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Leine los in den Karibik-Alltag: Trinidad bis Horseshoe-Reef

Richtig reibungslos läuft der Crew-Wechsel diesmal nicht.  Schade, aber was willst du machen? Ein Omen?

Zu viert sind wir über den Atlantik gekommen. Die Ketsch DAISY läuft unter Besansegel, Großsegel und der Genua. Windeinfallswinkel etwa 110°. Aber der Nordostpassat nimmt ab. Am Samstagmorgen wächst weit voraus klitzeklein ein dunkelgrüner Buckel aus dem Horizont. So hat das auch Christoph Kolumbus gesehen vor genau 509 Jahren an derselben Stelle.

Er wusste nicht, was ihn erwartet. Uns bestätigt es die Seekarte: Tobago liegt vor uns. Die erste Landsicht seit zwanzig Tagen.  

Allen wird klar: Das Ende der Atlantikreise ist erreicht. Walter, Hans und Rüdiger beginnen ihre Sachen zu packen. Ich versuche eine Telefonverbindung mit der neuen Crew. Klappt noch nicht. Erst als nur noch zehn Meilen zwischen uns und den Bergen Tobagos liegen, erreiche ich Uschi.

Die vier Neuen haben sich wie abgemacht in einem Hotel eingemietet. Einen exakten Fahrplan erlauben die dreitausend Seemeilen über den nördlichen Atlantik nicht. Nicht für ein Segelschiff. Jetzt zieht die DAISY am dunklen Urwald von Tobago entlang. Das Eiland gehört zu Trinidad and Tobago, dem südlichsten der Westindischen Inselstaaten.  

Es wird Mitternacht. In der karibischen Finsternis flimmern weit voraus Lichter. Muss die Küste von Trinidad sein. 

Da wir nur über GPS-Position und Seekarten verfügen, müssen wir den Kurs zur »Boca del Dragon«, dem Maul des Drachens, selbst ermitteln. Die Lücke zwischen Trinidad und Monos Island, der nächsten westlichen Insel, haben wohl spanische Seefahrer so getauft. Sie ist eng und du erkennst sie erst, wenn du kurz davorstehst.  

Um vier Uhr früh ist der Wind ganz weg. Ich bemühe den Sechszylinder, ein Ford-Lehmann Diesel, 130 PS. Er schiebt die DAISY satt brummend in das Maul des Drachens. Finstere Buckel zu beiden Seiten. Plattes Wasser zwischen den Inseln. Die Genua ist weggerollt. Zeit, das Groß- und das Besansegel zu bergen.

Kaum sind wir durch, glitzern voraus eine Menge Lichter. Seltsam hoch über der Küstenlinie. Sterne sind das nicht. Toplaternen! Dutzende Segelyachten ankern frei in der Bucht von Chaguramas! Und an backbord glimmen weiter unten Lichterketten. Die Straßenlampen der ausgedehnten Ansiedlung.   

Um 06.00 geht die Sonne auf. Vorbei an den Ankerliegern wird der kleine Hafen erkennbar. An backbord eine Steganlage mit paar Yachten und an steuerbord, etwas wie eine Marina. Und ein dreistöckiges Haus, »Crews-Inn-Hotel« kann ich entziffern.  Da also schlummert die neue Crew. Vor dem Bug entdecke ich eine kurze Pier aus Beton mit Brücke zum Land. Zwei Pfosten halten ein weißes verwaschenes Schild: »CUSTOMS«.

Fender und Leinen klar. Anlegen steuerbord, Walter steigt auf die Pier, Leinen rüber, festmachen. »06:06 Lokale Zeit« notiere ich im Logbuch.

Jetzt sollte es schnell gehen. Rüdiger hat für diesen Sonntag einen Flug gebucht.

Pässe und Schiffspapiere rauskramen und los geht‘s zur Immigration. Über die Brücke nur siebzig Meter weiter landeinwärts in einem zweistöckigen Gebäude, die Treppe hoch ins Obergeschoß, und erst mal warten. Der schwarze Beamte mit graumelierten kurz gehaltenen Locken sitzt malerisch im Uniformhemd hinter einem großen Schreibtisch. Lässig routiniert mit einem Lächeln winkt er mich zu sich.  

»Welcome to Trinidad and Tobago! «

Schiffsdokument, Pass, Despacho von Teneriffa, alles will genau geprüft sein. Crew-Liste ausfüllen mit allen Daten und Passnummern. Bis wir alle Stempel in den Pässen haben und die Gebühren bezahlen können, ist es zu spät. Rüdiger kann den Flieger nicht mehr erreichen.

Die DAISY muss verlegt werden. Achtzehn Meter lang, dreißig Tonnen schwer, zwei Masten. Seit zehn Monaten mein Zuhause aus Stahl. Am gegenüberliegenden Ufer können wir sie mit Muring und Achterleinen festmachen. Coral-Cove wird die Bucht genannt, in die man die kleine Steganlage gebaut hat.

Abschiedsfrühstück mit der Atlantikcrew. Rüdiger hat einen anderen Flug bekommen, Hans und Walter wollen noch ein paar Tage in Trinidad bleiben.

Dann wird es turbulent.

Uschi mit ihrem leuchtend rotem Lockenkopf, Albrecht und Hannes, zwei kräftige Kerle in den Mitsechzigern, gehören zu meiner Stammcrew. Wir haben einige Segelreisen auf Adria und Nordsee zusammen unternommen.  Auf einer davon war Moni zu uns gestoßen. Sie kommt aus dem Rheinland war im selben Jahr zwei Wochen in Norwegen dabei. Sie hat sich für ein Sabbatical beurlauben lassen und möchte über die dreiwöchige Karibikreise hinaus einige Monate an Bord bleiben.

Um elf rum kommen alle vier an Bord. Herzliches Wiedersehen aber sie bringen ein Problem mit: Monis Gepäck ist nicht mit demselben Flieger gekommen. Sie hat eine Nachricht, dass die zwei Reisetaschen nun am Flughafen Piarco International Airport von Port of Spain eingetroffen seien. Dabei handelt es sich um die Hauptstadt von Trinidad and Tobago. Es gibt die Möglichkeit sie von einem Taxi abholen zu lassen.

Das klappt auch, aber der Fahrer möchte achtzig US-Dollar haben.  Moni meint, das sollte die Crew bezahlen. Dafür gibt es kein Verständnis. Sie meint auch, dass ich das Hotel bezahlen sollte, in dem sie auf meine Ankunft gewarteten hatten. Ich sei ja zu spät gekommen. Die übrige Crew weist das energisch zurück.

Dann begegne ich an Bord unversehens einem Fremden. Ein schlanker blonder Kerl, in den Dreißigern.

»Tach.«

»Wie kommst Du denn an Bord? Was machst du hier?«

»Ähm ich bin…«

Walter, der sich schon verabschiedet hatte, kommt dazu. »Das ist Fred, ein Freund von mir. Ich wollte ihm das Schiff zeigen.«

»Hey, das solltest Du bitte vorher ankündigen. Das hier ist mein Zuhause. Da kann nicht jeder einfach reinspazieren.«

»Oh sorry, ich dachte…«

»Nein, ich latsch auch nicht einfach in Deine Wohnung.«

Die neue Crew bezieht ihre Kabinen und Kojen. Moni bringt ihre Sachen stracks in die große Mittelkabine.

»Sorry Moni, die ist Ursula und Matthias zugesagt, der in St. Lucia zu uns stoßen wird.«

»Aber ich will doch viel länger bleiben.«

»Das können wir dann später entscheiden. Für diese Reise ist die Kabine vergeben.«

Grummelnd richtet sie sich in der Backbordkabine im Vorschiff ein. Auch dort gibt es zwei zweimeterlange Etagenkojen.

    Es ist heiß in den Tropen Mittelamerikas. 38° C zeigt das Thermometer. Ursula, Hannes und Albrecht machen sich auf, Proviant für die nächsten drei Wochen einzukaufen. Für den Transport heuern sie ein Taxi an. Dennoch ist es eine Schlepperei. Moni ist nicht dabei.

Ich kümmere mich um einen defekten Decksschweinwerfer und besorge ein Ersatzteil beim Budget Marine-Shop.  

Zurück an Bord sehe ich das Dinghi, das mittschiffs über der Salonluke fest gelascht war, aufgestellt und die Luke darunter weit offen. Diese große Luke hat ein Dichtigkeitsproblem, weshalb ich sie nicht öffnen will. Das hatte ich der Crew erklärt.

»Wir haben der Moni gesagt, sie soll, die Luke nicht aufmachen. Du willst das doch nicht wegen dem Dichtgummi.«

»Und?«

»Sie hat gemeint,…«

»Was?«

»Sie hat gemeint, der Skipper habe eh keine Ahnung.«

Als Moni wieder an Bord kommt, frage ich sie: »Hey warum hilfst Du nicht mit beim Provianteinkauf für die Reise?«

»Sorry ist mir zu heiß. Musste Baden gehen.«

»Das ist aber jetzt nicht sehr sozial. Wir sind eine Crew. Den anderen ist auch heiß.«

»Die schaffen das schon.«

»Und warum machst Du die Mittelluke auf? Die hat ein Problem mit dem Dichtgummi.«

»Weiß ich doch nicht. Es ist so heiß.«

»Das Schlauchboot hat Schatten gebracht. Ich möchte, dass meine Anweisungen befolgt werden. Könnte wichtig sein.«

»Okay. Ich habe eine Verabredung.« Sie schnappt sich aus den eben an Bord geschafften Vorräten ein Sixpack Caribian Premium Beer verschwindet damit auf ein Nachbarschiff.

Der Decksscheinwerfer funktioniert wieder. Die Vorräte sind verstaut. Moni kommt an Bord zurück.

»Moni, wir müssen reden. Heute Abend setzen wir uns zusammen und besprechen unsere Reise. Dort drüben in der Kneipe.«

»Nein, geht nicht. Ich bin zu müde. Morgen vielleicht.«

Das war’s dann. Wie soll diese Crew zusammenarbeiten? Wie soll ich mit der Dame längere Zeit segeln?

»So funktioniert das nicht Moni. Sorry. Bitte pack Deine Sachen und geh von Bord. Jetzt.«

»Das kannst Du nicht machen! Was soll ich denn hier in Trinidad?«

»Tut mir leid. Ich bin für das Gelingen der Reise verantwortlich. Du hast Dich deutlich ausgeklinkt. Verlasse das Schiff!«

Am Kartentisch klappe ich meinem PC auf und schreibe eine förmliche Kündigung des Crew-Vertrages. Mit dem kleinen Sony-Drucker bring ich sie zu Papier und überreiche sie ihr.

Moni räumt ihre Koje und geht von Bord.

Ursula, Hannes und Albrecht atmen auf.

»Danke. Das wäre nicht gut gegangen mit der.«

»Sonderbar. In Norwegen war sie doch recht normal gewesen.«

»Komisch. Eine Juristin, Regierungsbeamtin. Leute gibt’s!«

Es folgt ein entspannter Abend zu viert in der Kneipe. Gegrillte Hähnchenteile mit Pommes und Caribian Premium Beer.

»Morgen Nachmittag legen wir ab Richtung Norden, nach Grenada. Erst noch zur Bunkerstation. Dann machen wir die fünfundneunzig Meilen nach Georgetown durch die Nacht.«

Die Nacht bleibt ruhig. Nur die Vögel aus dem nahen Wald lassen sich vernehmen. Die erste Tropennacht.

In meiner Kabine im Achterschiff gibt es wie in allen anderen Kabinen, Etagenkojen. Zwei Meter lang, hübsch breit. Oben liegen meine Klamotten und paar Ersatzteilkisten, unten ich. Die Bordwandverkleidung ist wie die ganze Einrichtung aus massivem Mahagoni gezimmert.

An der Koje läuft ein Schapp als tiefe Rinne entlang. Da liegen mein Portemonnaie, Taschenlampe, Wecker und Schlüssel drin. In der Decke ist eine Luke zum Himmel eingebaut.

Nach dem Frühstück geh ich ins Marinabüro hinüber. Der Liegeplatz hier im Coral-Cove kostet für die DAISY 33 US-Dollar pro Tag. Im Immigration-Office klariere ich das Schiff und seine Besatzung aus Trinidad and Tobago aus. Im Flur vor dem Office hockt ein Skipper, der offenbar eben angekommen ist. Sieht europäisch aus, eher nordisch.

»Hello,« sag ich.

»Moin,« sagt er.

»Ah deutsch?«

»Jo. Kiel.«

»Freut mich. Ich komm aus München. Atlantik?«

»Jo.«

»Alles gut?«

»Jo.«

»Ich muss los. Diesel bunkern. Vielleicht sehen wir uns noch irgendwo.«

»Jo. Wir bleiben noch ein wenig.«

»Gute Reise.«

 Zurück an Bord klaren wir das Schiff auf, füllen die beiden Frischwassertanks. Knapp sechshundert Liter haben wir an Bord. Das Ablegen wird besprochen.

Maschine starten. Die Bunkerstation liegt nur eine halbe Meile weiter westlich. Wir laufen draußen vor dem Hafen an einem Dutzend Ankerlieger vorbei. Unterschiedlichste Flaggen, alle wohl schon länger unterwegs.

An der Pier der Bunkerstation können wir längsseits anlegen.

Diesel bunkern ist nicht so einfach auf der DAISY. Den Einfüllstutzen hat man in der Mitte des Brückendecks im Mittelcockpit eingebaut. Unten im Salonboden muss eine Holzplatte weggenommen werden, damit wir an das Entlüftungsloch des stählernen Tanks kommen.

Durch dieses Loch kann ich einen Messstab in den Tank einführen. Ein Rundmetall aus Bronze einen Zentimeter dick und 180 Zentimeter lang mit zehn Kerbmarken für jeweils hundert Liter bis zur letzten für einen Füllstand von eintausend Litern.

Zum Dieselbunkern brauchen wir zwei Leute: Einen oben an der Zapfpistole und einen unten im Salon.

Der Dieselpreis überrascht mich: Neunzehn US-Dollarcent pro Liter! Achthundert kriegen wir rein, bis Albrecht unten »Stopp!« ruft. Tank zuschrauben, Messstab reinigen und verstauen, Zapfpistole samt Schlauch an Land bringen, bezahlen: 152 US-Dollar. Traumhaft.

Inzwischen ist es 16:00 Uhr geworden. Motorstart und ablegen. Im Windschatten der dunkelgrünen bis zu 950 m hohen Dschungelberge von Trinidad rührt sich kein Lüftchen. Der Sechszylinder mit seinen 130 Pferdestärken hilft. Es geht durch das »Maul des Drachens« hinaus auf die offene See. Kurs Nord.

Noch bevor die Nacht hereinbricht, macht sich Hannes in der Küche zu schaffen. Er weiß mit Pfanne und Herd trefflich umzugehen. Es duftet bald verführerisch. Die Pantry verfügt über eine große Muldenkühlbox mit 110 Liter Volumen und eine ebenso große Gefrierbox.

Gemischtes Gefühl in der Magengegend. Es sei nicht empfehlenswert in diesen Gewässern bei Nacht zu segeln, hieß es in manchen Beschreibungen. Fischer, aber auch andere Leute sollen hier gern unbeleuchtet unterwegs sein. Im Zweistundentakt halten wir Wache.

Lange nach dem Dinner im Mittelcockpit kräuselt sich im fahlen Licht der Sterne das Meer. Ein Luftzug aus Nordosten. Großsegel und Besan hoch. Genua ausrollen.

Die Segel füllen sich. Hannes steuert, Albrecht, Uschi und ich trimmen die Schoten. Ich kupple die Schraube aus, dreh sie auf Segelstellung und schalte die Maschine ab. Das GPS-Display in der Navi zeigt es schwarz auf weiß: 4,5 Knoten, Kurs 356°.  Der Autopilot steuert weiter.

Leise rauschend zieht die DAISY durch die karibische Nacht, bis der Wind sich wieder verkrümelt. Um 03:45 notiere ich 3,3 kn SOG. Um 07:30 muss der Sechszylinder wieder helfen. Vielleicht befinden wir uns noch zu weit südlich für den Nordostpassat.

Vor dem Bug taucht dunkelgrün ein großer dunkelgrüner Buckel aus dem Horizont:

Grenada.

Das Eiland sieht schmal aus. Die gebirgige Insel zieht sich nach Norden und wir sehen sie von Süden. Der höchste Buckel steigt laut Karte auf 840 Meter über dem Meer. Unser Ziel ist die Prickly Bay im südlichen Ende Grenadas.

Ein Frachter kommt in Sicht. An backbord mit Kurs Südost. Kommt also von links. Laut Kollisions-Verhütungs-Regeln (KVR) ist der ausweichpflichtig. Das Automatic-Informations-System (AIS) gibt es auf der DAISY noch nicht. Der Steuermann dort verlässt sich wohl auf ein Heimatrecht in diesen Gewässern. Also weichen wir aus, fahren hinter ihrem Heck rum. TROPIC CARIB steht drauf.

Im Fernglas entdecke ich flach und klein die beiden Landzungen der Prickly Bay und wenig später dazwischen einen wahren Mastenwald. Dauert noch ein Stündchen aber dann finden wir zwischen den vielen ankernden Yachten einen komfortablen Platz in der weiten Bucht. Auf fünf Metern Tiefe lass ich den Anker runter. Vierzig Meter Kette. Einfahren, Ankerball setzen, Maschine aus. Rund herum Segelyachten.

Erst mal ein Carib einschenken. Dann das Dinghi zu Wasser, Motor dran, Papiere einsacken und an Land fahren. Hannes und Albrecht bleiben an Bord. Das Schiff soll hier nicht unbewacht bleiben.

Der Fünf-PS-Yamaha bringt Uschi und mich in schäumender Fahrt zu den paar Häusern hinüber. Da gibt es tatsächlich einen Dinghi-Steg. Ich quetsche das Schlauchboot zwischen all die anderen. Auf dem Steg binde ich es mit mehreren Knoten fest. Das Office finden wir in einem kleinen zweistöckigen Haus im ersten Stock. Ein Beamter mittleren Alters residiert hinter dem schlichten Schreibtisch.

Grenada ist ein eigener Staat, aber auch Kronkolonie Großbritanniens. Elisabeth II ist das Staatsoberhaupt. Ein Gouverneur vertritt sie vor Ort. Da wir die nächsten Tage in diesem Staat verbringen wollen, müssen wir einklarieren.

»Welcome to Grenada!«

Crewliste ausfüllen, Stempel in die Pässe. Fertig.

Draußen gibt es eine Strandbar und an der Theke ein Carib. Die flache Halbinsel reizt ansonsten wenig zum Bleiben. Mit dem Schlauchboot zurück. Ein Dinner wird fällig und in Koproduktion hergestellt: Spaghetti Bolognese mit Salat. Finstere Wolken ziehen auf und ein tropischer Regenguss wäscht kurz drauf das Deck. Danach gibt es Arbeit: Den Yamaha verstauen und das Schlauchboot auskippen und an Bord holen.

Mein Sicherheitsbedürfnis fordert eine besondere Maßnahme für die Nacht heraus: Mit einer Angelschnur sichere ich den Zugang zu beiden Cockpits. Ein nächtlicher Besucher würde über das unsichtbare Hindernis stolpern, das alle Wanten von mittschiffs bis achtern umspannt. Das sollte uns ausreichend alarmieren. Das sollte mein Karibik-Standard werden. Sollte.

Die beiden Schiebeluks hatte ich schon in Europa mit innen liegenden Riegeln versehen. Sie lassen sich von außen nicht aufschieben. Die senkrechten Schotts darunter lasse ich jedoch verstaut, zwecks Lüftung. Noch zwei Stunden Generatorbetrieb für die Batterien. Gefrierbox und Kühlbox sowie die Lampe im Maststopp und die Innenbeleuchtung wollen gefüttert sein.

Es folgt eine ruhige erholsame Nacht. Nicht meine erste in der Karibik. Mit zwei kleineren Booten hatte ich Jahre vorher einige der Westindischen Inseln kennengelernt. Eine der Reisen hatte in Georgetown geendet, der Hauptstadt Grenadas. Sie ist unser nächstes Ziel.

Um 08:15 starte ich den Generator. Während leise brummend die Batterien geladen werden, genießen wir unser Frühstück.  Es wird zwanzig vor zwei Uhr, ehe ich die Hauptmaschine starte und den Anker an Deck hole. Nach dem Verlassen der Prickly Bay gibt es sogar Wind. Groß und Besan hochkurbeln, Genua raus.

Immerhin zwei Stunden Segeln im Lee der Insel. Sehr genussvoll. Gegen fünf stehen wir vor der Reede von Georgetown. Auch da liegt eine Reihe von Yachten vor Anker und eine davon sehr groß und lang. Segel bergen. Maschine starten.

Schräg achterlich des schwarzglänzenden Rumpfes mit rotem Wasserpass einer Superketsch lass ich den Anker fallen. Welch ein edler Kahn! Gut fünfzig Meter lang, weißer Decksaufbau, zweistöckig, auf dem dritten Deck die knallweiße Flybridge, sieht nagelneu aus. Auf dem Heck steht der Name: TAMSEN. Später nachgelesen: Gebaut von Perini Navi, Italien. Stapellauf 2007. Ist wohl gleichzeitig mit uns über den Atlantik gekommen.

Albrecht und Hannes helfen das Dinghi zu Wasser zu lassen und den Yamaha dran zu schrauben.

Wieder fahren Uschi und ich an Land, stromern durch die Stadt. Anglikanische Kirche, Katholische Kirche, Baptistenkirche. Meist einstöckige Häuser aus Holz, jedenfalls die alten. Britischer Kolonialstil. Englisch ist die Landessprache, alle Schilder alle Reklame natürlich englisch. Dabei war das Eiland, das ursprünglich von Kariben bewohnt war, zunächst von Spanien als Besitz betrachtet worden. Klaro, wurde ja von Christoph Columbus 1498 im spanischen Auftrag entdeckt.

Sollen aber kaum Spanier gekommen sein. Die Seeleute nannten die Insel »Granada« obwohl ihr Capetan Colon sie als »Concepcion« in sein Logbuch geschrieben hatte.

Mitte des 17. Jahrhunderts sollen Franzosen hier aufgekreuzt sein. Angeblich kauften sie den Kariben Land ab und ließen sich als Händler nieder. Das bedeutete das Ende der Kariben jedenfalls auf dieser Insel. Die Franzosen nannten sie »La Grenade«. Mehr als hundert Jahre war La Grenade Französisch. 1783 wurde die fruchtbare Vulkaninsel nach den Kolonialkriegen den Briten zugesprochen. Frankreich war mit der keimenden Revolution beschäftigt, die 1789 die Monarchie vorübergehend beseitigte.

Die Briten gliederten La Grenade in ihr Weltreich ein und erklärten Grenada zur Kronkolonie. Der Chef auf der Insel war fortan ein Gouverneur. Der blieb Staatsoberhaupt in Vertretung des Königs von England.

1974 entließ Großbritannien die Kronkolonie in die Unabhängigkeit. Demokratie wurde etabliert, Parlament und Premierminister gewählt. 1979 kam der Marxist Maurice Bishop durch einen Putsch an die Macht. Der suchte die Nähe zu Kuba, Nicaragua und zur damaligen UDSSR. Es gab keine Wahlen mehr.

Das gefiel dem Gouverneur ebenso wenig wie der Union der Östlichen Westindischen Inseln. Beide sollen die USA gebeten haben, der marxistischen Diktatur ein Ende zu setzen. Die US-Army besetzte das Land, nahm die Regierung fest. Maurice Bishop wurde angeblich vom grenadischen Militär ermordet. 1984 gab es nach zehnjähriger Pause wieder freie Wahlen.

Heute umfasst das Staatsgebiet auch die Inseln Carriacou, Petit Martinique, Ronde Issland, Caille Island, Diamond Island, Large Island, Saline Island, Les Tantes, und Frigate Island. Einige davon sind die Highlights jeder Karibikreise. Auch wir wollen einige davon besuchen.

In Georgetown kommen wir an einem ebenerdigen Gebäude vorbei aus dem scheppernder Krach herauslärmt. Ein dunkles Holzhaus mit flachem Satteldach. Eine Kneipe. Die vier Fenster sind offen. Drinnen hocken gut sechzig Männer jeweils vier oder sechs um Tische. An einer großen grünen Wandtafel sind zwei weitere Typen mit Kreide am Werk. Sie schreiben Zahlenkolonnen auf. Die Leute an den Tischen knallen Dominosteine mit Wucht auf die dicken Tischplatten und begleiten das lauthals mit fachlichen Kommentaren. Könnte Englisch sein oder Kreolisch oder ein Gemisch. Das erste Dominoturnier, das ich erlebe.

Nach Einbruch der Nacht soll man sich in den Westindies nicht an Land aufhalten, habe ich gelesen. Vor 18 Uhr sind wir wieder an Bord zurück. Danach wird es schlagartig finster.

Hannes hat das Dinner bereitet. Sehr lecker und ein paar Carib dazu und danach ein Glas Rotwein. Der Generator muss zwei Stunden laufen. Die TAMSEN glitzert hell wie ein riesiger Christbaum schräg vor der DAISY. Rund herum schlichte Ankerlichter. Das Dinghi ist wieder verstaut.

Nachtruhe.

Nach dem Frühstück Maschinenkontrolle, Motorstart und Anker an Deck. Es ist halb elf. Auf dem Wasser lässt sich der Nordost blicken. Stärke vier. Ab zwölf ziehen Groß und Genua. Es geht nach Norden. Um halb sechs und nach 28 Meilen sind wir da: Vor Ronde Island. Da war ich schon mal.

Maschine starten, Segel bergen. Dabei bemerke ich, dass die oberen drei Verbindungen zwischen Rutscherschlitten und Segel sich auflösen. Dabei ist das Segel erst ein paar Monate alt. Gibt Arbeit.

Eine weite Bucht, nach Südwesten offen. Die winzige Urwaldinsel ist unbewohnt. Dichtes Grün bis ans Wasser, nur ein kurzer schwarzer Strand. Vulkanisches Gebiet. Nur paar Fischer kommen ab und zu vorbei. Ein hölzerner offener Kahn liegt verlassen ganz im Eck an einer Boje. Weiter östlich ragen zwei Felsen hoch und steil aus dem Wasser. Die Twin-Rocks. Davon gäbe es auch noch was zu erzählen: »Im Paradies der Haie.«

Hier herrscht Einsamkeit. Baden mit Schnorchel und Taucherbrille. Viele tausend Fische zu sehen, bunte Moränen auf dem Grund.

Hannes findet brasilianische Rindersteaks in der Kühlung. Vorzüglich mit Reis und Salat. Mit dem Fernglas sorgsam die Inselküste absuchen. Nein, wirklich kein Lebenszeichen. Wir sind allein.

Der Generator muss zwei Stunden laufen.

Nachtruhe.

Nach dem Frühstück mit Nadel und Faden die Rutscherverbindungen am Groß nähen. »Qualitätssegel durchgelattet, aus Travemünde. Hat rund sechs Mille gekostet. Kaum segelst du über den Atlantik…« Ich krieg es wieder hin.

Um 10:15 Maschine starten, Anker auf. Ab 10:30 wird gesegelt, Groß und Genua, halbwind, fantastisch bis halb drei. DAISY steht vor Petit Martinique. Wieder so ein zauberhafter Ankerplatz mit tiefblauem Meer. Und einem Dutzend anderer Ankerlieger. 12°32‘041 Nord 061°23‘214 West. Schon wieder Schnorcheln.

Diesmal fabriziert Uschi einen leckeren Gemüseauflauf. Zwei Stunden Generator. Gute Nacht.

Halb acht morgens Generator starten. Frühstück. Heute wollen wir den Staat Grenada verlassen. Dazu müssen wir nach Hillsborough auf der Insel Carriacou zum Ausklarieren. Acht Uhr den Sechszylinder anwerfen und den Anker aufholen. Nur ein Katzensprung hinüber nach Carriacou.

Halb Zehn auf der Reede von Hillsborough. Anker runter, Motor aus, Dinghi ins Wasser, Motor dran. Zum langen Anlegesteg fahren. Am Eck gibt es einen niedrigen Holzsteg zum Festmachen. Das gelbe Customs-Office ist schnell gefunden. Der Beamte ist gut drauf, trällert ein Lied, während er die Papiere stempelt.

»Have a nice journey!«

Bisschen durch den Ort schlendern, Gemüse und Papayas kaufen. Eine gepflegte Siedlung mit niedrigen Häusern maximal Erdgeschoß plus erster Stock. Sehr farbenfroh. Auf manchen Hütten bunte Malereien mit Darstellungen aus der Voodoo-Mystik. 

Wie schön, das Schlauchboot ist noch da im Hafen. Das ganze eingekaufte Zeugs auspacken untersuchen, neu einpacken. Schuhe reinigen. Kakerlakenprävention nennt sich das. So verstreicht Mittag. Zur DAISY hinausdüsen.

Dinghi an Bord holen, Maschine starten, Anker aufholen.

Jetzt geht es über die Grenze nach St. Vincent and the Grenadines. Reine Maschinenfahrt.

Um halb Drei steht DAISY vor Clifton Harbour auf der Insel Union Island. Ein Muss für jeden Karibiktörn. Die weite Bucht wird nach Osten von einem Korallenriff geschützt, das teilweise über Wasser ragt und zwei winzige Inseln bildet. Auf einer steht immerhin eine Hütte. Die Einfahrt von Süden ist betonnt.

Mitten in der Bucht liegen zwei weitere Korallenriffs. Ich mach den Anker klar und fahr langsam in die Bucht. Gut ein Dutzend Yachten verteilt sich in der Bucht.

»Hey schau, da gibt es Bojen.« ruft Hannes.

Tatsächlich hat man Bojen verankert, um sichere Liegeplätze zu schaffen. Früher mit dem Anker war das abenteuerlich. Die Untiefen, kaum zu erkennen, die Fläche eng.

»Gut, dann brauchen wir eine Leine und den Bootshaken.«

»Da drüben ist eine frei.«

Uschi deutet quer über die Bucht.

Der Nordostpassat weht in Cliftons-Harbour. Fünf bis sechs Beaufort. Es gilt die Boje so anzufahren, dass man sie an der niedrigsten Stelle des Schiffes, also mittschiffs auffassen kann, um die Leine durch das Festmacherauge zu ziehen und am Bug auf der Klampe festzumachen.

Dazu muss das Schiff ohne jede Fahrt stehen, auch bei diesem Wind. Geht nur, wenn der Bug direkt in den Wind zeigt.

Albrecht steht mit dem Bootshaken an Backbord bereit, Hannes hat die Leine in der Hand. In weitem Bogen steuere ich die Boje an, genau gegen den Wind. Sie verschwindet unter der Bordwand, ich sehe sie nicht mehr. Albrecht zeigt mit dem Bootshaken auf sie. Ich muss näher ran. Der Wind vertreibt das Schiff. Ich brauch einen neuen Anlauf.

Wieder im Kreis fahren und auf die Boje zuhalten. Diesmal verschwindet sie schon früher unter der Bordwand am Bug. Ganz langsam aber mit relativ hoher Drehzahl gegen den Wind. Der Verstellpropeller bewährt sich. Es lässt sich damit sehr feinfühlig der Vortrieb einstellen.

Jetzt ist die Boje mittschiffs. Albrecht hat sie mit dem Bootshaken erwischt. Fahrt weg, eher bisschen achteraus. Aber der Wind drückt. Also wieder voraus. Hannes zieht die Leine durch das Auge, geht mit dem Ende nach vorn, die Leine bei jeder Want außen rumführend und belegt sie auf der Bugklampe. Fertig.

»Auskuppeln«

Maschine aus.

Welche Ruhe! Das Schiff legt sich in Windrichtung und liegt still. Wir haben Glück. Viele Bojen sind nicht mehr frei. Aber wir waren zu schnell.

»Da kommt einer.«

Uschi deutet auf einen großen bunten Holzkahn, der mit weißer Bugwelle heranrauscht. Ein großer kräftiger Kerl hockt am Heck am Außenborder, breites Lachen im Gesicht. Schwarz wie die Nacht mit lustigen Augen, blendend weißen Zähnen.

Sujet Macheten und Kanonen

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