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No 18 | Dein Adventskalender für solidarische Resilienz in belastenden Zeiten

Liebe Leser*innen,

jetzt sind wir schon bei Tag 18 des Adventskalenders. In den letzten Tagen ging es um Hoffnung, Akzeptanz der turbulenten Gegenwart, Selbstwirksamkeit oder Musik. Heute dreht sich alles um das Thema Werte.

Lerne deine Werte kennen

Werte sind tief verwurzelte Überzeugungen über das, was wir als erstrebenswert, positiv oder moralisch gut empfinden. Werte wirken sich darauf aus, welche Bedürfnisse wir haben, wie wir die Welt wahrnehmen und welche Handlungen uns wichtig sind. Sie sind keine konkreten Handlungen, sondern abstrakte Leitprinzipien, die Entscheidungen, Einstellungen und Verhalten beeinflussen.

Individuell erfüllen Werte mehrere psychologische Funktionen:

  • Orientierung: Sie helfen, komplexe Situationen zu bewerten und Entscheidungen zu treffen.

  • Identität: Werte sind eng mit dem Selbstkonzept verknüpft („Dafür stehe ich“).

  • Motivation: Sie beeinflussen langfristige Zielsetzungen stärker als kurzfristige Bedürfnisse.

  • Kohärenz: Werte tragen dazu bei, das eigene Verhalten als sinnvoll und konsistent zu erleben.

Werte sind aber nicht nur individuell geprägt, sondern haben viel mit gesellschaftlichen Faktoren zu tun. Es gibt Ansätze die davon ausgehen, dass es universelle Werte gibt und solche, die sich mit kulturspezifischen Faktoren auseinandersetzen.

Kultur und Werte

Der Sozialpsychologe Shalom H. Schwartz veröffentlichte im Jahr 2006 ein Wertemodell (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), das davon ausgeht, dass es global universelle Werte gibt, die alle Kulturen miteinander teilen. Aus seiner Sicht sind der Wunsch nach Harmonie, Gleichheit oder Autonomie universelle Werte, die sich überall finden lassen. Einem ähnlichen Prinzip folgt die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die 1997 vom InterAction Council zum 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte veröffentlicht wurde. Humanität, Gewaltlosigkeit und Achtung vor dem Leben oder Wahrhaftigkeit und Toleranz werden hier als universelle Werte und grundlegende Pflichten von Menschen betrachtet.

Es gibt andere Ansätze, die den Blick stärker auf kulturelle Unterschiede legen. Der niederländische Sozialpsychologe Geert Hofstede entwickelte zum Beispiel ein Modell mit sechs Kulturdimensionen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Basierend auf einer empirischen Studie mit mehr als 110.000 IBM-Mitarbeiter*innen aus 40 Länder entwickelte er Ende der 1960er Jahre sein Modell. Kulturen unterschieden sich seiner Meinung nach in folgenden Punkten, die das Verhalten von Menschen prägen:

  • Machtdistanz: Akzeptanz ungleicher Machtverteilung versus starke Hierarchie

  • Individualismus vs. Kollektivismus: Fokus auf Selbstverwirklichung versus Gruppenzugehörigkeit

  • Maskulinität vs. Femininität: Betonung von Wettbewerb & Stärke versus Fürsorge und Lebensqualität

  • Unsicherheitsvermeidung: Kontrolle und starre Regeln versus entspannter Umgang mit Unsicherheit

  • Langfristige vs. kurzfristige Orientierung: Kurzfristige Lösungen versus langfristige Strukturen

  • Genuss vs. Beschränkung: Erfüllung von Spaß und Freude versus Restriktion

Die deutsche Gesellschaft (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gilt in diesem Modell als eine zutiefst individualistische Gesellschaft. Es gibt einen starken Glaube an das Ideal der Selbstverwirklichung. Kommunikation ist oft sehr direkt. Leistung wird hoch geschätzt und früh gefordert, was sich auch im Schulsystem zeigt. Arbeit ist eine wichtige Säule für den Selbstwert. Genuss hat einen deutlich geringeren Stellenwert. Deutschland gilt in dem Modell als ein Land, das schlecht mit Unsicherheit umgehen kann und deswegen eine starke Präferenz für Unsicherheitsvermeidung hat.

Beide Ansätze werden auch kritisch rezipiert. Während universelle Wertemodelle kulturelle Unterschiede und Besonderheiten nicht gut greifen können, können kulturspezifische Ansätze an Stellen stereotyp vereinfachen oder verzerren. Nicht jeder Wert ist universell gültig, und Werte ersetzen keine ethische Reflexion oder empirische Evidenz.

Krisen und Werte

Krisen sind durch Unvorhersehbarkeit und Kontrollverlust gekennzeichnet. Werte können dann als relativ stabile innere Referenzpunkte dienen. Gleichzeitig können unsere Werte in Krisen manchmal ganz schön herausgefordert werden. In der Coronapandemie haben viele gemerkt, dass die eigenen Werte nicht mit denen von anderen im nahen Umfeld übereinstimmen. Während einem selber Solidarität wichtig war, wollten andere vielleicht vor allem individuelle Bedürfnisse befriedigen.

Die Forschung zeigt, dass die Übereinstimmung zwischen eigenen Werten und tatsächlichem Handeln oder Lebensumfeld mit höherem Wohlbefinden verbunden ist. Umgekehrt können Wertekonflikte innerpsychischen Stress erzeugen, etwa wenn Sicherheitsbedürfnisse mit Autonomiebedürfnissen kollidieren.

🦖 Deine Übung für Heute

Nimm Dir einen Moment Zeit, komme zur Ruhe. Mach Dir vielleicht eine Tasse Tee oder dein Lieblingssnack - und mache folgende Übung:

Schreibe 10 Werte auf, die dir im Leben wichtig sind (z. B. Ehrlichkeit, Respekt, Freiheit, Freundlichkeit). Überlege bei jedem Wert, wie er sich in deinem Alltag zeigt – in kleinen Handlungen, Entscheidungen oder Umgang mit anderen. Wähle einen Wert aus, den du heute besonders bewusst leben willst, und notiere eine konkrete Handlung, die dazu passt.

Mehr zum Thema

Bei Ein guter Plan gibt es den Werte-Test (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Man muss immer wieder zwischen verschiedenen Werten wählen und erfährt so am Ende, welche Werte für das eigene Handeln besonders wichtig sind. Ich finde das eine schöne Übung, um sich selbst zu reflektieren.

Ich wünsche Dir viel Spaß mit dem Kalender,

Pia Lamberty

Hintergrundinfos
Hintergrund: Was ist ein Resilienz-Adventskalender für belastende Zeiten?

Die Welt ist im Wandel – und das in einer Geschwindigkeit, die viele Menschen überfordert. Gewohnte Sicherheiten brechen weg, die psychischen Belastungen nehmen zu. Verschiedene Studien zeigen, dass globale Krisen erhebliche psychische Auswirkungen haben und viele an ihre Belastungsgrenze bringen.

Viele Menschen fühlen sich aufgrund der Krisenpermanenz und zunehmenden Bedrohungslage machtlos – doch sie sind es nicht. Menschen können die Welt verändern und haben mehr Einflussmöglichkeiten als ihnen bewusst wird. Um sich zu engagieren, benötigt es aber mentale Kapazitäten und Skills, um mit Stress umzugehen. Denn: Wer keine Ressourcen übrig hat, wird sich wahrscheinlich weniger einbringen können.

Anleitung: Wie funktioniert der Adventskalender?

Dieser Adventskalender hat 24 kleine Übungen, damit Du deine Resilienz jeden Tag ein bisschen stärken kannst. Jeden Tag geht es um ein anderes Thema, um besser durch turbulente Zeiten zu navigieren.

Du kannst die Ergebnisse deiner Übungen gerne aufschreiben und immer wieder mal anschauen. Das funktioniert in der Notizen-App in deinem Handy. Oder du bastelst dir ein kleines Resilienz-Tagebuch. Jede Übung dauert nicht mehr als 15 Minuten.

Es ist auch nicht schlimm, wenn Du nicht alles schaffst oder Du Übungen nicht magst. Das Ganze soll dich stärken und kein weiterer Stresspunkt werden.

Wenn Du aktuell in Psychotherapie bist, besprich vorher mit deinem bzw. deiner Therapeut*in, ob Du aktuell solche Übungen machen solltest.

Ist Resilienz nicht nur so ein komischer Internet-Trend?

Jein. Der Begriff wird gerade auf Social Media oder bei manchen Feel-Good-Seiten ganz schön überstrapaziert und oft sehr individualistisch betrachtet. Trotzdem beschreibt er eine reale Fähigkeit: gut mit Belastungen umgehen zu können. Und diese Kompetenz brauchen wir leider gerade recht häufig. Resilienz hat natürlich auch seine Grenzen. Es ist keine Superkraft, die plötzlich alles gut macht. Dennoch ist es wichtig, um belastende Phasen besser zu überstehen.

Falls Du mich noch nicht kennst:

Ich bin Dr. Pia Lamberty und Psychologin. Mein Studium der Psychologie habe ich an der FernUniversität Hagen und der Universität Köln (Schwerpunkt Social Cognition und Medienpsychologie) absolviert. An verschiedenen Universitäten – in Köln, Mainz, Brüssel und Beer Sheva – habe ich mich intensiv mit Verschwörungsglauben beschäftigt. Darüber hinaus habe ich auch zu Erinnerungskultur, Antisemitismus und allgemeinen Vorurteilen geforscht. Wer sich für meine Forschung interessiert, kann gerne bei Google Scholar (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vorbei schauen.

Im Jahr 2020 habe ich gemeinsam mit Katharina Nocun mein erstes Buch veröffentlich - “Fake Facts - Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen” -, das in der Coronapandemie zum Bestellter wurde. Ein Jahr später, 2021, erschien dann “True Facts - Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft” und 2023 der nächste Besteller: “Gefährlicher Glaube - Die radikale Welt der Esoterik”. Im Jahr 2021 habe ich mit anderen dann CeMAS (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)- Center für Monitoring, Analayse und Strategie gegründet und war dort bis Oktober 2025 aktiv.

Promoviert habe ich an der Sozial- und Rechtspsychologie der Universität Mainz - zur Rolle von Verschwörungserzählungen im Kontext von Gesundheitsthemen. Daneben habe ich mich durch die Deutsche Psychologenakademie zur Notfallpsychologin (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)weiterbilden lassen.

Mehr über mich findest Du auf meiner neuen Homepage.

Sujet ResilienzAdventskalender

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