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Was wir aus der Ulmen-Debatte lernen (Teil 2)

Wie angekündigt folgt nun Teil 2 von Was wir aus der Ulmen-Debatte lernen. Den ersten Teil der Artikel-Reihe findet ihr hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Rückblick

Bevor es weitergeht ein kleiner Rückblick. Im vorangegangenen Artikel hat mich vor allem beschäftigt, welche Erkenntnisse wir aus der Ulmen-Debatte mitnehmen. Im Kern waren es zwei:

  1. Starke Frauen haben es besonders schwer im Patriarchat.

  2. Rechte Influencer tun alles, um Debatten zu kapern (und Opfer zu instrumentalisieren).

Im heutigen Artikel „zoome” ich ein wenig heraus und mache mir Gedanken zu der Rolle von NGOs im Kontext digitaler Gewalt und ebenso, was wir konkret tun können, um diesebezüglich die gesellschaftliche Diskussion zu verbessern. Im Anschluss gibt es also ein paar Handlungsempfehlungen und konstruktive Vorschläge.

Update

In der Auseinandersetzung Ulmen-Fernandes hat es einige Neuigkeiten gegeben. Vor allem ist Christian Ulmen (bzw. seine Anwälte) in der juristischen Auseinandersetzung gegen den Spiegel insofern weitgehend gescheitert, als dass der Spiegel, aus gerichtlicher Sicht, durchaus über einen großen Teil der Vorwürfe von Ulmens Ex-Frau Collien Fernandes berichten durfte (eine Verdachtsberichterstattung ist laut Gericht zulässig):

https://www.zdfheute.de/panorama/ulmen-rechtsstreit-niederlage-gericht-spiegel-collien-fernandes-100.html (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ein zentraler Streitpunkt war der Vorwurf, Christian Ulmen habe Deepfake-Videos von Collien Fernandes verschickt. Dies stritt er bzw. seine Anwälte ab („Unser Mandant hat zu keinem Zeitpunkt Deepfake-Videos von Frau Fernandes oder anderen Personen hergestellt und/oder verbreitet”):

https://www.zdfheute.de/panorama/ulmen-fernandes-deepfake-vorwurf-reaktion-100.html (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Das Landgericht Hamburg entschied jedoch, auch über diese Vorwürfe zu berichten sei legitim. Der Spiegel selbst schreibt: „Collien Fernandes beschuldigt Christian Ulmen, sie »virtuell vergewaltigt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)« zu haben. Der SPIEGEL enthüllte den Fall, Ulmen ging dagegen vor. Nun hat das Landgericht Hamburg entschieden: Über die Vorwürfe zu berichten, war rechtmäßig und angemessen.”

https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/fall-collien-fernandes-christian-ulmen-scheitert-vor-gericht-spiegel-bericht-bleibt-praktisch-unangetastet-a-29ed994a-d092-49d5-8a9b-afe135fceeb5 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ich habe zur Einordnung der Vorgänge Autorin Veronika Kracher (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) angefragt. Sie ist Expertin für Antifeminismus und Internet-Hasskampagnen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und sieht in der Deepfake-Diskussion vor allem eine taktische Delegitimierungsstrategie:

„Was wir gerade sowohl an der Strategie von Ulmens Anwaltsteam – das auch andere mutmaßliche Täter wie Luke Mockridge oder Till Lindemann betreut – in der von antifeministischen AkteurInnen geführten Debatte um Fernandes beobachten können, ist jenes misogyne Playbook, das Johnny Depp und sein Team 2022 im Prozess gegen Depps Ex-Frau Amber Heard etabliert haben. Dass sich Ulmens Team darauf fokussiert, dass der „Spiegel“ in seiner Berichterstattung von „Deepfakes“ geschrieben habe (damals war laut Fernandes noch nicht vollständig bekannt, dass es sich bei dem von Ulmen verschickten Materials nicht um KI generierte Deepfakes handelte, sondern u.A. um pornografische Fotos und Videos von ihr ähnelnden Frauen, von denen Ulmen behauptete es sei Fernandes) hat folgende Funktionen: erstens soll es darum gehen, den Fokus auf dieses Detail zu lenken, um die komplette Analyse des „Spiegel“, und somit die Aussagen von Fernandes zu delegitimieren: „Wenn dieses Detail nicht stimmt, kann dann der Rest stimmen?“. Die Debatte soll so von dem eigentlichen Gegenstand – Ulmens jahrelanger digitaler Ermächtigung über den Körper und die Identität seiner Ex-Frau – verschoben werden hin zu deren Glaubwürdigkeit.
Diese Strategie nennt sich DARVO (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) - „Deny, Attack, Reverse Victim and Offender”, und ist fester Bestandteil sowohl im Repertoire von gewaltvollen Partner*innen, als auch im rechten Kulturkampf. Es geht darum, das Opfer zu diffamieren, um sich selbst aus der Schusslinie zu nehmen und das Narrativ bestimmen zu können.”

Indem die Aufmerksamkeit auf Nebenschauplätze gerichtet wird, soll die grundsätzliche Glaubwürdigkeit des Opfers – in diesem Fall Collien Fernandes – in Zweifel gezogen werden.

Collien Fernandes selbst wiederum berichtet von einer nicht abreißenden Welle von Hassmails, für die sie eine Teilverantwortung bei Christian Ulmen sieht. Fernandes, die momentan für „Das Traumschiff“ auf Drehreise ist, sagte im Stern-Interview (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (Titel „Ich weiß nicht, ob ich einer Frau heute sagen würde: Zeig ihn an!“):

„Ich war vor zwei Tagen mal wieder auf Facebook. Da schreiben Leute über mich, dass ich hoffentlich „den Küblböck mache“, wenn ich jetzt schon auf dem Schiff sei. Oder: „Ich hoffe, dass die da runterfällt.“ Solche Hasskommentare kamen erst, als von der Gegenseite Falschbehauptungen kolportiert wurden und Statements, die ganz bewusst missverständlich formuliert waren.”

Gegen Vorwürfe, sie hätte Christian Ulmen nicht anzeigen sollen aus Rücksicht auf die gemeinsame Tochter, wehrt sie sich:

„Natürlich ist es wahnsinnig schwierig, den Vater des eigenen Kindes anzuzeigen, deshalb entscheiden sich ja auch viele Frauen dagegen. Und natürlich habe ich lange darüber nachgedacht. Aber was wäre das für ein Signal an meine Tochter gewesen, hätte ich es nicht getan?”

Wer NGOs angreift, greift uns alle an

Im ersten Teil dieser Artikel-Reihe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) haben wir gesehen, dass rechte Akteure nicht bloß Opfer angreifen, sondern ebenso jene Organisationen, die ihnen helfen. Insofern ist der NGO-Hass rechter Akteure einen weiteren Blick wert. Gerade weil er die typischen Siff-Ecken des Internets (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) transzendiert und längst als konservativer Programmpunkt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in der Mainstream-Politik angekommen ist. Erinnern wir uns an die Bundestagsanfrage „Politische Neutralität staatlich geförderter Organisationen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ der Unionsfraktion, die vor Anfang 2025 mit 551 Fragen zu 14 NGOs gezielt deren Glaubwürdigkeit torpedieren sollte (u.a. Omas gegen Rechts, Greenpeace oder Correctiv). Oder ganz aktuell, wie Familienministerin Karin Prien (CDU) das Förderprogramm „Demokratie leben“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), das u.a. Extremismusprävention fördert, gezielt umgestalten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) möchte (manche sagen: demolieren). Zahlreiche Organisationen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung, HateAid oder die Bildungsstätte Anne Frank könnten so in Zukunft ihre Arbeit nicht wie gewohnt ausführen.

Meron Mendel, Direktor Bildungsstätte Anne Frank, sagt hierzu gegenüber dem RBB (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre):

(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wir sehen gerade eine Kultur des Misstrauens, die geschürt wird. Es werden Überprüfungen gemacht, es werden schriftliche Bewilligungen zurückgenommen. Ich frage mich, was dahintersteckt? Ist die Zivilgesellschaft der Feind der Regierung?”

Die Beratungsstelle und Hilfsorganisation HateAid (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) war es übrigens, die Fall Collien Fernandes half, sich gegen Beleidigungen und Bedrohungen zu wehren – und die auch mir persönlich schon in der Vergangenheit geholfen hat, z.B. durch Übernahme von juristischen Prozesskosten in Fällen von Beleidigungen und Bedrohungen. Was Kanzler Merz als „Werkzeug einer radikalen Minderheit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ bezeichnet, sind in Wahrheit oft die Säulen der Zivilgesellschaft, welche nicht selten Artikel 1 Absatz 1 des deutschen Grundgesetzes (GG) insbesondere dort schützen, wo der Staat selbst zuständig wäre, allerdings seiner Pflicht nicht gerecht wird und geradezu versagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Was wir aus der Ulmen-Debatte lernen (3):

Wer NGOs angreift, greift uns alle an.

Handlungsempfehlungen und konstruktive Vorschläge

Im Folgenden möchte ich ein paar praktische Schlüsse aus der Ulmen-Debatte ziehen und überlegen, wie wir zukünftig konstruktiver mit Fällen digitaler Gewalt umgehen können. Zusammengenommen lässt sich aus den drei Lehren (Lehre 1 und 2 im ersten Artikel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Lehre 3 oben) Folgendes für die Zukunft ableiten:

Begegnet Frauen wohlwollend!

Erstens: Unterstützt Frauen, wenn sie von Grenzüberschreitungen berichten, und sei es zunächst ganz banal: mit Aufmerksamkeit. Egal, ob sie reich sind, Follower haben, Medienprofis sind – oder nicht. Hört ihnen zu. Begegnet ihnen wohlwollend. Unterstellt ihnen Glaubwürdigkeit. In einer Gesellschaft voller Misstrauensgemeinschaften (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist Vertrauen keine Selbstverständlichkeit, aber: Die wenigsten Menschen inszenieren sich in der Öffentlichkeit als Missbrauchsopfer, nur um jemanden zu diffamieren und in der Reputation zu schaden. Die wenigen Fälle, wo dies doch so oder so ähnlich vorgefallen ist – Stichwort Kachelmann (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – sind statistisch gesehen die Ausnahme, nicht die Regel. Jörg Kachelmann selbst schreibt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) dazu auf Bluesky:

„Für mich ist es bestürzend, so oft meinen Namen unter Postings zu #Ulmen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zu lesen und gegen meinen Willen als lebender Beleg dafür herzuhalten, dass es Falschbeschuldigungen gibt. Ich lehne das ab und fordere Sie dazu auf, allen Frauen mit Respekt zu begegnen, die sexualisierte und andere Gewalt anzeigen. Es ist zwar für mich einerseits positiv, dass bei vielen Menschen angekommen ist, dass ich Opfer einer Falschbeschuldigung wurde. Dass ich aber dadurch grundsätzlich und in jedem Fall zu einem argumentativen Hindernis gemacht werden soll, wenn Frauen Gewalterfahrungen anzeigen und diese unter einen Generalverdacht gestellt werden, dass es „womöglich wie beim Kachelmann" war, ist abseitig und falsch. Meine Solidarität gilt immer den Opfern, wo sie auch immer sind. Was mir passiert ist, lässt sich nicht verallgemeinern. Lassen Sie mich raus.“

 

Erkennt rechte Kampagnen und haltet dagegen!

Zweitens: Bereitet euch auf rechte Kampagnenarbeit vor. Haltet dagegen, durchschaut sie, lasst euch nicht manipulieren von rechter Propaganda! Wird online eine Welle Hass über jemandem ausgekübelt, ist die Wahrscheinlichkeit nicht gering, dass dieser Hass – insbesondere bei politischen Themen wie Feminismus, Rollenbilder, Gerechtigkeit – künstlich von Akteuren der rechten Szene angestachelt und aufrechterhalten wird. Shitstorms entwickeln sich nicht „organisch“, sie werden gemacht (Stichwort „Heizungsgesetz (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”). Wachsam zu bleiben, sich nicht emotionalisieren und manipulieren lassen, sich nicht vor den politischen Karren spannen zu lassen – das ist die Aufgabe mündiger Internetnutzer; und bei Shitstorms gegen Frauen insbesondere die Aufgabe der Männer.

Ist die rechte Kampagne als solche erkannt, benennt sie öffentlich als solche! Weist andere darauf hin, und sprecht den betroffenen öffentlich eure Solidarität aus. Jeder Ausdruck des Beistands und der Solidarität hilft; indem er andere inspiriert, sich ähnlich zu verhalten (oder zumindest die Hemmungen vergrößert, sich dem Online-Lynchmob anzuschließen).   

 

Unterstützt gute Politik & NGOs!

Drittens: Unterstützt Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in ihrer Arbeit. Engagiert euch zivilgesellschaftlich, wenn möglich. Wer sich nicht selbst engagieren kann oder möchte: Spendet Geld an Vereine und Nichtregierungsorganisationen, die eurer Meinung nach wichtige Anliegen bearbeiten. Supportet Organisationen, die Opfern helfen. Schließt euch jenen an, die das gesellschaftliche Klima nicht anheizen, sondern normalisieren wollen.

Und politisch gesehen: Stellt euch einer Politik entgegen, welche die Säulen der Zivilgesellschaft angreift und somit dem Extremismus leichtes Spiel macht. Typischerweise kommt diese Politik von der AfD (und deren Propaganda-Helfernetzwerken), immer häufiger jedoch auch von der CDU (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl spricht von einem „Radikalisierten Konservatismus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“) und, besonders tragisch, vom Bundeskanzler selbst (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Fordert ein, was euer gutes Recht ist in der Demokratie: Eine würdevolle Repräsentation durch eure Repräsentanten. Eine Politik, die sich für alle engagiert, nicht nur für einige wenige. Und einen Bundeskanzler, der Teil Lösung ist – und nicht Teil des Problems.

Ähnliches Thema, andere Richtung: Immer öfter wird KI genutzt, um Menschen per falscher Prominentenwerbung in eine Betrugsmasche zu locken. Besonders Eckart von Hirschhausen macht als Betroffener aufmerksam auf Fake-Werbung und die dahinterstehenden mafiösen Strukturen:

https://www.zeit.de/digital/internet/2026-05/eckart-von-hirschhausen-deepfakes-ard-dokumentation?freebie=354a5809 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Insgesamt eine m. E. sehenswerte Doku zum Deepfake-Betrug, dem immer mehr Prominente bzw. deren Fans zum Opfer fallen: „Eckart von Hirschhausen deckt die Deepfake-Mafia auf – organisierter Online-Betrug, ein globales Netz, das mit Daten und Vertrauen spielt. Mit täuschend echten KI-Videos, gezielter Datenauswertung und bedrängenden Anrufen werden Menschen manipuliert und unter Druck gesetzt. Die investigative Doku zeigt, wie skrupellos das System arbeitet, warum Täter schwer zu fassen sind, und wie persönliche Daten zum Geschäftsmodell werden. Ein eindringlicher Film über Macht, Missbrauch und Schutz im digitalen Zeitalter. Eckart von Hirschhausen deckt ein globales Netzwerk auf, das gezielt mit Ängsten, Gesundheit und Vertrauen spielt.”

https://www.ardmediathek.de/video/hirschhausen/hirschhausen-und-die-deepfake-mafia/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtNWQzZjlhZjYtNTViOS00ODIyLThlNTUtM2ZjOGQyYzRmNWNk (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Falls ihr noch nicht reingehört habt, empfehle ich euch meine Podcastfolge mit Psychologin Lisa Hoffmann und Sexualpädagogin Madita Oeming:

https://steady.page/de/janskudlarek/posts/0dd24de5-b25a-4926-a81a-b2dd9e84faed (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Anderes Thema, aber vielleicht auch interessant: Im Podcast Haken Dran sprechen Gavin Karlmeier und ich über die Signal-Phishing-Angriffe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), über Screenshot-Ansammlungen, über Terminator und Datenschutz, Instagram und Datingapps. Danke für das kurzweilige Gespräch, Gavin! Die Folge ist als Screenshots gegen die Apokalypse (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) jetzt überall zu streamen, wo es Podcasts (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gibt.

https://hakendran.podigee.io/569-screenshots-gegen-die-apokalypse-mit-jan-skudlarek (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Auch mit Video auf YouTube:

https://www.youtube.com/watch?v=7g95554WmEI (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

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