In meinem Stimmungstagebuch sammle ich zur Zeit “Gut”-Einträge. Seit Langem dokumentiere ich jeden Tag, wie ich mich fühle. Das hängt nicht nur mit meiner Vorliebe für Statistiken zusammen, sondern es hilft mir auch, in mich hineinzuhören, Veränderungen zu bemerken und Muster zu erkennen. Im besten Fall erkenne ich Fortschritte, im ungünstigeren Fall sehe ich, wie zäh ein Tief sein kann und wie viel Geduld ich brauche.
Auch, wenn ich immer angebe, ob es mir gerade sehr gut, gut, mittelmäßig, schlecht oder sehr schlecht geht, hilft mir das Stimmungstracking, nicht nur schwarz-weiß zu denken, sondern Nuancen zuzulassen. Es fällt mir meist leicht zu sagen, ob es mir gut geht oder nicht. Aber welche angenehmen und weniger angenehmen Gefühle ich wahrnehme, ist eine ganz andere Frage, aber vielleicht die wichtigere.
Die Frage Wie geht es dir?, oder auch Alles gut?, gehört zu den häufigsten Alltagsfloskeln. Eigentlich ziemlich unscheinbare Sätze, nicht viel mehr oder weniger als eine freundliche Geste. Wie wir aber darauf antworten, kann ein Gradmesser dafür sein, wie nah wir der Person sind, die die Frage stellt, schreibt Michael Kurth, besser bekannt als Curse, in seinem Buch 199 Fragen an dich selbst. “Gleichzeitig können wir festmachen, wie sehr wir mit uns selbst verbunden sind, indem wir darauf achten, wie ehrlich und tiefgehend wir auf diese Frage antworten können.”
Heute, am World Mental Health Day, ist ein guter Tag, um einem Menschen die Frage Wie geht es dir? ganz ernst gemeint zu stellen, und sie selbst aufrichtig zu beantworten.
Gut, mittelmäßig oder schlecht, das kann sicher jede*r gleich beantworten. Aber das ist nur ein Teil der Antwort. Wir sind es gewohnt, schnell zu bewerten. Angenehme Gefühle sind gut, unangenehme Gefühle sind schlecht. Aber so einfach ist es nicht. Unangenehme Gefühle wie Angst oder Wut oder Traurigkeit sind nicht automatisch schlecht. Angst kann uns schützen. Wut erinnert uns an unsere Werte und unsere Grenzen. Traurigkeit kann uns einen tieferen Zugang zu uns selbst ermöglichen.
Gleichzeitig sind angenehme Gefühle nicht immer gut. Sie können uns täuschen. Manchmal erzeugen wir sie, um etwas anderes nicht fühlen zu müssen. Nicht selten setzen wir dazu Hilfsmittel ein, die uns nicht lange tragen – durch Konsum, durch besondere Erlebnisse, durch Substanzen wie Alkohol oder andere Drogen, durch Likes in den sozialen Medien oder risikoreiche Geschäfte mit Aktien, aber auch durch den Kontakt zu Menschen, die uns langfristig nicht stabilisieren können. Angenehme Gefühle können so zu einer Fassade werden, hinter der wir uns selbst verbergen. Manche Menschen tun das an einzelnen Tagen, andere ein Leben lang.
Wenn ich heute in mein Stimmungstagebuch schreibe, versuche ich deshalb nicht nur zu bewerten, was sich gut oder schlecht anfühlt, sondern genauer hinzuschauen: Welche Empfindungen sind da? Wie verändern sie sich? Und was sagt das über meine Verbindung zu mir selbst aus?

Foto: Ethereal Optics (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Gerade frage ich mich, welchen Anspruch ich an die Zeit haben sollte, in der ich mich jetzt befinde. Der Sommer hat sich sang- und klanglos verabschiedet, draußen Regen, kaum Sonne. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich eine riesige dunkelgraue Wolke, die kraftlos über die Stadt zieht.
Keine andere Jahreszeit macht sich so deutlich bemerkbar wie der Herbst. Während sich der Winter langsam anschleicht, der Frühling einen langen Anlauf nimmt und schon bald fast Sommer ist, hat diese Jahreszeit eine plötzliche Schärfe, die keinen Zweifel lässt. Ein kühler Morgen, Nebel über den Feldern, fallende Blätter: Jetzt ist Herbst. Während die Luft draußen so klar ist, wie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr, verlagert sich das Leben spürbar nach innen.
Ich mag diese Zwischenzeiten. Sie erinnern mich daran, dass alles im Wandel ist und jedes Glück und jedes Unglück von begrenzter Dauer. Und gleichzeitig fordern sie mich immer wieder aufs Neue heraus.