Passer au contenu principal

Darf ich das?

Du liest: TheKindSerpent - Sexuelle Kultur mit Herz und Verstand
Tantra-Massage von Frau zu Frau kann ein Ort sein, wo wir die schillernde Komplexität unserer Sexualität vom Patriarchat zurückerobern.

B. ist nervös. Das ist heute ihre allererste Tantra-Massage. 

Wir sitzen im Massageraum und sprechen über Erwartungen und Ängste, den Ablauf des Termins und über B.s Gründe, zu mir zu kommen: Sie ist nun um die 50 und hat ihre Kinder ins Erwachsenenleben entlassen. Im Zuge dessen hat sie sich auch von ihrem Mann getrennt. Nun kann sie endlich ihr Leben so gestalten, dass reichlich Zeit für sie selbst bleibt. Sie lernt, endlich so richtig gut zu sich zu sein. Diese Spur führte sie zur Tantra-Massage: “Da muss es doch noch mehr geben?!” Mehr Leben. Mehr Lust. Mehr Bei-sich-sein. 

Ja. Gibt es. Und es gibt Menschen, wie mich, die darauf spezialisiert sind, den Weg dorthin zu zeigen. 

Wie ich das mache? Mit Zeit, Ruhe, Präsenz, Intuition, Kompetenz, Spielfreude und viel warmem Öl. Ich arbeite seit über 13 Jahren als Tantra-Masseurin, zertifiziert nach den Kriterien des Berufsverbands für Tantra-Massage, mit einer Zusatzausbildung in Frauenmassage und Sexualcoaching. 

Tantra-Masseur*innen machen nämlich eine ordentliche Berufsausbildung. Dort lernen wir, Menschen so anzufassen, dass es sich richtig gut anfühlt, in kurzer Zeit Vertrauen aufzubauen und Menschen in einen Zustand tiefer Entspannung zu führen. 


Was ist Tantra-Massage?

Die kürzeste Definition lautet: ein ganzheitliches, sinnliches Berührungsritual. 

Ganzheitlich, weil wir wirklich den ganzen Menschen berühren: inklusive Geist, Herz, Seele - und Intimbereich. 

Sinnlich, weil wir die Lust nicht bei den Haaren herbeizerren, wie es in Erotikmassagen der Fall ist. Wir laden sie höflich ein. Wenn die Lust keine Lust hat, ist das voll okay. Und wenn doch, dann muss sie sich nicht zwingend in Form von Erregung und Orgasmus äußern. Tatsächlich ist in den meisten Massagen alles andere wichtiger als der sexuelle Aspekt: Geborgenheit, Genuss, sich einlassen, sich gehenlassen, Ruhe. Selbstliebe. Sich einfach nur spüren.

Ritual, weil die Tantra-Massage einer durchdachten Struktur folgt und sich an bestimmte Regeln hält. Zum Beispiel ist sexuelle Interaktion ausgeschlossen. Die Rollen der gebenden und der empfangenden Person bleiben ganz klar. So können sich beide ganz auf ihre jeweilige Rolle konzentrieren.

Als Gebende widme ich mich dem ganzkörperlichen Lauschen: auf jeden Seufzer und jede Veränderung im Atemrhythmus. Auf Jedes kleine Anspannen oder Zucken. Auf Jede Rötung und jedes Härchen, das sich aufstellt. Ich achte auf  Herzschlag, Hautwiderstand, Temperatur, natürlich auf jedes Wort, das vielleicht geäußert wird - und reagiere entsprechend.

Die Erfahrung des reinen Empfangens eröffnet den Zugang zu einer reichhaltigen inneren Landschaft, wo es einiges zu entdecken gibt. 


“Ich bereite mich jetzt schon ein paar Jahre auf diesen Termin vor und habe so ziemlich alles gelesen und angeschaut, was ich im Netz darüber finden konnte.” berichtet B. Viele weibliche Klientinnen haben schon lange die starke Intuition, dass eine Tantra-Massage das Richtige für sie sein könnte - mussten sich aber erst durch alle möglichen Ängste und Bedenken kämpfen. 

Frauen* fällt es offenbar schwerer als Männern, sich Personen nackt und verletzlich zu zeigen, mit denen sie nicht in einer intimen Beziehung sind.
Eine relevante Summe Geld für sich selbst auszugeben.
Sich stundenlang auf einem beheizten Massagelager zu fläzen, nur zum puren Vergnügen.
Jemanden für Liebe und Zärtlichkeit zu bezahlen.
Sich zuzumuten - inklusive Schwabbelbauch, Borsten, Pickeln und Bedürftigkeit. 

Ich spüre im Hintergrund fast immer ein riesengroßes, grundsätzliches “Darf ich das?”:
Darf ich vertrauen und loslassen?
Darf ich mich ausruhen?
Darf ich wirklich so sein, wie ich bin?
Darf ich meiner sexuellen Neugier nachgehen?
Darf ich ein Abenteuer wagen?

Die Antwort lautet natürlich: Ja! 

Aber eine Erlaubnis reicht normalerweise nicht, um die dicke Schicht gesellschaftlicher Erwartungen und gesellschaftlicher Normen abgetragen, unter dem die Gelüste der Frauen, ihre Neugier und ihr Mut verschüttet liegen. Manches müssen wir mit dem ganzen Körper begreifen, nicht nur mit dem Kopf. 

Die Tantra-Massage kann ein Ort sein, wo wir die schillernde Komplexität unserer Sexualität vom Patriarchat zurückerobern.
Wo wir erforschen können, was wir wirklich wollen und brauchen - jenseits des männlichen Blicks und jenseits stereotyper Vorstellungen von Sex, die sich am männlichen Begehren orientieren.
Wo wir uns einfach sinnlich erleben können, ohne gleich sexuell sein zu müssen.
Wo wir unser sinnliches Erfahrungsspektrum erweitern können.
Wo wir in der Tiefe genährt werden, ohne den Druck, etwas zurückgeben zu müssen.
Wo wir sinnliche Virtuosität auf höchstem Niveau erleben können, einfach nur weil es so schön ist.
Wo wir uns das Erotische zurückholen als einen Ort, wo wir unsere eigene Kraft spüren und neue Kraft schöpfen. 

Es gibt einen anderen Weg: Einen, der nicht mit Selbstzweifeln, Stress, Scham und Unsicherheit gepflastert ist. Hier geht es ums Spielen, Lernen, Üben und Genießen. Nur darum, herauszufinden, was unseren Körper und unser Herz zum Singen bringt und unsere Lust zu feiern.

Das war von Anfang an die Grundidee der Tantra-Massage: Eine Alternative anzubieten zum schnöden Rein-Raus, zum kunstlosen Vollzug. Neue Perspektiven zu eröffnen auf Sexualität und Sinnlichkeit. Menschen dabei zu helfen, sich frei zu machen von gesellschaftlich sanktionierten Ideen darüber, wie das mit dem Sex zu laufen hat. 


Manche behaupten immer noch, Tantra-Massage sei Teil einer “jahrtausende alten Tradition”, die ursprünglich aus Indien kommt. Das ist blanker Unsinn - ein kitschiger Mythos, der angesichts der aktuellen Debatten um kulturelle Aneignung dringend von den Webseiten und aus den entsprechenden Büchern gestrichen werden sollte. 

In Wahrheit ist sie ein spätes Kind der sexuellen Revolution und des Second Wave Feminismus. Beide wandten sich radikal gegen die rigide Sexualmoral ihrer Zeit, in der Sexualität noch weitgehend als sündhaft und unmoralisch galt. Sie kämpften für die Befreiung von sexuellen Tabus, das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und Selbstermächtigung, einen bewussteren Umgang mit dem eigenen Körper und die Wertschätzung weiblicher Lust. 

Tantra-Massage wollte all das verkörpern. Und setzte noch einen oben drauf: sexuelle Kunstfertigkeit. 

In ihre heutige Form wurde sie von einer Gruppe junger Frauen gebracht, die schlechten Sex satt hatte - denn nur, weil man in den 80er Jahren endlich durfte, wie man wollte, hieß das noch lange nicht, dass der Sex auch gut war. 

Diese Frauen fragten sich, was Sex eigentlich wirklich gut macht und entwickelten auf Basis eines von Andreas “Andro” Rothe erdachten sinnlichen Körperverehrungsrituals eine ritualisierte Form kunstfertiger Erotik - erotische Kunst mit durchdachten Konzept und einem Grad an Professionalität und Seriösität, die wohl keine sexuelle Dienstleistung je erreicht hat.   

 Seit den 80er Jahren hat sich unsere sexuelle Kultur stark gewandelt - größtenteils zum Positiven. Angeblich leben wir mittlerweile in einem sexuell befreiten Zeitalter. Richtig guter Sex scheint trotzdem immer noch die Ausnahme zu sein.

Denn sexuelle Befreiung ist nicht dasselbe wir sexuelle Freiheit. 

Wir sind immer noch stark beeinflusst von verzerrten und teils widersprüchlichen Idealen sexueller “Normalität”:
“Sex ist gesund und gut für dich!” wird uns eingeredet, mehr noch - ein “erfolgreiches” Sexualleben sei unabdingbar für unseren Selbst- und Marktwert. Gleichzeitig wird über ihn in der Öffentlichkeit mehrheitlich problemorientiert gesprochen. 

Das Internet und die Bücherregale sind voll von Leuten, die uns erklären wollen, wie es “richtig” beziehungsweise “besser” geht. Dabei wird Sexualität, ja sogar Sinnlichkeit und Erotik, immer noch oft auf Sex reduziert. Genauer gesagt: Auf einen Penis, der sich in einer Vagina bewegt (oder einer anderen Körperöffnung).

Trotz der ganzen Befreiung sind unsere erotischen Erfahrungsmöglichkeiten und unser sexueller Ausdruck nach wie vor erschreckend eingeschränkt. Ängste, Scham, Frust, Resignation, erotischer Analphabetismus und ein Mangel an Vorstellungskraft sind  noch immer weit verbreitet. 


Ich selbst habe mit Anfang Zwanzig den Sex frustriert und gelangweilt aufgegeben. Zum Glück fand ich einige Jahre später heraus, dass es da noch so einiges zu entdecken gibt: Zum Beispiel die Tantra-Massage. Wenige Jahre später war ich zertifiziert nach den Kriterien des Berufsverbands, hatte eine Zusatzausbildung in Frauenmassage und Sexualcoaching - und meine Berufung gefunden.
Ungefähr in dieser Zeit begann ich, auf meinem Blog über meine Erfahrungen und Erkenntnisse zu schreiben. Bis heute hört mein Beruf nicht auf, mich zu faszinieren. Und es gibt noch so viel darüber zu sagen.

Dabei geht es um so viel mehr als Sex: Es geht um lustvolle Leiblichkeit - und ihre Konsequenzen für unser gesamtes Leben.

* Damit meine ich in erster Linie Menschen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und/oder die weiblich sozialisiert sind. Aber auch alle, die im Hinblick auf Sexualität von patriarchalen Strukturen mehr betroffen sind als der ganz normale Cis-Mann

P.S.: Die Zeit, solche Texte zu schreiben, habe ich nur, weil mich Leserinnen und Leser finanziell unterstützen. Wenn du Sexuelle Kultur mit Herz und Verstand auch fördern möchtest:

(Oder empfehle meinen Newsletter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)weiter, auch das ist eine tolle Unterstützung!)


Sujet Blog

0 commentaire

Vous voulez être le·la premier·ère à écrire un commentaire ?
Devenez membre de Eva Hanson et lancez la conversation.
Adhérer