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StreetLetter #4: Streetphoto-Metropole Hamburg

Kurz vor Weihnachten ist ja immer bei allen die Hölle los, auch bei mir. Trotzdem habe ich es nicht bereut, mir das Wochenende vom 15. bis 17. Dezember freizuhalten, ein Bahnticket nach Hamburg zu lösen und mich im allseits beliebten Intercity Hotel Dammtor einzuquartieren. Unweit von dort, in einem städtischen Kulturraum in der Grindelallee, fand an diesem Wochenende nämlich die Ausstellung 7spaces statt. Die sieben Räume standen für sieben Frauen, die dort ausgestellt haben. Und zwar drei Tage lang.

Das ist ziemlich schlau. Denn meistens ist es bei der Vernissage voll, danach aber flaut das Interesse an Ausstellungen oft ab. Die sieben haben es anders gemacht: Gründliche Vorbereitung (ein Jahr), eine richtige Kuratorin angeheuert (Ruth Stoltenberg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)), drei Tage Ausstellung, mordsmäßig Programm drumherum, und dann wieder alles runter von den Wänden. Es hat sich also gelohnt, die vollen drei Tage zu bleiben.

Fotos von Pia Parolin

Was also war los? Lehnt Euch zurück, das dauert jetzt ein bißchen. Aber wir haben ja Zeit, ist ja Weihnachten.

Für Kuratorin Ruth Stoltenberg war die Straßenfotografie etwas ungewohntes Gelände, aber sie hielt sich an eine Maxime von Wolfgang Zurborn (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die ich auch phantastisch finde: “Ordnungen schaffen, die das Chaos nicht verraten.” Das möchte man sich doch gleich auf den Objektivbeutel sticken. Zusammen mit den sieben Fotografinnen hat sie die Blöcke zusammengestellt und Ordnung geschaffen, indem sie ihnen jeweils ein Adjektiv vorausgestellt hat. “Graphic” war das bei Nina Papiorek (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). “Genuine” bei Anette Reffeldt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Die Idee hatte ursprünglich Britta Kohl-Boas (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Sie fragte auch die Künstlerinnen an, vor allem die, die sie selbst mochte. Zum Beispiel auch Betty Goh (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) aus Singapur, man kann’s ja mal probieren. Als Britta noch dachte, daß die eh absagt, googelte Betty Goh schon Flüge. Natürlich war sie dabei, das ließ sie sich nicht entgehen, und ihre Fotos unter dem Adjektiv “subconscious” gehörten zu den absoluten Höhepunkten der Ausstellung.

Fotos von Betty Goh

Bett Goh stellte sich auch in einem Vortrag vor, und das wurde dann sehr persönlich und bewegend. Ihre Heimat Singapur ist ein sehr ordentlicher Stadtstaat und einer, der viel Wert auf Business legt und nicht allzuviel Wert auf Kunst, Kreativität und alles, was das Leben schön macht. Für die künstlerisch begabte Betty war das schwierig, denn ein Kunststudium kam für Töchter der Mittelklasse nicht in Betracht. Es brauchte erst eine ernsthafte Erkrankung, bis sie in ihrem Bankjob kürzer trat und beschloss, sich ein Hobby zu suchen. So kaufte sie sich ihre erste Kamera. Als sie eine Tokioreise plante und dort nach Aktivitäten suchte, kam ihr der Kurs eines “good looking Gentleman” unter, den sie sogleich buchte, ohne so ganz genau zu wissen, was auf sie zukam. So fand sich Betty Goh unversehens in einem Workshop mit Siegfried Hansen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) wieder. Ja und das war’s dann, seitdem streift sie so oft es geht mit der Kamera durch eine Stadt, in der es sonst nahezu keine Streetphotography gibt. Ihre Bilder haben oft etwas Rätselhaftes, Indirektes, sie nutzt Spiegelungen, Glasscheiben und Unschärfen. Ich bin jetzt jedenfalls großer Fan und habe bei der Auktion zugunsten der Brustkrebshilfe Pink Ribbon ein Foto von ihr ersteigert.

Fotos von Nina Papiorek

Ein weiterer Gaststar war Nina Welch-Kling aus New York, die zwar nicht ausgestellt war, aber von der Entstehung ihres Buches “Duologues” – erschienen im Kehrer-Verlag (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – berichtete. Auch sie ist eher spätberufen zur Straßenfotografie gekommen. “Es hat niemand ein Talent erkannt”, sagt sie, aber ein bißchen vielleicht doch, immerhin arbeitet sie als Architektin. Vor zehn Jahren hat sie sich eine Digitalkamera gekauft und das dann doch deutlich ernster genommen als man das gemeinhin so tut. Irgendwann kam eine Portfolio review mit Alexa Becker vom Kehrer-Verlag und mit ihr zusammen entstand die Idee für das Buch. Immer zwei Bilder gehören auf irgendeine Weise zusammen, mal inhaltlich, mal formal. Mit zwei, dreitausend Fotos hat sie angefangen und Bilderpaare gebildet, sozusagen Memory gespielt, bis das Buch schließlich stand. Dyptichen nennt man Bildpaare in der Kunst, und neu ist das Prinzip nicht. In der Straßenfotografie ist es dennoch eher außergewöhnlich.

“Wir sind ja wirklich bißchen Freaks”, sagt Pia Parolin (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) beim Panel am Sonntag. Aus dem Haus gehen, Menschen die Kamera vor die Nase zu halten, dabei unbemerkt zu bleiben – es gibt normalere Hobbies. “High Alert Meditation” nennt es Anna Lohmann (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), ein interessanter Zustand zwischen geschärften Sinnen und einem dennoch ganz bei sich sein. Dass es so etwas wie einen weiblichen Blick gibt, glaubt keine der Künstlerinnen. Eher ist es eine Charakterfrage, “Yin und Yang”, sagt Britta. Allerdings sei die Szene doch recht männerdominiert, das liege vielleicht an einer höheren Hemmschwelle bei Frauen, sich zu exponieren.

Eindeutig positiv empfinden aber alle die stärkere Vernetzung, etwa durch Kollektive. Sebahat Sahverdi (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die siebte im Bunde, ist etwa beim sehr rührigen Nürnberger Unposed-Kollektiv angedockt. Und ohne Instagram, sind sich alle einig, wäre keiner von uns heute hier. Man kann über diese sozialen Medien sagen was man will und auch viel meckern, am Ende sorgen sie doch für eine erstaunliche überregionale Vernetzung.

Und dann war da noch der Photowalk, bei dem sogar das eine oder andere Photo gelang. Das Wetter war … hamburgisch. Eine Chance, Hamburg im Sonnenschein zu erleben, besteht dann ja nächstes Jahr wieder, wenn das Meet & Street dort stattfindet. Den Termin findet ihr unten.

Fotos von Anna Lohmann

Nun aber allen Subscribern frohe Weihnachten, einen Guten Rutsch – und empfehlt den Street Letter doch gern weiter! Kostet nix und ich würde mich freuen.

Wir sehen uns 2024. Bestimmt irgendwo.

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