die Sachen für die Steuer zusammen zu suchen). Wenn ich mit meinen Händen gerade Hausarbeit mache, kann ich sie halt nicht zum tippen eines Artikels einsetzen.

Aber im Gegenteil zu meinen zählbaren Gliedmaßen wirkt meine Aufmerksamkeit auf mich eher wie eine aufteilbare Ressource. Wenn auch nicht unendlich teilbar, trotzdem nicht nur auf eine Sache gleichzeitig beschränkt. Ich meine, inwiefern soll mich denn Hintergrundmusik vom Arbeiten ablenken? Ich stelle mir Aufmerksamkeit als etwas Fließendes vor, das sich durchaus um mehrere Dinge herumlegen kann. Aber damit scheine ich falsch gelegen zu haben, wie ich zuletzt im Podcast “Wissen Weekly” in der Folge zu Second Screening (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gelernt habe. 

“Multitasking” sei als Bezeichnung für das Aufteilen der Aufmerksamkeit auf mehr als eine Aktivität irreführend gewählt, berichtet dort Sven Lindberg, Diplompsychologe und Professor für klinische Entwicklungspsychologie an der Uni Paderborn. Man solle besser von “Task Switching” sprechen, da immer mehr wissenschaftliche Studien darauf hinweisen würden, dass wir Menschen uns gar nicht auf mehrere Dinge gleichzeitig konzentrieren können, sondern sozusagen gedanklich schnell zwischen Aufgaben hin und her springen - mit fatalen Folgen für die Qualität der Resultate.

Du kannst dir vorstellen, wie ich gerade skeptisch in Richtung meiner Box schiele, während ich gerade mit musikalischer Untermalung diese Zeilen schreibe. Immerhin läuft bei mir so gut wie IMMER irgendwas im Hintergrund. Außer wenn ich lese.

Aber wenn ich nicht aktiv gegensteuere, dann lebe ich tatsächlich unter ziemlicher Dauerbeschallung. Schon als Jugendliche war meine erste Amtshandlung, nachdem ich von der Schule nach Hause kam, erst einmal den Fernseher einzuschalten, um im Hintergrund irgendein seichtes Nachmittagsprogramm laufen zu lassen. Selbst beim Hausaufgaben machen.

Ob das nicht ablenkend gewesen ist? Klar, und wie, bestätigt mir ein imaginärer Prof. Lindberg nun in meiner Vorstellung. Ohne die stets verfügbare Ablenkung hätte ich mich sicherlich intensiver auf meine Hausaufgaben fokussieren und schneller fertig werden können, um meinem Gehirn vielleicht danach seichte Berieselung zu gönnen. Aber wieso nacheinander tun, was man auch gleichzeitig haben kann? Besonders, wenn es sich doch so gut anfühlt? 

In der bereits erwähnten Folge von Wissen Weekly werden ein paar Theorien besprochen, warum wir uns so gerne mehreren aufmerksamkeitsheischenden Reizen aussetzen. Ich spoilere hier mal nicht weiter, verrate aber noch so viel: der plötzlich neue Reiz ist immer der interessantere. Und in einer Welt, in der wir technologisch auf hochfrequent anklopfende neue Reize eingestellt sind, entsteht ein starkes Bedürfnis nach ihnen genau dann, wenn es doch mal ruhig wird um uns herum. Dieses craving nach allem, was nicht Stille ist, wurde in uns zwar durch Social Media Algorithmen und Benachrichtigungstöne mittlerweile auf maximale Lautstärke gedreht, aber antrainiert werden musste uns dieser Reiz-Reflex nicht. 

Gegen Ende dieses Videos von Vsauce über die Spuren, die wir als Menschen hinterlassen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), geht der von mir hochverehrte Michael Stevens (der übrigens vor 2 Wochen 40 geworden ist, happy birthday!) auf die Theorie ein, dass unsere Eigenart Ablenkungen und neuen Reizen nachzugehen für uns Menschen ein evolutionärer Vorteil gewesen sein könnte.

Neugier als Gier nach Neuem, als Motor der Entwicklung unseres Gehirns? Ich gebe zu, ich habe dieses Video zwei mal sehr müde geguckt und bezweifle, dass ich seine Argumentation in Gänze verstanden habe. Aber selbst wenn es sich hier um ein Missverständnis meinerseits handelt, finde ich den Gedanken spannend, dass Ablenkung zuzulassen (kognitive Ablenkung, nicht die oft erleichternde emotionale Version) auch mal von Vorteil sein könnte. Schließlich gibt’s einfach wenige Dinge, die wirklich nur schlechte Seiten haben.

Sich Ablenkung abgewöhnen?

Ich erinnere mich noch gut an die Sitzung mit meiner ehemaligen Verhaltenstherapeutin, in der ich ihr ausversehen davon erzählte, dass bei mir immer etwas im Hintergrund läuft. Es war mir so rausgerutscht, dass ich ständig Podcasts höre oder Serien laufen lasse und zwar nicht, um dadurch Inspo für meine Texte zu finden (ein netter Nebeneffekt, der sich oft in den Empfehlungen in diesem Newsletter niederschlägt 😉 ).

Sondern, weil ich mich wohler fühle, wenn ich nicht ständig meiner eigenen Gedankenwelt ausgesetzt bin. Zu spät erkannte ich meinen Fehler. Ich konnte ihr quasi in Echtzeit dabei zusehen, wie ihre therapeutischen Antennen ansprangen. Mit hochgezogener Augenbraue und einem Schmunzeln im Mundwinkel schlug sie vor, mein Bedürfnis nach permanentem Hintergrundrauschen doch mal in einer der folgenden Sitzungen zu thematisieren. Aber das wollte ich nicht. 

Zum ersten Mal in meiner Therapie-Geschichte hatte ich nicht das Bedürfnis, ein offensichtlich als “therapiewürdig” bewertetes Verhalten zu verändern. “Ich habe ja keinen Nachteil dadurch”, verteidigte ich meinen Unwillen, meine geliebte und gewohnte Ablenkung zu problematisieren. 

Heute ist mir klar, dass es zwar Vorteile für meinen Fokus, meine Kreativität und meine mentalen Energiereserven hätte, wenn ich meine Aufmerksamkeit wenigstens seltener solchen Zerreißproben aussetzen würde. Aber das kommt bei mir nicht gegen den Eindruck an, dass es okay ist, im Hintergrund den Fernseher oder einen Podcast anzuschalten, wenn man sich dann sofort und akut weniger einsam fühlt. Oder weil es schwierig ist, von jetzt auf gleich langjährig erprobte Routinen abrupt zu verändern.

Außerdem gibt es einen spannenden Aspekt an Ablenkung, der wegfällt, sobald ich mich nur auf eine Sache fokussiere und alles andere ausblende: meine Gedanken erhalten keine Stichworte von der Seitenlinie mehr. Ich stelle mir meinen Verstand gerade wie eine Bühne vor, auf der eine Impro-Theatergruppe spielt. Und die Ablenkung aus dem Hintergrund wirkt wie die Inspo aus dem Publikum - ein auf die Bühne hinauf gerufenes Stichwort, das die Improvisation in eine neue Richtung lenkt und gedankliche Zusammenhänge herstellt, die mir sonst wahrscheinlich entgangen wären. 

So wie der Gedanke - jetzt wird’s meta - der mir zum Stichwort “Fokus” gekommen ist, als ich mich eben mit den Worten des Autors und Aktivisten Fikri Anıl Altıntaş (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) im Hintergrund von diesem Text abgelenkt habe. Der hat nämlich auf seinem Instagram Kanal einen gerade erschienenen Artikel in der SZ zum Zusammenhang von modernem Stoizismus und der Manosphere (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) kommentiert und versucht zu erklären, wie diese berühmte Strömung der Philosophie von Männlichkeits-Influencern umgedeutet wird, um ihre Workshops und Coachings buchstäblich gewerblich an den Mann zu bringen. Der SZ-Artikel ist hinter ‘ner Paywall, aber ich habe noch einen weiteren, etwas älteren Text gefunden, der in eine ähnlich interessante Richtung denkt: “Mit Mark Aurel zum Bugatti” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Martin Seng.

Das hier soll kein betreutes online Artikel lesen werden, deswegen sei nur soviel gesagt: Wenn die Manosphere uns zu erklären versucht, dass stoischer Fokus die einzig wahre männliche Männlichkeits-Superkraft ist, um alles zu erreichen, was man will. Und jegliche Ablenkung, z. B. in Form von Empathie, Verantwortungsübernahme für andere Menschen oder schlicht Spaß am Leben, schlecht sei, dann klingt Ablenkung an sich plötzlich gar nicht mehr so negativ für mich. 

Wenn Andrew, Jordan & Co. sagen, man soll das Eine tun, dann mache ich mit ziemlicher Sicherheit das Andere. 

Denn Mal abgesehen davon, dass der Stoizismus mit Sicherheit keine Gym-Mitgliedschaft zum Ziel hatte, ist purer Fokus mal wieder ein unerreichbares Ideal, das sicherlich besonders einen Zweck hat. Nämlich den Andrews und Jordans und wie die Fake-Fokussierten dieser Welt alle heißen die Taschen voll zu machen, während sie mit ultra-misogynen und antifeministischen Narrativen davon ablenken, wer hier tatsächlich Männer hasst.

Ah Mist, jetzt hab ich mich wieder von Gefühlen ablenken lassen… 😉

Empfehlungen

📖 Und wenn es gerade ein bisschen tatsächliche Ablenkung sein darf, empfehle ich diesen beinahe völlig eskapistischen Roman 😌

🎧 Nicht weniger gesellschaftlich relevant sind Esther Perels Einschätzungen zu der Frage, was KI-Chatbots uns in Sachen Liebe wirklich geben können. Meine Hörempfehlung für heute ist die Folge “Esther Perel on Why AI Intimacy Feels Safe but Isn’t Real” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vom New York Times Podcast The Opinion.

Kontakt

Du möchtest mit mir über etwas, das du bei mir gelesen oder gehört hast, sprechen? Dann kannst du mich über meine Website (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erreichen oder mir bei Instagram eine DM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) schreiben. Ich freue mich auf deine Gedanken!

Danke für’s Lesen und liebe Grüße von

Cleo

Dank

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