
Redaktion free.fem.minds Magazin
„Wie du das alles schaffst!" Würden Alleinerziehende für diesen Satz statt Schulterklopfen Geld bekommen, gehörten sie wohl nicht mehr zur großen Gruppe der Armutsbetroffenen im Land. Erstaunlich viele Nicht-Alleinerziehende scheinen wirklich den Eindruck zu haben, Alleinerziehende hätten zu jeder Zeit alles im Griff. Fast so als hätten sie Superkräfte, die Frauen ganz automatisch nach einer Trennung aktivieren können.
Was keiner sieht, sind die schlaflosen Nächte, in denen der Kopf qualmt. Alltagsprobleme, Geldsorgen, Schulstress, Krankheiten, Entwicklung, Termine, Kinderbetreuung, gesellschaftliche Erwartungen und vieles mehr rauben Alleinerziehenden oft sprichwörtlich den Schlaf. Darüber reden können viele nicht.
Wer geht schon gerne hausieren mit seiner privaten Situation und wenn es im privaten Umfeld nicht gerade andere Alleinerziehende gibt, dann wird über diese ganz speziellen Alleinerziehenden-probleme sehr oft auch nicht gesprochen.
Viele Frauen, die zuhause (wenigstens an den meisten Tagen im Jahr) ihr Bett und die Familie mit einem Partner oder ihrer Partnerin teilen, sind der Meinung, wenn sie mal ein paar Tage oder Wochen den Laden alleine am Laufen halten, können sie von sich behaupten quasi alleinerziehend zu sein. Wer wirklich allein erziehen muss, verschluckt sich hier beim Zuhören am Kaffee.
Denn wer grundsätzlich einen Partner hat, auf den jobbedingt vielleicht unter der Woche nicht für Alltagsarbeit und Care-Dienste zurückgegriffen werden kann, der teilt doch Finanzielles, Angelegenheiten der Kinder und Grundsätzliches (hoffentlich) verantwortungsvoll mit einem anderen Erwachsenen.
Wirklich Alleinerziehende haben diesen Luxus nicht. Und entgegen der Annahme erstaunlich vieler Männer haben sie sich meist nicht freiwillig für diesen Umstand entschieden. Alleinerziehend ohne einen Partner zu sein, der gewalttätig, psychisch missbräuchlich, betrügend oder anderweitig terrorisierend ist, ist ein Gewinn, keine Frage. Doch für die meisten Mütter hört die eine oder andere Form von Gewalt nicht mit einer Trennung auf. Ganz im Gegenteil, denn nun folgen Gerichtsverfahren, belastende Elterngespräche, Gängeleien und nicht selten handfeste Nachtrennungsgewalt. Dieser Stress kommt zur Alleinverantwortung obendrauf. Keine dieser Mütter hat sich gewünscht, ihr Kind alleine unter diesem speziellen Druck großzuziehen. Jede Mutter würde sich, selbst wenn die Liebe geht, einen verantwortungsvollen Papa fürs Kind wünschen, der Zeit und Geld in den Nachwuchs investiert und den Job so auf zwei Schulternpaare verteilt. Davon können die meisten Alleinerziehenden in Deutschland nur träumen.
Als wäre das nicht genug, werden Alleinerziehende bei der Jobsuche, auf dem Wohnungsmarkt und im Alltag vielfach benachteiligt, wie das Magazin Solomütter zuletzt herausstellte. Wohnungen gehen an Doppelverdiener und wenn sie verfügbar sind, sind sie zu klein oder für Ein-Elternteil-Familien falsch geschnitten. Jobs werden an Alleinerziehende oft gar nicht erst vergeben und sogar bei Familienkarten für Zoo, Freizeitpark oder das örtliche Schwimmbad werden Alleinerziehende schlicht nicht mitgedacht. Die Folge? Eine Art Zuschlag, ein Preis, den Alleinerziehende zahlen. Von einem Einkommen, das dank schlechter Betreuungsmodelle oder Anforderungen der Kinder oft in Wahrheit nur ein halbes Einkommen ist. Von zu geringem oder nicht bezahltem Unterhalt, für den der Staat zwar einspringt, aber für Alleinerziehende dann mal eben ein ganzes Kindergeld abzieht.
Alleinerziehend bedeutet für Frauen in Deutschland oft Stress, Druck, Stigmatisierung und handfeste, soziale und finanzielle Benachteiligung. Es wird mehr hingeschaut, ob das Kind die makellose Kleidung hat, die Brotdose den richtigen Inhalt oder der Buntstift die frisch gespritze Spitze. Und eigentlich ist genau das pure Ironie, fast so als wären es nicht vorher auch zumeist die Mütter gwesen, die all das für ihre Kinder bereitstellten.
Wie eine Decke, bei der beim Zudecken immer ein Stück fehlt, so hat es eine alleinerziehende Mutter vor ein paar Tagen beschrieben. Egal woran man zieht, immer fehlt es irgendwo. Bei der Arbeit, beim Geld, beim Kind. Alleinerziehend in Deutschland bedeutet finanzielle Sorgen mit einem schlechten Gewissen um die Zeit mit dem eigenen Kind in die Waagschale werfen zu müssen. Immer in dem Bewusstsein, dass Mütter, die allein erziehen, nie wirklich gewinnen können.
Wenn es also das nächste Mal so aussieht, als würden Alleinerziehende alles schaffen, denk an alles, das du nicht siehst. Keine Frau ist freiwillig eine Superheldin. Nur in der Not irgendwann sehr gut darin, alle strukturellen und gesellschaftlichen Hürden auf Kosten ihrer Gesundheit abzufangen. Weil sie schlicht keine Wahl hat.
Unser Tipp:
Das Magazin Solomütter hat für Alleinerziehende die Petition Gleiche Chancen für Alleinerziehende. Familienstand ins AGG ins Leben gerufen, die Schluss machen soll mit der Diskriminierung bei der Wohnungssuche und am Arbeitsmarkt. Deine Stimme hilft, dass Alleinerziehende in Zukunft mehr echten Support und Sichtbarkeit statt einem Schulterklopfen bekommen.