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Ein Essay über Übergriffigkeit, Nähe und das fragile Gleichgewicht der Liebe

Es ist ein Thema, das sich wie ein Riss durch die fein gewebten Stoffe unserer intimen Beziehungen zieht – ein Riss, den viele verschweigen, den einige verdrängen, den nur wenige offen benennen. Und doch, wenn man beginnt zuzuhören, wenn man nachfragt, wenn man Betroffenen Raum gibt, sprechen die Stimmen mit erschütternder Deutlichkeit.

In den vergangenen Wochen habe ich Frauen und Männer befragt, Gespräche geführt, E-Mails gelesen, WhatsApp-Nachrichten erhalten – manchmal mitten in der Nacht, manchmal versehen mit einer Schwere, die den Bildschirm beinahe erzittern ließ. Ich habe erfahren, dass manche – Gott sei Dank – von Beziehungen erzählen, die geprägt sind von Respekt und gelebter Augenhöhe. Von Partnern und Partnerinnen, die achtsam zuhören, die Zärtlichkeit nicht mit Anspruch verwechseln, sondern mit gegenseitiger Verbindlichkeit. Manche berichten, dass erst in der zweiten Ehe jene Ruhe, jene Wertschätzung gefunden wurde, die man in der ersten schmerzlich vermisst hatte.

Doch häufiger als mir lieb ist, zeichnen die Berichte ein anderes Bild. Frauen, auch Männer, erzählen von Übergriffigkeit – manchmal grob, manchmal subtil. Ich frage nach der Motivation, denn angeblich, nicht immer aus sexuellen Beweggründen geboren. Was ist dann der Triebgedanke? Gedankenlosigkeit? “Spaß”? Aus einer Haltung, die den anderen nicht als gleichwertiges Subjekt, sondern als Objekt der eigenen Launen begreift?

Egal welche Motive man benennt, sucht, es fühlt sich alles falsch an

Ein ruppiger Griff, ein abfälliger Kommentar, eine Nähe, die nicht erbeten war. Das alles mag der eine noch für einen Scherz halten – doch für die andere kann es längst die Grenze des Erträglichen überschreiten.

Gerade Frauen mit Behinderung scheinen in diesen Erzählungen besonders vulnerabel. Immer wieder höre ich von einem perfiden Narrativ, das ihnen – unausgesprochen oder offen – zugetragen wird: Dankbar sollen sie sein, dass sie „überhaupt“ berührt werden. Dankbar, dass der Partner „noch da“ ist, wo er doch jederzeit gehen könnte. In dieser toxischen Logik wird Nähe zu einem Gnadenakt, der die Betroffene in eine Haltung der Unterordnung zwingt, in ein Machtgefälle, das mit einer gesunden Beziehung nichts mehr gemein hat.

Und so stehe ich, nach all diesen Gesprächen, vor der Frage: Wo beginnt Übergriffigkeit? Wo endet der Scherz, und wo fängt Gewalt an? Ist es nicht eine der dringendsten Aufgaben unserer Zeit, hier klarer hinzusehen, achtsamer zu werden, die eigenen Handlungen immer wieder zu hinterfragen? Wer liebt, trägt Verantwortung – Verantwortung, nicht Täter zu werden, nicht im Schatten der vermeintlichen Normalität Grenzen zu überschreiten.

Denn Beziehung, so zeigt sich, ist kein starres Konstrukt, sondern ein fragiles Geflecht, das nur dann Bestand hat, wenn beide Partnerinnen und Partner darin nicht nur Platz, sondern Würde finden. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um Bewusstsein. Um die Bereitschaft, das eigene Verhalten zu reflektieren und sich nicht mit dem billigsten Argument herauszureden: „Das war doch nicht so gemeint.“

Wenn mir diese vielen Stimmen etwas gelehrt haben, dann dies: Liebe ist nicht die Abwesenheit von Gewalt, sondern das tägliche Bemühen um gegenseitige Wertschätzung. Wo Liebe ist,hat Gewalt (egal in welcher Form) keinen Platz.

Sie ist keine Dankbarkeit, die man einem Partner schuldig ist, sondern ein Recht auf Augenhöhe. Und sie ist auch kein „Fass ohne Boden“, wenn wir den Mut finden, genau hinzusehen – und uns einzugestehen, dass echte Nähe nur dort gedeihen kann, wo Respekt den Boden bereitet.

Bleibt's Xund, passt's auf euch auf

Eure Frau Kruemelkuchen

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