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Wer sind Helden und wenn ja, was soll das

Was können wir tun, um den Faschismus aufzuhalten und was ist 1943 in der Rosenstraße passiert? Und worauf warten wir eigentlich?

 

Foto einer Gruppe von Menschen, die in losem Zusammenhang eine Straße in San Francisco entlanggeht. Alle sind von hinten zu sehen im Mittelpunkt ist der Rücken eines Jungen auf einem Roller zu sehen, der ein Captain America Cape und Helm trägt. Beides hängt etwas schief an ihm und er scheint zu Boden zu blicken
Helden bei der Arbeit.

Der AT-AT Walker steht auf einer weiten Fläche weißer Legosteine. Man meint den erbarmungslosen Wind von Hoth über die Noppen wehen zu hören.

Eine Klippe aus Plastikeis mit Tunnel – die ECO Base. Darin die Rebellen. Gerade werden sie von Snow Troopern angegriffen. Die Lage scheint aussichtslos. Doch aus dem AT-AT Walker ragen Beine, die Beine von Luke Skywalker.

„Der klettert da gerade rein – und gleich jagt er das ganze Ding in die Luft und die Rebellen gewinnen.“

Luke Skywalker wieder. Der Held von Hoth. Der Held der Sternenkriege. Hier und da bekommt er Unterstützung. Von Han Solo. Von Prinzessin Lea, die Befehlshaberin auf Hoth ist.

Und doch. Es gibt den einen Helden. Wie in all den Geschichten, die wir uns erzählen.

Den einen End Boss. Den einen Helden. Frodo gegen Sauron. Gut gegen böse. Hell gegen dunkel.

Wir haben uns das so lange erzählt, dass wir es glauben.

Kommt ein Schurke. Kommt ein Held.

Auch wenn wir über das dritte Reich reden, dann erzählen wir uns das so.

Es klingt auch so gut. Es ist so leicht zu verstehen und zu glauben. Ein Zerstörender Teil. Ein rettender Teil.

Und so sitzen wir auch jetzt da. In den dunkler werdenden Zeiten. Und sehen zu, wie unsere Welt auf einen Abgrund treibt, den man zwar nur ahnen kann, aber gut sieht er nicht aus. Und wir warten. Schauen auf unsere Nachrichten und Feeds. Sehen hier und da das Licht einzelner Mutiger aufleuchten.

Ich stehe auf, mache Kaffee, schmiere Schulbrote, fahre Kinder, sitze am Schreibtisch. Ich finde schrecklich, was passiert. Und warte doch auch nur.

Sollte ich mich nicht an die CDU-Parteizentrale ketten? Oder an das nächste Abschiebegefängnis? Dobrindt mit Kunstblut übergießen? Damit er daran erinnert wird, wie viel Blut an seinen Händen klebt?

Wie viel Blut klebt eigentlich an meinen Händen? Weil ich seit Jahren nicht eingeschritten bin, obwohl ich weiß, dass täglich Menschen – auch Kinder – im Mittelmeer ertrinken.

Obwohl ich weiß, dass Menschen jeden Tag aus Deutschland abgeschoben werden, die so in Lebensgefahr gebracht werden. Obwohl ich weiß, dass unsere Regierung ihre afghanischen Mitarbeitenden aufs Schändlichste im Stich gelassen hat – und so in Todesgefahr gebracht hat.

 

Auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv wird gefeiert. Die gefangenen Israelis sind frei. Die israelische Armee hat die Angriffe auf Gaza eingestellt. Lange haben Menschen in Palästina und Israel auf diesen Moment gewartet. Lange haben sie dafür protestiert. In Israel und sogar in Gaza. Unter widrigsten Umständen.

Es gibt einzelne Gesichter aus Israel, die man vielleicht mehr als einmal gesehen hat. Aber es waren die Mengen an Menschen, die immer wieder auf die Straßen gingen, die uns daran erinnert haben, dass dieser Krieg nicht der Krieg der Bevölkerungen ist.

In den USA werden mehr und mehr Menschen von der Einwanderungsbehörde ICE gekidnapped. Und diese Übergriffe werden immer wahlloser. Kinder. US-Staatsangehörige. Schwer Kranke. Gewählte Abgeordnete. Keiner ist sicher. Außer sehr weiße Menschen.

Und immer wieder gibt es Bilder von verhinderten Verhaftungen. Von erfolgreichen Protesten, die ICE aus Wohnvierteln vertreiben.

Es ist kein Superman, der die dunklen ICE-Vans in den Orbit schmeißt. Es sind Menschen in aufblasbaren Tierkostümen, junge Frauen mit Telefonen und durchdringenden Stimmen, Truckfahrer mit Cap und Band-T-Shirt. Menschen, die helfen und dann wieder in der Anonymität verschwinden. Und vielleicht auf der nächsten Demonstration auftauchen.

 

Abschiebungen aus Deutschland wirken organisierter, geregelter als in den USA. Weniger brutal. Und doch verstoßen sie häufig gegen geltendes Recht. Und das ist ganz gezielt. Der demokratische Prozess, die Gerichte – sie werden von der amtierenden Regierung bewusst lächerlich gemacht.

Unsere gesamte Republik driftet nach rechts. Bedrohlich weit nach rechts. Aus meiner Sicht sind wir schon lange auf der Auffahrt „Autobahn Faschismus“ gelandet. Die Maßnahmen gegen Bürgergeldbeziehende, gegen Asylsuchende, gegen NGOs sind allesamt bereits aus dem Handwerkskasten des Faschismus. Die AfD wird stärker und stärker und wartet nur auf den Startschuss, Deutschland nach ihren Vorstellungen umzubauen.

Sollte ich nicht auf die Straße gehen? Unbedingt! Warum nur tue ich es nicht.

Vielleicht weil ich es alleine tun würde. Nicht, weil nicht viele meiner Meinung sind. Weil wir nicht organisiert sind. Vielleicht weil uns der eine zündende Moment fehlt.

Aber was soll denn noch passieren?

Und reicht es überhaupt, auf die Straße zu gehen?

Keine Ahnung. Sicher nicht, wenn es nur ein Mal ist. Politischer Protest ist eine Marathondisziplin.

Aber wie hält man den Faschismus auf, bevor er da ist? Wie schlägt man ihm die Nase vor der Tür zu?

Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, dass uns kein Held retten wird. Auch wenn diese Hoffnung in unseren Köpfen herumspukt. Kurz nach Trumps zweitem Amtsantritt geisterte ein sehr lustiger Tweet durch die Netzwerke. Wortlaut ungefähr:  “Don’t worry. After reading countless dystopian Y/A novels I can assure you, the heroine and her love triangle are around the next corner to save us.“

Ich habe sehr gelacht. Und dann wurde mir schlagartig klar, dass das unsere Erzählungen sind. Und genauso sind unsere Erwartungshaltung. Wir denken an Krisen, Katastrophen und Umbruchzeiten der Menschheitsgeschichte und wir denken an Che Guevara und Lech Wałęsa (fast immer Männer, klar). An Mahatma Gandhi und Nelson Mandela. An Sitting Bull, an Claus von Stauffenberg, hin und wieder auch an Jeanne d’Arc, Sophie Scholl und Mutter Theresa. (Wie problematisch viele dieser Held*innen sind, ist noch mal ein anderer Text. Vor ein paar Jahren habe ich über Mutter Theresa gelesen – und – spoiler alert – es wird ziemlich schnell ziemlich dark. Dass Albert Schweitzer ein harter Rassist war, dürfte aber bestimmt bekannt sein.)

(Wir denken aber auch die dunkle Seite in Personen. Wir denken an Hitler, an Stalin, an Pol Pot, Leopold II., an Graf Dracula, an Idi Amin, an Elon Musk und an Donald Trump.

Wir denken an sinister planende Gestalten, die nichts anderes im Sinn haben als Zerstörung. Aber das wird, glaube ich, - noch ein anderer Text.)

Glauben wir Social Media (I know, I know), fantasieren viele Menschen davon, dass sie im dritten Reich Held*innen des Widerstands gewesen wären.

In der Fantasie, in einer das wäre mal gewesen Welt wären wir das gern.

Und nun sehen wir zu, wie die Welt uns zu entgleiten scheint. In immer schnellerem Tempo. Als hätten wir seit 2019 fünf Generationen durchlebt.

Und weder wachsen uns Flügel, noch reißen wir den Asphalt auf und suchen den Strand darunter. Wir führen nicht mit erhobener Fahne die Massen durch die Straßen. Unsere Main-Character-Held*innen-Energie ist offenbar überschaubar.

Das Hauptproblem ist: Es tut auch niemand anderes. Hier und da fummelt jemand etwas Teer von der Straße. (Was schon mutig ist. Ich will das nicht klein machen.)

Die Frage die mir jetzt bleibt: Hat es überhaupt je Held*innen gegeben?

Und: Ist es überhaupt gut, Held*innen zu haben?

Als Schriftstellerin kann ich sagen: Geschichten lassen sich mit Held*innen wesentlich leichter erzählen. Aber macht es das

Tatsächlich glaube ich, dass es immer wieder sichtbare Führende von Bewegungen gab und gibt, weil wir das so haben wollen. Weil wir es so erzählen wollen. Held*innen bestärken am Ende die meritokratische Idee unserer neoliberalen Weltanschauung. Sie sind das Ergebnis derselben Sicht, die uns erzählt, der CEO ist wichtig, die Putzkolonne ist nicht erwähnenswert. Auch wenn uns letztere vor Cholera und Ruhr schützt, während der CEO im Zweifel unsere Existenz wegrationalisiert.

Vielleicht sind die Erzählungen von großen und kleinen Held*innen auch ein Ersatz für die immer unbedeutender werdenden Religionen. Der Glaube an das Heldenhafte trägt.

 

Doch es gibt keine Held*innen. Es darf sie nicht geben. Auch wenn sie uns rühren und bewegen, uns Tränen in die Augen treiben und an das ewig Gute glauben lassen.

Denn genau das lähmt uns. Die Erzählung der Hoffnung auf Erlösung.

Lähmt mich. Euch ja vielleicht nicht. Was weiß ich schon. Ich glaube, mich lähmt es.

 

Soll ich da jetzt raus, oder was?

 

Die Antwort: Ja. Und zwar ohne Cape. Und ohne Heldinnenstatus.

Ich bin unter anderem mit der Erzählung aufgewachsen, dass der Widerstand gegen die Nazis quasi sofort tödlich war. Siehe Stauffenberg. Siehe weiße Rose. Und Held*innensache.

Tatsächlich gab es sehr erfolgreichen Widerstand gegen die Nationalsozialist*innen. So etwa 1943 die Proteste in der Rosenstraße. Es waren überwiegend deutsche Frauen, die vor allem eines wollten: Ihre jüdischen Ehepartner zurück. Die Proteste organisierten sich spontan. Menschen zogen zum Gebäude, in dem ihre jüdischen Familienmitglieder festgesetzt waren – die Rosenstraße 2-4. Und dort demonstrierten sie. So lange, bis die Nazis tatsächlich von ihrem Plan abrückten, diese Jüd*innen ins KZ zu schicken. Sie durften nach Hause zu ihren Familien. Und überlebten den Krieg. Ohne das Land zu verlassen. Ohne verstecken. Einfach so. Weil genug Ehefrauen (und ein paar Ehemänner und andere Angehörige) gesagt haben: Meinen Mann will ich zurück.

Erzählt wurde diese Geschichte nach dem Krieg nicht prominent. Ich habe sie erst gefunden, nachdem ich sehr gezielt nach Demonstrationen während des Dritten Weltkrieges in Deutschland gesucht habe.

Und dabei sind es diese Erzählungen, die wir jetzt brauchen. Keine Held*innen.

Wir brauchen uns. Wir brauchen uns auf der Straße. Uns an den Telefonleitungen der Parteizentralen und in ihren Emailpostfächern. Uns, mit der Wahrheit im Kopf: Es wird nicht besser werden, bis wir es besser machen.

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