Anlass für diesen Text ist die heutige Folge, in der unsere Gästin, Mareice Kaiser, diese Frage aufwirft. Mika hat sich durch das Gespräch inspiriert gefühlt, das Thema noch einmal ausführlicher aufzugreifen.
Ich kenne viele Leute, die sich mindestens schon mal die Frage gestellt haben, ob es nicht vielleicht doch »möglich« wäre, sich noch einmal die Kante zu geben. »Möglich« steht hier in Anführungszeichen, weil man die reine Machbarkeit wohl kaum infrage stellen kann. Und hier ist schon das erste Problem: Die Frage an sich ist ungenau. Sie fragt nach etwas anderem, als sie vorgibt. Und ich persönlich finde, die beste Reaktion auf schlechte oder ungenaue Fragen sind nicht Antworten, sondern Gegenfragen.
Wer will das wissen?
Ich glaube, es ist erstmal ziemlich wichtig zu gucken: Um wen geht’s hier eigentlich? Ist die Fragende jemand, die nie ein stressiges Verhältnis zu Alkohol hatte und ohne großes Tamtam eine kognitive Entscheidung für die Abstinenz getroffen hat, die sie problemlos einhalten konnte? Oder war die Fragende mal abhängig, hat vielleicht mehrere Anläufe gebraucht, um den Sprung in die Nüchternheit zu schaffen, oder hat mindestens einiges an Zeit und Arbeit in die Lösung ihres Alkoholproblems investiert?
Menschen aus der zweiten Kategorie haben mit dieser Frage meistens schon eine Geschichte. Ich selbst kenne sie auf jeden Fall ganz gut. Sie hat große Teile meiner Zwanziger geprägt und war in erster Linie ein wiederkehrender Einstieg in die kräftezehrende Verhandlung meines eigenen Konsums. Ich wollte nicht wissen, ob ich mich betrinken »kann« (das wusste ich). Sondern: »Kann ich ab jetzt so trinken, wie ich noch nie trinken konnte?« Die Frage war ein Ausdruck für meine Sehnsucht nach der dritten Tür: trinken und gleichzeitig ein abstinentes Leben führen. Rausch ohne Reue, bla bla. Keiner meiner Rückfälle – die ich damals nicht als Rückfälle bezeichnete, weil ich mir gar nicht bewusst war, dass ich abhängig war – begann mit dem Wunsch, so zu trinken, wie ich vorher getrunken hatte. Es ging immer um die Hoffnung, dass es bei einer Ausnahme bleiben würde. Erst nur einmal, dann nur zum Geburtstag, vielleicht ausnahmsweise, nur am Wochenende. Vielleicht geht’s ja doch irgendwie – und zack: ging alles von vorne los. Man kann das Spiel lange spielen. Es macht mit den Jahren immer weniger Spaß.
Aber … darf man sich das überhaupt fragen?
Ich habe manchmal den Eindruck, dass es so etwas wie eine inoffizielle Gedankenpolizei für Menschen mit Suchterkrankung gibt. Als gäbe es Gedanken oder Fragen, die grundsätzlich gefährlich sind und sofort unterbunden werden müssen, weil die Betroffenen sonst direkt auf den Rückfall zusteuern. Ich finde die Angst nachvollziehbar – ich weiß, wie unangenehm es ist, mich gedanklich zu verstricken. Ich halte sie aber nicht für hilfreich. Seine eigene Position zu finden und zu festigen, kann ein Prozess sein, in dem man auch mal unentschieden ist, Grundsätze infrage stellt und Autoritäten anzweifelt. Ich glaube, es ist immer gut, diese Dinge besprechen zu können – man ist nie allein damit.
Das heißt natürlich nicht, dass man jeden Furz des Unterbewusstseins mit einer ausgiebigen inneren Inventur ehren muss. Manchmal ist ein Gedanke auch einfach nur ein Gedanke. Ihn unter »erlaubnisgebend« oder »Suchtstimme« zu archivieren, kann hilfreich sein, um kein großes Drama drum herum zu verursachen. Sprich: ihn nicht zu glauben. Einen Gedanken zuzulassen, ihn zu beobachten und ziehen zu lassen, ist etwas anderes, als ihn zu verbieten oder ihm in den Abgrund hinterherzuspringen.
Auch in mir tauchen hin und wieder Gedanken an Alkohol auf – wie Echos aus einem vergangenen Leben. Sie versetzen mich nicht mehr in Alarmbereitschaft, ich nehme sie freundlich zur Kenntnis, manchmal wundere ich mich, und dann winke ich ihnen zu, wenn sie verschwinden. Das war zu Beginn natürlich deutlich schwieriger. Die Gedanken waren penetranter, sie lösten stärkere Gefühle aus, und es kostete mich mehr Kraft, mich nicht mit ihnen zu identifizieren. Es ist ein klassischer Fall von: Es wird mit der Zeit leichter.
Für wen machst du das eigentlich?
Ich war ungefähr seit einem Jahr nüchtern, als ich alleine zum Wandern in den Harz fuhr. Aus dem Busfenster, kurz vor meiner Haltestelle, sah ich einen Biergarten. Und plötzlich hatte ich dieses Bild im Kopf: Ich, wie ich mit einer Zigarette und einem Bier unter Bäumen saß, etwas verträumt in mein Notizbuch schrieb und mir auf dem Rückweg noch eine Flasche Wein holte. Es steckte kein Druck dahinter, nicht einmal eine große Lust – es war die reine Möglichkeit, die mir mit erschreckender Intensität bewusst wurde. Plötzlich fühlte ich mich wie eine Praktikantin, die das Krisenmanagement der Bundesregierung leiten sollte, beinahe schwindelig vor Verantwortung: Wussten die nicht, dass ich für diese Aufgabe ganz und gar unqualifiziert war? Hatte sich niemand die Referenzliste meiner vergangenen Lebensentscheidungen angeschaut? Wie sollte ausgerechnet diese Person (ich) die Verantwortung für meine Abstinenz – oder noch schlimmer: mein Leben – tragen?
Laura McKowen beschrieb in ihrem Buch eine ganz ähnliche Situation: »No one would know«, dachte sie im Supermarkt vor einem Weinregal. Niemand hätte es erfahren müssen. Und solange es niemand erfuhr, wäre es ja konsequenzlos gewesen – oder? Nein. Natürlich nicht. Weil wir leider aus der Nummer nicht rauskommen, dass wir diejenigen sind, die mit unseren Entscheidungen leben müssen.
Ich erinnere mich gut an den Tag im Harz, weil ich dort im Bus etwas verinnerlichte, was ich kognitiv schon längst wusste: Ich machte das hier für mich. Ich tat es nicht aus Pflichtgefühl gegenüber der Gesellschaft, nicht auf Wunsch meines Partners und nicht, weil ich meine Eltern nicht enttäuschen wollte. Ich tat es nicht, damit jemand anders mir auf die Schulter klopfte oder meine Freunde nicht komisch guckten. Ich tat es, weil es für mich das Richtige war. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben traf ich eine Entscheidung, die völlig unberührt von den Meinungen anderer war.
Der Gedanke, dass ich diese ganze Abstinenz über den Haufen werfen könnte, dass es mir niemand verbieten dürfte – und dass ich es trotzdem nicht tue –, empfinde ich inzwischen als große Befreiung.
Kann ich etwas über mich lernen, wenn ich mich das frage?
Was ist, wenn dieser Gedanke immer wieder auftaucht und mit einem Verlangen verknüpft ist? Wir hören das häufiger: Das erste Jahr ist vorbei und der erste Rausch des nüchternen Lebens ist verflogen. Viele der ersten nüchternen Male sind erlebt und überstanden. Manche waren besser, manche schlechter als erwartet. Und jetzt? Geht das jetzt immer so weiter?
Ich finde es erst mal nachvollziehbar, dass ein Gehirn mit dieser Situation wenig anfangen kann. Möglicherweise ist diese neu gefundene Ausgeglichenheit etwas unheimlich. Und auf der Suche nach Lösungen tauchen eben auch die »bewährten« Strategien auf, mit denen man früher ganz gut neues Chaos erzeugen konnte. Aber wenn das der Fall ist, geht es vielleicht gar nicht so sehr um die Frage selbst, sondern um ein darunterliegendes Bedürfnis – und das anzuschauen lohnt sich immer.
Warst du vielleicht in letzter Zeit super vernünftig und brav, produktiv und angepasst? Vielleicht brauchst du mal wieder Zeit, um zu spielen – musst irgendwas tun, was keinen Zweck verfolgt und womit du nichts erreichen willst. Also wäre die bessere Frage: Geht’s dir um das Trinken oder willst du aus deinem Alltag ausbrechen?
Oder ist gerade total viel los und du hast das Gefühl, dein Kopf ist viel zu voll? Vielleicht würdest du gerne mal so eine Grundsanierung haben – oder mindestens einen Reset-Knopf. Vielleicht brauchst du mal wieder Zeit für dich, ein freies Wochenende und ein bisschen Planlosigkeit.
Also: Geht’s dir um das Trinken oder willst du eine Pause?
Oder bist du voll mit Emotionen, die in dir feststecken? Ist da eine diffuse Traurigkeit oder ein vages Gefühl, dass dein Leben so nicht sein sollte? Vielleicht wünschst du dir, dass die Dinge sich einfach mal wieder leichter anfühlen. Vielleicht müsstest du mal wieder was machen, was dir richtig Spaß macht oder dich mit Leuten treffen, die dich gut kennen und dir zuhören.
Also: Geht’s dir um das Trinken oder willst du Spaß und Verbindung?
Das sind jetzt natürlich nur Beispiele, und ich kann auch nicht wissen, welche Dinge dir in solchen Situationen helfen – Journaling, Meditation, Sachen mit der Axt zerhacken, Makramee, ein paar Tage krank feiern, Roadtrips, nackt zu Steely Dan tanzen, auf einen Berg steigen. Ich weiß nur, dass man es nicht herausfindet, wenn man trinkt, weil die Lösung für diese Gefühle dann weiterhin das Trinken bleibt; weil das Trinken den Platz besetzen wird, an dem die eigentliche Lösung ist.