Dies ist eine Geschichte, die verhindert werden sollte. Kaum stellten wir für unseren fünften Newsletter einem bekannten Öko-Experten Fragen zu einem Gutachten, erhielten wir Post von der Kanzlei Schertz Bergmann. In der Medienwelt sind die Anwälte gut bekannt – sie vertreten zahlungskräftige Mandanten wie den Rammstein-Sänger Till Lindemann und augenblicklich den Schauspieler Christian Ulmen. Sie greifen ein, wenn die Hütte brennt. Doch dazu später mehr.
Wer berät hier wen? Hinter den Türen des Wasserstoffrats
Denn eigentlich ging es bei unserer Recherche um den Wasserstoffrat. Ein Gremium, das die Bundesregierung „unabhängig und überparteilich“ zur klimafreundlichen Erdgas-Alternative beraten soll. Viele kennen den Rat vermutlich nicht. Dabei ist er wichtig: Hochrangig besetzt, diskutiert er über eine der größten Hoffnungen der Klimapolitik – fossiles Gas oder auch Kokskohle durch grünen Wasserstoff zu ersetzen. Dieses farb- und geruchlose Gas ermöglicht der Industrie, Chemikalien und Stahl zu produzieren, ohne die Klimakrise weiter anzuheizen. Es kann auch als Speicher dienen, etwa um Engpässe im Stromsystem abzufedern. Das Problem: In Deutschland gibt es bislang kaum klimafreundlichen Wasserstoff – weder grünen (aus Ökostrom) noch blauen (mit CO₂-Abscheidung). Stattdessen wird das Gas vor allem mit Erdgas produziert (grauer Wasserstoff).

Weltweit greifen Regierungen tief in die Tasche und subventionieren die Umstellung der Industrie mit Milliarden. In Deutschland soll der Wasserstoffrat dabei unterstützen. Er ist derzeit mit 22 „hochrangigen Expertinnen und Experten aus der Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft” besetzt, heißt es in der Selbstbeschreibung. Doch ein genauer Blick zeigt: Konzerne dominieren. In der offiziellen Mitgliederliste finden sich Vertreter von Thyssenkrupp Steel, Daimler Truck AG und dem Gaskonzern Linde. Den Umweltschutz vertritt derzeit allein Verena Graichen vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND).
Nach unseren Informationen steht der Wasserstoffrat vor einem Umbruch: Schon nächsten Mittwoch will das Kabinett eine Reform des Rates beschließen. Das betreffe „Organisation, Arbeitsweise und Zusammensetzung des Nationalen Wasserstoffrats”, wie das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) uns bestätigt. Unter der neuen Ministerin Katherina Reiche solle nun „die Wirtschaftsexpertise gegenüber dem Status Quo im Rat gestärkt werden”. Das heißt: mehr Vertreter aus Unternehmen, anteilig weniger aus Zivilgesellschaft und Forschung.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die Zusammensetzung des Rates wird auch die Diskussion über Wasserstoff beeinflussen. Bis zu ihrer Berufung als Ministerin war Katherina Reiche Vorsitzende, Felix Matthes vom Freiburger Öko-Institut ihr Stellvertreter – heute leitet er das Gremium kommissarisch. Teilnehmer sagen uns: Matthes und Reiche hätten den Kurs im Rat zunehmend gegen grünen Wasserstoff verschoben. „Das hat uns sehr gestört – und irritiert”, heißt es aus Kreisen des Rates. Viele Anträge zum klimafreundlichen Wasserstoff seien übergangen worden, sagen Kritiker. Auch ehemalige Ratsmitglieder, mit denen wir sprechen konnten, berichten von einer „unkonstruktiven” Atmosphäre, einige seien ausgetreten, weil sie die Sitzungen als „Zeitverschwendung” empfanden. Bereits 2021 gab es etwa ein „Sondervotum” zur Strategie des Rates, die auch fossilen Wasserstoff als förderwürdig einstufte.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Euphorie für Wasserstoff verpufft
Tatsächlich ist die Euphorie für grünen Wasserstoff als Gas-Ersatz allgemein verpufft. Als Annika mit ihrer Kollegin Katarina Huth von Correctiv vor zwei Jahren den „Wasserstoff-Bluff” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) der Leipziger Stadtwerke aufdeckte, erhielten sie noch wütende Mails: Sie würden eine Lösung „kaputtschreiben”, auf die man angewiesen sei, hieß es. Inzwischen haben die Leipziger das Projekt vorerst abgesagt. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Auch bundesweit bleibt Deutschland weit vom Ziel entfernt, bis 2030 zehn Gigawatt an Elektrolyseleistung zu erreichen. Wenig mehr als ein Prozent (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) wurde bisher erreicht.
Dabei hat das Bundeswirtschaftsministerium H2-Projekte der energieintensiven Konzerne mit rund sechs Milliarden Euro gefördert, wie es in einer Antwort auf unsere Anfrage schreibt. Die tatsächliche Fördersumme ist aber noch viel höher – das Ministerium räumt ein, dass viele ressortübergreifende Projekte nicht aufgelistet werden könnten.
Es geht bei H2 also nicht um Peanuts, sondern um Fördersummen in Milliardenhöhe. Und der Rat darf dem Ministerium zur Wasserstoffpolitik Einschätzungen geben.
Ein Gutachten, das sich nirgends findet
Nun erhielten wir schon vor einiger Zeit Informationen zum kommissarischen Ratsleiter Matthes. In der Umweltszene gilt Matthes als Größe: Senior Researcher am Öko-Institut, Mitglied in allerlei hochrangigen Gremien verschiedener Bundesregierungen, etwa der Kohle-Kommission, und gefragter Experte in deutschen Medien. Vor einiger Zeit haben wir erfahren, dass Matthes für das Wasserstoffrats-Mitglied Thyssenkrupp Steel ein bezahltes Gutachten angefertigt hat. Und zwar kein öffentliches, sondern eines, das nirgends auftaucht. Der Stahlkonzern hat von allen im Rat vertretenen Unternehmen laut uns vorliegender Liste aus dem BMWE das meiste Fördergeld bekommen (rund 1,4 Milliarden Euro).
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Unsere acht Fragen zu diesem Fall ließ Matthes unbeantwortet – und schickte stattdessen das oben erwähnte Anwaltsschreiben von Schertz und Bergmann. Über dessen Inhalt, so stand da, dürfen wir nicht berichten. Unbeantwortet blieb auch die Frage, ob Matthes weitere nichtöffentliche Gutachten für Konzerne geschrieben hat.
Thyssenkrupp räumte uns gegenüber bereits schriftlich ein, dass der Forscher für die „gutachterliche Stellungnahme zum Thema Preisentwicklungen im EU-Emissionshandel” ein Honorar erhalten habe. Zur Höhe des Honorars wolle man keine Angaben machen – und das Gutachten sei zudem nur für „interne Zwecke” bestimmt.
In der Wissenschaft ist das ungewöhnlich. Dort geht es meist darum, Forschungsergebnisse zu teilen und möglichst viele Menschen zu erreichen – besonders in engagierten Einrichtungen wie dem Öko-Institut. Auf Anfrage sagte eine Sprecherin, die „konkrete Arbeit von Herrn Matthes ist dem Institut nicht bekannt gewesen.” Und weiter: „Wir haben keine Kenntnis von anderen privat erstellten Gutachten für Unternehmen unserer Mitarbeitenden”, schreibt die Pressestelle. Solche Gutachten für Konzerne außerhalb der Arbeitszeit zu machen und nicht zu melden, ist offenbar kein Standard beim Öko-Institut.
Für den Vorsitz des reformierten Wasserstoffrates ist Matthes nach unseren Informationen wieder im Gespräch. Die Entscheidung fällt wohl in den nächsten Wochen.
Viele loben Matthes als klugen, versierten Experten. In den vergangenen Jahren hat er zugleich einige Mitglieder des Rates, aber auch Forscher und Vertreter der Ökoszene gegen sich aufgebracht. „Matthes nutzt jedes erdenkliche Machtspiel, um seine Position als Berater zu sichern”, schreibt uns eine Person aus dem Kreise des Wasserstoffrates, die anonym bleiben will. Einige Kritiker sagen, er habe sich von früheren umweltpolitischen Überzeugungen entfernt – um Einfluss zu gewinnen.
Weder Matthes noch Thyssenkrupp haben sich dazu geäußert, wann das Gutachten erstellt wurde. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass das Papier vor seiner Zeit als Vorsitzender geschrieben wurde.
Was bleibt, ist der kommissarische Leiter eines Rates, der eine bezahlte „gutachterliche Stellungnahme” für ein Konzernmitglied desselben Gremiums verfasst hat. Das belegt weder einen Interessenkonflikt noch eine direkte Einflussnahme. Doch sein Schweigen und das Einschalten einer Anwaltskanzlei als Antwort auf eine Presseanfrage haben uns zumindest erstaunt.
War sonst noch was?
Bremser der Woche: Wir alle wissen, wie viel Energie Künstliche Intelligenz verschlingt. Ein aktueller Report der UN (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)lenkt jedoch den Blick auf den enormen Wasserverbrauch der Datencenter: Bis 2030 könnten sie so viel Wasser schlucken wie 1,3 Milliarden Menschen. Ungewöhnlich deutlich warnen die Forscher: Die Gewinne landen bei wenigen, doch der Wassermangel bedroht Millionen. Jede Suchanfrage könnte bald ein trockenes Kratzen im Hals hinterlassen. Denn die Klimakrise sorgt schon jetzt für Dürren – auch ohne die Datenriesen.
Der Kassandra-Ruf: Die französische Satirezeitung Le Canard Enchainé ist sehr lustig – hat aber mit ihren Recherchen so manchen bitterernsten Skandal enthüllt. Kürzlich spottete sie darüber (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass wir große Mengen Düngemittel aus dem Nahen Osten importieren, während wir menschliche Fäkalien aufwendig entsorgen, statt sie kompostiert auf die Felder zu bringen. „Die Souveränität unserer Ernährung ist eine Farce“, schrieb das Blatt und erinnerte genüsslich an die „Merdoduc“ – jene Kanäle und cleveren Transportsysteme, mit denen man einst in Lyon die Fäkalien der Bewohner auf die Äcker schaffte. Schon 2017 sprach das angesehene Nature-Journal von einer „Neuen Ökonomie der Exkremente (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”, die sich bisher vor allem in Afrika entwickelt. Unsere Prognose: Auch wir werden bald wieder unsere Felder mit heimischem Dünger versorgen.
Empfehlung der Woche:

„Das Gewicht der Welt“ läuft seit 7. Mai in den Kinos und hilft, den derzeitigen Rollback beim Klimaschutz zu verarbeiten: Der Dokumentarfilm porträtiert Chemieprofessor Sebastian Seiffert, Glaziologin Maria Hörhold und Molekularbiologin Nana‑Maria Grüning: Forschende, die die Klimakrise nicht nur messen, sondern auch die Erfahrung verarbeiten müssen, dass Politik und Gesellschaft weghören. Regisseur Florian Heinzen‑Ziob erzählt ruhig und ohne Pathos, wie aus wissenschaftlicher Distanz persönlicher Einsatz wird – und wie man trotz Ernüchterung handlungsfähig bleibt. Hier geht’s zum Trailer. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
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Und: Bleibt heiter und stabil!
Eure Susanne und Annika