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Nüchtern-Werden bedeutet, sich selbst nicht zurückzulassen

Ich habe gestern aufgeräumt, was man – wie ich hörte – ab und zu machen sollte. Dabei ist mir ein Zettel in die Hände gefallen, den ich in einem dunklen Moment geschrieben habe. Der Moment ist ein paar Monate her, mein letztes halbes Jahr war – nennen wir es – bewegt. Meine Familie war in einer schweren Krise und obwohl ich dachte, ich wäre erwachsen, habe ich mich oft wie ein kleines Kind gefühlt. Ich schreibe das in der Vergangenheitsform, nicht weil die Krise vorbei ist, sondern weil sich in den letzten Tagen etwas in mir gerichtet hat. Da ist eine neue Klarheit und eine andere Ruhe. Wenn ich prüfend an die wunden Stellen spüre, sie vorsichtig mit meinem Geist berühre, dann merke ich sie noch. Aber ich zucke nicht mehr vor Schmerz zusammen. Trotzdem ist mir natürlich klar: Mit den eigenen Eltern ist man nie fertig. Da reicht dieser eine Blick, den man schon sein ganzes Leben lang kennt. Dieses eine Thema, bei dem man sich immer beweisen muss. Diese eine Wunde, die nie ganz geheilt ist, um plötzlich wieder jemand zu sein, der man doch eigentlich gar nicht mehr war. Und wenn in der Gegenwart etwas passiert, etwas Großes und Neues, etwas das einen überrascht, dann bricht die Vergangenheit auf und all die Gefühle, die man zuvor so gut mit Alltag, Zeit und Achtsamkeitsübungen vernagelt hat, auch.

In einem dieser Momente, in dem mal wieder ein paar gut zusammengezimmerte Holzbohlen von meiner inneren Vergangenheitskiste abgeflogen waren, und ich plötzlich scheinbar nur noch aus Gefühlen bestand, habe ich die Liste geschrieben, die mir jetzt in die Hände gefallen ist. Ich sehe an meiner Schrift, dass ich langsam geschrieben habe, ganz so, als sollten die Worte tiefer einsinken als nur in das Papier. Ich schaue jetzt darauf und bin gerührt. Denn die Liste ist ein Beleg. Sie beweist die Existenz einer inneren Instanz, die nie ganz verschwindet, die auch da ist, wenn ich glaube, nur noch aus Gefühlen zu bestehen, wenn ich fürchte, den Boden unter meinen Füßen zu verlieren, wenn ich Angst habe, dass das nie aufhört. 

Mein inneres Bild dafür ist das eines Sees. Meine Gefühle, die wilden Gedanken, die Kreise, die Wirbel, der Sturm, das alles ist das Wasser. Die Instanz, die bleibt, das ist die Form, die das Wasser hält. Beides ist da. Die Kunst ist nur, sich auch dann daran zu erinnern, wenn der Sturm besonders hemmungslos tobt. 

Das hier ist die Liste, die ich mir selbst hinterlassen habe:

– Alles fließt

– Das worauf du dich konzentrierst, das machst du größer (übrigens ein Mia-Zitat)

– Das ist eine neue Phase des Erwachsenwerdens

– Es ist gut, Angst zu haben

– Es gibt viel zu tun

– Dankbarkeit

– One day at the time

– Eins nach dem anderen

– Ich bin geliebt

– Ich bin geschätzt

– Wie gut, dass ich gerade Zeit für den Scheiß habe

– Die großen Prozesse sind niemals clean (übrigens auch ein Mia-Zitat)

Ich weiß, dass Sätze ohne Kontext meist eher die Qualität eines Kalenderspruchs haben. »Alles fließt« wäre mir ehrlicherweise ein bisschen zu abgegriffen, um es mir als Lebensmotto auf den Unterarm zu tätowieren. Aber wenn ich die Liste jetzt lese, dann sehe ich einmal mehr den Prozess des Nüchtern-Werdens vor mir (nicht nur wegen des AA-Mottos »One day at the time«). Denn Nüchtern-Werden bedeutet, sich selbst nicht zurückzulassen, um in etwas anderem zu verschwinden. Es bedeutet, das Gefühl nicht wegzustoßen, sondern sich ihm zu widmen; das Wasser toben zu lassen, ohne ihm zu erlauben, alle Ufer einzureißen. Das ist anstrengend – besonders, wenn man zum Beispiel gerade eigentlich nur zum Bäcker gehen wollte und plötzlich fühlt man sich von seinem Vater verlassen. Und dann kann es schon mal passieren, dass man mit den Tränen kämpft, während man ein Brötchen kauft. Aber es ist nie permanent anstrengend. Es gibt die hellen Momente, in denen neue Gedanken möglich werden. Und wenn man lernt, für die dunklen zu bleiben, dann bemerkt man auch die hellen, wenn sie kommen. Denn – sorry, aber es ist wahr – alles fließt.

–––––

Love,

Mika

Sujet Bi-Weekly

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