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“Angst an der Macht bremst die Verkehrswende” - Stefan Carsten

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Inhalt dieser Folge:

Zukunftsforscher Stefan Carsten: Angst an der Macht bremst die Verkehrswende.

Stefan Carsten ist Zukunftsforscher, Mobilitätsexperte und zum dritten Mal zu Gast bei She Drives Mobility. Seit 30 Jahren begleitet er die Transformation von Städten und Verkehrssystemen – in Beiräten, auf Bühnen, in Büchern. Er ist jemand, der die Fortschritte klar benennt und die Wut trotzdem nicht verbeißt. Und der zum ersten Mal in drei Jahrzehnten fragt, ob das System noch jemanden wie ihn braucht.

Wir starten das Gespräch bewusst mit schlechter Laune – weil die Lage der Nation es so verlangt. Und weil ehrliche Analyse vor falscher Zuversicht kommt. Gleichzeitig sind wir beide, trotz allem, unerbittlich in der Überzeugung: Es kann sich etwas tun. Es muss sich etwas tun.

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Was Deutschland falsch liest – und was Paris richtig macht

Stefan ist grundsätzlich positiv: Die Mobilitätswende in den Städten ist, so seine These, irreversibel in Gang gesetzt. Berlin ist dafür ein paradoxes Beispiel – eine Stadtpolitik, die massiv auf das Auto setzt, während die Menschen im Alltag längst das Fahrrad, den ÖPNV und Sharing-Angebote nutzen. Mobilität wird von der Gesellschaft gemacht, nicht von der Politik. Paris beweist das eindrücklich: Eine Stadt, die konsequent auf Menschen statt Autos setzt – und dafür zur erfolgreichsten Wirtschaftsmetropole Europas geworden ist. Eine Korrelation, die in Deutschland systematisch ignoriert wird.

Nicht Komfortzone, sondern Angst

Was bremst? Stefan spricht nicht von Komfortzone, sondern von purer Angst. Angst, dass das Neue es schlimmer machen könnte. Angst, dass es keine echte Alternative zur Automobilität gibt. Angst, dass 70 Jahre Wohlstand und Komfort vorbei sein könnten. Und eine Politik, die diese Angst bedient statt einzuordnen – ohne Korrelationsdenken, ohne Strategie.

Die Gemeinderäte, die Fachleute in den Wahnsinn treiben

Auf dem Land ist es nicht die Bürgermeisterin, die die Mobilitätswende ausbremst – es sind die Gemeinderäte. Der Bäckereimeister, der Juwelier, der Einzelhändler: Menschen, die den Parkplatz verteidigen, obwohl er kontraproduktiv ist. Stefan kennt hoch frustrierte Verkehrsplaner, die genau an diesen Traditionalisten scheitern. Und er ist skeptisch, dass die Impulse aus der Fläche kommen – sie müssen von den großen Städten diffundieren, in die Vororte, in die Mittelzentren.

Ein positives Gegenbeispiel: NRW und die Verkehrspolitik als Wirtschaftspolitik

Nordrhein-Westfalen macht es vor: Ein Verkehrsminister, der Schulen von Autos befreit, kommunale Strukturen stärkt und Politik für alle Menschen macht – und das als Wirtschaftspolitik versteht. Teilhabe ist Wirtschaftspolitik. Lebensqualität ist Standortfaktor. Das zeigt Paris. Das zeigt VAUDE, der Outdoor-Hersteller, der eine eigene Buslinie zum Bahnhof eingerichtet hat, Diensträder anschaffte und Bahn first eingeführt hat – und seitdem keine Stellenanzeigen mehr schalten muss, weil die Bewerbungen von alleine kommen.

Diversität auf Bühnen: Es geht, wenn man es will

Wir sprechen darüber, dass auf Mobilitätskongresses noch immer fast ausschließlich weiße Männer das Wort haben – und was das mit der Qualität der Debatte macht. Stefan hat für die Bus2Bus-Konferenz mehr als 50 Prozent Frauenanteil auf Panels und Podium erreicht. Wie? Indem er nach Kompetenz gesucht hat – und festgestellt hat, dass Kompetenz oft weiblich ist, wenn man wirklich hinschaut.

9-Euro-Ticket, ÖPNV-Rückzug und AfD-Erstarken

Was das 9-Euro-Ticket gezeigt hat, war nicht nur Klimapolitik – es war soziale Gesundheit. Menschen konnten sich wieder treffen. Ältere konnten teilhaben. Eine Greenpeace-Studie zeigt: Die Regionen, aus denen sich der ÖPNV zurückzieht, sind dieselben, in denen die AfD reüssiert. Auch diese Korrelation wird politisch nicht aufgenommen.

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