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Wie Ideologien das Gehirn erobern

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es darum, wie Vorurteile das gesamte Denken durchziehen können.

Eine gemalte Collage mit veschiedensten Köpfen in unterschiedlichen Positionen und mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken
KI-generiert mit Midjourney.

Du machst bei einem Experiment mit. Die Wissenschaftlerin zeigt dir ganz viele Farben hintereinander. Deine Aufgabe ist es, die Farben zu benennen. Dafür musst du entscheiden: Wann ist das Rot kein Rot mehr und wird zu Lila? Oder wann ist das Gelb kein rötliches Gelb mehr, sondern schon Orange? Also: Wann hört die eine Farbe auf und wann beginnt die nächste?

Dieser Test war einer von vielen, den die Wissenschaftlerin Else Frenkel-Brunswik durchgeführt hat. Du kennst sie nicht? So geht es den meisten. Frenkel-Brunswik verfasste allerdings 1950 mit niemand geringerem als Adorno zusammen „The Authoritarian Personality“, die bis heute vielleicht wichtigste Studie zu autoritären Charakterzügen.

Die Tests zur Farbwahrnehmung machte Frenkel-Brunswik an Kindern. Entscheidend war nicht die richtige Antwort, sondern, wie sicher oder unsicher die Kinder waren, und ob sie bereit waren zu sagen: „Ich weiß es nicht genau“. Das Ergebnis: Kinder, die mehr Vorurteile hatten, beispielsweise gegenüber Minderheiten, kamen am schlechtesten mit Farbübergängen zurecht. Mehrdeutigkeit verwirrte sie.

Damals setzte sie die Grundlage für eine Erkenntnis, die sich erst jetzt so richtig durchsetzt: Ideologisches, vorurteibehaftetes Denken ist weniger politische Einstellung als eine Art, die Welt wahrzunehmen. Und Kinder und Jugendliche sind dafür besonders anfällig.

Das jugendliche Gehirn tickt anders

Die Kognitionswissenschaftlerin Leor Zmigrod geht noch weiter. Sie beschreibt Ideologie als eine Art „Denkstil“. Zmigrod gilt als die Begründerin eines neuen Wissenschaftsfelds: der politischen Neurobiologie. In ihrem Buch „Das ideologische Gehirn“ schreibt sie: Ideologie ist eine tief verankerte Struktur, die beeinflusst, wie Menschen Informationen bewerten, interpretieren und moralisch einordnen. Anders als einzelne politische Ansichten, die sich im Alltag wandeln können, sind Ideologien resistenter gegen Widerspruch und äußern sich oft in einer starken emotionalen Identifikation, zum Beispiel mit einer rechtsextremen Gruppe.

Wenn Ideologie ein Denkstil ist, lohnt sich der Blick in das Organ, das fürs Denken zuständig ist: das Gehirn. Und das funktioniert bei Jugendlichen anders als bei Erwachsenen. Weil ich die Veränderungen im Gehirn während der Pubertät bereits in drei Ausgaben thematisiert habe, beschränke ich mich hier auf die wichtigsten Schritte. Die drei Ausgaben kannst du hier nachlesen:

  1. Wie verändert die Pubertät das Gehirn? (zum Text (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

  2. Wieso Jugendliche das Risiko lieben (zum Text (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

  3. Warum sind Eltern in der Pubertät plötzlich cringe? (zum Text (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

Pubertät ist ein hormonelles Feuerwerk, aber nicht nur. Auch das Gehirn selbst wird komplett neu organisiert. Es wird aber nicht einfach „fertiggestellt“, es wird eher optimiert. Mit zwei Haupttechniken, von denen wahrscheinlich die wenigsten schon gehört haben, die aber einen großen Anteil an den Veränderungen während dieser Zeit haben: Synaptic Pruning und Myelinisierung.

Kurz gesagt: Synaptic Pruning macht aus einem chaotischen Netzwerk aus Nervenzellen und Synapsen ein schlankes, schnelles System. Es schmeißt die Synapsen weg, die nicht gebraucht werden. So kann unser Denken komplexer und effizienter werden.

Während das Gehirn sich entschlackt, passiert noch etwas. Die Nervenzellen bekommen eine Art Superkraft: Myelin. Das ist eine fettige, weiße Substanz, die sich wie eine schützende Hülle um die langen Fortsätze der Nervenzellen legt, die sogenannten Axone. Diese Hülle macht die Signalübertragung schneller. Myelinisierung ist der Grund, warum Jugendliche deutlich besser darin werden, abstrakt zu denken, verschiedene Perspektiven einzunehmen und irgendwann, wenn alles gut läuft, ethische Entscheidungen in komplexen Situationen zu treffen.

Das Ding ist: Synaptic Pruning und die Myelinisierung folgen keinem linearen Fahrplan. Die Veränderungen beginnen meistens ab einem Alter von elf Jahren und ziehen sich oftmals bis in die Zwanziger hinein. Manche Regionen sind schneller fertig (zum Beispiel motorische Areale), andere, wie der präfrontale Kortex, brauchen Jahre. Das ist der Teil des Gehirns, der enorm wichtig ist für Planung, Impulskontrolle, langfristiges Denken, Abwägen von Risiken, kurz: für vernünftige Entscheidungen. Und genau dieser Teil ist einer der letzten, der fertig wird.

Dagegen sind Regionen, die für Emotionen, Belohnung und schnelle Impulse essentiell sind, geradezu frühreif. Sie funken schon in der Pubertät auf Hochtouren, besonders wenn Dopamin ins Spiel kommt, also beim Kick, bei Anerkennung und bei Neuem. Eine etwas unglückliche Kombination.

Die Pubertät führt zu einem systematischen Ungleichgewicht

Studien zeigen, dass Jugendliche sich den Risiken ihres Verhaltens zwar oftmals bewusst sind, aber trotzdem ihren Impulsen nachgehen. Sarah-Jayne Blakemore, eine der wichtigsten Forscherinnen zum pubertierenden Gehirn, beschreibt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) das so: Der emotionale Motor ist voll aufgedreht, aber die Bremse ist noch nicht vollständig installiert.

Wenn Gleichaltrige zuschauen, bekommt das Gehirn einen zusätzlichen Dopaminschub. Risiko wird plötzlich doppelt belohnt: durch den potenziellen Erfolg und durch soziale Anerkennung. In einer Studie wurde 2014 gezeigt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass bei riskanten Entscheidungen die Aktivität im Belohnungssystem deutlich höher ist, wenn Jugendliche glauben, dass Gleichaltrige sie beobachten. Gleichzeitig zeigte sich weniger Aktivität im präfrontalen Kortex, der eigentlich für die Kontrolle zuständig wäre.

Andere Jugendliche wirken dabei wie ein Verstärker: Sie machen Risiken attraktiver, weil sie das Gefühl vermitteln, gesehen zu werden. Und in der Pubertät ist gesehen werden nicht nur angenehm, es ist existenziell. Soziale Zugehörigkeit wird über das Verhalten ausgehandelt: Wer mutig ist, wird gemocht, wer mitzieht, gehört dazu. Für Ideologien mit ihrer „Wir gegen die anderen“-Perspektive, also extremer Ingroup-Outgroup-Orientierung, ist das der perfekte Nährboden.

Je mehr Vorurteile, desto starrer das Denken

Gerade für Jugendliche sind ideologische Weltbilder deshalb faszinierend. Sie bieten Halt in einer Lebensphase, in der vieles unsicher ist: Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Was ist richtig, was falsch? Eine Ideologie liefert sichere Antworten in unsicheren Situationen. Sie gibt das Gefühl von Klarheit, Zugehörigkeit und moralischer Überlegenheit. Psychologisch betrachtet übt sie also eine doppelte Anziehung aus: Sie ordnet die Welt und stärkt das Selbst. Und sie verändert, wie wir denken.

Die Psychologin Else Frenkel-Brunswik war eine der ersten Wissenschaftler:innen, die das nachweisen konnte: Bestimmte Einstellungen in politischen Fragen kann man in unserer kompletten Wahrnehmung wiederfinden. Und das auch bei Kindern und Jugendlichen. 1938 floh sie mit ihrem Mann in die USA, forschte dort weiter und war 1950 neben Theodor Adorno, Daniel Levinson und Nevitt Sanford Mitautorin der berühmten Studie „The Authoritarian Personality“.

Mit ihnen prägte sie nach dem Zweiten Weltkrieg den Begriff der „autoritären Persönlichkeit“, ein psychisches Profil, das durch frühe Prägungen entsteht: strenge Erziehung, Angst vor Kontrollverlust, Überidentifikation mit Autoritäten. Die Folge: intellektuelle Starrheit, Ambiguitätsintoleranz, übersteigerte Konformität. Ihre These: Wer in der Kindheit rigide Muster lernt, ist später anfälliger für ideologisches Denken. Und sie hat ziemlich smarte Wege gefunden, diese These zu testen.

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