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Jugend(t)raum in Großalmerode

Gestern hatte ich gar keinen Bock. Seit mehr als zwei Wochen stromere ich jetzt durch Nordhessen, spreche jeden Tag mit anderen Menschen. Aber gestern ging gar nichts mehr. Keinen Text konnte ich schreiben, kein Reel drehen, mich noch nicht mal vom Bett aufraffen. Ein Zeichen dafür, die Sache etwas langsamerer anzugehen. Ein Jahr Hessen, 421 Städte und Gemeinden – das muss ein Marathon sein, das kann man nicht als Sprint angehen.

Später am Tag ging es dann wieder. Denn ich war zum Eis essen verabredet. Mit Jolina, 16 Jahre alt und erste Vorsitzende des Jugendparlaments in Großalmerode. Als ich davon hörte, war ich überrascht – ein offizielles Gremium für Jugendliche, in einer Stadt mit nur knapp über 6000 Einwohnern. Warum sich Jolina engagiert, was das Beste an ihrem Engagement sei? „Wenn mir Leute positives Feedback geben. Die Menschen aus der Stadtpolitik, aber auch Leute aus dem entfernteren Umfeld, die einfach sagen: ich finde cool, was du machst.“ Was sie macht: Protokolle schreiben, zu Sitzungen einladen, zu denen auch die 13-jährigen Mitglieder kommen. Koordinieren, auch in Mails mit dem Bürgermeister und der Pfarrerin. Dazu ist sie Teil der „Aktion Jugend“ in Hessisch-Lichtenau, tanzt Garde, ist Betreuerin bei der Kinderfeuerwehr. Jolina bestätigt meine These: diejenigen, die sich engagieren, machen schnell alles.

„Eigentlich haben wir in den drei Jahren nichts Großes erreicht“, sagt sie mir. Dann zählt sie auf. Ehrenamtstage, Kinderschminken für die Kleinen, Waffeln backen, Popcorn machen, eine Hütte für Jugendliche aufbauen, mitmachen beim „Jugendcheck“ in Hessisch Lichtenau. Und dann gibt es ihr großes Projekt: endlich Räume für Jugendliche zu schaffen. So wie in Hessisch Lichtenau nebenan. Einfach ein Raum, wo dem sie sein können, auch abends. Jolina schildert mir den Kontrast zwischen dem makellosen, „sauberen“ Marktplatz und dem von Kiffern bevölkerten Speckplatz, nur zwei Gehminuten voneinander entfernt. Sie will auch in Großalmerode einen Raum für alle Jugendlichen. Außerdem planen sie eine Pump Track, eine angelegte Strecke für Mountainbikes oder Skateboards. Die ist aber teuer. Und so gehen Jolina und ihre Mitstreiter seit Monaten bei Unternehmen anklopfen, Spenden sammeln. Sie organisieren einen Workshop an Schulen, um mehr Jugendliche zu fragen, wie genau die Track aussehen soll. Sie zeichnen, planen, bis sie irgendwann ein Planungsbüro finden. Ob es klappt? Wissen sie nicht. Was aber klappt: das Gefühl, gemeinsam an einer Sache zu arbeiten. Selbstwirksamkeit.

Eine ganz andere Begegnung hatte ich ein paar Tage vorher. Da traf ich mich mit Otfried Mandel. Otfried ist Bestatter und freier Trauerredner. Ursprünglich hat er Tischler gelernt. Dann wollte er etwas mit Menschen machen. Als ich mein Thema Zuversicht anspreche, sagt er, er wolle genau das schaffen – den Angehörigen bei der Beerdigung wieder Inspiration zum Leben geben. Kleine Geschichten aus dem Leben des Verstorbenen benutzt er, um den Angehörigen zu zeigen: es ist noch nicht vorbei! Macht weiter! Ein so wichtiger, wie schwieriger Beruf. Otfried macht er genau deshalb Spaß. Weil so viel drin steckt. Ein Bestatter ist Handwerker, Seelsorger, Event-Manager in einem. Und, ganz wichtig: er geht etwas an, was uns alle betrifft. Im persönlichen Austausch mit Menschen.

Dies war die letzte kleine Hoffnungsmail vor einer kleinen Sommerpause. Ich brauche die Zeit, um einen Gang zurück zu fahren, hier auf meiner Hessentour. Dafür geht es am 30. August mit einem neuen Konzept weiter. Bis dahin:

Immer weiter gehen

Euer Hendrik