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„Taktvoll – ein völlig unterschätzter Begriff, genau wie der Rhythmus!“

Der Poetik-Forscher Achim Geisenhanslüke beantwortet den Taktvoll-Fragebogen.

Ein mittelalter Mann mit hellbraunem Sakko, dunkler Brille und rotblonden Haaren.
(Foto: Uwe Dettmar/Goethe-Universität)
🎼

Wie kommt es, dass uns manche Gedichte berühren und wir Zeilen oder ganze Verse daraus nicht mehr aus dem Kopf bekommen?

Der Germanist und Literaturwissenschaftler Achim Geisenhanslüke beschäftigt sich an der Goethe-Universität Frankfurt mit der Bedeutung des Rhythmus für die Dichtung.

Die rhythmischen Mittel, mit denen ein Gedicht „arbeitet“, sind zum Beispiel die Klangfarbe, das Tempo und die Pausen zwischen den Wörtern. Also weit mehr als das rhythmische Muster aus der regelmäßigen Abfolge von betonten und unbetonten Silben, dem Metrum oder Versmaß, von dem wir vielleicht irgendwann einmal im Deutschunterricht gehört haben.

Das, was den Rhythmus eines Gedichts ausmache, sei wesentlich umfassender als das Metrum allein, meint Geisenhanslüke. Gerade in Bezug auf die moderne Lyrik sei hier noch vieles unerforscht.

Der Wissenschaftler und seine Mitarbeitenden analysieren im Projekt „Poetik des Rhythmus“, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, unter anderem Gedichte von Friedrich Hölderlin, Annette von Droste-Hülshoff, Charles Baudelaire und Thomas Kling.

1.     Lerche oder Eule?

Lerche. Ich stehe früh auf, setze mich an den Schreibtisch für die Arbeit, also das Schreiben, das dann meist spätestens bis mittags erledigt ist. Das sind die produktiven Stunden des Tages.

2.     Was gehört für Sie unbedingt zu einem guten Start in den Tag?

Eine Tasse Tee. Ich frühstücke meist nicht, nur am Wochenende, und auch da nicht viel. Das war schon als Kind so. Meine Eltern hatten damit viel Mühe, weil meine Mutter mir immer gepredigt hat, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages ist. Habe ich damals nicht verstanden, heute auch nicht.

3.     Pflegen Sie eine spirituelle Praxis?

Nein.

4.     Wie bereiten Sie sich auf ein besonderes Ereignis vor (einen Wettkampf, ein Konzert, ein schwieriges Gespräch ..)?

Ich entwerfe meistens kurz eine Skizze auf Papier mit ein paar Stichwörtern, bin allerdings sonst eher jemand, der improvisiert. Ich vertraue dem Moment.

5.     Was bringt Sie aus dem Takt?

Dummheit.

6.     Welche Jahreszeit mögen Sie besonders? Warum?

Schwer zu sagen auf Anhieb. Definitiv nicht der Winter. Frühling und Herbst haben ihren Reiz, aber am Ende doch klar der Sommer! Schwimmen gehen, abends draußen sitzen können, deswegen ist mir der Sommer die liebste Jahreszeit.

7.     Schreiben Sie Tagebuch?

Nein.

8.     Welche Rituale ihrer Kindheit praktizieren Sie heute noch, evtl. jetzt mit den eigenen Kindern?

Die Rituale, die unser Leben mit den inzwischen erwachsenen Kindern geprägt haben, waren Lesen/Vorlesen, Fußball, das rhythmisiert ja auch den Alltag – Training zwei Mal die Woche, Spiele am Wochenende.

9.     Tanzen Sie?

Nein.

10.  Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause. Welche Musik hören Sie?

Ich höre eigentlich ständig Musik, auch beim Arbeiten. Wenn ich abends nach Hause komme, beim Kochen. Ich bin ein Kind der Achtziger in diesen Dingen, also Postpunk/Indie: The Go-Betweens, Edwyn Collins, Robyn Hitchcock und ähnliche Sachen.

11.  Ein freier Tag liegt vor Ihnen, was machen Sie am liebsten?

Ich habe das Glück, dass ich mir die Zeit zu großen Teilen selbst einteilen kann, daher gibt es keine strenge Unterscheidung von Arbeitstagen und freien Tagen. Aber freie Tage: Ausflüge, etwas aufwendiger kochen am Abend.

12.  Welche Rhythmen in der Natur begeistern Sie?

Die Klassiker Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Wie gesagt: Frühaufsteher, wir sind häufig in Frankreich, wo ich mich morgens früh, bevor die Hitze kommt, aufs Fahrrad setze. Wenn dann die Sonne aufgeht und noch kaum einer unterwegs ist, dann ist das schon klasse. Wir sind viel am Meer, manchmal am Mittelmeer, aber mehr noch am Atlantik, da spielt Ebbe und Flut natürlich eine große Rolle. Aber da könnte man noch viel mehr nennen.

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13.  Wie sehen kleine Atempausen in Ihrem Alltag aus?

Vom Schreibtisch aufstehen, kurz irgendetwas anderes machen, dann wieder an den Schreibtisch.

14.  Zeitung lesen: Papier oder digital?

Bis vor kurzem Papier, und immer noch lieber. Das Abo ist gerade abgelaufen und wir sind oft an verschiedenen Orten unterwegs, da böte sich das Digitale eigentlich eher an.

15.  Urlaub: immer das gleiche Ziel oder jedes Mal Neues entdecken?

Immer das gleiche Ziel. Ich würde es auch nicht Urlaub nennen, sondern zweite und dritte Wohnorte. Wir haben ein Haus in Frankreich (am Atlantik), wo wir immer in den Ferien sind, und seit kurzem auch noch eine Wohnung am Mittelmeer. Die Zeiten teilen wir inzwischen zwischen diesen Orten auf. Der Rhythmus sieht also so aus, dass wir während der Schulzeit in Regensburg sind – meine Frau ist Lehrerin – und in den Ferien in Frankreich, mal am Mittelmeer, mal am Atlantik, je nach Jahreszeit. Das bestimmt unseren Lebensrhythmus.

16.  Wie wichtig sind Ihnen gemeinsame Mahlzeiten mit dem Partner/der Partnerin, der Familie?

Das gehört zu dem eher französischen Lebensrhythmus, den wir adaptiert haben, nachdem wir länger dort gelebt haben, eine Zeit lang auch mit dem Hauptwohnort Bordeaux. Mittagessen, das ist bei uns eher einfach, aber auch mit der Familie, wenn es irgendwie geht. Das Abendessen gerät dann auch in der Woche aufwendiger als das Mittagessen. Dieses typisch deutsche Abendessen haben unsere Kinder nie kennengelernt. Und am Wochenende kochen wir dann richtig, gemeinsame Mahlzeiten für die Familie, oft auch mit Freunden.

17.  Partnerschaft, Ihre Erfahrung: „Gegensätze ziehen sich an“ oder „Gleich und gleich gesellt sich gern?“

Wir sind sehr unterschiedlich und doch bei vielen Dingen sehr einig. Vom Aussehen jedenfalls eher Gegensätze, und vom Temperament auch eher.

18.  Lesen Sie vor dem Einschlafen? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Ich lese eigentlich nie vor dem Einschlafen. Ich bin Literaturwissenschaftler, Lesen ist in gewisser Weise mein Beruf, das mache ich tagsüber, auch nachmittags, wenn ich mit der eigentlichen Arbeit durch bin, aber nicht mehr vor dem Einschlafen, zur Zeit: Thomas Pynchon “Gegen den Tag”, zum zweiten Mal.

19.  Gibt es eine Zahl, die eine besondere Bedeutung in Ihrem Leben hat?

Nein.

20.  Welche Rituale oder Rhythmen sind Ihnen unangenehm?

Beten, alles, was mit christlicher Erziehung zu tun hat, andere Religionen eingeschlossen. Auch damit hatte ich schon als Kind Probleme, das hat sich gehalten, geradezu als körperliche Abscheu gegen die Taktung von außen, eine Disziplinierung, die ich immer als sehr unangenehm empfunden habe.

21. Was fällt Ihnen zum Begriff „taktvoll“ ein?

Ich bin Literaturwissenschaftler, und da spielt Takt für mich eine große Rolle: Taktvoller Umgang mit den Texten, mit denen ich mich beschäftige, bedeutet, sich auf die Texte einzulassen, das Gegenteil von dem, was Leute wie Heidegger gemacht haben: eine gewaltsame Auslegung der Literatur nach eigenen Maßstäben. Taktvoll bedeutet für mich zurückhaltend, aufmerksam, aber auch in der Sache bestimmt. Ein völlig unterschätzter Begriff, genau wie der Rhythmus!

Lass uns mehr Rhythmus in die Welt bringen, werde Taktvoll-Unterstützer:in:

Weiterlesen:

https://steady.page/de/taktvoll/posts/2e612b31-49a4-459f-8701-ebbdb62cfeb0 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)https://steady.page/de/taktvoll/posts/91c916b2-5915-4288-a40c-def7b9c68a68 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)https://steady.page/de/taktvoll/posts/9e8bdb32-4aeb-46ea-a818-90d1a72e205b (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

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“Taktvoll – über die Rhythmen des Lebens” ist ein Projekt der freien Wissenschaftsjournalistin Dr. Ulrike Gebhardt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Sujet Kultur + Rhythmus

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