Persönlich hat mir das Leben bereits vielfach bestätigt, dass man, um Menschen, Dinge und Phänomene zu verstehen - selbst jene, die scheinbar fern und fremd sind -, die Anstrengung unternehmen muss, die Distanz zu verkürzen. Man muss näherkommen, man muss den Mut aufbringen, manchmal einfach den Mund öffnen und in der Neugier verweilen. Ja, in der Neugier verweilen. Und das bedeutet manchmal, eine Frage zu stellen, ein anderes Mal - einfach zuzuhören.
In letzter Zeit hat mich der Gedanke bewegt, ob ich, aus der Perspektive meiner Vergangenheit, jenes Mädchens aus eine polnischen Kleinstadt, aus einer homogenen, postkommunistischen Wirklichkeit - so weiß, vorhersehbar und einförmig -, hätte voraussehen können, dass ich nur wenige Jahrzehnte später über eine andere Welt und andere Menschen schreiben würde, über Frauen, die mir damals so fern waren. Wo wäre ich heute, wenn ich nicht neugierig darauf gewesen wäre, wer der andere Mensch ist?
Diese außergewöhnliche Frau lernte ich in einer Bäckerei kennen, kurz nachdem ich den Mut gefunden hatte, mein bisheriges Leben zu verlassen. Ich kam mit meiner Tochter oder allein auf Brot vorbei und gewöhnte mich langsam an neue Orte. Sie legte uns frisches Gebäck mit einer warmen Geste und stets einem breiten Lächeln in die Tasche - so, als wären wir schon seit langer Zeit Stammkundinnen. Die Herzlichkeit dieser kurzen Begegnungen gab unserem Alltag einen neuen, unerwarteten Rhythmus, der mir half, jene Zeit zu überstehen. Mit der Zeit lernten wir unsere Namen kennen, tauschten Telefonnummern aus und begannen, gemeinsam spazieren zu gehen.
Aus verstreuten Vermutungen und Fragmenten trat nach und nach ein Mensch mit einer einzigartigen Geschichte hervor. Ich erzählte von meinen Verlusten. Sie von ihrem erstaunlichen Weg aus dem Iran nach Berlin. Wir schenkten einander Neugier und Gegenwart.
Und genau dieser Beziehung verdanke ich es, dass ich heute anders über Shirin Ebadi schreibe, als ich es vor unserer Begegnung getan hätte. Vorsichtiger. Aufmerksamer. Vielleicht weniger gewiss - aber ehrlicher.
Denn durch diese Begegnung war Ebadi für mich nicht länger nur eine historische Figur. Sie wurde zu jemandem, den ich zu verstehen versuchte, jemandem, der für einen mir nahestehenden Menschen stand - in ihrem kulturellen Kontext, mit ihren Dilemmata, Möglichkeiten und Begrenzungen. Ich wollte mehr erfahren, wollte kennenlernen und verstehen, wenigstens einen kleinen Ausschnitt.
Es gibt einen Moment, der besonders oft zu mir zurückkehrt. Im Jahr 2003 wurde Shirin Ebadi in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Sie erscheint ohne Hidschab und kommentiert diese Geste mit großer Präzision: "Es gehe nicht darum, was eine Frau trage, sondern darum, ob sie selbst entscheiden könne". Sie vollzieht damit eine Geste, die zeigt, wie ihre Interpretation des Problems funktioniert: dass sowohl Verbot als auch Gebot den Interessen bestimmter Seiten dienen, während der Mangel an Wahlfreiheit in beiden Fällen zum persönlichen Problem des Individuums wird - in diesem Fall, wie so oft, der Frau.
Diese Geste war, obwohl kraftvoll und bedeutungsvoll, keine theatralische. Eher etwas, das erst nach einem Moment wirkt. Wie eine Verschiebung der Akzente, die das gesamte Bild verändert. Denn Shirin Ebadi war keine Außenstehende. Sie war kein Symbol, das von weit hergebracht wurde, niemand, der plötzlich in die Geschichte sprang und sie revolutionierte; sie war Teil jener Welt, die sie geprägt hatte - und die sie später verwarf.
Sie wuchs im Iran unter der Herrschaft des letzten Schahs des Landes, Mohammad Reza Pahlavi, auf - einem Iran, der sich einerseits rasant modernisierte und andererseits immer deutlicher auseinander driftete. Frauen studierten, arbeiteten, bekleideten wichtige Positionen und verfügten über gesellschaftliche und politische Freiheiten. Sie selbst wurde eine der ersten Richterinnen des Landes. Doch diese Entwicklung verteilte sich nicht gleichmäßig. Wohlstand und Zugang zu Bildung konzentrierten sich auf bestimmte gesellschaftliche Schichten. Der Staat war autoritär, die Opposition wurde unterdrückt. Die Modernisierung wurde als aufgezwungen empfunden - zu schnell, zu „äußerlich“. Und als die Revolution von 1979 kam, war sie zugleich Ausdruck von Aufbegehren und Hoffnung. Es war ein Moment des Versprechens. Doch unter diesem Versprechen wuchs bereits die Spannung.
Hier halte ich einen Augenblick inne, weil ich das Gefühl habe, dass gerade an dieser Stelle alles leicht vereinfacht werden kann.
Die Revolution war keine einzelne Idee. Sie war ein Geflecht widersprüchlicher Erwartungen: Gerechtigkeit, Freiheit, Rückkehr zur Religion, das Ende von Ungleichheit. Für einen kurzen Moment begannen diese unterschiedlichen Sprachen gemeinsam zu sprechen. Ebadi stand - wie viele Menschen aus ihrem Umfeld - nicht außerhalb dieses Prozesses. Sie glaubte daran. Und dann begann sich alles neu zu ordnen - oder vielmehr zu unterwerfen -, in eine völlig andere Richtung. Der neue Staat definierte das Recht neu. Und sehr schnell zeigte sich, dass einer der ersten Orte dieser Neudefinition die Stellung der Frau war. Frauen durften unter anderem keine Richterinnen mehr sein. Ebadi verlor ihr Amt und wurde zur Verwaltungsangestellten an genau jenem Ort degradiert, den sie zuvor geleitet hatte. Und das war nicht bloß ein Berufswechsel. Es war eine Veränderung der Definition dessen, was eine Frau im Staat, in der Gesellschaft und in der Familie sein durfte.
Und genau hier beginnt etwas, das ich ohne Vereinfachungen zu verstehen versuche. Denn es wäre leicht zu schreiben, diese Revolution sei ein Fehler gewesen. Oder eine Notwendigkeit. Tatsächlich war sie eher ein Moment, in dem sehr unterschiedliche Sehnsüchte für kurze Zeit mit einer Stimme sprachen. Doch dieser Satz klingt zwar eindrucksvoll und romantisiert das Bild, erklärt aber wenig. Viel interessanter - und schwieriger - ist die Frage, wie dieser Konflikt im Recht festgeschrieben wurde. In Vorschriften zu Scheidung, Sorgerecht oder dem Wert von Zeugenaussagen vor Gericht. Und vielleicht war genau deshalb ihr weiterer Weg so außergewöhnlich. Denn Ebadi ging nicht sofort fort. Sie entschied sich nicht für einen spektakulären Protest. Sie blieb und begann, innerhalb eines Systems zu handeln, das sie einschränkte. Sie kehrte als Anwältin zum Recht zurück. Sie beschäftigte sich mit Fällen, die nicht wie große feministische Geschichten klangen und nicht immer erfolgreich endeten: Scheidungen, Sorgerecht, häusliche Gewalt. Fälle von Frauen, die versuchten, sich in einem System zu bewegen, das sie von Anfang an in eine schwächere Position versetzte.
An genau diesen Stellen, wo Ideologie aufhört, ein Schlagwort zu sein, und zur Prozedur wird, begann ich zu verstehen, dass ihre Tätigkeit nicht im Gewinnen bestand. Sondern darin zu zeigen, dass ein System, das von außen kohärent wirken mag, in der Praxis Situationen hervorbringt, die sich nicht ohne moralisches Unbehagen und ohne Konflikt verteidigen lassen. Dass Recht nicht neutral ist. Dass es ein Instrument sein kann, die Welt auf eine Weise zu ordnen, die für manche Unantastbarkeit bedeutet und für andere Einschränkung und Unterordnung.
Und dann kehrt ihr Satz aus dem Kalenderblatt des Monats Mai zu mir zurück: „It’s not about hope and ideas, it’s about action.“
Und ich lese ihn nicht als Zurückweisung der Hoffnung, sondern als ihre Verschiebung - von der Ebene der Deklarationen hin zur Ebene der Arbeit, der Wiederholung, des geduldigen Durchdringens unbequemer Themen. Es scheint, als sei Handeln für Ebadi kein Spektakel gewesen, sondern Konsequenz - eher ein Tropfen, der den Stein höhlt, als eine Explosion. Ein Tropfen, der den Stein nicht deshalb verändert, weil er stark ist, sondern weil er wirksam ist, weil er unaufhörlich an dieselbe Stelle zurückkehrt.
Und wieder begann ich zu verstehen, dass die Bedeutung ihres Handelns nicht darin lag, dass sie gewann, sondern darin, dass sie nicht aufhörte. Dass sie immer wieder zu denselben Fällen, denselben Fragen, denselben Geschichten zurückfand. Dass sie Opfer vertrat, weil sie nicht zuließ, dass sie vom neuen Ordnungssystem verschluckt wurden. Dass sie zeigte, wie Recht tatsächlich funktioniert: nicht als Idee, sondern als Alltag. Das war - und ist - ihr Feminismus: ein Manifest des Alltags. Frauen spürten, dass irgendwo eine Repräsentation ihrer Vorstellung von Gerechtigkeit existierte - in ihrer Person.
Mit der Zeit wurde sie immer sichtbarer. Und damit immer unbequemer. Ihre Tätigkeit wurde eingeschränkt, Organisationen, die sie mitbegründet hatte, wurden geschlossen, bis sie schließlich im Jahr 2009 den Iran verließ.
Es scheint, als sei dieser Text durch die Vorsicht anders geworden, als er ursprünglich sein sollte. Unsicherer. Weniger endgültig, vielleicht sogar ohne klare Klammer. Geschrieben aus einem Ort heraus, an dem sich zwei Geschichten begegneten - die bewegende Begegnung in der Bäckerei und Shirin Ebadi, die Figur des Mai-Kalenders, eine lebende und doch bereits historische Persönlichkeit - sowie mein eigener Versuch, einen Teil der Welt zu verstehen, der mir noch vor Kurzem sehr fern erschien. Und vielleicht ist genau das das Einzige, was ich ehrlich tun konnte: in der Neugier verweilen und zuhören. Oder vielleicht nicht nur zuhören. Vielleicht - wie sie - mit einem Handeln beginnen, das keine große Geste ist, sondern ein beharrliches Zurückfinden an dieselben Orte. Zu sich selbst. Zur Frage. Zum Menschen. Zu jenem Punkt in uns, auch dem ganz persönlichen, der unsicher erscheint, den man aber geduldig weiter aushöhlen muss, bis er beginnt, sich zu verändern - bis er beginnt, etwas in uns zu verändern.