Jeden Mittwoch schicke ich dir einen Impuls für mehr Rhythmus im Leben. Heute: der Raupenfrühling.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wer jetzt jemanden mit einem Regenschirm im Wald entschwinden sieht, obwohl die Sonne vom durchweg blauen Himmel scheint, hat womöglich einen Raupenjäger oder eine Raupenjägerin gesehen.
Christian Friedrich Vogel zumindest empfiehlt in seinem 1837 erschienenen Werk „Chronologischer Raupenkalender oder: Naturgeschichte der europäischen Raupen, wie dieselben der Zeit nach in gewissen Monaten in der Natur zum Vorschein kommen“, für März und April die Regenschirmmethode:
„Mit dem Einsammeln der Raupen muss man schon in den ersten Frühlingsmonaten, das heißt im März und April, den Anfang machen.“
Vogel rät, an Waldrändern oder in lichten Eichenwäldern nach Schlüsselblumen (Primula veris) Ausschau zu halten. Das Laub, das um die Pflanzen herum liegt, soll man in den aufgespannten, umgedrehten Regenschirm werfen, diesen gut mit Blättern füllen und kräftig schütteln. Wenn man dann das Laub wieder herausnimmt, sollten sich im günstigsten Fall einige Raupen im Schirm angesammelt haben.
Begeisterte Insektenforscher, wie es Christian F. Vogel offenbar war, nehmen die Raupen mit nach Hause. Nicht in der Hosentasche, sondern in einer Schachtel, die mit feuchter Erde gefüllt ist. Der Fachmann gibt dann noch eine Handvoll Schlüsselblumenblätter mit hinein und hofft, dass aus der Raupe eine Puppe und aus der Puppe schließlich ein Schmetterling wird – zum Beispiel der in Deutschland gefährdete Schlüsselblumen-Würfelfalter (Hamearis lucina) oder die sehr gefährdete Silbergraue Bandeule (Epilecta linogrisea).
Die Raupe der Ersteren ist „plump, fein behaart und blass graubraun gefärbt (…)“, lese ich in „Steinbachs Naturführer Schmetterlinge“ (Mosaik Verlag). „Sie führt eine nachtaktive Lebensweise und hält sich tagsüber unter der Futterpflanze verborgen." Im Hochsommer verpuppt sie sich am Boden in eine weiße, mit schwarzen Punkten gezeichnete Gürtelpuppe. Diese überwintert.“ Da müsste der Insektenbegeisterte also sehr lange warten, bis er den Schmetterling zu sehen bekommt.
Doch auch für diesen Fall hat Christian F. Vogel einen Rat: „Da die meisten Raupen überwintern, das heißt, den Winter hindurch gleichsam in einen tiefen Schlaf verfallen“, empfiehlt er, den Kasten mit den Raupen im Oktober im Garten einzugraben. „Beim Herannahen des Frühjahrs und nachdem der erste warme Regen gefallen ist, wird der Kasten mit den Raupen, welche alsbald aus dem Winterschlaf erwachen werden, herausgenommen.“
Die Raupen der Silbergrauen Bandeule sind purpurbraun, mit einer weißen, dunkel eingefassten Rückenlinie. Die Raupe ist nachtaktiv wie der Schmetterling, ein Nachtfalter.

Die Raupen sind im Vergleich zum Schmetterling einfach aufgebaut. Sie bestehe aus drei Brust- und elf Hinterleibssegmenten, schreibt Peter Henning in seinem empfehlenswerten Buch „Mein Schmetterlingsjahr“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). In diesen Segmenten befinden sich das Herz, die Speiseröhre und der Verdauungstrakt, ein einfaches Nervensystem, ein Fettkörper als Energiespeicher, Atemorgane, Seiden- und Spinndrüsen.
Manche Raupen seien behaart, andere dornig, wieder andere nackt, schreibt Henning: „Das Raupenstadium ist ein Fressstadium, in dem die Raupe ihr Gewicht teilweise um das 700-fache steigert.“
Oft sind wegen der Völlerei allerlei Häutungen nötig. Die meisten Raupen fressen an verschiedenen Pflanzen. Einige sind extrem wählerisch. Das Raupenstadium kann einige Wochen, aber je nach Art sogar Jahre andauern.

Die Lebensart der Raupen sei sehr verschiedenen, weiß auch Christian F. Vogel. Manche leben allein, manche in Scharen. Manche lieben das Licht, andere verbergen sich in Spalten und Ritzen, „aus denen sie nur des Nachts hervorkriechen, um ihre Nahrung zu suchen.“
Diesen Satz von Christian Vogel (ich habe nicht herausbekommen, ob es sich bei ihm um den Buchhändler, Verleger und Buchdrucker Fr. Christian Wilhelm Vogel (1776 bis 1842) handelt oder nicht) mag ich besonders gern:
„Sobald die Raupe fühlt, dass ihre kurze Lebenszeit zu Ende geht, sucht sie sich einen bequemen Ort zu ihrer Verwandlung.“
Sie hänge sich entweder an Fäden auf oder spinne sich ein oder verpuppe sich unter der Erde.
Schließlich das letzte Lebensstadium: „Sobald der Schmetterling reif zur Auferstehung ist, durchbricht er seine Hülle und kriecht heraus.“ Schon nach kaum einer Stunde könne man ihn umherfliegen sehen.
Der Raupenkalender von Christian F. Vogel enthält insgesamt erstaunliche 538 „nach der Natur richtig gezeichnete und kolorierte Abbildungen auf 41 Kupferplatten“. Wer sich näher mit dem Thema beschäftigen möchte – leider ist die Artenfülle von vor knapp 200 Jahren nicht mit der heutigen dezimierten vergleichbar –: Vogels Raupenkalender ist hier frei online (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) verfügbar. Es gibt ihn aber auch als Nachdruck der Originalausgabe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Text: Dr. Ulrike Gebhardt
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