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Die Unmöglichkeit, nicht zu fühlen


Warum manche Menschen Emotionen nicht beobachten, sondern durchleben
Mein Text für jene, die bleiben, lesen, mitdenken

Und vielleicht beginnt alles genau dort – in diesem Moment, in dem man erkennt, dass Fühlen kein Akt der Entscheidung ist, sondern ein Zustand. Ein permanentes, insistierendes In-Resonanz-Gehen mit der Welt, das sich weder abschalten noch disziplinieren lässt. Für manche ist Emotion etwas, das man betrachtet, einordnet, gegebenenfalls teilt. Für andere – und ich gehöre dazu – ist sie ein Ereignis, das geschieht. Unmittelbar. Ungefiltert. Unausweichlich.
Wenn jemand trauert, bin ich nicht nur gedanklich bei ihm. Ich bin dort.
Nicht körperlich, nicht sichtbar – aber in einer Intensität, die diese Differenz beinahe bedeutungslos werden lässt. Ich sitze innerlich mit auf dem Boden, spüre die Schwere, die sich auflegt, diese eigentümliche Dichte von Abwesenheit, die entsteht, wenn ein Mensch nicht mehr da ist. Ich kenne sie. Ich erkenne sie. Und in dem Moment, in dem ich sie erkenne, beginnt mein Inneres, sie nachzuempfinden.
Ich weiß, dass es nicht meine Trauer ist.
Und doch fühlt mein System keinen Unterschied.
Es reagiert.

Wie ein fein gestimmter Resonanzkörper, der auf jede Schwingung antwortet, ohne zu prüfen, ob sie von der eigenen Saite ausgeht.

Und so entsteht eine Überlagerung von Gefühlen – die aktuelle Trauer eines anderen und die erinnerte Tiefe meiner eigenen Erfahrungen. Beides fließt ineinander, kaum trennbar, kaum zu sortieren.


Dasselbe geschieht im Glück.
Wenn jemand lacht, wenn jemand aufblüht, wenn jemand etwas erlebt, das leicht macht, weit, euphorisch – dann antwortet etwas in mir ebenso unmittelbar. Ich freue mich nicht distanziert, nicht höflich, nicht kontrolliert. Ich gehe mit. Ich spüre die Aufhellung, das Weiten, das kurze Gefühl, als würde sich das Leben selbst für einen Moment öffnen.


Trauer wie Freude – beides wird durchlässig.


Und ich stehe dazwischen, als würde mein Inneres nicht unterscheiden wollen zwischen dem, was mir gehört, und dem, was ich nur wahrnehme.

Das Wiesel und die Kunst, alles zu fühlen
Mein inneres Wiesel ist in diesen Momenten hochaktiv.
Ein kleines, waches, überaus sensibles Wesen, das jede emotionale Nuance registriert, jede Verschiebung wahrnimmt, jede Regung ernst nimmt. Es ist schnell, reaktionsfreudig, beinahe überbordend in seiner Bereitschaft, sich einzulassen.
Es kennt keine Filter.
Keine Hierarchien.
Keine Abgrenzung.
Da ist ein Gefühl – also wird es aufgenommen.
Und so springt es los, dieses Wiesel. Es setzt sich neben Trauernde, rollt sich in ihre Emotionen, als wären es die eigenen. Es jubelt mit, wenn Freude aufkommt, als hätte es selbst den Anlass geschaffen. Es verstärkt, verdichtet, empfindet nach, manchmal mehr, als nötig wäre – nicht aus Dramatik, sondern aus einem tiefen inneren Impuls heraus:
Niemand soll leiden.
Niemand soll allein sein.
Niemand soll durch Schmerz gehen, ohne dass ich ihn zumindest ein Stück weit teile.


Ein zutiefst menschlicher Wunsch.
Und zugleich ein erschöpfender Mechanismus.
Denn das Wiesel unterscheidet nicht. Es fragt nicht: Ist das meins?
Es fühlt einfach.
Und irgendwann sitzt es da, überladen, erschöpft, beinahe ratlos vor der eigenen Intensität.
Und vielleicht – nur vielleicht – beginnt genau hier ein erster, vorsichtiger Zweifel zu keimen:
Ob alles Fühlen auch alles Tragen bedeuten muss.

Die Büffelin und die Würde der Begrenzung
Und dann ist da noch die Büffelin.
Still. Präsenzvoll. Unaufgeregt.
Sie kennt ebenfalls Trauer. Sie kennt Verlust. Aber sie kennt auch das Maß. Sie tritt näher, wenn es notwendig ist – und bleibt dennoch bei sich. Sie steht am Rand des Geschehens, nicht aus Distanz, sondern aus einer Form von innerer Stabilität, die nicht alles aufnehmen muss, um zu verstehen.
Wenn das Wiesel aufgeregt insistiert, dass jedes Gefühl vollständig durchlebt werden müsse, hebt sie ruhig den Blick und sagt:
„Nicht alles, was du fühlen kannst, musst du behalten.“


Ein Satz, der keine Abwehr ist.
Sondern eine Einladung zur Differenzierung.


Denn es ist ein Unterschied, ob ich mich berühren lasse –
oder ob ich mich verliere.
Die Büffelin trägt nicht weniger.
Sie trägt nur anders.
Und vielleicht liegt genau darin ihre leise Autorität.


Rückzug als Reskription
Und dann gibt es diese Momente, in denen ich mich zurückziehe.
Nicht, weil ich Menschen nicht mag.
Nicht, weil ich mich entziehen will.
Sondern weil ich mich wiederfinden muss.
Es ist ein leises Zurückgleiten in einen Raum, in dem keine fremden Emotionen an mir ziehen. Kein unausgesprochener Schmerz, auf den ich reagieren muss. Keine Trauer, die sich in mir spiegelt, obwohl sie nicht meine ist.
Nur ich.


Und das, was tatsächlich zu mir gehört.
In diesen Momenten beginnt etwas, das sich kaum spektakulär anfühlt und doch essenziell ist: eine innere Klärung. Die Gefühle sortieren sich. Das Wiesel kommt zur Ruhe, nicht abrupt, sondern erschöpft, dankbar, stiller werdend.


Und während draußen die Welt weiterhin ihre Geschichten erzählt, reduziert sich mein eigener Kosmos auf etwas beinahe Banales – und gerade darin so heilsam: die Kaffeemaschine, die schon wieder entleert werden will. Die nach Wasser ruft, als wäre dies das drängendste Anliegen des Tages.
Und ich ärgere mich darüber.
Nicht über Verlust.
Nicht über Schmerz.
Sondern über dieses kleine, profane Detail.


Und genau darin liegt eine eigentümliche Form von Rückkehr.
Denn hier bin ich nicht mehr Resonanzraum für andere.
Hier bin ich wieder Ursprung meiner eigenen Empfindung.
Rückzug ist keine Flucht.
Er ist eine Reskription.
Eine stille Neuverhandlung dessen, was meines ist – und was nicht.

Zwischen Mitfühlen und Selbstverlust
Ich beginne zu verstehen, dass mein Mitfühlen keine Schwäche ist.
Aber es ist auch keine grenzenlose Ressource.
Es braucht Form.
Es braucht Bewusstsein.
Und vielleicht – am meisten von allem – braucht es die Erlaubnis, nicht alles tragen zu müssen.
Ich darf fühlen.
Ich darf mitschwingen.
Ich darf eintreten – ein Stück weit.
Aber ich darf auch stehen bleiben.
Ich darf zurücktreten.
Ich darf bei mir bleiben.
Nicht aus Kälte.
Sondern aus Selbsttreue.

Ein leiser Gedanke für dich, der hier liest
Vielleicht kennst du das.
Vielleicht bist du auch so ein Resonanzkörper.
Vielleicht sitzt auch in dir ein Wiesel, das alles fühlen will – und eine Büffelin, die dich sanft daran erinnert, dass du bleiben darfst, ohne unterzugehen.
Dann sei dir eines gesagt, mit aller Ruhe, die ich gerade aufbringen kann:
Du bist nicht zu viel.
Du bist nicht falsch.
Du bist nur… durchlässig.
Und Durchlässigkeit braucht nicht weniger Tiefe –
sie braucht mehr Halt.


Schluss
Ich werde wohl immer ein Mensch bleiben, der fühlt.
Der sich berühren lässt.
Der reagiert.
Der manchmal zu nah ist am Geschehen.
Mein Wiesel wird weiterhin aufspringen, jede Emotion begrüßen, sie aufnehmen, sie verstärken.
Und die Büffelin wird weiterhin dort stehen, ruhig, wach, mit dieser stillen, tragenden Präsenz.
Vielleicht geht es nicht darum, eines von beiden zu sein.
Sondern darum, zu lernen, wann welches Wesen führen darf.
Wenn die Welt laut wird, darf das Wiesel fühlen.
Wenn sie zu viel wird, tritt die Büffelin nach vorn.


Und ich?
Ich lerne, zwischen beiden zu stehen.
Mit einem Gedanken, der leise geworden ist – und doch trägt:
Ich bin bei dir.
Und ich bleibe bei mir.

Für dich – von mir.
Und vielleicht auch ein bisschen für uns alle, die fühlen.
Bleibt's xund eure Frau Kruemelkuchen

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