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Unruhige Hoffnung

Ich teile hier bei Steady Inhalte mit unterschiedlichem Fokus: sachliche Analysen & Informationen sowie exklusive News, journalistische Berichte und/oder persönliche Erfahrungen. Dieser Beitrag zählt zum Bereich “Persönliches”…

2026 hat mit einer sehr schönen Veranstaltung begonnen. Bereits der Titel der Veranstaltung drückt aus, in welchen Zeiten wir uns gerade befinden. “Unruhige Hoffnung” fand vom 16.-18.01.26 statt und ich wurde als Talk-Gast für einen Live Podcast in die Akademie Biggesee (Attendorn) eingeladen. Dies ist mein erster Veranstaltungsbericht. Er ist sehr lang, weil er viele persönliche Gedanken enthält, aber ich hoffe ihr habt dennoch Freude beim Lesen. (Lesedauer ca. 6min)

Wenn der Weg zum Ziel wird - Anreise zu “Unruhige Hoffnung”

Freitag, 18 Uhr: Frankfurt Hauptbahnhof. Geplante Ankunft Biggesee-Akademie: 21:30 Uhr. Tatsächliche Ankunft: 22:45 Uhr. Der Weg zu einer Konferenz, die „Unruhige Hoffnung" heißt, beginnt mit genau dieser Mischung aus beidem.

Die Rückreise von einem Netzwerktreffen in Frankfurt sollte planmäßig verlaufen – zumindest auf dem Papier. Der erste Zug fuhr pünktlich, das Umsteigen schien gesichert. Doch dann, wenige Kilometer vor dem Bahnhof, das vertraute Szenario: „Stau auf der Strecke." Eine defekte Oberleitung, nur ein Gleis frei. Der Zugbegleiter, der mich freundlicherweise in die erste Klasse einlud, weil der Zug überfüllt war, setzte sich zu mir und bestätigte, was ich bereits ahnte: Der Anschluss würde knapp werden. Er wurde nicht nur knapp – er wurde verpasst. Und der nächste auch. Eine knappe Stunde standen wir kurz vor dem Zwischenhalt mitten im Nirgendwo. Es gab nicht mal Handyempfang, so dass ich meine Abholerin hätte informieren können. Endlich ngekommen war auch die Alternative Richtung Olpe bereits fünf Minuten vor unserer Ankunft abgefahren.

Das RUF-Taxi: Eine Odyssee in der Odyssee

Zum ersten Mal in meinem Leben nutzte ich ein RUF-Taxi. Die Wartezeit von 30 Minuten überbrückte ich in einem Restaurant, gemeinsam mit einem jungen Unternehmensberater, der ebenfalls hier gestrandet war. Wir amüsierten uns über unsere Situation – manchmal ist Humor die einzige angemessene Reaktion auf das Chaos.

Um 21:44 Uhr kam das RUF-Taxi. Zwei weitere Fahrgäste saßen bereits auf der Rückbank, ich nahm den vorderen Sitz. Der Fahrer war gesprächig, interessiert an meiner Arbeit, und schnell landeten wir bei der aktuellen Politik. Ich hätte gerne weniger geredet und mehr Strecke gemacht. Auf meine Frage nach der Fahrzeit antwortete er: maximal 30 Minuten. In der App stand 58 Minuten – vermutlich für den Fall, dass wirklich jede Station angesteuert würde. Eine kleine Erleichterung.

Nachdem die ersten beiden Fahrgäste ausgestiegen waren, hielt der Fahrer plötzlich mitten im Nirgendwo. Ein kurzer Moment der Panik. „Wir müssen hier noch jemanden einsammeln", erklärte er. Geplante Abholzeit: 22:48 Uhr. Olpe lag nur sechs Minuten entfernt. Es war 22:05 Uhr.

„Willst du jetzt wirklich über 40 Minuten hier stehen und warten? Du könntest mich doch in Olpe absetzen und bist rechtzeitig um 22:48 Uhr wieder hier?" Nein, das dürfe er nicht. Vorschrift. Aus meiner bis dahin humorvollen Art wurde Ärger. Ich schilderte ihm meine bisherige Odyssee.

Ohne etwas zu sagen, stieg er aus und telefonierte. Als er sich wieder ins Auto setzte, startete er den Motor und fuhr los. „Danke", sagte ich erleichtert. Er schaute mich an und grinste leicht. Hatte er mich auf den Arm genommen? Dann die Erklärung: Sein Chef hatte ihn losgeschickt und würde einen neuen Fahrer für die 22:48-Uhr-Abholung schicken. Erneut war ich erleichtert.

Um 22:20 Uhr erreichten wir den Busbahnhof in Olpe. Es war eiskalt. Aber da kam auch schon Lilith, meine Abholung. Endlich angekommen.

Ankunft: Ein sicherer Hafen

Das Programm der Konferenz war längst beendet, als wir ankamen. Ich kannte niemanden dort. In solchen Situationen brauche ich einen Fixpunkt – sonst fühle ich mich verloren. Dieser Fixpunkt war Lilith.

Sie ist einer jener Menschen, bei denen man sich sofort wie in einem sicheren, warmen Nest fühlt. Kennengelernt hatten wir uns durch ihre Schwester, die eine Veranstaltung moderiert hatte, bei der ich als Speakerin geladen war. Bei einer Sportveranstaltung in Frankfurt besuchten sie mich und wir drei verstanden uns auf Anhieb. So entstand die Idee, dass Lilith mich in ihren Yeet-Podcast (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) einladen würde – und dass ich unbedingt zu dieser Konferenz „Unruhige Hoffnung" kommen sollte, wo wir dann auch einen Live-Podcast vor Publikum aufnehmen würden.

Natürlich hatte ich Respekt vor dieser Situation. Es ist etwas anderes, zu Hause am Schreibtisch online Fragen zu beantworten, als live vor einem Publikum zu sprechen und dessen Reaktionen unmittelbar mitzubekommen. Und dann noch ein religiöses Publikum – in meiner Vorstellung ein Umfeld mit erheblichem Konfliktpotenzial. Die Geschichte der Kirche und queerer Menschen ist schließlich nicht gerade von gegenseitiger Zuneigung geprägt.

Aber ich vertraute Lilith. Wenn sie mir sagte, ich müsse mir keine Sorgen machen, dann dämpfte das meine Vorsicht. Die Höhle des Löwen wurde zum Bau eines Kätzchens.

Wir saßen noch lange an der hauseigenen Bar, vor dem Kamin, mit einem Glas Wein. Um ein Uhr nachts fiel ich endlich ins Bett – angekommen, nicht nur geografisch, sondern auch emotional. Die unruhige Reise war zu Ende. Die unruhige Hoffnung durfte beginnen.

Samstag: Zwischen Erschöpfung und Erwartung

Am Samstagmorgen ließ ich das Frühstück ausfallen und ging erst zum zweiten Podcast in den Konferenzsaal. Ich war erschöpft und musste ausschlafen. Es war nicht die späte Uhrzeit, die mich schlapp machte, sondern der soziale Akku, der nach Erholung verlangte. Obwohl ich um halb neun wach war, brauchte ich Zeit für mich. Ich widmete mich morgendlichen Übungen für Muskeln und Gelenke, setzte mich dann an den Laptop und schrieb die Erlebnisse des Vortags auf.

Als ich schließlich nach unten ging, nahm mich Lilith in Empfang und stellte mich zahlreichen Menschen vor. Pünktlich begann der Windhauch-Podcast, und ich war gespannt auf das Thema: Verschwörungsmythen im christlichen Glauben. Für mich war es wenig überraschend, welche Parallelen zwischen der Vereinnahmung durch rechte Akteur*innen und den Endzeitszenarien religiöser Kreise existieren.

Windhauch x Samuel Epp: Verschwörungsglaube und politische Bildung

Ein unerwarteter Trigger

An einer Stelle fiel der Begriff „Entrückung". Kinder aus evangelikalen Gemeinden, die nach Hause kamen und ihre Eltern nicht antrafen, wurden von Panik erfasst – aus Angst, diese seien entrückt worden und hätten sie zurückgelassen, weil sie keine „Erlösung" im Glauben gefunden hätten.

Ein Trigger aus meiner Kindheit. Ich spürte die Gänsehaut auf meinen Armen, den Kloß im Hals. Ja, ich kannte dieses Gefühl. Solche Szenarien hatte ich mehr als einmal durchlebt. Ich flüsterte Lilith zu, welche Angst ich vor dem Millennium gehabt hatte. Dass mir eingetrichtert worden war, Michael Jackson sei von Satan persönlich gesandt worden, um die Welt zu verführen.

Kirche kann grausam sein. Kirche kann manipulieren. Inzwischen weiß ich, dass es dafür einen Fachbegriff gibt: ritueller Missbrauch.

Festkleben in der Akademie

Es folgten Workshops und ein vorzügliches Mittagessen. Eigentlich hatte ich mir bei dem schönen Wetter vorgenommen, einen Spaziergang zu machen. Doch alles war so fesselnd – die Menschen, die Gespräche. Ich klebte regelrecht in dieser Akademie fest.

Nach einem weiteren Vortrag über Strategien gegen Faschismus waren Lilith und ich endlich an der Reihe. Normalerweise bin ich relativ entspannt, aber kurz bevor es losgeht, steigt trotz inzwischen langjähriger Routine die Aufregung. Von Lilith lernte ich, dass Live-Podcast nicht gleichbedeutend mit Live-Stream ist. Die Aufzeichnung findet vor Publikum statt, anschließend folgt die Postproduktion im Studio, bevor die Episode veröffentlicht wird. Ich weiß nicht warum, aber diese Erklärung nahm mir sofort etwas Anspannung.

„Wenn die Bibel wahrhaftig ist..."

Gleich zu Beginn wurde es sehr persönlich. Ich „warnte" das Publikum, dass es emotional werden könnte, und berichtete von meinen Erlebnissen: meinem Outing, meiner „Selbstrettung", was mich heute stark macht und wie ich zur Kirche stehe.

„Wenn die Bibel wahrhaftig und Gott unfehlbar ist, dann bedeutet das nicht, dass diese Zuschreibungen auch für den Menschen und sein irdisches Konstrukt namens Kirche gelten", sagte ich.

Auf diesen Satz wurde ich bis zur Abreise am Sonntag mehrfach angesprochen – offenbar die zentrale Aussage unseres einstündigen Gesprächs. Den veröffentlichten Podcast werde ich hier bei Steady in einem gesonderten Beitrag erwähnen.

“Wenn die Bibel wahrhaftig und Gott unfehlbar ist, dann bedeutet es nicht, dass diese Zuschreibungen auch für den Menschen und sein irdisches Konstrukt namens Kirche gelten” (Julia Monro, 17.01.2026)

Lilith und Julia im Gespräch

Die Kraft der Aufmerksamkeit

Wenn man vorne sitzt, bekommt man alles mit, was im Publikum geschieht: ob Menschen zuhören, am Handy spielen, kurz zur Toilette gehen oder sich mit anderen Dingen beschäftigen. Während unseres gesamten Gesprächs spürte ich eine hochkonzentrierte Zuhörerschaft. Man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. Diese hochgespannte, knisternde Atmosphäre machte mich stolz und nervös zugleich. Stolz, weil ich „lieferte". Nervös, weil ich jetzt erst recht liefern musste.

Auch nach Jahren der Erfahrung mit solchen Situationen werde ich mich wohl nie daran gewöhnen, im Mittelpunkt zu stehen. Als wir fertig waren, sagte Lilith: „Du bist bisher die einzige, die einen Szenen-Applaus bekommen hat." Ich freute mich sehr, das Publikum so mitgenommen zu haben.

Live-Podcast mit Publikum: Was kostet Unabhängigkeit?

Tobi’s Workshop: Der professionelle Impuls

Nach Kaffee und Kuchen zog ich mich in mein Zimmer zurück, um etwas Bequemeres anzuziehen. Ich setzte mich kurz aufs Bett, merkte, wie schwer meine Augen wurden, und gönnte mir einen Power-Nap. Anschließend besuchte ich den Workshop von Tobias. Hier wurde es beruflich-professionell: Es ging um Existenzgründung und Finanzierung von Creator*innen. Er erzählte von seinem eigenen Weg in die Selbständigkeit und den Herausforderungen.

Ich lauschte gespannt, ohne mich aktiv zu beteiligen, und erst jetzt begriff ich, wer Tobi ist und was er mit seinem Netzwerk ruach.jetzt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) leistet. Langsam brachte ich mich ein. Als es um Werbung, Newsletter und Community-Building ging, fragte ich, ob das auch für den Non-Profit-Bereich anwendbar wäre. Ich erklärte, dass ich keine Influencerin mit großer Community bin, keine Selbstdarstellerin, die sich „verkaufen" oder regelmäßig Content liefern möchte, weil ihre Community sie bezahlt. Ich „brenne" für ein Thema und möchte dieses in die Welt tragen.

Wir besprachen das in der Runde, bis Tobi sagte, er habe meinen Wikipedia-Eintrag gelesen. Das sei als Referenz „Gold-Standard", und ich hätte durch meine bisherigen Erfahrungen, Projekte und Netzwerke beste Voraussetzungen, mir eine richtige Community aufzubauen.

Nach dem Workshop sprachen wir ausführlicher. Obwohl ich schon länger darüber nachdenke, meine Netzwerke professioneller zu nutzen – das Gespräch mit Tobi war ausschlaggebend dafür, diesen umfassenden Steady-Beitrag zu schreiben. Noch während ich ihn verfasse, stelle ich fest, dass ich die ersten vier Newsletter-Anmeldungen habe, obwohl ich es bisher gar nicht beworben hatte. Das motiviert mich zusätzlich, diesen Beitrag zu intensivieren und zeitnah zu veröffentlichen.

Abendausklang und neue Begegnungen

Am Abend gab es Gesang und Buchlesung. Ich singe gern, aber ich hatte mehr Lust darauf, diese vielen spannenden Menschen kennenzulernen und mich auszutauschen. Wir saßen in einer kleinen Sitzgruppe vor dem Saal zusammen, lauschten der Musik und unterhielten uns angeregt. Wieder ging ein langer, intensiver Tag zu Ende. In meinem Zimmer notierte ich kurz die Ereignisse des Tages und ging etwas früher ins Bett.

Sonntag: Reflexion und Abreise

Am Sonntag verzichtete ich erneut auf das Frühstück. Wir hatten am Vortag so viele Mahlzeiten gehabt, ich war wirklich satt. Auch die Workshops ließ ich ausfallen, obwohl ich topfit war. Stattdessen plante ich meine bevorstehende Woche, die sehr zeitintensiv werden würde.

Zum Mashup und Konferenzabschluss war ich wieder unten und setzte mich neben Martin. Wir stellten uns gegenseitig vor, und ich stellte fest, dass ich neben einer Berühmtheit saß: Martin Dreyer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), der die Volxbibel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) geschrieben und die „Jesus Freaks" (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gegründet hat. Beides kannte ich noch aus meiner damaligen Kirchenzeit – insbesondere, wie heftig diese „Glaubensform" kritisiert wurde.

Martin erzählte mir, dass er einmal in einer Gemeinde predigte und plötzlich jemand mitten im Gottesdienst aufstand und ihn in einer flammenden Rede aufgrund seiner „ungläubigen Art" dem Satan übergab: „Martin Dreyer, hiermit übergebe ich dich dem Satan, deine Seele soll in der Hölle verbrennen."

Das sei mehr als 20 Jahre her, aber offensichtlich hatte ihn das sehr getroffen – er sprach heute noch darüber.

Das Echo eines Satzes

In der Abschlussrunde waren die Gäste aufgefordert zu reflektieren, was sie an diesem Wochenende inspiriert hatte. Vor uns drehte sich jemand um und fragte mich nach dem Zitat zur Differenzierung von Bibel, Gott, Kirche und Menschen. Ich wiederholte es, und sie sagte, dass diese Aussage die Inspiration für ihr Wochenende gewesen sei.

Auch beim Mittagessen kamen mehrere Leute auf mich zu und bedankten sich für das bewegende Gespräch. Drei Personen sprachen mich sogar auf meine Haut an und fragten nach den Produkten, die ich nutze. Ich fühlte mich ein wenig geschmeichelt und frage mich ob ich nicht mal Werbung dafür machen sollte :-)

Heimreise: Beseelt und verändert

Total beseelt fuhr ich nach Hause. Diesmal nicht mit der Bahn – ich wurde im Auto mitgenommen, bis nach Köln, bis vor die Haustür. Ohne Odyssee. Dieses Wochenende hatte mir Gelegenheit zur Reflexion gegeben und gezeigt, dass ich meine eigenen Vorurteile gegenüber Kirchen und wie sie über queere Menschen denken, überarbeiten muss.

Ein wunderbares Wochenende ging zu Ende. Doch es würde noch lange nachwirken. Das wusste ich. Das spürte ich. Danke Lilith für diese wunderbare Erfahrung!

Sujet Persönliches

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