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Dezemberwespe

Gewaschen. Gemangelt. Gefaltet. Aromen gewaschener Baumwolle strömten aus dem Wäschepaket. „Ein guter Tag duftet nach frischer Wäsche“, murmelt Carla. Sie schnuppert an Laken, Kissen und Bezügen. Das Sauberkeitsbukett beruhigt ihr Gemüt.

Es kam vor, dass ihre Psyche einem überfüllten Café glich, in dem alle Tische und Stühle wackelten. Auf so einen Notfall war sie vorbereitet. Wenn das Herzrasen und die Kurzatmigkeit begannen, griff sie in ihre Handtasche. Hier bewahrte sie Stofftaschentücher auf, die in der Wäscherei extra für sie eingeschweißt wurden. Sie riss die Folie ab, steckte ihre Nase in das gereinigte Tuch und holte tief Luft. Ihr Puls beruhigte sich. Das Schwitzen nahm ein Ende. Seele und Körper harmonierten wieder miteinander.

Ein Summen unterbricht ihre Dufttherapie. Benommen taucht Carlas Gesicht aus der sauberen Wäsche auf. Auf der Fensterscheibe tanzt eine Wespe. „Wie schaffst du das nur? Jetzt bist du mir ins Schlafzimmer gefolgt“, stellt sie verblüfft fest. Gejagt vom Winter, verwechselte das Insekt das warme Licht aus Carlas Wohnzimmer mit einem Sommer. Durch einen Fensterspalt gelangte sie in ihr neues Asyl.

Auf einer Imker-Website las sie, dass Wespen stets ins Helle fliegen würden. Sie ließ die Fenster im Wohnzimmer tagsüber extra lange offen und hoffte, dass sie aus eigenem Antrieb in die Freiheit fliehen würde. Das staatenlose Tier ignorierte die Fluchtmöglichkeit, vielleicht wusste es, dass der Winter den sicheren Tod bedeuten würde. Weitere Anstrengungen wie etwa die Vertreibung mittels eines Kaschmirschals scheiterten. Die Wespe hockte stoisch an der Zimmerdecke und wartete, bis die Aufregung um sie vorbei war. Im Gegensatz zu ihren kriegerischen Schwestern und zu Carlas großem Glück war sie mit einem Hummelgemüt gesegnet.

Carla muss abwarten, bis ihr Besuch vor Erschöpfung stirbt und erst beim Frühjahrsputz seine letzte Ruhe im Staubsauger finden wird. „Du da oben. Du bist ein seltsames Ding. Drei Kerzen hast du überlebt. Heute zünde ich die vierte an und du fliegst immer noch durch meine Zimmer.“

Sie geht ins Wohnzimmer, in dem sich ein Schreibtisch mit einem Stuhl befindet, über dem eine Glühbirne hängt. Zwei Regale runden das Arrangement ab, sie stehen sich gegenüber, eines ist mit blauen Büchern gefüllt, das andere kann rote Bücher anbieten.

“Einer fröstelnden Rose im Herbstwind gleich steht sie vor dem Regal mit den roten Büchern.”

Der provisorische Einrichtungsgeschmack übertrug sich nicht auf die Art, wie sich Carla kleidete. Ihre Lustlosigkeit auf Persönlichkeit glich sie mit Charakter aus, der ihr erlaubte, eine eigene Form an Attraktivität zu bilden. Sie liebte weite, duftige und leichte Blusen mit charmanten Details, bunte Haarbänder, die sie mit Herrenhosen kombinierte. Dieser überlegt gestaltete Look passte gut zu ihrer fragilen Silhouette, ihrem blassen Teint, den kunstvoll gesetzten Muttermalen und der Hochsteckfrisur aus Mahagonihaaren. Als Schmuck reichten ihre feinen eingerollten Nackenhaare aus, die wie dorische Wellen bei einer griechischen Säule ihre hintere Halspartie verzierten.

Einer fröstelnden Rose im Herbstwind gleich steht sie vor dem Regal mit den roten Büchern. Es sind ihre gesammelten Tagebücher. Sie greift sich das aktuelle, setzt sich, schlägt eine neue Seite auf, streicht sie glatt und überlegt, mit welchen Worten sie den heutigen Tag wohl füllen kann. Seit ihrer Schulzeit vertraut Carla ihre Gedanken leeren Seiten an. Als Findelkind hat sie einen Mangel an Familie und ihr Charakter ist mit einer Barriere aus Vorsicht und Reserviertheit ausgestattet. Sie macht es Menschen unmöglich, mit ihr in Kontakt zu treten. Das eigene grelle Licht zu feiern, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. „Lieber verwelken als verbrennen“, schreibt sie später über ihr Schattendasein.

Zu den wenigen Menschen, denen Carla Zutritt in ihrem Leben gestattete, gehörten die alte Chinesin mit den Goldzähnen in der Wäscherei, die sie immer zum Tee einlud, wenn sie ihr Paket abholte und ein dicker Junge, der nach Weichspüler duftete, den sie mit seinem Dackel beim Gassigehen begleitete. Sie stellten nie Fragen und waren froh, dass Carla ihnen zuhörte.

Zu ihrer Erleichterung fand sie als Bibliothekarin einen Job bei einer Behörde, in der sie wenig Kontakt zu anderen hatte. Sie war für die elektronische Alt-Akten-Migration verantwortlich. Die Abteilung, deren Existenz kaum bekannt war, bestand nur aus Carla und befand sich in einem alten Bunker unter der Behörde. In den Räumen stauten sich Aktenwagen und stapelten sich die Umzugskartons, alle vollgestopft mit Verwaltungsfossilien, die darauf warteten, von Carla digitalisiert zu werden. Es war eine monotone Arbeit, aber sie empfand jeden Tag als Triumph. Es gab keine Grübelei, Konkurrenz, Urteile, Schwärmerei, Intrigen, Träumerei, Angeberei, Eifersucht oder sentimentales Verweilen. Nur Taktung. Nur Vorwärts. Nur Würde. Blatt für Blatt.

Die Wespe kommt angeflogen, setzt sich auf ihren Füller und putzt ausgiebig ihre Flügel. Carla beobachtet sie dabei. „Du kleines stures Biest, weißt du, dass ich ohne Thagard keine roten Tagebücher besitzen würde.“ Er war der einzige Mensch, dem Carla je vertraut hatte. Carla findet, dass es an der Zeit sei, ihrem Wintergast von ihm zu erzählen.

Thagard war ein Buchbinder. Seit seiner Lehrzeit reparierte er die Bücher nicht nur; er las sie auch alle. Ein Bücherfresser, der ganze Bibliotheken verschlang. Oft schlief er erschöpft vom Lesen über den Büchern ein. Eines Tages hielt er eine kaputte Ausgabe der Odyssee in seinen Händen. An der Verarbeitung erkannte er, dass es sein Werk war. Vor Jahren hatte er das Buch neu gebunden. Plötzlich erfasste eine Welle seine Seele. Sie spülte eine Sehnsucht nach Abenteuer und Fremde frei. Er beschloss daraufhin, für ein paar Wochen zu verreisen. Kaum hatte er den Leim an seinen Händen abgewaschen, heuerte er auf einem Schiff an. Aus Wochen wurden Jahre. Alle Ozeane bereiste er, bis seine Haare grau wurden. Fern der Heimat wollte er aber nicht alt werden. Er kehrte zurück und nahm eine Stelle als Hausmeister in einem Kinderheim an. In seinem neuen Job irritierte der alte Seemann Betreuer und Lehrer, denn er konnte ein verstopftes Klo wieder in Ordnung bringen, während er dabei ein Shakespeare-Sonett zitierte.

„Ich glaube dir und mir ist diese Welt zu viel.”

Unbeeindruckt von der Geschichte zieht es die Wespe vor, noch ein paar Runden im Zimmer zu drehen. Carla zählt ihre Runden und erinnert sich, wie sie Thagard kennenlernte. Sie war neu im Heim. Ihre Betreuer glaubten, dass sie eine Autistin sei, aber Psychologen bescheinigten, dass sie nur schüchtern war und empfahlen, das Mädchen in Ruhe zu lassen. Wenn die anderen Kinder auf dem Spielplatz herumtobten, versteckte sie sich hinter einem Fliederbusch. In dieser ruhigen Ecke fühlte sie sich wohl. Hier entdeckte er sie.

„Ich glaube dir und mir ist diese Welt zu viel. Weißt du, an wen du mich erinnerst?“ Carla schwieg.

„Du erinnerst mich an Napoleon.“

„An wen?“, fragte sie zurück. Den Namen Napoleon hatte sie vorher nie gehört.

„Das war ein mächtiger Kaiser. Er muss damals in deinem Alter gewesen sein, als er ohne Familie weit weg von zu Hause in einer Militärschule aufwuchs. Wie du hatte er sich dort einen Winkel ausgesucht, wo er sitzen und träumen konnte.“

„Ja, vielleicht.“

„Magst du deine Träume aufschreiben? Du könntest ein Tagebuch führen. Es wäre schade, wenn sie alle verloren gingen.“

„Tagebuchschreiben wäre wunderbar. Ein wenig Beherrschung würde mir guttun. Es sind so viele nachhängende Gedanken“, und fügte hinzu „Es müsste ein richtiges Buch mit weißen Seiten sein. Ich mag keines mit Blumen verziert, das nach Vanille duftet.“

„Das sollte kein Problem sein. Meine Tagebücher sind alle blau und schlicht. Welche Farbe würde deinen Gedanken gefallen?“

„Rot. Kirschrot wie die roten Autos.“

„Abgemacht. In fünf Tagen bei mir im Büro.“

Fünf Tage später hockte Carla in seinem Büro. Thagard hielt Wort und gab ihr das rote Tagebuch. Sein Handwerk hatte er nicht verlernt. Es war ein richtiges gebundenes Buch, wie sie es sich gewünscht hatte. Auf dem Buchrücken stand in goldener Schrift Carlas Name. Das Aroma kann sie bis heute nicht vergessen.

Später zeigte er ihr sein Tagebuch. Sie dürfe gerne darin lesen, denn er habe nichts zu verbergen. Es war ein Logbuch angefüllt mit Wetterdaten, Auflistungen seiner Arbeiten, Rezepten, Terminen und Gesundheitsdaten. Auffällig waren die gezeichneten Miniaturen aus Symbolen, die sich wie ein Rahmen um seine Aufzeichnungen schlossen. Am Ende stand immer derselbe Satz: „Wieder nichts geschafft.“

Sie legt ihr Journal zur Seite. Ihr fällt jetzt nichts ein. Es wird Zeit für Carlas Mission. Sie geht zum Regal mit Thagards blauen Tagebüchern, die er Carla vermacht hatte. Sie zieht ein Buch heraus, in dem viele Zettel mit Notizen stecken, setzt sich wieder an den Schreibtisch und beginnt Aufzeichnungen zu machen.

Die Unruhe auf dem Schreibtisch lockt die Wespe wieder an. Neugierig lässt sie sich am Rand des Tisches nieder. Es ist ein perfekter Platz, um einen Menschen bei der Arbeit zu beobachten. Carla schlägt Thagards Tagebuch auf und zeigt ihr die Seite. „Schau dir das an. Als Kind ahnte ich, dass diese gezeichneten Rahmen mit den vielen Symbolen eine Geheimschrift sind. Er hat viel geschafft und noch mehr gesehen.“

Kurz vor seinem Tod hatte er ein besonders schönes Tagebuch für Carla gestaltet. Ungewöhnlich war auch, dass eine kleine Widmung auf der ersten Seite aufgemalt war. „Leise ist Weise“ stand dort, wieder umrahmt mit seinen kleinen Bildzeichen. Sie erkannte, dass jedes Piktogramm zu einem Buchstaben passte. Sonne stand für ein L, eine Schlange war ein I und das T war ein Baum. Mit Beharrlichkeit konnte sie dem Code weitere Buchstaben zuordnen. Und so wuchs aus den drei Worten eine Welt zu einem Universum zusammen.

„Wollen wir doch mal sehen, was er Weihnachten 1979 geschrieben hat.“ Zwei zerrissene Seiten später liest Carla seine Worte vor:

„Warte auf mein Schiff und verbringe Weihnachten in San Diego. Unter Plastiktannenbäumen trinke ich Kaffee und beobachte die Leute. Die Amerikaner sind berauscht von dem Fest. Ich muss aufpassen, dass meine Träumereien nicht meine Erinnerungen nähren, aber ich habe an so vielen Orten den Heiligabend erlebt und kann behaupten, dass an diesem Tag Menschen mehr Gefühl als sonst wahrnehmen.“

Die Worte scheuchten die Wespe auf. Sie fliegt zum Fenster. Vor ihr liegen hell erleuchtet und weihnachtlich geschmückte Häuser. Auf der Suche nach ihrem Volk streckt sie ihre Fühler in Richtung Abend aus. Die feinen Sinneshaare auf ihren Antennen suchen den Himmel ab. Sie spürt die Geräusche und Gerüche, aber kein vertrautes Wespenschwirren.

„Sieh an, das Krabbelvieh ist damit beschäftigt, die Welt zu betrachten.“ Ein günstiger Moment, den Carla ausnutzt, um an ihrem eigenen Eintrag weiterzuschreiben. Sie holt das rote Buch wieder hervor und schreibt:

Sonntag, 21. Dezember 2025

Du Randnotiz meines Herzens / Angezogen von 75 Watt / Schwarz-gelbes Wintersummen / Es locken keine zuckersüßen Pflaumen / Mit deinem zarten Körper tastest du dich durch mein Leben / Prüfe es meine Amazone / Behalte aber deinen Stachel im Leib / Kreise in deiner Rüstung weiter um mich herum / Dein Sirren vertreibt mir die Stunden / Ruhe hier bis zur ersten Tulpe / Ein neuer Frühling bringt dir die Freiheit

Geschafft. Ich hatte mir vorgenommen, vier Geschichten und Essays pro Jahr zu schreiben. Es ist mir gelungen. Nächstes Jahr sollen es wieder vier werden. Vielen Dank für deine Zeit und Treue.

Ich wünsche dir ein frohes Fest und ein glückliches 2026. Bleib gesund und lass dich nicht verschrecken.

PS: Zwischen den Newslettern zum Snacken schau gerne in den Ponysülze-Blog (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) rein.

 

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