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Räume innerer Ruhe und wie man sie wiederfindet

Mika: Neulich saß ich im Garten einer Ferienwohnung an der Nordsee, irgendwo nördlich von dem wohlklingenden Ort Brake. Ich hatte wie immer gepackt wie eine Geisteskranke: eintausend Bücher, von denen ich keines anrühren würde, dafür hatte ich meine Socken vergessen. Aber immerhin hatte ich in letzter Sekunde noch einen Aquarellkasten, Papier und Stifte in den Rucksack geworfen - Wer weiß, vielleicht würde ich mich ja hinsetzen und mal wieder ein Bild malen. Und genau das tat ich jetzt: Ich fing an mit einem Schneckenhaus, das im Garten herumlag. Und mit den ersten Pinselstrichen spürte ich, wie Ruhe einkehrte.

B., die mir gegenüber saß, las in einem Buch von bell hooks, das sie immer nur “das lila Buch” nannte und ab und zu las sie einen Satz, der sie besonders traf, laut vor.

Ich dachte an A., bei der ich in meiner Kindheit und Jugend einmal die Woche zum Malkurs gegangen war, und an einen Satz, der sich aus irgendwelchen Gründen in meinen Gehirnwindungen festgesetzt hatte: “In der Natur gibt es keine Linien.” Ehrlich gesagt war ich mir nicht sicher, ob mir das gerade half, aber ich mochte es, an A. zu denken und gab mein Bestes, auf Linien zugunsten von Licht, Schatten und Farbverlauf zu verzichten. Es klappte so mäßig.

Eigentlich dachte ich immer an A., wenn ich malte. Und das hatte ich früher viel getan, hatte Comics gezeichnet oder Fantasy-Figuren, Blumen mit Acryl und Landschaften mit Aquarell. Ich hatte Faltenwürfe geübt und Hände, Proportionen und Perspektiven. Ich hatte darin Ruhe gefunden. Es öffnete die Tür zu einem inneren Raum, in dem meine rasenden Gedanken zu plätschernden Flüssen wurden, und während ich mich auf das Papier fokussierte, blühte in mir eine Landschaft auf. Dann verlor ich den Schlüssel. Ich stand kurz vor dem Abi und hatte keine Ahnung, was ich damit anfangen sollte. Also beschloss ich, das zu nutzen, was ich konnte:

Ich ging zu A. in den Kurs mit der Absicht, eine Bewerbungsmappe für eine Kunst-Uni zu füllen. Doch die Tür zu dem Raum, in dem ich seit Jahren ein uns ausgegangen war, blieb zu. Plötzlich war jeder Strich an der falschen Stelle, die Farbverläufe erschienen mir unbeholfen und ich verlor das Vertrauen, dass ein Bild, das auf halber Strecke nach nichts aussah, schon noch irgendwie gut werden würde. Und überhaupt: Ich war viel zu angepasst. Meine Mappe sollte meine Freigeistigkeit zur Schau stellen, aber ich war nichts weiter als ein mittelmäßiges Mittelstandskind, das zu faul war, ordentlich zu schraffieren. Ich gab auf.

Fortan war jeder Versuch, mein Können zu nutzen, geprägt von Zweifeln und innerem Abstand. Die Fähigkeiten waren noch da, aber das Gefühl war weg. Ab und zu erhaschte ich noch eine Ahnung davon, wenn ich es schaffte, die Tür zu meinem inneren Raum einen Spaltbreit aufzustemmen. Doch immer erschien es mir zufällig und unverlässlich. “Mir macht das doch Spaß”, dachte ich oft, “wieso mache ich es nicht öfter?” “Ich kann das doch gut”, sagte ich mir, “wieso schaffe ich es nicht, das nutzen?” Und irgendwann vergaß ich, dass es die Tür und den Raum überhaupt gab. Ich fokussierte mich auf andere Dinge, das Schreiben zum Beispiel, malte noch die ein oder andere Karte zu Geburtstagen, aber hatte Farben und Pinsel weitgehend im Schrank verstaut.

Dann kam es zurück.

Ich weiß bis heute nicht genau wann, aber ich glaube, ich weiß wie. Zuerst hörte ich auf zu trinken - Was ja bekanntlich sowieso ein guter Schritt in die richtige Richtung ist. Wie Daniel Schreiber in dem Gespräch mit uns sagte: Nüchternheit schenkt uns die Möglichkeit, uns selber kennenzulernen. Je besser ich mich kennenlernte, desto mehr lernte ich auch über meinen inneren Raum. Und das hier habe ich gelernt:

1. Man besiegt Selbstzweifel nicht, indem man einfach “richtig gut” wird

Selbstzweifel, es ist schockierend, haben nichts damit zu tun, wie gut man in etwas ist. Natürlich hat man sie trotzdem, aber es ist hilfreich, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass es kein Level an Können gibt, ab dem sie auf magische Weise verschwinden. Inzwischen finde ich das tröstlich. Denn es befreit die Tätigkeit, auf die sie sich beziehen, von der Bürde, meinen Wert als Mensch zu bestätigen.

2. Mittelmäßigkeit ist absolut fein

Ich gebe zu, Mittelmäßigkeit ist leichter auszuhalten, wenn nicht der Lebensunterhalt davon abhängt. Aber hier geht es ja um Räume der Ruhe - also “Hobbys”, wie man sie auch nennen könnte. Für mich heißt das, dass das Ergebnis (also zum Beispiel ein Bild) weder mein Leben verändert, noch das Leben anderer. Die Planeten werden nicht vom Himmel fallen, wenn ich unsauber schraffiere und die Menschen, die mich lieben, werden mich nicht weniger lieben, wenn ich die Perspektive verkacke. Man muss nicht außerordentlich oder talentiert sein, um etwas gerne zu tun, denn:

3. Der Prozess ist wichtiger als das Ergebnis

Ich weiß manchmal nicht, ob ich genervt oder dankbar sein soll, wenn ich mal wieder feststelle, dass die Antwort zu allem immer dieselbe ist: dem Prozess zu vertrauen, ihn zu lieben, zu umarmen und sich von ihm Tragen zu lassen. Denn alles gehört zu ihm: schräge Linien und schluderige Schattenwürfe genauso wie ein stolzer Blick auf einen Erfolg. Das umgekippte Farbwasser, genauso wie das Improvisieren, das Pausieren wie der Neuanfang. Der Prozess kennt keine Finalität, er kennt nur sich selbst.

4. Für manche Sachen braucht man einfach Zeit

Ich bin immer noch frustriert, wenn ich feststelle, dass es mir so schwer fällt, schöne Sachen in meinen Alltag zu integrieren. “Jetzt setz dich doch mal hin und mal ein Bild,” sage ich zu mir zwischen Arbeit und Verabredung. “Zur Ruhekommen und Text schreiben,” setze ich auf meine eh schon volle To-Do-Liste. “Sei kreativ,” rufe ich eingeklemmt zwischen Arbeitsmails im Sekundentakt. Ein voller Terminkalender ist Sand im Scharnier der inneren Tür. Klar, vielleicht kriegst du sie auf, aber du musst dich auch nicht wundern, wenn sie hakt.

5. Vertrauen

Ich weiß inzwischen, dass ich darauf vertrauen kann, dass mir der Raum zur Verfügung steht, egal, wie lange ich ihn nicht mehr betreten habe. Schließlich hatte ich ihn für Jahre quasi vergessen, aber er ist geblieben und hat einfach ruhig darauf gewartet, dass mir der Schlüssel wieder in die Hände fällt. Es wäre ein unsinniger Anspruch, in ihm leben zu wollen. Er hat nicht umsonst eine Tür, durch die er betreten und wieder verlassen werden kann.

Dankbarkeit.

Heute bin ich dankbar, dass das Malen nie eine Säule meines Lebensunterhalts geworden ist; dass Farben, Pinsel und Papier weiter schimmern im Licht all meiner glohhreichen, unumstößlichen und völlig konsequenzlosen Mittelmäßigkeit.

Sujet Bi-Weekly

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