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#103 Aller Anfang

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Es ist Donnerstag. Du liest die ”Post aus Dachau”, den wöchentlichen Kultur-Newsletter von Stadtführung mit Matthias (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) für Dachau und München.

Als Gästeführer weiß ich was los ist. Und was sich lohnt.

Für Alle, die ihre Stadt genauso lieben, wie Du und ich.

Diese Woche ein besonderes Regiedebüt im Schloss, ein Salon voller Verbindungen – und ein Gespräch über Musik im Werden. Zwei Abende, die zeigen, wie Kultur entsteht.

Servus,

manchmal sind es nicht die großen, fertigen Produktionen, die am meisten erzählen. Sondern die Momente davor.

Diese Woche richtet sich der Blick weniger auf das Ergebnis als auf den Weg dorthin: auf Räume, in denen sich etwas entwickelt, ausprobiert, vernetzt. Räume, in denen Kultur nicht abgeschlossen ist, sondern im Entstehen begriffen.

Ein besonderes Beispiel dafür ist „Mozart im Schloss“. Auf den ersten Blick ein klassisches Format – Opernarien im Festsaal von Schloss Dachau. Und doch steckt hinter diesem Abend etwas, das so nicht beliebig reproduzierbar ist.

Hier entsteht ein Musiktheater aus einem kollektiven Prozess heraus, getragen von einer jungen Generation von Musiker*innen, die sich gerade erst formiert. Und gleichzeitig ist dieser Abend das Regiedebüt einer talentierten Dachauer Künstlerin – Anna‑Pauline Helfer, die hier nicht nur interpretiert, sondern gestaltet, bündelt und ihre eigene Handschrift entwickelt.

Anna-Pauline Helfer, Schulmusik mit Hauptfach Violine an der Hochschule für Musik und Theater München.

Ein Moment, der sich so nicht wiederholen lässt – weil genau diese Konstellation, diese Dynamik, dieser Stand der Dinge nur dieses eine Mal passiert.

Vielleicht ist es genau das, was diesen Abend besonders macht: die Möglichkeit, dabei zu sein, bevor sich Wege verfestigen. Bevor aus Namen Biografien werden, die man später kennt.

Parallel dazu entsteht in den Kunstwerken Dachau ein ganz anderer, aber ebenso offener Zugang: ein Salon, der sich bewusst auf Austausch einlässt. Musik von Komponistinnen aus mehr als einem Jahrhundert tritt in Dialog mit Literatur, Raum und Bildender Kunst. Auch hier geht es nicht um klare Kategorien, sondern um Verbindungen.

Beide Abende eint die Frage, wie Kultur heute entsteht – und wer sie sichtbar macht.

Vielleicht ist das die eigentliche Bewegung dieser Woche: weg vom fertigen Werk, hin zu den Prozessen dahinter. Zu den Menschen, die sie tragen. Und zu den Momenten, die später einmal anders erzählt werden.

Oder anders gesagt: eine gute Gelegenheit, dabei zu sein.

Besonders: freue ich mich, dass ich im Vorfeld des „Salon IDA“ mit Monika Olszak sprechen durfte – einer Künstlerin, die genau für diese offenen, vernetzten Formen des Musizierens steht. Das exklusive Interview mit ihr, findest Du am Ende dieses Newsletters.

Schön, dass du auch diese Woche wieder mit dabei bist – und bleibst.

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#KlassischeAnfänge

Dieses Wochenende findet in Dachau ein außergewöhnliches Konzert statt. Unter der künstlerischen Leitung von Jürgen Rothaug. Und auch wenn mit diesem Namen verbunden, bereits genug geschrieben wäre, warum man “Mozart im Schlossnicht verpassen sollte, würde es der Veranstaltung und vor allem den Menschen, der Idee dahinter nur bedingt gerecht werden.

Ausgangspunkt war kein fertiges Konzept, sondern ein Gespräch – zwischen Jürgen Rothaug und Anna‑Pauline Helfer. Zwei Menschen. Zwei Generationen. Und plötzlich eine Vision.

Aus einer beiläufigen Idee entwickelte sich Schritt für Schritt ein Projekt, das heute eher nach kollektivem Experiment als nach klassischer Produktion aussieht. Helfer begann, Sänger*innen aus ihrem Umfeld zusammenzubringen, Studierende der Münchner Musikhochschule, an der auch Rothaug einst zum Opern- und Konzertsänger ausgebildet wurde. Viele erst Anfang zwanzig. Vierzehn junge Menschen, die in ihrer Vita noch am Anfang stehen.

Rollen wurden hier nicht einfach nur besetzt, sondern aus den heterogenen Charakteren, konnten sich eigene Figuren entwickeln. Erst dann entstand das Stück. Ein künstlerischer Prozess, der erstaunlich konsequent auf Vertrauen setzt.

Dass genau daraus ein funktionierender Abend werden kann, hat dann aber doch viel mit Jürgen Rothaug zu tun. In Dachau gehört er zu den zentralen Figuren des Musiklebensweniger als laut auftretender Impulsgeber, sondern als jemand, der Räume schafft und Dinge ins Rollen bringt. Seine Arbeitsweise beschreibt Helfer fast beiläufig mit einem Satz, der viel erklärt:

„Dann machst du’s halt so.“

Rothaug, Musikpädagoge und langjähriger Dozent, hat mit seinem Ensemble Cantori über Jahrzehnte eine Struktur geschaffen, die in der Region fast einzigartig ist: bewusst breit angelegt, genrefrei, offen für Experimente. Seine Projekte reichen von klassischen Kirchenkonzerten bis hin zu groß angelegten Musiktheaterproduktionen in ehemaligen Industriehallen, von Holocaust-Gedenkkonzerten bis zu Crossover-Formaten zwischen Oper und Pop.

Mehr als ein Konzert.

Die gewählten Arien aus „Figaro“, „Don Giovanni“ und der „Zauberflöte“ wirken auf dem Papier vertraut. Und doch wird man am dargestellten “Mozart” selbst sehr schnell erkennen, hier hat sich die Rolle dem Schauspieler angepasst und nicht andersherum.

Was sich durchzieht, ist weniger ein Stil als eine Haltung: Musik als verbindende Kraft – sozial, generationenübergreifend, oft auch mit einem leisen gesellschaftlichen Anspruch. Das Familienkonzert am Nachmittag, zum Mitmachen, für Kinder bei freiem Eintritt. Abends dann die feierliche Soirée. Kultur für Alle.

Vielleicht erklärt das auch, warum in Rothaugs Projekten immer wieder junge Musiker*innen eine zentrale Rolle spielen. Er sucht sie nicht nach fertigem Profil aus, sondern nach Potenzial. Viele seiner Produktionen funktionieren genau deshalb: weil sie Gestaltungsräume öffnen, statt sie zu definieren.

„Mozart im Schloss“ ist ein aktuelles Beispiel dafür.

Anna‑Pauline Helfer steht dabei für die nächste Generation, die diese Räume nutzt und weiterdenkt. Schon früh als musikalisches Talent - u. a. Violine-Solistin im Schulorchester des Ignaz-Taschner-Gymnaisums - aufgefallen, heute zwischen Studium, Performance und als Jungunternehmerin unterwegs, übernimmt sie hier erstmals die Regie eines eigenen Musiktheaterformats.

Und man merkt: Dieses Projekt ist aus ihrer Perspektive heraus entwickelt. Aus Proben, Gesprächen, spontanen Ideen. Aus einem Ensemble, das sich nicht über Hierarchien organisiert, sondern über Beteiligung.

Aus einer ursprünglich angedachten klassischen Moderation, ist letztlich ein szenischer Rahmen mit Mozart selbst und seiner Schwester Nannerl entstanden. Die Sänger*innen haben die Gestalt ihrer Figuren selbst entwickelt. Jeder bringt dabei etwas individuelles mit – und genau daraus entsteht dieses einzigartige Musiktheater.

Es ist ein Ansatz, der in seiner Offenheit erstaunlich nah an dem ist, was Kultur leisten soll, aber heute selten einlöst.

Dass dieser Abend sich ausgerechnet Mozart widmet, mag nebensächlich wirken. Doch kaum ein Komponist steht so sehr für frühe Brillanz, für ein Leben in Bewegung – und für eine Karriere, die eben nicht im fertigen Meisterwerk begann, sondern im Experiment, im Unterwegssein, im sich ausprobieren. Mozart selbst war lange genau das: ein junger Musiker, der sich zeigte, ausprobierte, riskierte.

Vielleicht ist es genau dieser Moment, der hier wieder spürbar wird.

Denn was auf der Bühne steht, ist keine „fertige Garde“, sondern eine Generation im Übergang. Studierende, die sich gerade erst positionieren, die Rollen nicht nur interpretieren, sondern sich über sie definieren. Und genau darin liegt eine Qualität, die man in klassischen Konzertformaten nur selten erlebt: Man sieht nicht nur, was gespielt wird – sondern wie etwas entsteht.

Dass sogar Professoren der Musikhochschule den Weg nach Dachau auf sich nehmen, um diesen Abend zu sehen, ist dabei ein beiläufiges, jedoch deutliches Signal. Es zeigt, dass hier mehr passiert als eine studentische Übung. Dass man genauer hinschauen sollte.

Und genau darin liegt vielleicht der eigentliche Reiz: in der Möglichkeit, einen Moment mit zu erleben, von dem man später noch erzählen wird.

Wenn aus einzelnen Namen Karrieren, bekannte Stimmen geworden sind. Und wenn man sich erinnert: an diesen besonderen Abend im Schloss.

„Mozart im Schloss“ – Ensemble Cantori e.V.
📍 Schloss Dachau, Festsaal
🗓 Sonntag, 28. Juni 2026
🕑 14 Uhr (Familienkonzert) | 🕕 18 Uhr (Mozart-Soirée)
🎟 Tickets ab 8 € (Vorverkauf: Subtext, Bäckerei Denk) und vor Ort.

kultur für alle

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#Schmetterling

Ein Salon als Netzwerk.

Der „Salon IDA – Schmetterling“ kommt als leises Format nach Dachau. Wer bereit ist hinzuhören, für den dürften die größeren Linien dieses Abends sichtbar werden.

Wieder einmal stellt Richard Wurm seine Kunstwerke Dachau als Versuch zur Verfügung, an eine Idee von Kultur anzuknüpfen, die Austausch als Prinzip versteht. Nicht das fertige Werk steht im Mittelpunkt, sondern die Verbindungen, aus denen es hervorgeht.

Namensgeberin ist Ida Dehmeleine der prägenden Kulturvermittlerinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Mit der Gründung der GEDOK vor genau 100 Jahren schuf sie eine Plattform, die Künstlerinnen Sichtbarkeit verschaffen sollte, lange bevor Gleichstellung im Kulturbetrieb überhaupt als Thema verhandelt wurde. Ihre Salons waren Orte der Begegnung: spartenübergreifend, diskursiv, offen. Dass dieses Format heute wieder aufgegriffen wird, wirkt nicht nostalgisch, sondern erstaunlich gegenwärtig.

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Vor 100 Jahren gründete Ida Dehmel in Hamburg die Gedok. Auf Druck der Nazis musste sie 1933 ihre Ämter niederlegen. 1942 nahm sie sich das Leben, um der Deportation ins KZ zu entgehen. Bildnachweis: Frau Isi (Ida Auerbach) in ihrer Heimat Bingen am Rhein, 1901_copyright_Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg CC BY-SA 4.0

Denn vieles von dem, was Dehmel angestoßen hat, ist bis heute nicht eingelöst.

Das Programm des Trio Camerata 21 setzt genau hier an – und macht diese Leerstelle hörbar. Es führt durch mehr als ein Jahrhundert Musikgeschichte, die lange im Schatten stand: von Fanny Hensel, deren Werk sich gegen die Grenzen des 19. Jahrhunderts behaupten musste, über Alma Mahler und Rebecca Clarke, die sich zwischen Anerkennung und Zuschreibung bewegten, bis hin zu Lili Boulanger, deren radikal klare Klangsprache bis heute nachwirkt.

Dazu treten Komponistinnen wie Gloria Coates, die sich intensiv mit Erinnerung und politischer Geschichte auseinandersetzte – nicht zuletzt auch mit der NS-Zeit und deren Nachwirkungen. Oder zeitgenössische Stimmen wie Dorothea Hofmann, Dorothee Eberhardt und Narine Khachatryan, deren eigens für solche Besetzungen gedachte Werke zeigen, wie sich diese Tradition fortschreibt: offen, experimentierfreudig, ohne stilistische Festlegung.

Was dabei entsteht, ist kein historischer Parcours, sondern ein Geflecht von Positionen.

Auch das konkrete Programm folgt dieser Idee: Lieder wie „Waldseligkeit“ (Alma Mahler) oder Vertonungen von Emily Dickinson treffen auf instrumentale Miniaturen wie den „Eisvogel“ für Flöte solo oder Ausschnitte aus Paule Maurices farbintensiven „Tableaux de Provence“.

Dazu kommen neuere Arbeiten wie „Bizarre Welt“ von Robert Delanoff oder die Vertonung von Nelly Sachs’ „Schmetterling“ durch Narine Khachatryan – ein Text, der Erinnerung, Verlust und fragile Schönheit miteinander verbindet und damit fast programmatisch für den Abend steht.

Getragen wird dieses vielschichtige Gefüge von drei Musikerinnen, die jeweils für eine offene, suchende Form des Musizierens stehen: Die Mezzosopranistin Barbara Hesse-Bachmaier bewegt sich seit Jahren selbstverständlich zwischen Lied, Neuer Musik und Uraufführungen und erweitert das Repertoire immer wieder in Richtung ungewöhnlicher Klangkonstellationen. Die Flötistin und Saxophonistin Monika Olszak bringt genau diese Vielschichtigkeit mit – geprägt von Klassik, Jazz und experimentellen Formen. Und mit Miku Nishimoto-Neubert steht eine Pianistin am Flügel, die gleichermaßen im solistischen wie im kammermusikalischen Kontext zuhause ist und als Liedbegleiterin internationale Maßstäbe setzt.

Dass sich in dieser Besetzung immer wieder neue klangliche Konstellationen ergeben, ist kein Nebeneffekt, sondern Teil des Konzepts.

Der Gedanke des Salons geht dabei über die Musik hinaus. Mit Arbeiten der Dachauer Künstlerin Nina Annabelle Märkl wird der Raum selbst zum Mitspieler: Ihre skulpturalen Zeichnungen reagieren auf Architektur und Blickachsen und schaffen eine visuelle Ebene, die nicht illustriert, sondern eigenständig antwortet.

Und auch hier wird die nächste Generation bereits eingebunden: Mit Emilie Arand und Robert Habermann stehen zwei junge Musiker*innen auf der Bühne, die als Bundespreisträger von „Jugend musiziert“ bereits ihre eigene künstlerische Handschrift entwickeln.

So werden Verbindungen sichtbar, mit dem bewussten Verzicht Kunst in Schubladen zu packen. Zwischen Disziplinen, Generationen und Perspektiven.

Ein Salon, der weniger zurückblickt als weiterführt.

„Salon IDA – Schmetterling“ – Camerata 21 Trio
📍 Kunstwerke Dachau, Thomas-Schwarz-Str. 22
🗓 Freitag, 26. Juni 2026, 19:30 Uhr (Einlass ab 19 Uhr)
🎟 Eintritt frei, Spenden erwünscht


exklusivinterview

Ein Gespräch über Klang, Verbindung – und die Idee des Salons.

Der „Salon IDA – Schmetterling“ ist kein klassischer Konzertabend. Vielmehr entsteht hier ein Raum, in dem sich Musik, Literatur und Bildende Kunst begegnen – getragen von einer Idee, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreicht und heute überraschend aktuell wirkt.

Ich habe im Vorfeld mit der Flötistin und Saxophonistin Monika Olszak gesprochen – über das Konzept des Abends, die besondere Auswahl der Komponistinnen und darüber, was es bedeutet, Musik als Teil eines größeren Zusammenhangs zu denken.

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© Monika Olszak
Zur Rolle als Musikerin im Kontext des Abends

Du bewegst dich mit deinem Instrumentarium zwischen Klassik, Jazz und Neuer Musik. Inwiefern prägt diese Offenheit deinen Zugang zu einem Programm, das so stark auf Verbindung und Vernetzung angelegt ist?

Monika Olszak:Ich bin mit Klassik und Jazz aufgewachsen. Als Musikerin bin ich immer tiefer in beide Musikrichtungen eingetaucht und durfte auch die Neue Musik kennen und lieben lernen. Für mich ist das ein großes Geschenk und eine große Inspiration: Alles lässt sich mit allem verbinden, aus Improvisationen entstehen Kompositionen, aus komponierten Werken entstehen musikalische Ideen für Improvisationen. Mit einer Sängerin im Emsemble spielt stets Literatur eine Rolle, was wiederum der Musik mehr Tiefe verleihen kann. Und in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Nina Annabelle Märkl und durch Richard Wurms Werke wird ein optischer Raum eröffnet, den wir bespielen dürfen. Wir freuen uns ebenso sehr darüber, wenn durch das Mitwirken junger Musiker*innen, der kreative, künstlerische Funke mit in die nächste Generation getragen werden kann.

Zum Konzept von “Salon IDA”

Der Abend bezieht sich auf Ida Dehmel und ihre Salonkultur – also auf einen Raum, in dem Kunst im Austausch entsteht. Was bedeutet diese Idee für euch als Ensemble heute, und verändert sie die Art, wie ihr musiziert oder euer Programm denkt?

Monika Olszak:Im Vergleich zu einem Konzertsaal ist es im Salon leichter, mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Ein Raum wie die Kunstwerke Dachau mit lockerer Bestuhlung, mit Bar und mit der Möglichkeit, in der Pause hinaus in den Garten - mit Teich! - zu gehen: Das ist sehr einladend, innerlich Erlebtes nachwirken zu lassen oder in den Austausch zu gehen.”

Zu den Komponistinnen und dem Programm

Das Programm spannt einen Bogen von historischen Komponistinnen bis in die Gegenwart. Was hat dich bei der Auswahl besonders interessiert – gab es einen Moment oder ein Stück, bei dem du dachtest: genau das gehört in diesen Kontext?

Monika Olszak: Das war bei "Schmetterling": Der Programmtitel ist auch ein Stück, das Narine Khachatryan für unser Trio nach einem Gedicht von Nelly Sachs komponiert hat. Bei Nelly Sachs und Ida Dehmel gibt es eine tragische Parallele: Beide mussten vor den Nazis fliehen, Nelly Sachs nach Schweden, GEDOK-Gründerin Ida Dehmel ging vor ihrem KZ-Abstransport in den Freitod. Der Schmetterling steht für Gefährdung und Wandel. Und er ist ein faszinierend schönes Lebewesen und das hat uns zu Stücken inspiriert, die von Natur- und Tierbildern geprägt sind.”

Zum Klang und zur besonderen Besetzung

Die Kombination aus Stimme, Flöte beziehungsweise Saxophon und Klavier wirkt bewusst reduziert und gleichzeitig sehr flexibel. Welche Möglichkeiten eröffnet dir diese Besetzung – gerade im Hinblick auf die unterschiedlichen Stile und Zeiten, die im Programm aufeinandertreffen?

Monika Olszak:Querflöte und Saxophon erweitern die klangliche Vielfalt: Die Flöte klar und leicht - mit Einsatz von modernen Spieltechniken auch rauh und perkussiv -, das Saxophon kernig, obertonreich. In Kombination mit Gesang mischen sich die Flöte - und die Altflöte - wie eine zweite Stimme, ebenso mit dem Klavier. Das Saxophon bietet stärkere Kontraste, vom Klang und vom Repertoire. Es ist ja ein recht junges Instrument, 1846 von Adolphe Sax erfunden, und geprägt durch Musikliteratur, die sich erst ab Ende des 19. Jahrhunderts für dieses Instrument entfaltet hat bis heute zum Jazz, Pop, in der Klassik und der Neuen Musik. Und ja, ich kann bestätigen, dass wir den reduzierten transparenten Klang dieses Trios sehr schätzen und auch Solo- und Duowerke flexibel im Programm integrieren.”

Zur Verbindung von Musik, Raum und Bildender Kunst

Der Abend findet nicht nur als Konzert, sondern auch im Zusammenspiel mit bildender Kunst statt. Verändert dieser Rahmen deine Wahrnehmung von Musik – vielleicht auch im Moment des Spielens?

Monika Olszak: Der Raum, in dem wir spielen, hat immer eine Auswirkung auf die Art, wie wir spielen: Die Größe des Raums, die Länge des Nachhalls, die Innenausstattung, ob Glas, Holz, Beton, das Publikum. Von bildender Kunst umgeben zu sein, von Ninas A. Märkls "Torsionen" und von Richard Wurms Werken, das bietet eine zusätzliche Tiefe für unser Programm "Schmetterling". Wir Menschen sind ja stets mit Ohr, Auge, Haut, Nase, Gaumen und Geist zusammen unterwegs, und es ist wunderbar, wenn diese Sinne gleichzeitig angeregt werden und sich öffnen können.”

Zur Weitergabe und nächsten Generation

Mit zwei jungen Preisträgerinnen von „Jugend musiziert“ steht auch eine neue Generation mit euch auf der Bühne. Welche Rolle spielt für dich dieser Austausch – und was kann ein solcher Abend für junge Musikerinnen bedeuten?

Monika Olszak: Wir drei Musikerinnen der Camerata 21 unterrichten Schülerinnen und Schüler, freischaffend und an der Hochschule für Musik und Theater München. Der Austausch mit jungen Musiker*innen ist uns wichtig, um die Musik und auch das eigene Schaffen lebendig zu halten, und wir sind bestrebt, dem Nachwuchs ein Forum zu bieten. Wir möchten die Begeisterung für eigene öffentliche künstlerische Auftritte wecken, und hoffen damit, auch andere junge Menschen zu erreichen, dass sie sich klassischer und zeitgenössischer Musik und Kunst öffnen. Im Zeitalter von digitalen Medien eine Herausforderung!”

Zum Schluss: Etwas Persönliches

Wenn du an Programme wie dieses denkst, die Vergessenes sichtbar machen und Verbindungen neu knüpfen: Was treibt dich dabei persönlich an – eher die Neugier, das Entdecken oder auch ein Gefühl von Verantwortung?

Monika Olszak: Ja, mich treibt tatsächlich zunächst die Neugier an, gemeinsam etwas Neues zu kreieren, allein und in Verbindung mit meinen Kolleginnen. Am Anfang ist oft noch nicht ganz klar, wohin die Reise geht - das ist spannend. In der Auseinandersetzung mit einem Thema, wie jetzt mit Ida Dehmel, erfahren wir neue Musik und Neues über Musik; und wir entdecken neue  Hintergründe. Die Freude daran geben gerne wir weiter. Insbesondere das Hörbarmachen von Werken von Komponistinnen ist uns ein Anliegen, sowie das Vernetzen und der Autausch mit Komponistinnen, Literatinnen, Künstlerinnen, mit dem Publikum!”

Vielen Dank für das Gespräch.

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