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Manchmal kann ein einziges Buch das ganze Leben verändert

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Gestern ist mein erstes Buch erschienen. Heute veröffentliche ich hier die ersten Seiten.

Es fühlt sich noch komplett unwirklich an: Am Dienstag habe ich im Berliner Maschinenhaus mein erstes Buch vorgestellt. Ich bin noch ganz beseelt. So viele Freund:innen, Kolleg:innen, Weggefährten waren da. Seit gestern kann man nun auch offiziell mein Buch „Wer denkt, ist klar im Vorteil – Wie du dein Gehirn im Alltag smarter nutzt“ kaufen! Ich habe lange überlegt, welchen Ausschnitt ich hier im Newsletter veröffentlichen möchte. Irgendwann war mir klar: Nichts zeigt so gut, warum ich dieses Buch geschrieben habe, und was dich im Buch alles erwartet, wie das Vorwort. Ich hoffe, es macht dir Lust auf mehr.

Vorwort

Manchmal kann ein einziges Buch das ganze Leben verändern. Okay, das klingt kitschig, und ich meine auch nicht das Buch, das du gerade in den Händen hältst. Aber bei mir war das so. Als ich in der elften Klasse war, musste ich ein Referat halten. Es sollte sechzig Minuten lang sein, eine komplette Klausur ersetzen, und ich durfte mir nicht nur das Fach aussuchen, in dem ich es halten würde, sondern sogar das Thema. So viel Freiheit war ich nicht gewohnt. Etwas verzweifelt diskutierte ich mit meinen Eltern darüber, welches Gebiet ich überhaupt so interessant finde, dass ich eine ganze Stunde darüber referieren wollte. Mein Kopf war voll von Basketball, in manchen Wochen trainierte ich sieben Mal. Daneben war kaum Platz für andere Leidenschaften.

Das Referat durfte sich auch auf ein Buch beziehen, also durchforstete ich das Bücherregal meiner Eltern. Zwischen Krimis aus Schweden und Erzählungen über das Leben von Frauen im Dritten Reich zog ich ein dünnes rot-weißes Buch hervor. Darauf stand: „Medizin für die Bildung. Ein Weg aus der Krise.“

„Hast du das schon gelesen, Mama?“, rief ich aus dem Wohnzimmer. Sie verneinte. Ich schlug es auf, begann zu lesen, und nach zwanzig Seiten wusste ich, worüber ich mein Referat halten würde. Im Buch ging es um Erkenntnisse aus der Hirnforschung und über das schier unglaubliche Phänomen, dass kaum eine davon in den Schulen der Republik angekommen zu sein schien. Ich las das Buch, hielt das Referat – und brannte plötzlich nicht mehr nur für Basketball.

Danach habe ich große Teile meiner Jugend damit verbracht, mir von einem Mann im Rollkragenpullover in Videos das Gehirn erklären zu lassen. Es geht mir heute noch so: Immer, wenn jemand das Wort „Gehirn“ sagt, höre ich seine Stimme: „Guten Abend, meine Damen und Herren. Es geht um IHR GEHIRN!“ Der Autor des rot-weißen Buches und der Mann in den Videos war der Hirnforscher und Psychiater Manfred Spitzer. Er ist heute durchaus umstritten, weil er regelmäßig verkündet, dass Smartphones dumm, dick und dement machen, und einige diese Darstellung für etwas verkürzt halten. Aber unter anderem seinetwegen habe ich angefangen, Bücher über Neurowissenschaften und Psychologie zu lesen, bin nach Osnabrück gezogen, um Kognitionswissenschaften zu studieren und habe in Riga erforscht, ob Letten die Farbe Grau anders wahrnehmen als Deutsche, weil sie von viel mehr tristen Fassaden umgeben sind als wir. Die Arbeit trug den Titel Ten Shades of Grey, und die Antwort war: Nein, tun sie wahrscheinlich nicht.

Vielleicht kannst du dir unter dem Wort Kognitionswissenschaft nicht sofort etwas vorstellen. „Kognitiv“ beschreibt eigentlich nichts anderes als das, was in deinem Kopf passiert, wenn du denkst, erinnerst, planst, entscheidest, wahrnimmst, vergisst, sprichst oder dir etwas vorstellst. Also alles, was du täglich tust – auch wenn du glaubst, du würdest gerade nichts tun. Das Wort kommt vom lateinischen cognoscere, auf Deutsch: erkennen, erfahren, wissen. Und das passt auch ganz gut, denn die Kognitionswissenschaft versucht herauszufinden, wie genau das funktioniert: Wie kommt ein Gedanke zustande? Wie treffen wir Entscheidungen? Warum erinnern wir uns an Dinge, an die wir uns gar nicht erinnern wollen, aber vergessen, was wir heute unbedingt im Supermarkt einkaufen wollten? Ich fand das damals enorm spannend. Und so geht es mir bis heute.

Seit ich angefangen habe, mich mit dem menschlichen Gehirn zu beschäftigen, bin ich über einige erstaunliche Erkenntnisse gestolpert. Eine davon – vielleicht die wichtigste – hat der Neuropsychologe Donald O. Hebb 1949 in diesem immer wieder zitierten Satz zusammengefasst: „Neurons that fire together wire together.“ Auf Deutsch übersetzt: „Neuronen, die gemeinsam feuern, vernetzen sich.“

Darunter kann man sich wenig vorstellen. Deshalb folgt hier das hilfreichste Bild, das ich kenne, um zu verstehen, wie das menschliche Gehirn funktioniert: Stell dir vor, du ziehst in eine neue Stadt und willst morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. Am ersten Tag hast du keine Ahnung, welche Route am besten ist, also tippst du dein Ziel in die Navigations-App ein. Sie schlägt dir eine Strecke vor, aber es gibt viele Alternativen.

Beim ersten Mal fährst du noch langsam, hältst an jeder Kreuzung an und schaust, wo es langgeht. Ganz schön mühsam. Aber weil du jeden Tag die Strecke fährst, fällt es dir immer leichter. Nach ein paar Wochen brauchst du die Navi-App nicht mehr. Dein Gehirn hat die Route gespeichert, und du fährst sie automatisch. Gleichzeitig gibt es viele andere Straßen in der Stadt, die du nie nutzt. Weil dort kein Verkehr ist, wachsen sie langsam zu – es gibt keine klaren Fahrspuren mehr. (Okay, hier hakt das Bild etwas, aber ist ja auch nur ein Bild!) Wenn du plötzlich eine neue Strecke nehmen musst, fühlt es sich wieder an wie am ersten Tag: unsicher, langsam, ungewohnt, mühsam. Ohne App keine Chance.

Genauso funktioniert unser Gehirn: Die Stadt ist dein Gehirn mit seinen neuronalen Netzen, deine täglichen Fahrten mit dem Fahrrad sind die elektrischen Signale, und die Strecken, die du dir mit der Zeit einprägst, sind deine synaptischen Verbindungen. Wege, die du oft nutzt, werden zur festen Gewohnheit, und es fällt dir immer leichter, sie zu fahren. Ein Phänomen, das allgemein als lernen bekannt ist. Straßen, die du ignorierst, werden holprig oder verschwinden ganz. Ganz nach dem Motto: „Use it or lose it.“ Benutze sie, oder verliere sie.

Aber Obacht: Wenn du jahrelang dieselbe Strecke fährst, fällt es schwer, irgendwann eine neue Route zu nehmen, selbst wenn sie kürzer wäre. So ist es auch mit unserem Gehirn. Es liebt eingespielte Gewohnheiten. Sie loszuwerden, ist gar nicht so einfach.

Du wirst in diesem Buch einen kompletten Tag erleben. Er beginnt mitten in der Nacht, wenn du schläfst. Du wirst träumen, aufwachen, deinen Kaffee trinken, frühstücken, zur Arbeit gehen (ja: gehen) und bei der Arbeit in Meetings sitzen, die kein Brainstorming enthalten – denn dabei entstehen die schlechtesten Ideen. Nach der Arbeit wirst du Sport treiben, mit deinem besten Freund ein Feierabendbier trinken und dich an deine erste große Liebe erinnern. Zu Hause angekommen wirst du etwas länger am Handy hängen, als dir lieb ist. Du wirst noch ein paar Seiten in einem Buch lesen und schließlich, nach einem ereignisreichen Tag, zufrieden einschlafen.

Und ich? Ich werde dir erklären, was während all dem in deinem Gehirn passiert. Dabei wirst du Dinge lernen, die dir im Alltag wirklich weiterhelfen: Wie du deine Träume steuern kannst, warum du dich im Großraumbüro nicht konzentrieren kannst, was wirklich dabei hilft, mehr Sport zu treiben, wie du es schaffst, weniger Zeit am Handy zu verbringen, was disziplinierte Menschen gemeinsam haben, warum du und deine Freunde über die gleichen Witze lachen, warum du einen Filmriss hast, wenn du zu viel trinkst, warum du schlechter schläfst, wenn du gestresst bist und was du dagegen tun kannst.

All das habe ich natürlich nicht selbst erforscht. Ich habe mich nach meinem Studium entschieden, Journalist zu werden. Die Bücher und Studien über das Gehirn aber habe ich weitergelesen und daraus einen Newsletter und Podcast gemacht. Sie tragen beide den Titel „Das Leben des Brain“, auf ihnen basiert dieses Buch. Aber noch wichtiger: Nur dank der Arbeit der vielen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die jeden Tag die ganz kleinen und die ganz großen Fragen zum menschlichen Gehirn erforschen, konnte ich dieses Buch überhaupt schreiben. Die Studien und Bücher, auf die ich mich beziehe, findest du alle im Quellenverzeichnis weiter hinten, geordnet nach den Kapiteln, in denen sie vorkommen.

Ich werde auf den folgenden Seiten viele Fachgebiete der Hirnforschung anschneiden. Über jedes einzelne dieser Gebiete könnte man ein eigenes Buch schreiben. Mich hat aber schon immer das große Ganze interessiert. Ich fand Forschung immer spannend, aber noch spannender fand ich die Frage, was man mit der Forschung denn nun anfangen kann. Wie können Erkenntnisse, die in teils ultrakomplexen wissenschaftlichen Set-ups gewonnen wurden, unseren Alltag beeinflussen? Genau darum geht es hier.

Eins ist dabei wichtig: Jedes Gehirn ist ein Einzelstück. Es gibt kleine, große, schnelle, verträumte und wendige Köpfe. Es gibt Gehirne, die Informationen filtern wie ein Flusensieb, und solche, die jede Kleinigkeit aufsaugen wie ein Schwamm. Wer sich heute ein bisschen mit Neurowissenschaft beschäftigt, stößt schnell auf Begriffe wie ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Dyslexie – also auf all die Formen von sogenannter Neurodiversität, die zeigen, wie unterschiedlich Menschen die Welt wahrnehmen und verarbeiten.

Vielleicht fragst du dich: Wenn es dieses riesige Spektrum gibt, warum spreche ich in diesem Buch vom „Gehirn“ und nicht von „den Gehirnen“? Ich setze hier einen anderen Fokus. In diesem Buch geht es nicht darum, neurologische Unterschiede zu kategorisieren. Hier und jetzt konzentriere ich mich auf das, was uns verbindet: darauf, wie erstaunlich formbar, lernfähig und anpassungsfreudig dieses kleine Wunderwerk in unserem Kopf ist.

Klar ist aber auch: Wissenschaft ist selten komplett eindeutig. Erkenntnisse lassen sich so oder so interpretieren. Damit man sich aber überhaupt fragen kann, was die Ergebnisse von Studien für den eigenen Alltag bedeuten, muss man sie erstmal verstehen. Deshalb wirst du in diesem Buch keinen Fachbegriff und keinen Vorgang finden, den ich nicht versuche, so einfach wie nur irgendwie möglich zu erklären. Zum Beispiel mit einem simplen Bild wie oben. Wenn du doch mal ein Wort nicht direkt verstehst, findest du es bestimmt im Glossar, ganz hinten im Buch.

Eine Lektion vorab: Lange wurden Phänomene wie Angst, Begehren oder Aufmerksamkeit einer bestimmten Hirnregion zugeordnet. Zum Beispiel: „Das ist die Amygdala, die ist für Angst zuständig!“ So etwas werde ich nicht schreiben. Denn mittlerweile sind sich immer mehr Forschende einig, dass man einzelne Gehirnfunktionen nicht nur einer einzigen Region zuschreiben kann. Das ist so wie beim Fußball: Wenn ein Tor fällt, ist auch nie nur ein Spieler allein dafür verantwortlich. Außer in dem wirklich seltenen Fall, dass sich ein Spieler beim Abstoß vom Torwart den Ball abholt und durch alle Gegenspieler durchdribbelt bis zum Strafraum und den Ball versenkt. Im Gehirn holt sich keine Region den Ball beim Torwart ab, Denken ist Teamsport. Hier spielen die Areale zusammen, und zwar immer.

Im Laufe des Buches wirst du einige Gehirnregionen genauer kennenlernen, die auf den ersten Blick komplizierte Namen haben wie beispielsweise „inferiorer Parietallappen“. Uff. Wenn du den groben Aufbau des Gehirns kennst, verwirren dich diese Namen aber nicht mehr. Eine Darstellung des Gehirns und seiner verschiedenen Regionen findest du in den Innenklappen dieses Buches, dort kannst du jederzeit nachschauen.

Du kannst aber auch einfach deine Hand zur Hilfe nehmen, mit der kannst du nämlich auch den groben Aufbau des menschlichen Gehirns nachbauen. Dafür eine kurze Anleitung, die ich beim Psychiater Daniel J. Siegel in ähnlicher Form entdeckt habe: Hebe deine Hand mit der Innenfläche zu deinem Gesicht. Der oberste Teil des Unterarms ist dein Hirnstamm, der dein Überleben sichert. Er verbindet das Gehirn mit dem Rückenmark und steuert grundlegende Körperfunktionen wie Atmung und Herzschlag. Klappe jetzt deinen Daumen nach innen ein, sodass er genau in der Mitte deiner Handfläche liegt. Die Fingerkuppe vom Daumen ist dein limbisches System, es ist tief im Gehirn verankert und galt lange als Maschinenraum deiner Gefühle. Aber: Das limbische System ist kein eindeutig abgegrenzter Bereich, heute geht man davon aus, dass die dazugehörigen Regionen mit Arealen im ganzen Gehirn kommunizieren, um deine Gefühle zu erzeugen.

Klappe jetzt deine Finger nach vorn über deinen Daumen. Deine Finger bilden jetzt zusammen die Großhirnrinde, auch Kortex genannt. Sie besteht aus vier sogenannten Lappen, jeweils auf beiden Seiten des Gehirns: dem Frontallappen (direkt hinter deiner Stirn), dem Parietallappen (direkt hinter dem Frontallappen, oben auf deinem Kopf), dem Okzipitallappen (am unteren Hinterkopf, ganz hinten am Schädel) und dem Temporallappen (an der Seite des Gehirns, etwa auf Höhe deiner Ohren). Auf einer der Abbildungen in der Innenklappe dieses Buches kannst du sehen, wo sich die vier Lappen genau befinden.

Du müsstest jetzt mit deiner Hand eine Faust geformt haben. Dreh sie um und stell dir auf Höhe deines Handgelenks einen kleinen Tischtennisball vor, der hinten an deiner Faust klebt. Das ist dein Kleinhirn, sowas wie die Sportabteilung des Gehirns, es hilft dir bei der Bewegungskoordination und beim Gleichgewicht.

Bei der Bezeichnung von Hirnregionen wird oftmals noch dazu gesagt, welcher Teil einer Region gemeint ist. Wenn ich beispielsweise schreibe, dass bei einer bestimmten Handlung der „inferiore Parietallappen“ aktiviert wird, ist der untere Teil der Region gemeint. Wäre der obere Teil aktiv, würde ich „superior“ statt „inferior“ schreiben. Du musst dir diese Bezeichnungen nicht alle merken, hinten im Buch ist noch eine weitere Grafik, wo diese Himmelsrichtungen des Gehirns eingezeichnet sind.

Ich benutze auch manchmal die Formulierung, dass Nervenzellen oder Hirnregionen „feuern“. Der Ausdruck stammt aus der Neurophysiologie und ist metaphorisch gemeint. Eine Nervenzelle feuert, wenn sie ein sogenanntes Aktionspotenzial auslöst – also einen elektrischen Impuls, der entlang ihres Axons weitergeleitet wird. Ein Axon ist der lange, drahtartige Ausläufer einer Nervenzelle, der elektrische Signale aus dem Zellkörper hinausschickt, wie ein Datenkabel, das dem Gehirn sagt, wohin die nächste Idee funken soll. So ein Aktionspotenzial ist eine elektrochemische Entladung, die an eine „Explosion“ erinnert. Daher das Bild des „Feuerns“.

Aber bevor es hier zu sehr nach Biologie-Unterricht klingt, kannst du deine Hand wieder senken (falls du das nicht eh schon getan hast) und jetzt kurz die Augen zumachen. Denn wie gesagt: Dein Tag beginnt heute mal mitten in der Nacht. Träum was Schönes!

Ist unfassbar dankbar für alle, die am Dienstag bei meiner Buchpremiere waren. Der Abend war lustig und für mich sehr emotional. Atmet jetzt erstmal kräftig durch: Dein Bent 🫶🏻🧠

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