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Damals ist einfacher

Verschiedene Fotos mit sommerlichen Motiven.
Collage Ausschnitt Juli 2026 © Kristina Klecko

Vor Jahren bei einem digitalen Treffen schreibender Menschen: Wir erzählen reihum von unseren Themen. Alle arbeiten gerade an einem längerem Prosastück, manche trauen sich schon, es Roman zu nennen. Als eine Teilnehmerin erwähnt, dass ihre Geschichte im Zweiten Weltkrieg spielt, stöhnt eine andere auf, verdreht die Augen. Müsse alles immer im Zweiten Weltkrieg spielen? Das sei langweilig. Immer gleich. Auserzählt.

Natürlich war das ein wenig unsensibel – und natürlich stimmte es nicht, wie es bis heute nicht stimmt. Kurz zuvor war ich auf die Geschichte der Ostarbeiter*innen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gestoßen und obwohl diese in der Literatur bereits aufgegriffen worden war, auserzählt schien sie mir noch lange nicht. Erst recht waren die Geschichten noch nicht breit in der Öffentlichkeit angekommen.

Was stimmt: Der Zweite Weltkrieg wird künstlerisch aus bestimmten Perspektiven und mit Fokus auf einige wenige Themen verarbeitet. Unvergessen der Zuschauer, der nach der Filmvorführung von In die Sonne schauen aufgebracht aus dem Kinosaal stürmte. Was für ein Quatsch! Das soll ein Film über Krieg sein? Nein, damit habe es nichts zu tun, Krieg sei ganz anders. Langweilig, langweilig!

In gewisser Weise hatte auch er recht. Wenn ich Krieg höre, stelle ich mir angreifende Soldaten, Explosionen, graue Schlachtfelder vor.

In vielen Rezensionen zu In die Sonne schauen wurde betont, es handle sich um die „weibliche Perspektive“. So konnten die Erwartungen einsortiert werden: Hier wird es kein Kanonendonner, keine Heldentaten geben. Aus der weiblichen Perspektive ist der Krieg leiser. Aufgezwungene Flucht statt Kampf, erstickende Anpassung statt Gewalt. Es ist ein subtileres Durchhalten.

„Sie sitzen nebeneinander, ihre Gedanken schweifen gemeinsam ab, und sie reden von den anderen Feldern, die vom Krieg verwüstet worden sind, wie viel schöner sie waren, die wilden Blumen, die Hänge, der Horizont.“

Anjet Daanje, Das Lied von Storch und Dromedar, übers. v. Ulrich Faure

Nein, ich glaube nicht, dass der Zweite Weltkrieg auserzählt ist.

Und doch verstand ich, was die Frau beim digitalen Treffen meinte.

Westliche Kulturproduktion erzählt gern von einem Damals. Bei Krieg ist meist der Zweite Weltkrieg gemeint, seltener der Erste, noch seltener einer der zahlreichen Kriege der Gegenwart.

Im Gegensatz dazu ist damals einfacher. Es ist nicht mehr unbekannt, nicht mehr gefährlich. Es ist bereits sortiert und eingeordnet. Man kann sich bei der Interpretation oder bei der Suche nach Lösungen, nicht mehr vertun, sich nicht mehr mit einer Fehleinschätzung blamieren.

Von damals zu erzählen, wird in der Kulturbranche belohnt. Damals ist Ernsthaftigkeit. Damals ist das große Drama. Damals ist Kunst. Für damals gibt es wichtige Preise.

Die Gegenwart hingegen ist unbequem und verwirrend, noch viel zu profan. Die Gegenwart ziemt sich nicht. Sie ist Weltschmerz – und daher peinlich. Die Gegenwart ist

„(…) so kurz (...), dass man nicht einmal einen Mucks von sich geben kann, und schon ist sie wieder vorbei, aber diese Gegenwart ist umgeben von Vergangenheit und Zukunft, und beide sind fiktiv, die Vergangenheit existiert nur in deiner Erinnerung, die Zukunft nur in deiner Vorstellung.“

Anjet Daanje, Das Lied von Storch und Dromedar, übers. v. Ulrich Faure

Die Gegenwart ist noch nicht Fiktion. Die Gegenwart ist noch Kulisse.

Vielen Dank, dass du mitliest. Bis in zwei Wochen.

Viele Grüße

Kristina

PS: Bei der Romansuche #20 bin ich im Juni plötzlich ziemlich gut vorangekommen. Du möchtest reinlesen? Hier geht es zur Mitgliedsrubrik.

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und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Sujet Lesen & Schreiben

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