Passer au contenu principal

Mama, Papa, warum habt ihr die Zeitung abbestellt?

Es ist Montagmorgen. Du liest die Blaupause, den Newsletter, mit dem du Communitys besser verstehst und erfolgreich Mitgliedschaften anbietest. Heute: Warum meine Eltern nach 50 Jahren die Zeitung gekündigt haben.

Hallo!

Sonntagvormittag, ich rufe meine Eltern Beate und Fritz an. Er ist 80, sie 78. Im März 1975 haben sie die Westerwälder Zeitung abonniert, eine Lokalausgabe der Rhein-Zeitung aus Koblenz. Vor vier Wochen haben sie gekündigt, nach 50 Jahren.

Warum?

„Wir vermissen nicht die Zeitung. Wir vermissen, was sie mal war.“

Warum habt ihr die Zeitung abbestellt?

Fritz: Wir waren seit März 1975 Abonnenten, also mehr als fünfzig Jahre lang. Seit etwa fünfzehn Jahren, so schätze ich, haben wir die Zeitung nur noch digital, als E-Paper. 

Beate: Nein, noch nicht so lange!

Fritz: Na gut. Jedenfalls wurde sie teurer und teurer – zu teuer für das, was sie uns liefert. Über 400 Euro im Jahr, glaube ich. Jetzt ist sie seit einem Monat weg.

Wann habt ihr sie auf dem iPad immer gelesen?

Fritz: Abends, aber erstmal die Schlagzeilen. Die neue Ausgabe kam zwischen halb neun und halb zehn ins iPad. Es heißt zwar, man könne morgens einen aktuelleren Stand nachladen, aber einen Unterschied habe ich da nie bemerkt.

Beate: Dein Vater hat eine Art einen Memory-Effekt. Er wacht um vier oder fünf Uhr auf, weil sein Körper Nachrichten braucht. 

Fritz: Ich wache nachts auf, dann lese ich Krautreporter, den Spiegel, die FAZ, den SWR-Newsletter.

Beate: Ich habe morgens nach dem Kaffee Zeitung gelesen. Und zwar von hinten, das habe ich schon immer so gehalten. Das Erste, was mich interessiert hat: die Todesanzeigen.

Die sind doch immer noch relevant, oder?

Beate: Na ja, die kommen inzwischen aus dem ganzen Großraum Koblenz, ich kenne die Hälfte der Orte gar nicht. Die Anzeigen aus unserer Gegend stehen längst woanders: im Inform, dem Verbandsgemeindeblättchen.

Fritz: Eine Anzeige in der Rhein-Zeitung kostet je nach Größe 400 bis 800 Euro. Im Inform einen Bruchteil. Die Familien können oder wollen das nicht mehr bezahlen.

Beate: Das Inform trägt uns übrigens ein Schüler aus, der singend durch die Straßen geht. Gestern habe ich ihn getroffen und gesagt: Du singst ja heute nicht. Und er sagt: Nee, heute nicht.

Die Bürgermeisterin macht mit ihrem Blättchen also der Tageszeitung Konkurrenz?

Fritz: Und zwar ziemlich lückenlos. Der Verlag, der diese Blätter im ganzen Land herausgibt, hält den amtlichen Teil bewusst kurz und verdient mit Anzeigen und auch Berichten Geld. Das ist natürlich kein Journalismus.

Was kam für dich nach den Todesanzeigen, Mama?

Beate: Die Kulturberichte, zum Beispiel Theaterrezensionen. Da gab es viele Jahre einen guten Redakteur, Herrn Ambrosius. Neulich wollte ich eine Rezension lesen – und es war schlicht eine Inhaltsangabe. Ich vermute, das war KI! Eine Zusammenfassung des Stücks brauche ich nicht in der Zeitung. Ich will wissen, ob es gut ist.

Aber auch früher hat dir sicher mal eine Rezension nicht gefallen, und ihr habt nicht gleich die Zeitung abbestellt.

Beate: Es geht ja nicht darum, ob mir die Rezension gefällt. Es geht darum, ob da überhaupt jemand das Stück gesehen und beurteilt hat. 

Verklärt ihr eventuell die Zeitung von früher?

Fritz: Nein, es ist wirklich viel, viel schlimmer als früher. Es gibt keine Lokalredaktionen mehr in Hachenburg, in Altenkirchen, in Betzdorf. Alle sitzen in Koblenz oder an digitalen Arbeitsplätzen. Du kriegst niemanden von der Zeitung mehr ans Telefon, niemand gibt eine E-Mail-Adresse heraus. Ich habe dreimal versucht, jemanden zu erreichen, man wollte zurückrufen – nichts.

Beate: Bei der Amtseinführung des neuen Abts im Kloster Marienstatt sprangen zwar Fotografen herum, aber am Ende erschien ein ungünstiges Bild und ein Bericht voller Fehler. Da geht mir der Hut hoch. 

Fritz: Es gibt eine Ausnahme, Nadja Hoffmann-Heidrich. Die kann schreiben.

Wenn jemand wie Nadja Hoffmann-Heidrich euch einen lokalen Newsletter anbieten würde – was würdet ihr dafür zahlen?

Fritz: Bis zu 30 Euro im Monat wäre mir das wert, denke ich.

Beate: Mir auch.

Die Rhein-Zeitung hatte im Westerwaldkreis allerdings auch früher schon das Monopol …

Fritz: Genau das ist der Punkt, der am meisten wehtut. Im Nachbarkreis Altenkirchen gibt es als Konkurrenz die Siegener Zeitung, da kann man wechseln. Bei uns nicht. 

Und das nutzt der Verlag jetzt, um die Preise hochzudrehen?

Fritz: So ist es. Und was mich zusätzlich ärgert: Mit der Kündigung sind auch die Newsletter unnütz. Dort verlinkte Einzelartikel kann ich da zwar kaufen, allerdings ab 3,50 Euro pro Stück. Am Ende wird es teurer als vorher.

Wie machen es eure Freunde und Nachbarn?

Fritz: Den Trend, den ich hier beobachte, würde ich Zeitungs-Sharing nennen. Die Leute abonnieren zu zweit oder zu dritt. Der Bruder einer Bekannten geht mit seiner Frau jeden Tag spazieren und bringt Verwandten zwei Dörfer weiter die Zeitung vorbei. Das ist allenthalben so. Die Preise sind schlicht zu hoch geworden.

Mama, du hast gesagt, der Lokalteil sei dir inhaltlich zu beklemmend geworden.

Beate: Inzwischen erfährt man dort vor allem, wer wann wo einen Unfall hatte, wo eingebrochen wurde, wer unter Drogen erwischt wurde. Das sind keine Politikberichte mehr, das ist Klatsch und Tratsch.

Auch spannend, oder nicht?

Beate: Nein, das ist überhaupt nicht spannend. Das ist angsteinflößend. Ich brauche das nicht.

Was war das für eine Lebenssituation 1975, als ihr die Zeitung bestellt habt?

Fritz: Wir waren neu hier und wollten uns einfinden. Dazu brauchte man alle Informationen, die mit der Presse zur Verfügung standen. Andere Medien gab es ja kaum. Kein Lokalradio, kein RTL, kein Internet.

Damals gehörte das mit dazu, oder? Familiengründung, Tageszeitung.

Beate: Genau.

Hattet ihr vorher auch schon Abos?

Fritz: In München während des Studiums die Süddeutsche. Als wir den Bezug zu München verloren haben, haben wir auf die FAZ umgestellt, parallel zur Rhein-Zeitung, mit Briefkastenauslieferung.

Wie war das bei euren Eltern?

Fritz: Mein Vater hatte die Kölnische Rundschau, die Mainzer Allgemeine, den Wiesbadener Kurier und die FAZ.

Jeden Tag vier Zeitungen?

Fritz: Die Mainzer und Wiesbadener brauchte er beruflich, da standen die öffentlichen Bauausschreibungen drin. Es gab ja noch nichts mit Netz. 

Beate: Meine Mutter Irmgard hat bis ins hohe Alter wöchentlich die Glocke aus ihrer Heimat Aalen/Westfalen nach Freiburg geschickt bekommen.

Wenn jetzt alle es so machen wie ihr, gibt es bald keine Zeitungen mehr. 

Fritz: Wir sind unter unseren Freunden, glaube ich, die Einzigen, die überhaupt auf dem iPad lesen. Die anderen sagen: Ich brauch das Geraschel am frühen Morgen. Ich muss die Zeitung riechen, anfassen, mich dahinter verstecken können und so weiter. Uns fehlt höchstens das Zeitungspapier im Haushalt!

Beate: Von diesen Nostalgie-Argumenten lassen wir uns aber überhaupt nicht leiten.

Fritz: Was deine Mutter mir aber zu Recht vorhält: Sich die Nachrichten aus vielen Quellen zusammenzusuchen, ist zeitaufwendig. Bei einer Tageszeitung war es um zehn Uhr morgens erledigt – Punkt. Heute jage ich bis spät in den Abend hinterher. Das belastet auch die Beziehung. Ich berichte ihr ständig, was gerade passiert ist. Und es sind ja meistens keine guten Nachrichten.

Hat die Rhein-Zeitung versucht, euch zu halten?

Fritz: Nach der Kündigung kamen siebzig Euro Rabatt, wenn ich für ein Jahr fest verlängere. Heute kam eine 80-Jahre-Verlagsgeschichte als Begleitschreiben mit lauter Lock-Angeboten. Aber das löst die Probleme nicht, die uns weggetrieben haben.

Aus der Win-Back-E-Mail der Rhein-Zeitung

Was müsste sie denn ändern?

Fritz: Wieder Ansprechpartner vor Ort haben, wieder Leute, die wissen, worüber sie schreiben. Aber realistisch sehe ich das nicht. Bei den Krautreportern haben wir vor Jahren Lunte gerochen, dass es auch andere Wege gibt. Wir wissen, dass es anders geht. 

Bleibt es also dabei, die Zeitung ist für euch vorbei?

Fritz: Das muss sich noch zeigen. Wenn wir bis Jahresende ohne zurechtkommen, bleibt es dabei. 

Beate: Ich würde eher die Zeit abonnieren als die Rhein-Zeitung wieder ins Haus zu holen.

Fritz: Und die liegt dann ungelesen rum.

Nach vier Wochen: Würdet ihr sagen, ihr vermisst die Zeitung?

Beate: Wir vermissen sie nicht. Wir vermissen, was sie mal war.

Bis nächsten Montag!
👋 Sebastian

PS: Sehen wir uns heute oder morgen auf der Republica? Der Einfachheit halber habe ich einen Verabredungs-Kalender aufgesetzt, falls du dich auf eine Hof-Limo verabreden möchtest.

Mitglieder-Bereich 🔒

Sujet Krisen

0 commentaire

Vous voulez être le·la premier·ère à écrire un commentaire ?
Devenez membre de Blaupause et lancez la conversation.
Adhérer