Wir alle sind gefangen im Schubladendenken und im Wunsch nach klaren Zuordnungen. Das merkt man u.a. an der Diskussion und der immer wieder aufkommenden Frage: Ist die Kollapsbewegung ein Teil der Klimabewegung? In der Reflexion nach Kollapscamp 1 und im Zuge der langsam beginnenden konkreten Ausrichtung und Planung von dem, was wir 2026 mit dem KollapsLARP vorhaben, war auch etwas Zeit und Bedarf, sich darüber intensiver Gedanken zu machen.
Kollapsbewegung ist nicht Klimabewegung und das ist gut so
Für mich ist dabei klar: die Kollapsbewegung ist nicht Teil der Klimagerechtigkeitsbewegung, kann und sollte dies auch nicht sein. Um das Verhältnis dieser beiden Ausrichtungen zueinander zu beschreiben, kommt mir strategische Partnerschaft in den Sinn, denn Überschneidungen, thematische (und personelle) Verschränkungen, vor allem aber sinnvolle Kooperationen und gegenseitiger Nutzen sind offensichtlich.
Was ist eigentlich mit der Klimagerechtigkeitsbewegung?

Der einzige Teil der Klimagerechtigkeitsbewegung, der unter den aktuellen Umständen meiner Meinung nach wirklich Sinn ergibt und der notwendig ist, ist der ungehorsame, aktivistische Teil, der mit vielfältigen Mitteln des zivilen Ungehorsams bis hin zur Sabotage alles in seiner Macht Stehende tun muss, um fossiles weiter so ebenso zu bekämpfen wie blinden Militarisierungs- und Rüstungswahn, Kriegsvorbereitungen und die Ermöglichung von Genoziden. Das Schlüsselwort hierbei ist für mich in diesem Zusammenhang „blind“, weil ich geopolitische Realitäten nicht ignorieren kann und will und somit Verteidigungsoptionen für mich durchaus eine gewisse Relevanz besitzen in einer Diskussion um eine linksradikale Positionierung zum Thema, die meiner Meinung nach noch geführt werden muss. Die möchte ich aber keineswegs hier und heute führen. Klar ist, der Ausbau fossiler Infrastruktur jeglicher Art, Minenprojekte, die Transformation von Autofabriken hin zu Panzerfabriken, der Neubau von Rheinmetall-Niederlassungen etc., all das kann und muss Gegner der Klimagerechtigkeitsbewegung sein und von dieser durch disruptive Aktionen direkt attackiert, verhindert, gestört, verzögert und verteuert werden. Kampf gegen den Kapitalismus, auch wenn er grün eingefärbt werden soll, hat ebenso oberste Priorität wie der Kampf gegen den um sich greifenden Faschismus. Es braucht Aktionen, Blockaden, (autonome) Kleingruppen und ganz viel Kreativität, um maximalen Output in unserem Sinne zu produzieren. Aufgaben und Aktionsformen für eine relevante, starke Klimagerechtigkeitsbewegung sind also klar. Um in diesem Sinne agieren zu können, braucht es Trainings, die Vermittlung von Wissen, hin und wieder auch übergreifende Strategiediskussionen, um gemeinsames Vorgehen zu planen und zu koordinieren. Eine Klimagerechtigkeitsbewegung stellt im weitesten Sinne Forderungen, auch wenn sie aufhören muss, diese appellativ in Richtung von Parteipolitik, Regierungen und Parlamenten zu formulieren. Die Forderungen sind klar, umsetzen nehmen wir aber selbst in die Hand, indem wir durch Druck unserer Aktionen die Umsetzung erzwingen, im Kleinen und im besten Fall im Großen.
Ausrichtung einer Kollapsbewegung

All das unterscheidet sich aber wesentlich von dem, was ich und andere, die den Prozess einer Kollapsbewegung mit angeschoben und das 1. Kollapscamp organisiert haben, unter Kollapsbewegung verstehen. Für uns ist diese Bewegung sehr praktisch orientiert. Es geht um’s Machen, damit Ohnmacht und Angewiesen-Sein auf andere (in Form von Staat, staatlichen Institutionen, Stellen + Mitteln) minimiert werden können und damit wir lange bevor die oben genannten staatlichen Akteur:innen überhaupt in der Verantwortung sind, aktiv etwas tun können. Wir wollen selbst handlungsfähig werden und anderen diese Möglichkeit ebenfalls geben: Schritt für Schritt an einen Punkt zu kommen, an dem wir uns und anderen (in einem gewissen Rahmen) selbst helfen können, so dass gemeinsam einiges möglich ist, auch und gerade jenseits von den offensichtlichen Katastrophenereignissen, die zeitlich und lokal begrenzt auftreten werden (z.B. Waldbrände, Überflutungen). Wir stellen keine Forderungen, wir wollen selbst lernen, um zu handeln. Es gibt auch keine Forderungen, die eine Kollapsbewegung als Ganzes stellen kann. Denn Kollaps in unserem Verständnis ist vielfältig und individuell verschieden. Kollaps, das kann der befürchtete Übergriff von Nazis auf dem Weg von einer Demo nach Hause ebenso sein wie die Angst, benötigte Medikamente nicht mehr zu bekommen oder bei Hitze in der Dachgeschoßwohnung festzusitzen. Kollaps ist die Angst, sich nicht mehr bis zum Monatsende mit Essen versorgen zu können, weil das Geld knapp wird oder aber auch Familie und Freunde nicht erreichen zu können, wenn Internet und Mobilfunk mal nicht mehr mitspielen. Forderungen, die all das und noch viel mehr vereinen, lassen sich nur sehr schwer aufstellen, wenn man konkreter werden möchte als „Kapitalismus muss weg“, was übrigens keine Forderung, sondern gesunder Menschenverstand sein sollte 😉. Eine Kollapsbewegung ist also im Gegensatz zur Klimagerechtigkeitsbewegung eine Bewegung ohne übergreifende, eindeutige Forderungen. Und auch wenn es bei uns ebenfalls um Bildung, Wissensvermittlung und Trainings geht, sind die Schwerpunkte all dessen ganz offensichtlich andere. Um Wunden versorgen zu können, muss ich nicht üben, wie Blockaden funktionieren und um zu wissen, woher ich im Ernstfall Medikamente bekomme, hilft mir ein Legal - Training zur ID – Verweigerung nicht weiter.
Manchmal gemeinsam
Natürlich gibt es gemeinsame Anknüpfungspunkte, Optionen zur Zusammenarbeit, Skills und Wissen, das ineinandergreift und wovon wir in symbiotischer Wechselwirkung beide profitieren. Je erfolgreicher die Klimagerechtigkeitsbewegung wieder agiert, desto besser für die Kollapsszenarien, die „zur Auswahl stehen“, denn es macht auch im Rahmen des solidarischen Preppens einen Unterschied, ob wir über Klimakatastrophe auf dem Level 76 oder 17 und über Faschismuslevel 45 oder 9 sprechen. Außerdem dürfen wir das vorhandene Wissen auf Seiten der Klimagerechtigkeitsbewegung nicht unterschätzen: Mobilisierung von vielen Menschen in kurzer Zeit, Zugriff auf und Wissen über Infrastruktur von A wie Abendessen, über B wie Busse bis hin zu Z wie Zelte. All das ist auch in Katastrophenszenarien unterschiedlichster Art wichtig und relevant. Somit sind wir definitiv Partner:innen und keine Konkurrent:innen.
Bitte kein Einheitsbrei
Allerdings müssen wir sehr darauf achten, nicht alles in einen Topf zu werfen, denn das wäre für beide Seiten fatal, für die gerade erst entstehende Kollapsbewegung (in Deutschland) in meinen Augen sogar der Todesstoß.
Die Klimagerechtigkeitsbewegung steckt aus bekannten Gründen in einer Krise. Es macht mich momentan sehr glücklich zu sehen, wie da wieder Leben reinkommt und wie wir uns auch im Zuge von Palästina – Solidarität endlich wieder Ecken und Kanten zulegen. Dieser Prozess ist ein wichtiger und dem sollte Raum und Zeit gegeben werden. Es gilt, neue Menschen aus anderen Kämpfen willkommen zu heißen, Verbindungen zu knüpfen, bisher vernachlässigte Aspekte (allen voran die antikolonialen) zu stärken und aktivistische Wege zu finden, hier durch Aktionen in Erscheinung zu treten. Gleichzeitig wird die Klimagerechtigkeitsbewegung gerade endlich wieder mutiger, was in Aktionen sichtbar wird. Hier gilt: unbedingt weiter so! Nicht zu vernachlässigen ist übrigens der Punkt der Repressionen. Klimaktivist:innen sind diesen massiv ausgesetzt. Es wäre fatal, eine entstehende Kollapsbewegung ebenfalls von Anfang direkt vollumfänglich ins Blickfeld der Repressionsbehörden zu setzen. Ich denke, das passiert noch früh genug.
Die Kollapsbewegung ist aktuell noch keine „Bewegung“ im eigentlichen Sinne, sondern ein wachsender, aber völlig undefinierter und undefinierbarer, fluktuierender Raum von Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen, Ausgangspositionen, Interessen und Zielen. Hier findet sich vielleicht gerade etwas, was mal eine Bewegung werden kann. So etwas ist immer ein fragiler, auch heikler Prozess, weil ganz vieles offen und möglich ist, ganz viel Verschiedenes aufeinanderprallt, seinen Platz finden muss usw. Das braucht ebenfalls Raum und Zeit, damit sich (so wie auch bei der Klimagerechtigkeitsbewegung passiert) unterschiedliche Räume, Betätigungsfelder, Schwerpunkte usw. bilden können. Hinzu kommt, dass die Kollapsbewegung keine aktivistische im eigentlichen Sinn ist. Versucht man (aus welchen Gründen auch immer) hier zu früh Label zu vergeben und das eine als Teil des anderen zu definieren, werden natürliche (und wichtige) Prozesse gestört und unterbunden. Die entstehende Kollapsbewegung ist außerdem noch zu klein und zu „schwach“ (im Sinne von nicht ausdefiniert, nicht eindeutig und ohne irgendwelche stabilen Strukturen), um sich innerhalb der Klimagerechtigkeitsbewegung als etwas Eigenständiges behaupten zu können.
Es besteht kein Grund und keine Notwendigkeit (abgesehen vom erhofften Ego – Boost und der Suche nach neuer Relevanz einiger gescheiterter Klimabewegungskader) Klima- und Kollapsbewegung als eine Bewegung zu denken oder gar zu erzwingen. Es ist völlig in Ordnung und durchaus sinnvoll, beidem Raum und eine eigenständige Daseinsberechtigung zu lassen, denn dann können beide davon profitieren. Dabei steht es jeder von uns frei, auf beiden Seiten aktiv zu werden und sich einzubringen. Bedarf und Gründe gibt es sowohl für Klimaaktivismus als auch für solidarisches Preppen mehr als genug.