Im Bereich Schatzkiste (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) möchte ich alles Wertvolle an Video- & Brettspielen sowie Büchern und Comics erwähnen, das ich zu meinen zeitlosen Favoriten zähle. Mit diesem Artikel gibt es jetzt 56 Einträge und je mehr folgen, desto interessanter wird das vielleicht zum Stöbern. Ihr könnt dort auch nach den vier Kategorien filtern und mehrere auswählen.
Natürlich hat dieser Eintrag damit zu tun, dass mit Ylvi, Yumi und Haku (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) seit knapp einer Woche gleich drei Katzen an Bord sind. Meine Liebe geht zwar nicht so weit, dass ich ihnen abends etwas vorlese. Aber falls ich eine Geschichte aussuchen müsste, wäre es definitiv Traumjäger und Goldpfote von Tad Williams. Schon in diesem Debüt-Roman von 1985 zeigte der spätere Autor von Der Drachenbeinthron und Otherland einige der erzählerischen Stärken, die ihn bald zu einem erfolgreichen Schriftsteller der Phantastik machen sollten.
Denn er hat für dieses Katzen-Abenteuer eine Welt samt einer Mythologie ersonnen, die bis zur Katzengöttin Tiefklar Urmutter und den ersten beiden Katzen Harar Goldauge und Fela Himmeltanz zurückreicht. Ach so: Wer die Geschichten von Michael Moorcock kennt, wird beim Namen Tiefklar, der im englischen Original Meerslar lautet, vielleicht aufhorchen. Denn so hieß in der Kurzgeschichte The Flame Bringers (1962) der Gott der Katzen.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Da Tad Williams ein großer Fan des Briten und dessen Epos rund um Elric von Melniboné ist, ist das eine schöne Hommage. Wie man Meerslar sowie andere Namen richtig ausspricht, und was es mit den Figuren sowie ihrer Hierarchie auf sich hat, kann man am Ende des Buches in einem Glossar nachlesen; die Anführer einiger Clans werden übrigens Thane genannt. Daran erkennt man schon, dass Tad Williams diese tierische Fantasy recht ernst genommen hat.
Hinzu kommt eine Kultur mit Liedern und Gedichten sowie eine eigene Sprache, die hier Höherer Gesang genannt wird. All das wird in einer Vorbemerkung sowie der zweieinhalbseitigen Einleitung kurz zusammen gefasst, bevor es in den Schatten eines Dachfirstes mit einem träumenden roten Kater losgeht. Im Zentrum der Geschichte steht dieser Fritti Traumjäger, der verschwundene Katzen sucht, darunter auch seine Freundin Goldpfote.
Die Reise führt ihn über 375 Seiten samt einiger seltsamer Vorkommnisse zunächst an den königlichen Katzenhof, wo die soziale Hierarchie und sein niederer Rang deutlich werden. Traumjäger gibt aber nicht so schnell auf, findet einige treue Gefährten, darunter die junge Raschkralle sowie die verrückte Katze Grillenfänger, und setzt seinen Weg in die gefährliche Wildnis samt ihrer Monster fort.
Obwohl es im weitesten Sinne ein Kinderbuch sein könnte, geht es überaus dramatisch und teilweise unheimlich zur Sache, mit Magie und Dämonen an einem düsteren Horizont, der Mordor nicht ganz unähnlich ist. Traumjäger und Goldpfote ist vielleicht so etwas wie Der Hobbit von Tad Williams, auch wenn er seine Katzenwelt nach diesem Roman nie weiter ausgebaut hat. Aber ähnlich wie bei J.R.R. Tolkien erkennt man in dieser Geschichte so einige Bezüge zu Heldensagen und natürlich zu Klassikern tierischer Fantasy, wie etwa Watership Down.
Kürzlich habe ich Fiebertraum von George R.R. Martin als einen der besten modernen Vampir-Romane in der Schatzkiste verstaut. Und dasselbe würde ich über Traumjäger und Goldpfote innerhalb der modernen Tier-Fantasy sagen. Falls ihr euch für das Genre interessiert: Ich habe mit Christian Endres im Podcast versucht, diese moderne Form der Fabel ein wenig einzuordnen. Da gehen wir auch auf historische Wurzeln ein und arbeiten uns dann über Wind in den Weiden, Unten am Fluss, über Mouse Guard und Gwelf weiter vor bis zu Traumjäger und Goldpfote sowie dem aktuellen Manga Die Katzen vom Louvre.
Der Roman erschien als Tailchaser's Song 1985 auf Englisch, wurde 1987 erstmals von Hans J. Schütz ins Deutsche übersetzt und ist aktuell bei Klett-Cotta (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) für 16 Euro als Taschenbuch erhältlich.