China gelingt immer alles, was das Land sich vornimmt. Wer das glaubt, sollte einen Blick auf den chinesischen Fußball werfen.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Hi! Wir steigen mit einem Spiel in diesen Newsletter ein. Es folgen Anekdoten über den chinesischen Fußball, von denen zwei wahr und eine falsche ist. Lies sie durch und überleg dir, welche davon die falsche ist. Los geht’s:
Der Verein Jiangsu F.C. gewann Ende 2020 die chinesische Meisterschaft - und stellte drei Monate später den Betrieb ein. Der Grund: Sein größter Sponsor, die Suning Group, zog sich aus dem Fußballgeschäft zurück. Damit fehlte dem Verein das Geld für den Weiterbetrieb.
2009 versuchten die Spieler von Hailifeng Qingdao kurz vor Schluss mehrfach, den Ball in ihr eigenes Tor zu lupfen - und das, obwohl sie mit 3:0 vorne lagen. Denn der Präsident ihres Vereins hatte auf ein Spiel mit mindestens vier Toren gewettet und bat seine Spieler darum, ein Eigentor zu erzielen. Das Eigentor fiel nicht, doch der Vorfall ging als “Chip-shot-Gate” (diaoshemen 吊射门) in die chinesische Fußballgeschichte ein.
Chinas verzweifelt regelmäßig an den unterirdischen Leistungen seiner Nationalmannschaft. Und das so sehr, dass es sogar Spieler aus der größten Fußball-Nation der Welt einbürgert: Brasilien. Zum Beispiel Elkeson de Oliveira Cardoso, der jetzt unter dem Namen 艾克森 Ai Kesen für die chinesische Nationalmannschaft kickt.
Spoiler: Alle Geschichten sind wahr. Ja, echt. Und glaub mir: Ich könnte einen ganzen Newsletter nur mit Kuriositäten des chinesischen Fußballs füllen. Fußball ist quasi das schwarze Schaf des chinesischen Sportbetriebes. Im Tischtennis, Schwimmen oder Turnen fahren chinesische Sportler:innen regelmäßig olympisches Gold ein. Die Fußballnationalmannschaft hingegen ist im chinesischen Internet längst eine Witz-Pointe.
Ich habe selbst zehn Jahre Fußball gespielt und mich irgendwann gefragt: Warum weiß ich eigentlich nichts über Fußball in China? Und wie schwierig kann es sein, unter 1,4 Milliarden Menschen elf Spieler von Weltklasse zusammenzustellen? Beim Recherchieren habe ich herausgefunden: Tatsächlich arbeitet China seit einigen Jahren hart daran, zu einer Sportnation von Weltklasse zu werden. Trotzdem ist die chinesische Fußballbranche bis heute sensationell erfolglos. Und sie zeigt unsere Neigung, China zu überschätzen.
Das läuft alles schief im chinesischen Fußball
“Eines der gravierendsten Probleme im chinesischen Fußball sind Korruption und Matchfixing, also die Manipulation von Spielen“, sagt Ilker Gündogan. Er forscht an der Ruhr-Universität Bochum zu chinesischer Fußball- und Sportpolitik. Chinas Fußball leide jedoch nicht nur am korrupten System.
„Erfolg lässt sich nicht durch kurzfristige Maßnahmen wie die Einbürgerung ausländischer Profis oder isolierte Talentakquise erzwingen“, erklärt Gündogan. „Fußball ist ein hochkomplexer Mannschaftssport, in dem Athlet:innen mit ganz unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen spielen können – kräftige und große ebenso wie kleine und wendige.” Deswegen ist es schwieriger, die Talente zu identifizieren als in den olympischen Sportarten wie Schwimmen, in denen oft nach einem bestimmten Körpertyp gesucht wird.
Trotz der Größe des Landes spielen im Vergleich zu Europa oder Lateinamerika immer noch wenige Kinder regelmäßig Fußball. „Damit fehlen die Strukturen, aus denen sich über Jahre hinweg konkurrenzfähige Nationalmannschaften entwickeln könnten”, so Gündogan.
Viele nehmen Chinas Fußball-Misere mit Humor. “Nach 90 Minuten Spiel wissen wir immer noch nicht, wie der japanische Torwart aussieht”, kommentierte ein Netizen auf Weibo nach einer 7:0 Klatsche gegen den Erzfeind Japan. Dabei gab es in den 2010er Jahren einen regelrechten Hype um chinesischen Fußball - und sogar der FC Bayern München sprang auf den Zug auf.
Fußball mit chinesischen Besonderheiten
Präsident Xi Jinping, selbst bekennender Fußballfan, hat beschlossen, bis 2050 aus China eine “Fußball-Supermacht” zu machen. In typischer Hau-Ruck-Manier nahm sich die Regierung sich vor (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), 20,000 Fußballschulen und 70,000 Fußballplätze zu eröffnen. Bis 2030 sollte China die beste Mannschaft in Asien werden, und eines Tages die Weltmeisterschaft ausrichten und gewinnen.
Auch zahlreiche chinesische Unternehmen wie der Immobilienkonzern Evergrande witterten ein lukratives Geschäft und investierten in die Fußballliga. Der FC Bayern München eröffnete eine Fußballschule in der südchinesischen Stadt Shenzhen. Fußball-Legende Karl-Heinz Rummenigge tönte gar, bei den Ambitionen der chinesischen Regierung werde der Fußball schon bald zum beliebtesten Sport in China.
Das war 2016. Heute liegt die chinesische Nationalmannschaft im weltweiten Ranking weit abgeschlagen auf Platz 94, die letzte WM-Qualifikation liegt mehr als 20 Jahre zurück. Warum hört man im chinesischen Fußball immer noch bloß Grillenzirpen statt begeisterter Fangesänge?
Einigen Vereinen brach die Wirtschaftskrise das Genick, zum Beispiel Guangzhou Evergrande F.C. Mit Evergrandes Insolvenz begann 2021 die Immobilienkrise Chinas. Evergrande hat seitdem wichtigere Probleme als einen Fußballclub großzuziehen, und der Guangzhouer Fußballverein löste sich dieses Jahr auf, weil schlicht kein Geld mehr da war.
Ein Geldregen alleine macht noch keinen guten Fußball, zeigt sich außerdem seit einigen Jahren. David Miadi (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), der in einer Shanghaier Fußballschule eine Jugendmannschaft trainierte, berichtet unter anderem von repetitivem Training, das seine Spieler:innen schlicht auslaugte, anstatt ihnen ein Gefühl für das Spiel beizubringen.
Xi Jinping hält weiter an seinem Masterplan fest (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), aus China bis 2050 eine “Fußball-Supermacht” zu machen. Warum nur ist Xi der Fußball so wichtig?
Was Fußball mit dem chinesischen Traum zu tun hat
Bis 2050 werden wir eine moderne, sozialistische Sport-Nation aufbauen. Die Gesundheit und Fitness unseres Volkes, unsere sportliche Stärke und unser internationaler Einfluss wird zu den stärksten der Welt zählen.
Das verkündete der chinesische Staatsrat in einem Dokument von 2019 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Eine moderne sozialistische Sportnation, das klingt erstmal etwas bizarr. Aber das Dokument ist ein ziemlich präziser Fahrplan dafür, wie China bis 2050 zur 体育强国 tiyu qiangguo werden will, zur dominierenden Sportnation des Planeten.
“Fußball ist der weltweit beliebteste Sport und hat viel mehr Reichweite als zum Beispiel Basketball. Deswegen kann China den Fußball nicht einfach links liegen lassen”, erklärt Gündogan. So verkündet die chinesische Regierung an anderer Stelle (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): “Die Entwicklung und Förderung des Fußballs ist eine unabdingbare Voraussetzung für den Aufbau einer tiyu qiangguo”.
Ein Satz in diesem Fahrplan ist besonders aufschlussreich: “Der Sport wird zum Symbol der großen Wiederbelebung des chinesischen Volkes”. Das bezieht sich explizit auf den 中国梦 zhongguo meng, den sogenannten chinesischen Traum. Der chinesische Traum (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist ein politisches Narrativ, das Xi Jinping besonders propagiert. Es zeichnet eine direkte Linie von der imperialen Vergangenheit Chinas in eine nationalistische Zukunft. In dieser Zukunft soll das Land wohlhabend, mächtig und zur Umsetzung seiner geopolitischen und wirtschaftlichen Ziele fähig sein. Fußball ist in China also nicht einfach nur Fußball. Er ist eingebettet in einen nationalistischen Langzeitplan zur Fortentwicklung des Landes.
Eigentlich sei es schade, dass so wenige sich mit chinesischen Fußball auseinandersetzen, sagt Gündogan, denn: “Im Mikrokosmos Fußball kann man beobachten, welche Veränderungen sich im Großen abspielen. Die Anti-Korruptionsmaßnahmen, die Zentralisierung und Hierarchisierung, die auch im Fußball stattfinden, sind typisch für Xis Regierungsführung.”
Gibt’s noch Hoffnung?
Chinas Nationalmannschaft hat noch fünf Jahre Zeit, um nach Plan bis 2030 das stärkste Team Asiens zu werden. Von diesem Ziel ist China ungefähr so weit entfernt wie Deutschland von einem zuverlässigen Bahnverkehr. Und das, obwohl man bei China oft das Gefühl hat: Dieses Land schafft eigentlich alles, was es sich vornimmt. “Wir haben in Bezug auf China einen Positivity Bias”, sagt Gündogan dazu. “Oft sehen wir nur, wo China uns voraus ist, aber nicht, wo Maßnahmen scheitern.”
Positive Entwicklungen der chinesischen Fußballkultur sieht Gündogan trotzdem. Denn heute spielen mehr Kinder Fußball, auch auf dem Campus wird der Sport beliebter. China wird allerdings einen langen Atem brauchen, erklärt Gündogan: “Fußballkultur muss sich über lange Zeit entwickeln.”
Im ostchinesischen Jiangsu ist das bereits gelungen: Die Derbys zwischen den rivalisierenden Städten der Provinz ziehen regelmäßig tausende Zuschauer ins Stadion. In der Liga geht es nicht um Superstars oder chinesische Träume. Sondern um den Zusammenhalt im Fanblock, um die Verteidigung lokaler Ehre, um die Austragung städtischer Rivalitäten. Also das, was Fußball eigentlich ausmacht.
In diesem Text ging’s vor allem um den Männerfußball, denn dort sind die Mängel der Branche besonders offensichtlich. Die Frauen-Nationalmannschaft ist schon immer erfolgreicher als die Männer, sie liegt derzeit auf Platz 16 im internationalen Ranking (und ausgerechnet Nordkoreas Frauenteam (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gehört zu einer der weltweit erfolgreichsten Frauenteams).
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