Der Collagestudent Jeffrey Beaumont findet auf einer Wiese ein abgeschnittenes menschliches Ohr, welches ihn tief in die Abgründe seiner scheinbar idyllischen Heimatstadt hineinzieht. Gemeinsam mit der Polizistentochter Sandy Williams beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln und stößt dabei auf die verführerische Nachtclubsängerin Dorothy Vallens, die von dem psychopathischen Gangster Frank Booth terrorisiert wird. Jeffrey geht eine sadomasochistische Beziehung mit Dorothy ein und versucht, sie aus Franks Fängen zu befreien. Dabei gerät der junge Mann in einen gefährlichen Strudel aus Gewalt und sexueller Obsession.
Blue Velvet aus dem Jahre 1986 ist der vierte Spielfilm des Ausnahmeregisseurs David Lynch. Der surrealistische Thriller ist von dem Lied "Blue Velvet" von Bobby Vinton aus dem Jahr 1964 inspiriert. Der Song kommt mehrmals im Film vor. Dino De Laurentiis war nach der gemeinsamen Arbeit mit David Lynch an Der Wüstenplanet (1984) auch Produzent dieses Films. In dem später mehrfach ausgezeichneten Werk spielen Kyle MacLachlan als Jeffrey Beaumont, Isabella Rossellini als Dorothy Vallens, Dennis Hopper als Frank Booth und Laura Dern als Sandy Williams die Hauptrollen. Blue Velvet stieß bei der Kritik weitestgehend auf positive Resonanz, löste aber auch Kontroversen bis hin zu Demonstrationen aus. Mittlerweile zum absoluten Kultfilm geworden, ist er einer der zugänglicheren Werke von David Lynch.
Wie alle seine Filme, wurde auch Blue Velvet auf mannigfaltige Weise gelesen und interpretiert. Es wurden Bücher darüber geschrieben. Lynch spielt in Blue Velvet stark mit den Farben Blau, Rot und Weiß (die Farben der US-amerikanischen Flagge) und setzt, wie so oft, einen starken Symbolismus ein. So z.B. in der Szene mit den Käfern und Kriechtieren, die für die Unterwelt, in die sich Jeffrey Beaumont begibt, stehen könnten. Des Weiteren fallen natürlich auch die für Lynch typischen Traummotive auf; die artifiziell wirkende Kleinstadt erscheint streckenweise wie ein Traum und deutet auf eine instabile Welt hin. Die ganze Geschichte könnte ein Traum sein, wie die ganze Realität ein Traum sein könnte.
Ich erspare mir, auf weitere Gesichtspunkte und ihre Interpretationen einzugehen, wie z.B. die Darstellungen mehrerer ödipaler Figurenkonstellationen oder die angeblich misogyne Polarität zwischen Heilige und Hure. Wie gesagt, der Film wurde vielfältig interpretiert und nicht immer klug. Letztlich entlarvt Blue Velvet die düstere, korrupte Realität, die sich hinter der sauberen Fassade der US-amerikanischen Vorstadt verbirgt. Hier steht zunächst Jeffreys bürgerliche Weissbrotwelt, aus der er stammt, der kriminellen und als pervers dargestellten Unterwelt diametral entgegen. Im Laufe des Films merkt man jedoch schnell, dass beide Welten miteinander verzahnt sind. Daher ist mein einziger Kritikpunkt das Happy End, der Sieg der Weissbrotwelt.
Ich hatte Blue Velvet vor gut zwei Jahrzehnten das letzte Mal gesehen und als eher langweilig in Erinnerung, vielleicht braucht man eine gewisse Lebenserfahrung, um den Film gut zu finden. Heute hat mir Blue Velvet mit seiner relativen Realitätsauffassung, den menschlichen Abgründen und den traumwandlerischen Bildern Lust auf weitere Werke von David Lynch gemacht.
https://www.imdb.com/de/title/tt0090756/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)