
Hallo Ihr Lieben:
Im Juli, als ich kurz davor war, in die USA zu gehen, hatte ich den Plan, einen neuen Newsletter zu starten. Er sollte meine bisherigen drei Newsletter vereinen und Dreppers Woche heißen. Also schrieb ich dem Chef des Nieman Fellowships, Henry Chu, und fragte ihn, ob etwas dagegen spricht, wenn ich wöchentlich über meine Zeit in Harvard schreibe.
Henry hatte kein grundsätzliches Problem damit, aber eine Empfehlung: Nenn den Newsletter doch “Dreppers Gedanken”, schrieb mir Henry, statt “Dreppers Woche”. Der Subtext: Ich würde unterschätzen, wie viel es während des Fellowship in Harvard zu tun gebe.
Was soll ich sagen: Henry was right. Und ich hätte es, wenn ich ehrlich zu mir gewesen wäre, auch wissen können. Aber wie schon öfter habe ich mir lieber zu viel vorgenommen und gehofft, dass es schon irgendwie klappen wird. Hat es nicht.
Gut zehn Wochen ist mein letzter Newsletter her. Jetzt, wo das erste meiner beiden Semester an der Harvard University rum ist und Weihnachten näher rückt, möchte ich endlich wieder ein kleines Update, ein paar gute Recherchen und zwei starke Bücher mit Euch teilen.
Update
Ich habe in meinem ersten Semester hier an der Uni nach etwas hin und her insgesamt fünf Kurse belegt: Einen Kurs zum Aufbau von Impact-Organisationen an der Business School, einen Leadership-Kurs an der Education-School, einen AI-Kurs an der Kennedy-School, einen Klima-Kurs an der Faculty of Arts and Sciences und einen Umwelt-Kurs am MIT.
Dazu hatten wir wöchentlich zwei bis drei Veranstaltungen bei der Nieman Foundation. Jeweils eine interne, ganz wunderbare Veranstaltung, in der jede Woche ein*e Fellow vorstellt, warum sie macht, was sie macht – und wir danach als große Gruppe gemeinsam Abendessen. Und dazu jeweils ein bis zwei Seminare, in denen wir mit Menschen unter anderem über die wichtigsten journalistischen Herausforderungen sprechen. Wir haben etwa mit Gina Chua über AI gesprochen, mit Melissa Bell über Digitalisierung und den Lokaljournalismus, mit Errol Morris über Dokus, mit Joe Mayer über Vertrauen, mit Martha Minow über die Demokratie und mit Archon Fung über Polarisierung. Und wir haben andere Fellows getroffen – MIT, Loeb, Berkman-Klein, Shorenstein… Harvard ist voll mit interessanten Fellowships.
Ich durfte im ersten Semester mehrere Veranstaltungen moderieren, darunter das Gespräch mit Gina Chua, aber auch ein Panel auf der German-American Conference an der Kennedy-School zum Thema Pressefreiheit. Und ich habe einen wöchentlichen Schreibkurs belegt. “Creative Non-Fiction” bei Steve Almond – der mir dabei geholfen hat, auch mal über Dinge zu schreiben, die nicht streng investigativ sind, sondern objektiv richtig, aber radikal subjektiv in der Darstellung. Über Obsessionen, die man nur durchs Schreiben los wird, wie Steve es formuliert. Übers Laufen. Über Pressefreiheit. Mal schauen, ob das mittelfristig zu einer Veröffentlichung führt.
Steves etwas anderes Buch übers Schreiben – “Truth is the Arrow, Mercy is the Bow: A DIY Manual for the Construction of Stories” – möchte ich jedenfalls von Herzen empfehlen.

Worüber ich mich besonders gefreut habe: Ich habe es in den vergangenen Monaten geschafft, endlich wieder regelmäßig drei bis vier Mal die Woche laufen zu gehen. Und habe sogar wieder erste kleinere Wettkämpfe bestritten – etwas, das mein zentraler Lebensinhalt war, bevor Journalismus meine Obsession wurde. Vermutlich hätte ich einfach das Laufen lassen sollen, dann hätte ich auch genug Zeit für diesen Newsletter gehabt.
Gestern hatten wir unsere letzte Veranstaltung in diesem Jahr. Unser Winterbreak dauert nun etwa sechs Wochen. Und für die Zeit danach, für die dann noch anstehenden fünf Monate hier in den USA, habe ich mir fest vorgenommen, der FOMO weniger stark nachzugeben, weniger Kurse zu machen und mehr einzelne Veranstaltungen zu besuchen und spannende Leute zu treffen. Oder einfach noch mehr zu laufen. Dabei kann ich mir dann auch besonders gut Gedanken darüber machen, was ab Sommer 2026 folgen soll.
Falls Ihr mein kostenloses Projekt „Dreppers Woche“ unterstützen wollt, dann legt es am besten anderen Menschen ans Herz – direkt oder über Social Media. Ich würde mich sehr darüber freuen.
Und falls Ihr mich erreichen wollt, könnt Ihr das wie gewohnt unter daniel.drepper@proton.me (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) tun oder mich über Signal anschreiben unter +4915140795370.
Auf ganz bald!
Daniel
Recherchen
Ich war in den vergangenen Wochen tatsächlich ziemlich erschlagen davon, wie viel (nicht nur) in Deutschland derzeit an starken Recherchen erscheint, als Doku, Podcast, Text. Und wie schwer es ist, das alles zu verfolgen, wenn das nicht gerade mein Full-Time-Job ist. Deshalb gebe ich Euch hier keine umfassende Liste aller starken Recherchen der vergangenen drei Monate – sondern eine sehr kleine Auswahl an Links.
Trapped – Arrested by phone, a true story (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Von vielen von uns ist fast alles im Netz zu finden. Und wenn sie könnten, dann würden uns die Plattformen und Anbieter noch viel mehr von unserer Privatsphäre nehmen. Jede neue technische Entwicklung sorgt dafür, dass wir digital noch stärker ausgeschlachtet werden. Wie problematisch das werden kann, zeigt diese aktuelle, wunderbar grafisch aufbereitete Bloomberg-Recherche aus Indien.
Damascus Dossier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
130.000 Dokumente aus dem Innersten des Folter- und Todes-Apparates von Syriens Ex-Diktator Assad hat der NDR über eine Quelle in Syrien aufgetan und mit WDR, SZ und schließlich auch dem ICIJ und zahlreichen internationalen Kolleg*innen ausgewertet. Nun haben sie das Projekt als "Damascus Dossier" veröffentlicht. Darunter 70.000 Fotos von mehr als 10.000 getöteten Häftlingen, viele zeigen Spuren von Folter oder sind bis auf die Knochen abgemagert. Genau für diese Art von Recherchen gibt es Medien wie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die SZ.
Team-Recherche-Recherchen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Seit einigen Monaten veröffentlicht die ARD unter dem Namen “team.recherche” etwa einmal im Monat längere, aufwändige Recherchen in der ARD-Mediathek und in den sozialen Medien. Den Auftakt hat im Oktober eine Folge zum Leihmütter-Business und den rechtlichen Grauzonen in diesem internationalen Markt gemacht, seitdem sind weitere Folgen erschienen, etwa zu Tierquälerei bei Pferden und Fehldiagnosen in Krankenakten.
The Surveillance Empire That Tracked World Leaders, a Vatican Enemy, and Maybe You (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Im Oktober haben Medien in einer globalen Recherche aufgedeckt, wie die Firma First Wap über Jahre Technologie zur Verfügung gestellt hat, um tausende Menschen weltweit zu überwachen – ohne dass diese bisher davon gewusst hätten. Sehr starke Recherche, an der in Deutschland Spiegel, ZDF und Paper Trail Media beteiligt waren.
Inside the Indonesian boomtowns powering the world’s electric vehicles (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Zehntausende Chinesen und Hunderttausende Indonesier arbeiten in Indonesiens Nickel-Industrie, damit wir "stainless steel"-Pfannen, Batterien in Elektroautos und Solaranlagen bekommen. Indonesien hat im vergangenen Jahr 60 Prozent des weltweiten Nickels produziert. Die Arbeiter sind nicht nur monatelang von ihren Familien getrennt, sie arbeiten auch unter unfassbar harten Bedingungen mit zahlreichen Unfällen – und die Fabriken verschmutzen die Umwelt auf den indonesischen Inseln. Mein Nieman Fellowship-Kollege Wufei Yu (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat über Monate mit Arbeitern und Gewerkschaftern gesprochen, hat Dokumente gesammelt und war in Indonesien vor Ort. Starke Recherche für das Umweltmagazin Grist.
Predictions for Journalism 2026 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Jedes Jahr veröffentlicht das NiemanLab, das im gleichen Gebäude wie wir Fellows sitzt, eine Reihe sehr kluger Texte und Voraussagen für das nächste journalistische Jahr. Auch in diesem Jahr Pflichtlektüre.

Die Journalistin Megan Greenwell arbeitet für das erfolgreiche Sportmagazin Deadspin als dieses von einem Private Equity-Unternehmen gekauft wird. Innerhalb weniger Monate wird die Arbeit untragbar, Greenwell kündigt. Und merkt bald: Die Private Equity-Erfahrung, die sie gemacht hat, die ist kein Einzelfall, sondern steht für etwas Größeres. Für das Aussaugen ganzer Branchen. Greenwell entscheidet, zu recherchieren – nicht ihre eigene Geschichte, sondern einmal komplett Private Equity. Nach Jahren der Recherche ist das wunderbare Buch "Bad Company" (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) entstanden, das Greenwell im Juni veröffentlicht hat. Darin begleitet sie vier Menschen in vier von Private Equity angegriffenen Industrien. Eine Mitarbeiterin von Toys"R"Us, einen langjährigen Landarzt, eine Mieterin eines Hochhauses – und eine Journalistin. Die strukturellen Probleme von Private Equity sind stark recherchiert und die Geschichten der Betroffenen nah erzählt. Eines meiner Lieblingsbücher in diesem Jahr.