
Die Monacensia im Hildebrandhaus in München-Bogenhausen ist das literarische Archiv der Stadt München – also der inoffizielle posthume Wohnsitz der Familie Mann, die sich ja nach wie vor über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen kann. Manchmal kommt es mir vor, als gäbe es in der ganzen deutschen Geschichte nur diese eine Familie. Naja.
Nun ist aber noch jemand anderes dort eingezogen, nämlich Rachel Salamander. Die Buchhändlerin und engagierte jüdische Intellektuelle hat der Stadt ihr umfangreiches Archiv zur Verfügung gestellt, nun kann man dort eine feine Ausstellung besuchen. Sie wird von den oben abgebildeten Eulen bewacht, sehr zu empfehlen.
Ich traf Rachel Salamander für die Süddeutsche im Café des Jüdischen Museums München. Hinter uns saß ein Mann im Anzug, der auf alles aufpasste, natürlich nicht er allein. Das ganze Quartier benötigt und erhält aufmerksamen und intensiven Schutz. Die Türen des Museums sind schwer und aus massivem Metall, alles andere als Luxus. Dialektisch kann man den Zustand des wütenden und gewaltbereiten Antisemitismus daran erkennen.
Ich habe Rachel Salamander vor vielen Jahren durch Marcel Reich-Ranicki kennengelernt, der bei den Buchmesseempfängen der FAZ an ihrem Tisch saß. Heute ist sie eine der wenigen, die noch an MRR erinnern. In der Ausstellung und auch online kann man die Aufzeichnung eines Abends mit ihm anhören. Er stellt dort seine Autobiografie vor und enthüllt einem deutschen Publikum, das ihn als Kritiker und Fernsehstar kennt und liebt, die Wahrheit seiner Jugend mit den Nazis, dem Warschauer Ghetto und danach.
Rachel Salamander macht die Ausstellung wie so vieles zu einer Familien- und Freundschaftsangelegenheit. Sie nahm mich in ihrem Polo mit. Einige Tage vorher war sie damit von München nach Portofino und retour gefahren, um den Geburtstag eines Freundes zu feiern. Scheinbar mühelose Verbindungen sind ihr Markenzeichen. Das Hildebrandhaus ist beispielsweise – ich habe den Zusammenhang nicht ganz kapiert – mit der Familiengeschichte ihres Mannes Stephan Sattler verbunden.
Die vielen Fotos der Ausstellung muten an wie ein privates Fotoalbum und sie hat auch manche heikle Geschichte anzufügen. Etwa über einen heute verstorbenen, superberühmten Gast ihrer Lesungsreihe, der ihren persönlichen Rekord für Hotelrechnungen in puncto Bargetränke geknackt hat. Auf der langen Liste der Extras stand auch ein zweites Frühstück, verräterisch. Salamander: „Ich hab mir gleich die Dolmetscherin geschnappt. Wie können Sie mit so einem ins Bett gehen?“ Leugnen war natürlich zwecklos. Andere Zeiten.
In einer Vitrine liegt auch das Gutachten der Münchner Polizei, das bei der Eröffnung von Rachel Salamanders jüdisch fokussierter Literaturhandlung 1982 erstellt wurde. Viele Seiten, graues Umweltpapier voller Bedenken und Auflagen. „Wenn es nach denen gegangen wäre, hätte ich nie etwas eröffnet!“ Sie machte trotzdem weiter. Über 1000Veranstaltungen, eine bundesweit berühmte Buchhandlung, Kolloquien und Symposien, schließlich die Restaurierung der Synagoge Reichenbachstraße – alles ohne Institution und ohne Behörde im Rücken, seule en scène.
Und ohne utopisches Versöhnungs- oder Bewältigungsversprechen. Am Ende ihrer viel beachteten Rede zur Annahme des Heine-Preises im August 2021 in Düsseldorf fragte sie sich und das Publikum nach kommenden, noch ungeahnten Katastrophen: „Heute sind wir Juden befangen. Wir sind in der Defensive. Nie hätte ich gedacht, dass mir solches passiert. Sozusagen viel belesen in der Geschichte der Zerstörung und Verfolgung bin ich offensichtlich zu gutgläubig gewesen – und zu lange geblieben.“ Sie endete mit einer beklemmenden Frage: „Was sehe ich nicht, was der klarsichtige Heine ahnte und was Spätere sehen werden?“
Heute wissen wir leider auch das: Damals arbeitete die Hamas längst an den Plänen für das Massaker, das sie am 7. Oktober 2023 begehen würde. Seitdem hat sich der Antisemitismus noch einmal in einer völlig neuen Dimension entwickelt. Nichts ist erledigt. Dennoch muss es weitergehen: „Reden, reden, reden“, sagt Rachel Salamander im Jüdischen Museum München. „Etwas anderes haben wir nicht.“
Wer es nicht nach München schafft, kann sich mit dem gut gemachten Taschenbuch zur Ausstellung, erschienen im Verbrecher Verlag, einen bleibenden Eindruck von der Arbeit Rachel Salamanders verschaffen.

Der Online-Auftritt bietet ebenfalls sehr viel:
https://www.monacensia-digital.de/archivsalamander/topic/titles/429479 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Der Beginn des Jahres stand für mich ganz im Zeichen der ersten Tournee von Was bisher geschah. Die Auftritte mit unserem Programm waren ganz anders als die Lesungen und Podiumsdiskussionen, die ich vorher so kannte. Konzentration war nötig, Timing und dabei auch immer gute Laune. Wir hatten viel Stoff mitgebracht. Wenn ich zwischendrin einmal ins Tagträumen geriet, einige Sekunden lang, war Joachim schon zwei Revolutionen weiter. Ganz besonders waren die Begegnungen mit den Hörerinnen und Hörern hinterher. So viele gemeinsame Stunden des Redens und Nachdenkens über Geschichte, das stiftet Verbundenheit. „Was sind Ihre Top Drei der schlimmsten Hohenzollern?“, wollte ein freundlicher Besucher zu später Stunde noch wissen.
Wir signierten ein Smartphone, diverse T-Shirts und Pullis und natürlich unser Merch. Mittlerweile gibt es das auch über unseren Online-Shop. Weihnachten steht ja vor der Tür. Die Tour 2027 ist längst in Vorbereitung, aber auch in diesem Jahr treten wir noch einmal auf, nämlich in Freiburg und Düsseldorf. Zu den Tickets dafür geht es hier entlang:
https://www.wasbishergeschah.com/#live-termine (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Am Samstag waren in den Frühsendungen des französischen Rundfunks echte Schluchzer der Trauer zu hören. Edgar Morin ist verstorben und bei ihm sind selbst 104 Jahre noch zu jung. Das ist allerdings eine neue Entwicklung, die meiste Zeit seines Lebens galt er als Nervensäge. Er hat sich auch wirklich mit allen angelegt. Hier eine sehenswerte Dokumentation über Mann und Werk.
https://www.arte.tv/de/videos/098789-000-A/ein-philosoph-mit-einfluss-edgar-morin/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Monsieur Paul hat es immer noch in sich. Als der YouTuber Tom einmal Bocuses poulet à la crème nachkochen wollte, geriet es zum Flop. Nun wagt er daher einen zweiten Anlauf mit einem der gastronomischen Erben und Nachlassverwalter des großen Kochs.
https://www.youtube.com/watch?v=MkUHbV0rhxQ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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