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Schuld ohne Strafe

Epstein und seine Freunde/Serie Die Ermittlung/Buch Nach der Nacht/ Maya Leinenbach

Dieses Jahrhundert ist gekennzeichnet durch die Entkopplung von Schuld und Verantwortung.

Im ersten großen Krieg der Nullerjahre, dem Feldzug der USA im Irak und seinem Vorläufer, dem Einmarsch in Afghanistan, sind schwere Kriegsverbrechen geschehen, sogar der Kriegsgrund der amerikanischen Regierung für das Vorgehen gegen Saddam war gelogen. Es wurde gebombt und gefoltert, ohne die mindeste Rücksichtsnahme und weit über jede militärische Notwendigkeit hinaus. Das wurde zum Glück von Medien aufgedeckt – doch nie juristisch aufgearbeitet – ein schweres Versäumnis des Westens.

In der einige Jahre darauf folgenden Bankenkrise ging es weiter: Die Steuerzahlerinnen verhinderten den Kollaps der Finanzwelt, aber die Verursacher des Schlamassels blieben juristisch unbehelligt.

Jede und jeder kann die Reihe fortsetzen: Auf unseren immer zahlreicheren Bildschirmen turnen Personen herum, denen schwere Verbrechen zur Last gelegt werden. Konsequenzen aber gibt es keine. Michael Jackson, Jimmy Savile und Dieter Wedel standen lange im Verdacht schwerer Straftaten gegen Frauen und Kinder, kamen aber nie ins Gefängnis.

Wladimir Putin verantwortet seit Jahren eine Straftat nach der anderen, hat bis dato nichts zu befürchten, sondern freut sich über politische Unterstützung auch in europäischen Parlamenten. Der amerikanische Präsident versuchte am 6. Januar 2021 einen Staatsstreich, wurde 2023 zwar angeklagt, doch die Verfahren wurden fallen gelassen. Jeder konnte den Versuch am Schirm mitverfolgen und sieht ebenso deutlich Trump über die Bildschirme der Welt spuken. Manche kommen mit allem durch, das ist die Botschaft des Jahrhunderts. Und: Du zählst nicht dazu!

Darum hat das Foto des festgenommenen Ex-Prinzen Andrew Mountbatten-Windsor auf seiner Heimfahrt so viele Emotionen ausgelöst. Die Aussagen von Virginia Giuffre sind jetzt schon viele Jahre alt, aber dass der Mann wirklich etwas zu befürchten hätte, konnte niemand glauben.

Die wahre Aufarbeitung beginnt erst jetzt – mit der Auswertung der Epstein-Dokumente. Erneut hat Donald Trump enormes Glück – der große Michael Wolff (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)weist darauf hin. Denn was veröffentlicht wurde, sind die Epstein-E-Mails. Trump aber, ein Freund und Weggefährte Epsteins über zwei Jahrzehnte, hat noch nie in seinem Leben eine Mail geschrieben.

Epstein und seine Komplizin Ghislaine Maxwell betrieben eine Art Kaufhaus der Kriminalität: Insiderhandel, Anlagebetrug, Geheimnisverrat, Prostitution und Erpressung waren dort im Angebot, womöglich noch höllischere Taten.

Jeffrey Epsteins besonderes Lockvogelangebot scheint die Illusion von Freundschaft gewesen zu sein. Wie so viele begnadete Betrüger spiegelte er seinem Gegenüber vor, genau der Mensch zu sein, auf den Du schon ein Leben lang wartest. Für den französischen Kulturpolitiker Jack Lang war er ein Mäzen der modernen Kunst und Filmfan, für die norwegische Prinzessin ein guter Freund, für Noam Chomsky und Alan Dershowitz ein kluger, akademisch versierter Intellektueller. Der obendrein über die Fähigkeit verfügt, seine Freunde mit Cash, Ferienhäusern, Transportmöglichkeiten und seiner Bereitschaft zur ruchlosen Ausbeutung von Frauen und Mädchen zu erfreuen.

Wie in jedem komplexen Kriminalfall lässt sich auch aus der Geschichte von Jeffrey Epstein eine Menge über das kulturelle und soziale Umfeld der Zeit lernen. Ein Aspekt, der mir hier auffällt und der uns schon im Fall Rammstein begegnete, ist die falsche Vorstellung vom guten Leben. Solche Ausbeutungsinszenierungen in irgendwelchen Blowjob-Räumen, Massagezimmern und entlegenen Anwesen unter südlicher Sonne sind Kulissen der Verzweiflung und Inszenierungen armseliger Männerfantasien. Gleich auch mal Söhne und andere Youngsters vorwarnen… völlig falsche Richtung! Das galt schon für die triste Playboy Mansion von Hugh Hefner. Ein Mann, der den ganzen Tag im Pyjama mit Morgenmantel verbringt, zwischen fremden Frauen und leeren Babyölflaschen ist nichts anderes als ein Symbol der Depression und hat ganz generell den Faden verloren. Eros wohnt an solchen Orten nicht.

Warum war es für viele ansonsten vernunftbegabte Männer und einige Frauen überhaupt erstrebenswert, Zeit mit Maxwell und Epstein zu verbringen? Viele dieser Leute hatten ja mehr Geld und mehr Beziehungen als das Horror-couple.

Das Römische Imperium wusste einiges über die Fähigkeit des Menschen zur Perversion und zur Freude an der Barbarei. Genau deswegen- um auch als Staat lange bestehen zu können, gab es philosophische Programme, mit denen die Elite aber auch normale Bürger entsprechende Vorsorge trugen, durch Bildung und philosophische Praxis. Michel Foucault hat es im dritten Band seiner “Geschichte der Sexualität” beschreiben:

Danach besteht das von der römischen Elite entwickelte Programm der Sorge um sich in einer regelrechten Lebenskunst, die Philosophie nicht als Theorie, sondern als tägliche Praxis organisiert: Der freie Mensch soll an sich arbeiten, um sich als moralisches Subjekt zu formen—durch Übungen der Aufmerksamkeit und Selbstprüfung, Lektüre und Schreiben (Notizbücher, Briefe), Gespräche mit einem Lehrer oder Freund, sowie asketische Übungen. wie Gedankendisziplin, Vorbereitung auf Unheil, Maßhalten in Lust, Essen, Schlaf, und Körperpflege.

Ziel war nicht eine verbietende Moral, sondern eine kontrollierte, rationale Führung der eigenen Begierden und Affekte, damit Freiheit als Selbstbeherrschung möglich wird: Wer sich regieren kann, kann auch Haushalt und Polis regieren; die Ethik der Selbstführung wurde so zur Grundlage politischer Handlungsfähigkeit.

Eine solche philosophische Vorbereitung auf mögliche Funktionen in der Gemeinschaft oder die Rolle als Bürgerin und Bürger einer Republik – das ist in unserer Gegenwart schlicht nicht vorgesehen. Darum gibt es ganz oben immer wieder Männer und Frauen, die alles haben und dennoch so völlig verwahrlosen. Kompetenzen in BWL und Informatik sind eben nicht alles.

Ich habe gar nicht warten können, bis diese Serie endlich bei Arte in die Mediathek eingestellt wird. Es gibt sie nämlich auch bei einer anderen Plattform zu leihen, so habe ich investiert und schon vorher die Ermittlung verfolgt. Es handelt sich um ein ganz besonderes Werk mit dem Fokus auf echter Polizeiarbeit. Der Fall ist recht bekannt, die Ermordung der Journalistin Kim Wall in einem U-Boot, aber die Art, wie er hier erzählt wird, ist sensationell – schon allein durch das, was alles nicht gezeigt wird: kein voyeuristisch ausgestelltes Opfer, kein dämonischer Täter, kein Einsatz eines Polizei-Sonderkommandos in den letzten Minuten, kein Hubschrauber, kein Brötchen essender Pathologe vor nackter Frauenleiche. Die Serie geht zu den Wurzeln des skandinavischen Krimis zurück, wie ihn die Bücher von Maj Sjöwall und Per Wahlöö begründeten, in denen die Polizisten vor allem als Angestellte und Familienmenschen vorkommen, die tagsüber Ermittlungen nach den Gesetzen der Logik anstellen.

Den Täter bekommt man überhaupt nicht zu Gesicht. Die Arbeit der Polizei endet beim Staatsanwalt. Wenn die Ermittlung stockt, muss die Wissenschaft helfen. Die zeitkritische Deutung des Motivs – eine digital verstärkte, auf Frauenhass basierende Rape Culture – überlassen die Macherinnen und Macher ganz dem Publikum. Die Tat ist grauenvoll (eher nichts für ein Binge-Watching in romantischer Absicht), aber diese nüchterne Serie ist eine würdige Art, des Opfers zu gedenken. Sie erinnert daran, dass die Antwort der Zivilisation auf barbarische Taten nicht die Rache ist, sondern der Rechtsstaat und seine Beamtinnen und Beamten.

https://www.arte.tv/de/videos/RC-027614/the-investigation-der-mord-an-kim-wall/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Zeitzeugen sind auch Zeitgenossen, was liegt also näher, als die Überlebenden der Shoah nach dem Umgang mit rechtsextremen Parteien zu befragen? Nach den Wegen, ihren Erfolg rechtzeitig zu stoppen und in Bildung und Erziehung rassistischen und menschenfeindlichen Tendenzen vorzubeugen? Aber naheliegende und einleuchtende Ideen sind die, auf die man zuletzt kommt. Jetzt liegt immerhin ein solches Gesprächsbuch vor. Es stammt vom Historiker Thomas Weber und dem Regisseur Joachim A. Lang. Beide haben für die Arbeit an ihrem Film „Führer und Verführer“ mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gearbeitet und sie dann für das Buch genau nach ihrem Blick auf die heutigen rechtsradikalen Parteien befragt. Kaum jemanden kennt man so gut wie den selbsterklärten Todfeind, also haben sie auch wirklich verblüffende und erhellende Dinge mitzuteilen. Und bleiben dabei voller Energie und Tatkraft – trotz seines harten Sujets ein Buch, das Mut macht.

Die Saarländerin Maya Leinenbach kocht vegan und teilt ihre Rezepte im Netz. Nun sind es schon sieben Millionen Follower, was unter anderem auch an ihrer ansteckend fröhlichen Art liegt, typisch saarländisch eben. Ludwig Harig (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) wäre stolz: Die saarländische Freude 3.0!

Ich bin kein Veganer, aber einige Rezepte werde ich trotzdem versuchen! Am 11. März kommt sogar eine Doku von und mit Maya Leinenbach in der ARD Mediathek zu sehen:”Better than Beef”! Hier schon mal ein Einblick in ihre Arbeit, mehr findet man auf ihrer Seite.

https://fit-green-mind.com/meet-maya (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)https://www.youtube.com/shorts/uOMr-HmeT_U (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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