
Vor einer Weile habe ich einen Text geschrieben, Puppen ohne Leben (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ausgelöst von der Erkenntnis, dass auch Männer, die wir für gut hielten in den Epstein-Files auftauchen und dem Glauben vieler, die Veröffentlichung der Akten würde nun wirklich etwas bewegen.
Ich habe in Puppen ohne Leben darüber geschrieben, wie normal Missbrauch von jungen Mädchen und das Misshandeln von Frauen ist, habe Fälle zusammengetragen, die am Ende alle leicht zusammensuchen können. Im Mittelpunkt standen Prominente, die von uns als „die Guten“ wahrgenommen werden, nach wie vor gefeiert werden – und tief verstrickt sind oder waren in Fälle von Missbrauch und / oder körperlicher Misshandlung.
Mein persönlicher Schockmoment war als ich herausfand, dass der Rapper Dr. Dre, den ich als politisch wichtige Figur und aufrechte Person wahrgenommen hatte, wegen schwerer Körperverletzung verurteilt ist und seine Karriere weiterläuft – während sein Opfer plastische Chirurgie benötigt.
Diesen Text haben viele gelesen. Er wurde gelobt. Er hat viele schockiert. Da wir all diese Geschichten allzu gern vergessen. Und weitermachen wie bisher. Weil Teil unserer kulturellen DNA ist, dass Frauen und Mädchen keine Menschen sind. Sondern dazu da, Männer, vor allem berühmte und erfolgreiche, zu unterhalten. Zur Not mit ihrem Leid.
Mir wurde diese Aussage auch mehrfach vorgeworfen. Epstein und seine Machenschaften sollten weit weg von uns sein. Eine Tat von Monstern. Von den bösen Männern.
Schließlich kontaktierte mich eine NGO mit Online-Plattform. Sie wollte den Text auf ihrer Seite bringen. Es gab eine betreuende Redakteurin und einen Erscheinungstermin.
Und dann einen Rückzug.
Ein Medienanwalt habe auf mögliche Klagen und den online-Kampagnen von rechten Akteuren gegen diese Art Text hingewiesen, dem könne man nicht standhalten.
Das hat mir den Stecker gezogen. Wir bekommen also in fast keinem Fall sexueller Gewalt – ob von Prominenten oder nicht – eine gerichtliche Aufarbeitung. Und mittlerweile können wir noch nicht einmal darüber schreiben?
Wir zensieren uns selbst im vorauseilenden Gehorsam?
Dabei umgeben uns sexuelle Gewalt und ihre Vorstufen – Objektifizierung, Herabwürdigung und Entwertung – so wie die Luft, die wir atmen.
Auch im Fall Collien Fernandes, die von Christian Ulmen mutmaßlich aufs schlimmste missbraucht, gequält und verraten wurde, kommen nun die Stimmen auf, die verlangen, dass man nicht vorverurteilen sollte. so heißt es im Rolling Stone: „Die Causa Christian Ulmen zeigt, wie digitale Empörung rechtsstaatliche Grundsätze aushebelt. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ Es wird beklagt, dass man in Sozialen Medien ja keine Mehrdeutigkeit aushalte. Wie die genau das aussehen soll, die Mehrdeutigkeit, bei schweren Gewalttaten, erfährt man leider nicht.
Selbst die krassesten Fälle führen nicht zu einer eindeutigen Solidarität mit Frauen. Mit Überlebenden von sexualisierter Gewalt und Erniedrigung.
Auch der Spiegel wird nun für die Berichterstattung zu Ulmen verklagt – die ich in Anbetracht dessen, was noch als Hintergrundinformation zu bekommen ist (zb aus der Dokumentation von Collien Ferndandes) sehr vorsichtig finde.
Halten wir noch einmal fest: wegen sexueller Gewalt verurteilt wird fast niemand. Von den angezeigten Taten endeten 2012 nur 8,4 Prozent mit einer Verurteilung. Man geht davon aus, dass nur 5 – 15 % der Taten angezeigt werden[1] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Das bedeutet, dass nur 0,42% - 1,26% der Vergewaltigungen mit einer Verurteilung geahndet werden.
Und das hat alles nichts mit unserer Kultur zu tun?
Fälle von extremer Gewalt gegen Frauen gibt es immer wieder. Und immer wieder gibt es öffentlich bekundete Erschütterungen über diese Fälle. Und es ändert sich nichts. Weil wir immer den Einzelfall sehen. Den Exzess. Und nicht das System, aus dem sie entstehen. Der Sauerstoff, den die bösen Blumen zum Blühen brauchen, bleibt unsichtbar. Und weil wir – als Gesellschaft – die Veränderung offensichtlich nicht wollen. Warum? Vermutlich, weil der Prozess dahin schmerzhaft und peinlich wäre – und viel Kraft bräuchte.
Stattdessen betreiben wir ein Othering der Täter. Und eine latente Beschuldigung der Betroffenen. Hat sie nicht doch etwas zu ihrem Schicksal beigetragen. Warum hat sie nicht früher etwas gesagt. Warum hat sie sich nicht gewehrt. Warum hat sie den geheiratet.
Wir tun viel, um sexualisierte Gewalt weit von uns weg zu halten.
Ich wollte mal Journalistin werden. Das ist lange her, aber ich kann mich noch daran erinnern, wie wichtig mir dieser Traum war. Es waren die Nuller Jahre. Es war die Zeit, in der Männer wie Christian Ulmen groß wurden. Die Zeit, in der das wichtigste Kriterium für weibliche Prominenz war, in ein so genanntes Size Zero-Kleid zu passen und ein Mann wie Christian Ulmen unter dem Label „Ironie“ und „Satire“ so ziemlich alles in die Kamera sagen konnte. So setzte er in seiner Sendung „unter Ulmen“ (hahaha, Achtung Sexwitz) gern „Randgruppen“ in die Studio-Deko. Hahaha. 2013 moderierte er die Sendung „Who wants to fuck my Girlfriend“ mit Spielkategorien wie „Resteficken“ und „Straßenstrich“. Hahahahaha. Alles so lustig. Ulmen war Kult.
Mir war es in besagten Nullerjahren tatsächlich gelungen, ein Praktikum bei einer großen Redaktion zu bekommen. Weil ein freier Redakteur den Eindruck hatte, ich sei schlau und habe eine Chance verdient. Obwohl sonst wenig für mich sprach.
Da saß ich dann nun im Büro des Chefs. Der mir zur Feier meines ersten Praktikumstages die Geschichte seiner beruflichen Laufbahn erzählte. Mit regelmäßigen Bemerkungen über Frauen, Kinder und Karriere (zb. Wer Mutter ist, der sollte bei seinen Kindern bleiben). Das ganze dauerte ein paar Stunden. Bis schließlich seine Hand auf mein Bein wanderte. Ich trug einen Sommerrock. „Aber darüber brauchst du dir nicht dein niedliches Köpfchen zerbrechen.“ Er hatte gerade über die Beziehungen zwischen Russland und den USA gesprochen. Etwas, das mich aus seiner Sicht überforderte. Tatsächlich langweilte mich seine antiquierte Sicht. Was ich für mich behielt. Er entließ mich. Ohne Aufgabe, ohne Ermutigung. Er hatte mir nicht eine Frage gestellt.
Ich hatte einen Mitpraktikanten. Der hatte nicht dieses Gespräch mit dem Chef. Der war mit dem CVD zur Begrüßung ein Bier trinken und bekam danach jeden Tag spannende Aufgaben. Von denen es wohl nicht genug für zwei Praktikant*innen gab.
Ich war in einigen Redaktionen als Praktikantin oder freie Mitarbeiterin. Manchmal lief es gut. Dann war ich „Das Mädchen für die alten Säcke“ (ja, der Satz fiel genau so. Mehrfach), das losgeschickt wurde, um älteren berühmten Herren interessante Geschichten aus ihrer Jugend zu entlocken – was auch klappte. Manchmal lief es schlechter. Dann wurde ich von einem anderen berühmten Herren angeschrien, warum ich dumme F*tze ihm denn nicht interessante Fragen stellen könne. Er war betrunken zum Interview erschienen und ich allein mit ihm. Man lachte in der Redaktion über meine Geschichte.
Oder ich bekam den Auftrag, ein kompliziertes Abschiedsgeschenk zu besorgen. Es kostete mich Tage. Während mein männlicher Mitpraktikant mit den anderen Redakteuren – genau – Bier trank und interessante Aufträge bekam.
Oft war es schwer einzuordnen, was da eigentlich mit mir passierte. Wenn etwa ein Redakteur sagte, bei dem Gespräch mit dem Kollegen sei er lieber dabei, denn der behalte seine Finger nicht immer bei sich. Ich freute mich, dass jemand ein Schutzgefühl mir gegenüber hatte. Heute möchte ich die junge Frau, die ich war, am liebsten in den Arm nehmen und allen anderen eine scheuern.
Und dann kam der Tag an dem ich entschied, dass ich das alles nicht aushalte. Ich wollte einfach nicht so dringend Journalistin werden, dass ich mich so behandeln lassen wollte. Es waren die Nuller Jahre. Ich hatte noch nicht alles so weit durchdacht wie heute. Aber ich hatte das untrügliche Gefühl, dass ich ein Volontariat vermutlich nicht unbetatscht überstehen würde. Wenn man es mir überhaupt geben würde. Denn dass mich jemand ernst nahm, das Gefühl hatte ich selten.
Das war die Medien-Welt und die Zeit, in der Ulmen groß wurde. In dem sein Humor gefeiert wurde.
Ich fällte eine im Nachhinein lustige Entscheidung. Ich ging in eine Agentur. Eine große, berühmte. Wie ich darauf kam, dass das eine freundlichere Umgebung sein würde, weiß ich nicht mehr. Später wurde einmal bekannt, dass einer der Führungskräfte auf einer Feier Luftgitarre gespielt hatte. Auf seinem Penis.
Ich hielt es zweieinhalb Jahre aus. In der Zeit wurde ich deutlich schlechter bezahlt als meine männlichen Kollegen. Mir wurden so oft meine Ideen geklaut, dass ich es nicht mehr gezählt habe. Einmal fing ich in einer Konferenz an zu weinen. Weil meine Ideen von einem Mann als seine präsentiert wurden, ohne dass er mich auch nur anschaute. Ich schämte mich für die Tränen und ging hinaus. Ich war halt nicht hart genug. In diesen Jahren wurde ich von einem Vorgesetzten als „geilstes Pferd“ im Stall bezeichnet. Und dabei waren nicht meine geistigen Kompetenzen gemeint. Einmal legte mir ein anderer Vorgesetzter nahe, ich solle doch „dieses eine Kostüm“ für den Termin anziehen, das würde dem Kunden bestimmt gefallen. Nach einem erfolgreichen gemeinsamen Pitch in einer fremden Stadt, rief mich wiederum ein anderer Vorgesetzter die halbe Nacht lang immer wieder an, um mich davon zu überzeugen, gemeinsam „nochmal so richtig“ zu feiern. Zu zweit. Am Ende bettelte er. Am nächsten Tag sprach er kein Wort mehr mit mir. Vom Projekt wurde ich abgezogen.
Kurz darauf verließ ich diesen Ort der „gesellschaftlich relevanten Kommunikation“ und ging in einen Nerd-Laden in München. Da war zwar nicht alles golden – aber deutlich besser.
Vermutlich langweilen sich gerade die meisten Frauen, die diesen Text lesen. Denn wir kennen das alles. Und das alles ist auch wirklich unspektakulär. Ein bisschen klein gemacht, ein bisschen sexualisiert, ein bisschen bedrängt werden. (Falls eine Frau so etwas nie erlebt hat, dann möge sie bitte einen Text darüber schreiben. Ich möchte gern lesen, wie sich das anfühlt.)
Tatsächlich sind mir in meinem Leben viel schlimmere Dinge widerfahren als das, was ich hier angerissen habe. Warum ich diese Geschichten aufschreibe? Weil sie dort passierten, wo Meinungen gemacht werden. Und die Leute, die darin vorkommen, sind – mit einer Ausnahme – heute noch aktiv. Sehr viele auf Führungsniveau. In Zeitungen, im Fernsehen, in Agenturen, als Pressesprecher und Berater von Parteien und Verbänden und NGOs etc.
Und die Prominenten von damals sind noch heute prominent.
Ich kann mich nur an wenige Männer in dieser beruflichen Zeit erinnern, bei denen auch nur die Möglichkeit besteht, dass sie Frauen als gleichwertige Wesen angesehen haben. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Ansichten geändert haben? Naja, vielleicht hat der eine oder andere ja eine Tochter bekommen. Wer weiß.
Vor ein paar Jahren gab es #metoo. Da haben viele Frauen schon einmal diese Geschichten erzählt. Viel viel heftigere. Passiert ist wenig. Vor allem an nachhaltiger Veränderung.
Nun gibt es die Hoffnung, dass mit den Taten von Christian Ulmen ein neues Erwachen gibt. Ich befürchte nach wie vor, dass das nicht so ist.
Es passieren schon jetzt zwei Dinge, die so ähnlich bei den Epstein Files getan werden. Es wird vom „ekligen Ulmen“ erzählt. Und seinen „kranken“ Taten. Das ist alles „das andere“. Das „Fremde“, das hat alles nichts mit „normalen Männern“ zu tun.
Die zweite Sache habe ich schon oben beschrieben. Es wird gezweifelt, relativiert und der Diskurs abgelenkt. Nicht sofort in voller Stärke. Nach und nach.
Ich befürchte wirklich: Es wird wieder nicht viel hängen bleiben. Denn Ulmen ist nur bedingt ein Exzess. Frauenverachtung war normal und ist normal. Frauen sind in den Augen vieler Männer keine Menschen. Frauen existieren zu ihrer Bedürfnisbefriedigung. Ich glaube, es sitzt so tief in ihnen, dass sie es oft noch nicht einmal merken.
Ich kenne über so viele Chefredakteure, Medienmanager und irgendwie führende Kreative Gerüchte, dass ich fast behaupten möchte: Um im Medien-, Kultur- und Gedöns-bereich wirklich was zu reißen, braucht es eine gesunde Prise Frauenverachtung.
Beweist mir das Gegenteil.
Nur darf man diese Geschichten nicht erzählen – außer vielleicht anonymisiert. Sonst drohen Klagen und Angriffe über Social Media.
Oder man beginnt eben, sich selbst zu zensieren. Um keinen Ärger zu bekommen. Um sein bisschen Kohle zu behalten.
Ich würde hier gern mit einem Aufruf enden. Ich weiß keinen.
[1] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://www.frauen-gegen-gewalt.de/de/aktionen-themen/kampagnen/vergewaltigung-verurteilen/zahlen-und-fakten-zum-plakat-vergewaltigung-verurteilen.html (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)