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Die Ultimative Top-10-Songliste zum Antikriegstag

“People are people, so why should it be
You and I should get along so awfully?”

Depeche Mode, People are People (1984)

Künstler:innen haben sich schon immer zum Thema Krieg und Frieden positioniert. Wie etwa Joseph B. Geoghegan in seinem Folksong von 1869 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) „Johnny I Hardly New Ye“, der als ursprünglich humoristische Reaktion auf die Kandyanischen-Kriege (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zwischen Großbritannien und dem damaligen Königreich von Kandy in Sri Lanka entstanden sein soll.

Ganz so weit möchte ich nicht zurückspringen und präsentiere euch hier mein völlig wissenschaftlich-objektives TOP-10-Ranking von anti-Kriegs-Liedern seit 1969 vor. Der Artikel basiert auf einem Live-Bau vom 1. September von mir auf Radio Corax (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zum Antikriegstag.

Die grünlich blaue Bronzeskulptur eines Colts, dessen Lauf mit sich selbst verknotet ist. Die Skulptur steht auf einem grauen Sockel. Im Hintergrund links und rechts grüne Hecken. Dahinter ein Gebäude. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

 

Platz 10

https://www.youtube.com/watch?v=QeglgSWKSIY (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

„Gimme Shelter“ der Rolling Stones von 1969 ist nicht nur ein Lied über den Grauen des Vietnam-Krieges, sondern beschreibt auch die vorherrschenden Gefühle am Ende der Love-Generation der Hippies, abgelöst von Hoffnungslosigkeit und scheinbar gefangen in einem Sturm negativer Weltereignisse. Vielleicht macht das den Song auch aktueller denn je.

Stones-Frontmann Mick Jagger wünscht sich darin einen Schutz vor diesem Sturm und findet diesen am Ende wieder in der Liebe, also eigentlich dem Ideal, das die Hippie-Generation in den USA zuvor bereits formulierte hatte.

Für die Aufnahmen luden die Stones die damals 20-jährige Gospel-Sängerin Merry Clayton in Studio, die die Aufnahmen in nur zwei Takes abschloss.

 


Platz 9

https://www.youtube.com/watch?v=hZcLIsHdvss (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

„War Pigs“ von Black Sabbath aus dem Jahr 1970, sollte ursprünglich Walpurgis heißen. Das erklärt möglicherweise, warum darin auch schwarze Messen, Hexen, Zauber und Satan eine Rolle spielen.

Ob sich „War Pigs“ direkt auf den Vietnam-Krieg bezog, dazu gab es einander teilweise widersprechende Aussagen der Bandmitglieder selbst, aber dieser dürfte zumindest einen Einfluss gehabt haben.

Am Ende von „War Pigs“ haben die „Kriegsschweine“, wie der damalige Sabbath-Sänger Ozzbourne sie nannte, keine Macht mehr und Gott richtet über sie. Eine für manche vielleicht befriedigende Rachefantasie, die aber in der Realität nicht immer eintrifft.

Als Single hatte der Song damals weniger Erfolg, gilt aber heute als einer der bedeutendsten Heavy Metal Tracks aller Zeiten. Im Juli dieses Jahres verstarb Ozzy Osbourne.

 


Platz 8

https://www.youtube.com/watch?v=ZgzxQzWi4yg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Die Wader-Version des Eric Bogles Song „No Man's Land“, auch bekannt als „The Green Fields of France“ von 1980. Das lyrische Ich steht vor dem Grab eines toten Soldaten aus dem ersten Weltkrieg und denkt dabei über seine mögliche Geschichte nach.

Hast du, toter Soldat mal ein Mädchen geliebt?
Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt,
Können Zärtlichkeit und Vertrauen gedeihn
“, singt Wader.

Für das lyrische Ich hat sich seit dem ersten Weltkrieg an der Natur des Menschen gar nicht so viel geändert. Vielleicht die zentrale Botschaft des Songs und eine Warnung, sich nicht über die Geschichte und Natur des Menschen erheben zu wollen.

Eine Version des Bogles-Song der Band The Fureys hielt sich für 28 Wochen in den irischen Single-Charts. Waders Lied gilt als Lied der Friedensbewegung der 80er in Deutschland.

 


Platz 7

https://www.youtube.com/watch?v=K34umosAhJQ&list=RDK34umosAhJQ&start_radio=1 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ein großer Zeitsprung nach vorne. 1994 veröffentlichte die deutsche Folk-Punk-Band Across the Border ihr Debutalbum "Hag Songs", auf dem auch der Titel „I can't love this country“ zu finden ist. Der Refrain beinhaltet die Zeile:

„Und ich will nicht in einem weiteren deutschen Krieg sterben
Nein, ich kann dieses Land nicht mehr länger lieben“.

Ein ungewöhnlich tanzbarer anti-Kriegs-Song, der weniger auf Liebe und mehr auf Organisation und Gemeinschaft setzt, wenn er endet mit:

„Um einen weiteren deutschen Krieg zu bekämpfen
Wehende Flaggen, marschierende Füße
Und die Menge fängt an zu brüllen“.

Insofern auch ziemlich subversiv, weil ich zumindest mit wehenden Flaggen, marschierenden Füßen und einer schreienden Menge nicht zwangsläufig zuerst Bewegungen für Frieden verbinde.

 
Platz 6

https://www.youtube.com/watch?v=vNTbs3o7xoI (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

System Of A Down veröffentlichte 1998 "War", mit einem Fragezeichen am Ende. Im Musikvideo beginnt der Song mit der sich wiederholenden Stimme von Leadsänger Serj Tankian, der intoniert: „Freiheit wird nur durch den Tod verfügbar“.

„War?“ interessiert sich ähnlich wie „War Pigs“ eher für die verführerische Kraft der Kriegsrhetorik und schreit seinen Zuhörer:innen entgegen: „Wir werden die Ungläubigen bekämpfen“.

Heute steht System Of A Down in der Kritik, weil sie sich zum illegalen Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine bisher nicht klar positioniert haben, obwohl ihr musikalischer Katalog eigentlich voll von anti-Kriegsliedern ist.

Das könnte auch daran liegen, dass der US-amerikanisch-armenische Frontsänger Serj Tankian in diesem Zusammenhang auf Instagram (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von „zwei Seiten sprach“, auf denen sich jeweils armenische Soldat:innen befinden würden. Nämlich jeweils auf Seiten der Ukraine und Russlands.

Dennoch bleibt „War“ für mich ein starkes anti-Kriegslied im Katalog von System Of A Down.

 


Platz 5

https://www.youtube.com/watch?v=gtPgwPPGTfk (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

2006 erschien Josh Ritters Album “The Animal Years”. Obwohl zu den musikalischen Vorbildern Ritters unter anderem Bob Dylan zählt, gilt er eher als unpolitischer Country-Folk-Musiker. „Thin Blue Flame“ ist anders als die meisten anderen anti-Kriegs-Lieder die ich kenne oder höre und entstand unter dem Eindruck des Dritten Golfkriegs.

Ein Song, der immer wieder zu einem Crescendo anhebt und dann wieder abebbt, nur um am Ende mit einem teils atonalen Höhepunkt alles rauszulassen. Zwar arbeitet Ritter im Song auch mit religiösen Themen, doch verarbeitet er diese bedeutend subtiler als beispielsweise System Of A Down.

Dabei mag es zunächst wenig subtil klingen, wenn er von Straßen singt, die von Amputierten überschwemmt werden und sich fragt ob es eine Bibel oder eine Kugel ist, die man über unsere Herzen gelegt hat.

Für mich gelingt Ritter dabei aber über eine Dauer von fast zehn Minuten der Spagat zwischen klischeehafter anti-Kriegs-Rhetorik und einem eher beobachtenden Singer-Songwritertum, das letztlich den Blick senkt vom Himmel hinein ins Innere.

Das einzige Problem was der Song haben dürfte: Gibt es genug Leute, die sich die Zeit die Auseinandersetzung damit nehmen? Denn, wie Ritter selbst endet:

„Der Himmel ist so groß, dass wir nicht dorthin schauen müssen
Also habe ich aufgehört nach Schlössern in der Luft zu suchen
Nur ein volles Haus wird eine Predigt liefern“.

 


Platz 4

https://www.youtube.com/watch?v=bndL7wwAj0U (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ebenfalls 2006 veröffentlichten Tool ihr Album „10.000 Days“. In ihrem Anti-Kriegs-Lied „Right In Two“ finden sich – für Tool eher ungewöhnlich – ebenfalls christliche Bezüge und dazu noch in einer ziemlich positiven Konnotation.

Bereits zum Einstieg ist die Rede von „Engeln am Seitenrand / an der Seitenlinie“, die teils mit Belustigung, teils verwirrt auf das Treiben der Menschheit schauen.

Es sind wahrscheinlich auch die Engel, die in „Right In Two“ bemerken:

„Abstoßend ist eine Kreatur,
die ihre Fähigkeit vergeudet den Blick zum Himmel richten zu können,
im Bewusstsein ihrer vergänglichen Zeit hier auf Erden.“

Für das lyrische Ich braucht es also einen Perspektivwechsel hin zur Vergänglich- und Kostbarkeit des Lebens. Man könnte in Anbetracht von Tools Bildsprache auch von „Heiligkeit“ sprechen. Erst dann ließe sich es sich wieder auf den Frieden besinnen.

Ein Perspektivwechsel, der gegen das Prinzip des „Teile und Herrsche“ gesetzt wird, in dem sich die Menschheit immer wieder verheddert. Inhaltlich kein riesiger neuer Steinwurf, aber durchaus clever, falls es sich dabei auch wirklich noch um eine doppelbödige Anspielung auf das salomonische Urteil (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) handeln sollte.

Aber wer wirft schon den ersten Stein, bei so einem Song?

 

 

Platz 3

https://www.youtube.com/watch?v=WRmBChQjZPs (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

„One Day“ von 2009 bezieht sich vor allem auf den Israel-Palästina-Konflikt und äußert die Hoffnung auf den „Einen Tag“, an dem alle bemerken, dass sie unter einer Sonne leben. Einen Ausweg aus einer „Nullsummenspiel“-Mentalität finden. So heißt es im Song:

„Es geht nicht um Sieg oder Niederlage,
Denn wir alle verlieren, wenn sie sich an den Seelen der Unschuldigen nähren.“

Während des aktuellen Kriegs zwischen Israel und der Hamas wurden mehrere Auftritte des Sängers in den USA abgesagt werden und es kam zu Demonstrationen gegen ihn. Ein Konzertbericht der Webseite Cincy Jewfolk (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) war dabei für mich besonders eindrücklich und bedrückend.

Drinnen in der Konzerthalle spielte Matisayhu seinen Song „One Day“, der vom Wunsch auf Frieden handelt, draußen protestierten Menschen gegen den Sänger, weil er angeblich die israelische Regierung mit ihrer Kriegsführung unterstütze, obwohl er selbst in der Vergangenheit unterstrichen hatte, dass er Netanyahu nicht als die richtige Person für sein Amt ansehe.

Im Januar 2024 trat er in Tel Aviv unter anderem bei einem Protest zur Befreiung der Geiseln auf. Sein Abschlusssong, trotz seiner Erfahrungen seit dem 7. Oktober 2023: „One Day“.

Ein Song von dem er, wie er sagte, schon seit Beginn seiner Karriere immer geträumt hatte. Genauso wie er und viele andere weiter von dem „Einen Tag“ träumen.

 


Platz 2

https://www.youtube.com/watch?v=hGuGfdEJ5Pw (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Let 3 sind wohl die ungewöhnlichste Band auf dieser Liste und beweisen, dass anti-Kriegslieder nicht immer absolut ernst daherkommen müssen.

Die kroatische Gruppe wurde bereits 1986 gegründet und ihr Debutalbum hieß einfach nur „Two Dogs fucking“. 2006 erhielten die Mitglieder der Band eine Geldbuße für einen Nacktauftritt. 2023 traten sie mit ihrem Song „Mama ŠČ!“ für Koratien beim Eurovision Songcontest auf und ich habe mich sofort in die Theatralik der Band und die Catchy-Songzeile „Mama kupila traktora“, also „Mama kaufte einen Traktor“ verliebt.

Viele interpretieren das Lied als eine Kritik am russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und verstehen den Traktor etwa als das Geschenk (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) des weißrussischen Diktators Lukaschenko an den russischen Diktator Putin zu seinem 70sten Geburtstag. Er soll Putin damals den Gutschein für einen Traktor überreicht haben.

 


Platz 1

https://www.youtube.com/watch?v=lnsf4b69JbI (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Im vergangenen Jahr veröffentlichten K.I.Z ihren Song „Frieden“. K.I.Z schafft darin einen Kontrast zwischen dem Wunsch nach Frieden und der bereits erwähnten Nullsummen-Mentalität, denn bevor es Frieden gibt „müssen wir gewinnen“, heißt es im Song.

„Frieden“ hat als Song seinen Platz, konserviert dieser doch eine Vorstellung zu Krieg und Frieden in der Linken, die von Nicoles „Ein bisschen Frieden“ nicht weit entfernt ist und gleichzeitig sehr persönliche und individuelle Erfahrungen innerhalb der Linken in den vergangenen Jahrzehnten seit den 90ern thematisiert und mit der aktuellen Debatte verbindet.

Für mich wirft der Song die Frage auf, wie man sogenannte „Gerechte“ von „Ungerechten Kriegen“ unterscheiden kann.

Eine Frage, für ein Völkerrechtsseminar oder eine Vorlesung in der Friedens- und Konfliktforschung und insofern vielleicht weniger ein Song, der mich mit einer klaren Erkenntnis weggehen lässt, sondern eher der Frage: Wann lohnt es sich eigentlich für den Frieden zu kämpfen?

Maxim von K.I.Z äußerte sich im SPIEGEL-Interview (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) () im vergangenen Jahr zum Song und meinte auf die Frage zu einem vermeintlichen „Positionierungszwang“ in Sachen Krieg und Frieden: „Sauschwer. Mittlerweile geht der Diskurs dahin, dass jemand, der sich raushält, schon ein Verräter ist.

Gleichzeitig kritisierte er die Antilopen Gang für ihren Song “Oktober in Europa (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”, weil diese auch Zuspruch des Springer-Verlags erhielten und gab ihnen den Rat, sich dahingehend zu hinterfragen.

Doch auch K.I.Z bekam für ihren Song Werbung aus einer in der Linken nicht ganz unumstrittenen Richtung, nämlich von Fabio De Masi vom Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), der den Liedtext auf Social Media veröffentlichte.

Im gleichen Spiegel-Interview sagte Maxim dazu, dass er einerseits Werbung nehme, egal woher sie komme, machte jedoch auch klar, dass er „deren Pazifismus“, also den des BSW, kritisieren würde.

Ob Maxim von K.I.Z selbst im Nachhinein die Ironie im Zusammenhang mit seiner Kritik an der Antilopen Gang aufgefallen ist? Dazu ist mir jetzt nichts bekannt.

Ich jedenfalls träume von ein bisschen (diskursiven) Frieden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zwischen Bands wie K.I.Z und der Antilopen Gang, denn beide Songs waren auf ihre Art und für ihr jeweiliges Publikum meiner Meinung nach enorm wichtig.

 

 

“This is the end”

Das war es mit meinem absoluten objektiven / wissenschaftlichen Ranking der TOP 10 Anti-Kriegs-Lieder.

Objektiv insofern, das sollte mittlerweile aufgefallen sein, weil sich die Platzierung ausschließlich nach dem Jahr der Veröffentlichung richtet und keine Aussage zu meiner persönlichen Präferenz beinhaltet.

Denn wenn es um Musikgeschmack geht, bin ich prinzipiell Hippie, auch wenn ich gerade kurze Haare habe, in die keine Blume passen würde.

* Titelfoto: Die Bronzeskulptur „Non-Violence“ vor dem UN-Hauptquartier in New York City von Hazzy via Wikipedia (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), lizenziert unter CC BY-SA 4.0 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

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