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Geben wir einander die Würde zurück

In einer Baumlichtung in den Himmel fotografiert. Ein blauer Himmel mit weißen Wolken, in der Mitte die Sonne, die im Foto blendende Strahlen zieht.

 

TW sexuelle Gewalt, Ohnmachtsgefühle

Ein Masseur nimmt bei einer Massage die Brustwarze seiner Patientin in den Mund. Sie klagt ihn an. Der Richter sieht keine sexuelle Intention und spricht ihn frei.

Wut. Immer wieder das Gefühl, die Beine weggeschlagen zu bekommen. Weil das Gefühl der Ohnmacht des unbekannten Opfers in der eigenen Ohnmacht wiederhallt.

Die Ahnung des Gefühls, vielleicht eine Mischung aus Zorn und Scham und Ekel, wenn der Täter aus dem Gericht schreitet. Freigesprochen von einer Schuld, die du an deinem Leib gespürt hast. Und der Täter hat das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben. Gewonnen zu haben. Und du bleibst zurück.

Gegen den eigenen Willen die Brustwarze im Mund eines anderen Menschen zu wissen (alleine das Aufschreiben ist mir wirklich widerlich), dem augeliefert, ist zutiefst verstörend, traumatisierend. Wie traumatisierend ist es aber, von einem Richter so abgekanzelt und allein gelassen zu werden.

 

Es gibt keine Gerechtigkeit, keine faire Welt in diesem System. Es sind glückliche Zufälle, wenn, wie im Fall von Gisèle Pélicot, wenn wirklich Verurteilungen geschehen. Die Betonung liegt auf Glück (ja, es ist mir bewusst, wie schlimm es ist, in solch einem Fall von Glück zu sprechen. Was die Verurteilung angeht, ist es Glück. Denn der Fall Pélicot ist nur die Spitze eines Eisberges.) Und mittlerweile denke ich: damit sollten wir uns abfinden.

Ich glaube, wir schaden uns tatsächlich selbst, wenn wir irgendeinen Glauben darin haben, irgendeine Hoffnung, dass von Gerichten, von der Politik, von der Polizei der Gerechtigkeit genüge getan wird. Wir geben so die Deutungshoheit ab. Wir erlauben einem Richter, unser Leid und unsere Geschichte der Lächerlichkeit Preis zu geben.

Wir, damit meine ich alle Marginalisierten, die denen am Ende nicht geglaubt wird. Die, denen ihre Wahrnehmung abgesprochen wird.

Gleichzeitig braucht es einen Ort, viele Orte, an denen gesprochen werden kann. Traumata brauchen Anerkennung und Raum, damit sie heilen können. Warum sollte solch ein Raum der Gerichtsaal sein. Ja, natürlich ist das der Wunsch: Dass die patriarchale Gesellschaft aufhört, patriarchal zu sein. Dass die Macht der Täter*innen endet. Bis es soweit ist, sollten wir dieser Gesellschaft absprechen, für uns Recht zu sprechen. Denn sie tut es nicht.

 

Ich wünsche mir Orte, an denen wir laut über all das sprechen können, was uns passiert ist. Orte, an denen wir uns nicht rechtfertigen müssen. An denen wir nichts beweisen müssen. An denen anerkannt wird, dass uns Unrecht widerfahren ist. Orte, an denen wir heilen können, ohne Angst davor zu haben, dass die Worte nicht gereicht haben, die Tränen lächerlich gemacht werden, das Leid bezweifelt wird und am Ende den Täter*innen Mitleid geschenkt wird. Der Kriminologe Prof. Dr. Christian Pfeiffer hat vor ein paar Jahren ermittelt, das etwa zwei Prozent der verübten Vergewaltigungen in einer Verurteilung enden. in Zahlen: 2%. Und es gibt keinen ernst gemeinten Versuch, diese Katastrophe einzudämmen. Es gibt noch nicht einmal ein breiteres Gespräch dazu. Zwei Prozent. Die Zahl ist so vernichtend.

Wir sollten uns abwenden von dem, was uns nicht anerkennen will. Wie der buddhistische Lehrer und Überlebende des Vietnamkrieges einmal sagte: „If you have no Power, you still have the Power to cut off.“ „Wenn du keine Macht hast, dann hast du immer noch die Macht dich abzuwenden.“

Wir werden keine Gerechtigkeit erhalten von einem System, das davon lebt uns zu beschämen und uns klein zu halten. Es sind nur Bröckchen, die es uns zuwirft, um uns in Hoffnung zu halten. Also wenden wir uns ab.  Wenden wir uns einander zu.

Ich will nicht mehr betteln. Ich will nicht gesehen werden von Menschen, die nur Augen haben für ihresgleichen und die Insignien der Macht. Denen offenbar jegliches Gefühl abhanden gekommen ist. Anders ist es mir nicht zu erklären.

Von solchen Menschen möchte ich nicht gesehen werden.

Geben wir einander die Würde zurück. Geben wir einander Größe. Verwenden wir darauf unsere Kraft.

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