Ein Interview mit Labor-Diagnostik- Expertin Anja Seitner

Selbst wenn man sich noch so fühlt, als würde die Perimenopause an einem vorbeischleichen, eins ist sicher: Sie kommt. Früher oder später. Lauter oder leiser. Es kann also nie verkehrt sein, Wissen zu diesem Thema anzusammeln. Und am liebsten sind mir Experten, die alle Seiten kennen: Wie Anja Seitner, Sechsfach-Mama, studierte Biologin und Chemikerin, die sich erst die Pharmaindustrie ganz genau angeschaut hat, um sich dann für den ganzheitlichen Ansatz zu entscheiden. Diese Frau weiß, was in unseren Zellen passiert und sie ist auch mit unserem Mikrobiom quasi „per du“, weil sie es so gut versteht. Ihre Hobbys: Ärztefortbildungen, Anti-Aging-Medizin und Personaltraining. Ja, da kann einem kurz etwas schwindelig werden. Wir mögen sie aber trotzdem, weil sie ihr unendliches Wissen jetzt mit uns teilt und uns in Sachen emotionaler und mentaler Gesundheit sowie funktionierender Biochemie zur Seite steht. Und ihr Ziel klingt ja nun wirklich wie unseres: “Den Herausforderungen einer (alleinerziehenden) berufstätigen Mutter standzuhalten, nebenbei genug Zeit für mich selbst zu haben, keinen Kollateralschaden in punkto Gesundheit zu erleiden und dabei sogar noch dem Zahn der Zeit ein Schnippchen zu schlagen." Ha! Und wer jetzt laut: „Hier!“ schreit, darf gleich weiterlesen.
Anja, was sind typische Symptome, wenn meine Hormone durcheinander sind?
Wenn ich mehrmals die Woche in den Keller gehe und nicht mehr weiß, warum ich überhaupt die Treppe hinunter gegangen bin. Oder wenn ich einkaufen gehe und mit allem nach Hause komme, nur nicht mit dem, weshalb ich überhaupt losgezogen bin. Die Merkfähigkeit geht schlicht den Bach runter. Und natürlich, wenn man plötzlich Lebensmittel nicht mehr verträgt, wie das Glas Wein. Wenn plötzlich die Histaminunverträglichkeit zuschlägt, kann ein Mangel dahinter stecken. Es kann natürlich auch eine schlechte Entgiftungsleistung sein, aber das gilt es herauszufinden. Ich sage immer, wenn man zeitlebens vom Gesundheitskonto abbucht, dann stört einen das nicht, wenn mal 1000 Euro fehlen, wenn es voll ist. Aber wenn der Dispo überschritten ist, dann kommen zu viele Toxine zusammen. Veganer leben sowieso schon oft im Mangel. Natürlich können auch Darm und Leber dahinter stecken. Das muss man abklären. Viele klagen auch über Schlaflosigkeit, schlechte Nerven und Herzrasen. Auch da muss man genau hinsehen, denn manchmal resultiert das auch aus einem Kaliummangel oder auch einem Überschuss. Wenn man Hitzewallungen hat und viel schwitzt, verliert man viel Kalium. Medikamente, Psychopharmaka sind Gründe, warum man Kalium spart. Und auch ein Mikronährstoffmangel kann Probleme machen. Häufig wird da nicht richtig gemessen, nämlich nur im Serum und nicht im Vollblut, auch da können Fehler passieren.
Ich habe auch einige Freundinnen, die sich prima fühlen und gar keine Probleme haben. Ab wann sollte ich denn meine Hormone checken lassen?
Mit 45 gibt es niemanden, dessen Progesteron wie neu ist. Aber es gibt auch Frauen, die haben eins, das besser ist als bei vielen 30Jährigen. Ab Mitte 30 fängt es bei vielen an, dass das Progesteron sich reduziert. Wer ab Mitte 40 keinen Zyklus mehr hat, sollte natürlich unbedingt kontrollieren. Da ist es ein entscheidendes Kriterium. Über 50 ist dann Östrogen ein Thema. Wenn ich allerdings höre, dass eine Frau Mitte 40 Östrogen bekommt, denke ich, was hat der Therapeut nicht verstanden? Ideal wäre eigentlich, wenn eine Frau mit Mitte 30 einen Hormonstatus machen würde, damit sie dann quasi einen Gipsabdruck ihres individuellen Wohlfühllevels für die Zukunft hat.
Generell ist meine Erfahrung: Es gibt hormonell alles. Man kann nie sagen, das gibt es nicht, wenn jemand klagt. Es gibt sogar Menschen, die vertragen ihre eigenen Hormone nicht. Und: Es hängt auch davon ab, wie sensibel Menschen für ihren eigenen Körper sind. Einige sind happy, haben aber grottenschlechte Hormonwerte. Und es gibt auch viele, die wollen es nur nicht wahrhaben. Auch ein schlechtes Körperbewusstsein spielt mit hinein. Ich erinnere mich immer an eine Patientin, deren Mann immer regelmäßig kam und fand, jetzt sollte seine Frau sich auch mal durchchecken und eine Blut- und Darmanalyse machen lassen. Sie kam, übergewichtig, etwas ratlos, weil sie sich so gut fühle und keine Beschwerden hätte, und nahm auch noch das Medikament Metformin gegen ihren Diabetes. Aber was man bei ihr jetzt kontrollieren sollte, war ihr nicht klar.
Werden wir mal ganz konkret: Eine Freundin von mir leidet unter krassen Hitzewallungen, sie kommt gerne gleich mit Handtuch zum Kaffeeklatsch. Sie sagt, sie hat sich damit abgefunden. Muss sie das?
An die klassischen Schwitzattacken muss man natürlich ran und die Hormone regulieren lassen, denn es ist ja nicht nur unangenehm: Das starke Schwitzen hat auch Konsequenzen für den Körper, denn der Verlust der Hormone führt auf Dauer zu einer Insulinresistenz. Die Gefäße leiden, das Cholesterin, was ja die Bausubstanz für die Hormone ist, steigt an. Außerdem kommt die Schilddrüse in eine Schieflage und die Darmschleimhaut leidet. Deshalb besser in Angriff nehmen! Hinzu kommt außerdem noch, dass die Gesamtkonstitution entscheidet: Kann die Leber alles optimal abbauen? Arbeitet der Darm gut mit? Ist da zu viel Gewicht und viele stille Entzündungen? All das entscheidet mit über meine Hormonlage. So rutschen auch unheimlich viele Frauen in eine Östrogendominanz, die wiederum Histaminprobleme macht. Plötzlich haben die Frauen Probleme mit Alkohol, Käse und Bitterschokolade, obwohl das nie der Fall war. Auch da muss man hinsehen und einen Befund erheben.
Warum ist das Thema bioidentische Hormone immer noch so ein schwieriges?
Das ist sehr spannend und auch nachvollziehbar, denn in dem Bereich wurde einfach so viel Falschwissen verbreitet. Viele denken, dass sie irgendwann durch sind, wenn die Regel vorbei ist und dann ist es ja geschafft. Ich kann da nur sagen: Das ist nicht so! Du bist dann im Tal, nachdem es bergab ging, und da bleibst du dann auch sitzen. Viele Frauen denken, ohne Beschwerden müssen sie auch nichts machen, aber die Natur ist ja nicht blöd. Wenn die reproduktive Phase vorbei ist, dann ist Abbau angesagt. Das Ausrangiergleis ist ja auch sinnvoll, denn sonst fressen wir den Enkeln womöglich noch das Futter weg. Deshalb wartet dann schon die Insulinresistenz, der Bluthochdruck und die Histaminintoleranz.
Und wir haben ja genug um die Ohren: Stress, Zeitdruck, zu viele Kohlenhydrate, zu wenig Sport. Und dann fehlt noch das Mutterhormon Pregnenolon und die Mitochondrien, die Zellkraftwerke unserer Zellen, schalten ab. Wenn unsere Eierstöcke den Dienst quittieren, fehlt oft DHEA, das Hormon, das uns mutig und durchsetzungsfähig macht. Was passiert dann? Der Körper versucht, das DHEA aus den Nebennieren zu bilden, aber wenn die schon schwächeln, klappt auch das nicht und die gehen auch noch den Bach runter. Ergebnis: Wir fühlen uns überlastet, psychisch überfordert und reagieren ständig über.
Deswegen ist es so wichtig, die Hormone zu testen. Am besten gleich alle: Progesteron, Östrogen, DHEA und Testosteron. DHEA wird übrigens weiter verstoffwechselt zu Testosteron. Das sorgt dann zwar für mehr Antrieb, aber wenn jemand eine Entzündung im Körper hat, dann wird das Testosteron weiter zu Östrogen verstoffwechselt und dann hat man eine Östrogendominanz. Da nehmen wir schön zu, lagern Wasser ein, bekommen PMS aus der Hölle, können uns nicht konzentrieren, nicht schlafen und am Ende leidet die Schilddrüse. Es ist ein ganzer Rattenschwanz, ähnlich wie wenn ich am Strickpullover ziehe. Es ist nicht nur eine Masche, die flöten geht.
Gut. Wie messsen wir den „Rattenschwanz“ jetzt korrekt?
Im Speichel misst man immer nur die Spitze des Eisbergs. Da kann ich nur testen, was gerade im Umlauf ist. Das ist oft fehlerbehaftet. Therapeuten, die kein Blut abnehmen können, machen das, aber es bringt nicht die Ergebnisse, mit denen man arbeiten kann. Ich habe schon 15fach erhöhte Progesteronwerte gesehen, obwohl es genau das war, was zu niedrig war. Da war die Therapeutin entsetzt und hat es der Patientin gestrichen. Doch seitdem ging es ihr richtig schlecht. Ich habe es ihr dann wieder empfohlen. Am Ende war klar: Es war ein Laborfehler. Wenn ich mein Gehirn einschalte, dann weiß ich ja auch, dass diese Progesteronmengen die Werte gar nicht so hochtreiben können. Deswegen geht Speichel gar nicht. Im Vollblut wird gemessen, auch nicht im Serum, sondern nur im Vollblut. Und zwar an Tag 21 des Zyklus plus, minus 2 Tage, wobei Tag 1 der erste Tag der Blutung ist.
Wie geht es dann richtig, wenn der Zyklus schon reines Chaos ist?
In dem Fall geht man von einem 4-Wochen- Zyklus aus, misst zwei Mal und dann würde ich einfach mal irgendwann zwischendurch testen. Natürlich nicht, wenn man seine Blutung hat. Mit Glück schafft man die 14 Tage noch und dann guckt man auf die Steuerhormone. DHEA, Pregnenolon, haben wir da genug, kann man auch auf die mitochondriale Aktivität rückschließen. Wenn es da gut aussieht, gibt man einfach mal Progesteron, unser Wohlfühlhormon, das entwässert, uns gut schlafen und entspannt sein lässt. Das fällt ja als erstes ab. Davon ist in der ersten Woche von Haus aus sowieso wenig bis keins vorhanden. Am ersten Tag der Blutung nehmen wir kein Progesteron mehr, um dann wieder nach Ende der Blutung einzusetzen. Und das machen wir bis der Zyklus wieder passt.
Ich selbst habe schlechte Erfahrungen mit Rimkus gemacht. Du bist auch kein Rimkus-Fan. Warum?
Wenn man Rimkus kennt, weiß man, das kann nicht funktionieren. Obsolet und veraltet. Viele Frauen, die Rimkus einnehmen, geht es erst besser und dann schlechter. Und dann führen sie es nicht darauf zurück, weil sie es nicht in Verbindung bringen. Aber dafür sammeln sich Leichen im Keller, die Probleme machen.
Man muss dazu wissen, dass es ja verschiedene Vorstufen der Hormone gibt, aus denen sich wiederum durch enzymatische Prozesse andere entwickeln. Das sind auch nicht nur die Geschlechtshormone, da gibt es auch noch Stimmungs- und Antriebshormone. Und es gibt auch nicht männliche und weibliche, jeder hat nur das Gesamtorchester, nur eben in anderen Abstufungen. Aus Pregnenolon wird zum Beispiel Cortisol und Progesteron gebildet und so werden aus dem Hormonkuchen verschiedene Törtchen gebacken. Am Ende steht da Östrogen, das sich aufspaltet in Östradiol, Östron und Östriol. Und Rimkus misst nur das Östradiol. Das ergibt aber nicht das gesamte Bild, denn Östron ist schwer abbaubar. Darauf muss man achten. Hinzu kommt: Östrogen darf man niemals oral geben, da es Thrombosen verursachen kann und die Leben belastet. Kurz: Ich halte nichts von Rimkus.
Was nehmen wir denn dann stattdessen? Cremen, schlucken, schmieren, es ist ja ein Dschungel da draußen. Kannst Du uns etwas empfehlen?
Entscheidend ist die Galenik eines Arzneimittels. Das ist die Darreichungsform und Aufbereitung eines Wirkstoffes. Sie entscheidet, wo, wie schnell und wie stark etwas aufgenommen wird. Am Anfang gibt es immer ein Patent auf ein Arzneimittel, dann läuft das aus und alle ahmen es nach. Dann ist es oft so, dass die Herzpatienten ihr Bluthochdruckmittel von einem anderen Anbieter bekommen und plötzlich wirkt es nicht mehr, da andere Trägerstoffe eingesetzt wurden und sofort hat man nicht mehr die Wirkstofffreisetzung in dem Maße. Das hängt natürlich auch an der Verdauungsleistung, der PH-Wert spielt eine Rolle.
Wenn ich es etwas transdermal gebe, also auf die Haut auftrage, damit es so in den Blutkreislauf gelangt, merken einige gar nix, weil die Cremegrundlage vielleicht nicht geeignet ist, und anderen geht es super. Ein liposomales Gel, was bedeutet, dass der Wirkstoff in Liposomen, also kleinen Fettkügelchen verpackt ist, wirkt über den Darm und kann ganz anders ankommen. Man muss immer fragen, wo die Gesamtbefindlichkeit steht. Es gibt Frauen, die von Haus aus mehr oder weniger empfindlichere Rezeptoren haben.
Und viele finden Hormone spooky, weil sie gar nicht wissen, dass es bio-identisch geht. Und oftmals hilft eine Kombi, weil es anders verstoffwechselt wird: Wenn eine Kundin über schlechten Schlaf oder Panik klagt, am besten abends eine Kapsel einnehmen und morgens cremen. Aber auch da muss man individuell schauen.
Und was ist eigentlich mit den Männern?
Auch bei Männern bauen sich Testosteron und Progesteron ab. Allerdings meist nicht nur wegen des Alters, sondern weil „der Mülleiner“ einfach voll ist. Stress und Entzündungen kommen dazu- und das treibt die Oxidation einfach hoch. Das hat einen negativen Einfluss auf die Hormone. Männer brauchen alle Steuerhormone: LH, FSH und Prolaktin. Letzteres steigt bei Stress stark an und das grätscht dann den Männern in die Potenz. Dann ist senken sinnvoll. Und wenn man das dann in Ordnung bringt, hat das oft eine ganz große Wirkung.
Und wer jetzt unbedingt einen Termin bei Anja Seitner buchen will, findet sie hier:
www.anjaseitner-bodytuning.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
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