„Manchmal muss man einfach in seiner Blase leben!“
Tipps von Elterncoach Jenni Kappes

Jenni Kappes (41) ist Dreifachmama, Elterncoach, begeisterte Anwenderin der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg sowie Content- und Marketing-Expertin. Während der Corona-Zeit begann sie intensiver über Familie und Erziehung nachzudenken. Sie las unzählige Bücher, Blogs und Artikel und wollte ihre Gedanken irgendwann nicht mehr nur mit ihrem Mann teilen. So entstand ihr Blog Sonnenkinderleben.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Heute schreibt sie Newsletter, Social-Media-Beiträge und Blogartikel rund um das Familienleben und hat 2024 zusätzlich eine Ausbildung zum Elterncoach begonnen. Ihr Ziel: Eltern berühren und kleine Veränderungen im Alltag möglich machen.
Jenni, du hast selbst drei Kinder im Alter von fünf, sieben und zehn Jahren. Du weißt, wovon du redest. Viele Eltern starten morgens schon im Stress in den Tag – Brotdosen, Termine, Schule, Job. Wann kippt dieser Alltag aus deiner Erfahrung vom normalen Familienleben in echten Dauerstress?
In Stress kippt es tatsächlich sehr schnell. Manchmal fühlt sich das ganze Familienleben wie Jonglieren an. Man hat so viele Bälle in der Luft – und einer fällt immer herunter. Aber das ist eigentlich normal. Unser heutiges Leben ist gar nicht wirklich artgerecht. Früher haben Menschen eher in Gemeinschaften gelebt. Heute leben viele Familien als kleine Einheiten und müssen sich um alles allein kümmern.
Wir müssen dafür sorgen, dass alle pünktlich in der Schule sind, dass in der Brotdose etwas Gesundes liegt, dass Termine organisiert sind. Dazu kommen Hobbys, Hausaufgaben, Elternbeirat, vielleicht noch Ehrenämter – und gleichzeitig sollen wir auch noch arbeiten, jung bleiben und alles perfekt im Griff haben. Dieses Kartenhaus kann jederzeit ins Wanken geraten. Der Tag hat nur 24 Stunden und die Erwartungshaltung an Eltern ist unglaublich hoch. Das Kartenhaus bröckelt einfach immer.
Der Moment, in dem man merkt, dass es zu viel wird, ist oft der Punkt, an dem man nur noch schwimmt, sich aber kaum noch über Wasser hält. Dann ist es wichtig, sich Hilfe zu holen. Nicht, weil man schlecht organisiert ist, sondern weil einfach unglaublich viel gleichzeitig passiert – gerade, wenn man mehrere Kinder hat, die alle in ihren eigenen kleinen Welten unterwegs sind. Da kommen 100 E-Mails, 78 Infozettel und unzählige Termine aus Schule und Kindergarten zusammen. Dass dabei auch einmal etwas vergessen wird, ist völlig normal.
Ein großes Thema ist für viele Familien die Schule. Was rätst du Eltern, wenn ein Kind sich verweigert?
Zuerst lasse ich mir immer die gesamte Situation erklären. Wie viele Kinder gibt es? In welchen Einrichtungen sind sie? Wie arbeiten die Eltern? Unterstützen sich beide? Jedes Kind ist unterschiedlich und reagiert ganz anders auf Anforderungen.
Bei uns zu Hause ist das auch so. Ein Kind steht morgens problemlos auf, zieht sich an und liest vielleicht sogar noch vor der Schule. Ein anderes Kind braucht viel mehr Zeit und Unterstützung. In der zweiten Klasse muss man aber trotzdem pünktlich sein – Zähneputzen, Haare kämmen, anziehen. Manchmal wollen Kinder alles alleine machen. Dann hilft Vertrauen. Zu sagen: „Ich weiß, dass du das schaffst.“ Meine Tochter genießt es total, wenn ich nicht die ganze Zeit daneben sitze und auf die Uhr schiele. Sie genießt es, alles alleine zu machen. Als ich das herausgefunden hatte, war der Morgen kein Problem mehr.
Man kann Abläufe verändern oder Zeiten anpassen, aber vieles hängt auch vom Kind selbst ab. Manche Kinder nehmen das Thema Pünktlichkeit sehr ernst, anderen ist es völlig egal. Dann hilft es oft, das Kind einzubeziehen und zu fragen: „Hast du eine Idee, wie der Morgen für dich weniger stressig sein könnte?“ Das Kind muss kooperieren, aber manche Kinder können das nicht immer – vielleicht weil sie besonders sensibel sind oder neurodivergent.
Auch beim Thema Hausaufgaben lohnt sich ein genauer Blick. In Deutschland wird ja vieles in die Familien ausgelagert. Ich schaue da ja immer etwas sehnsuchtsvoll auf die skandinavischen Länder, wo Schule auch wirklich nur in der Schule stattfindet. In Deutschland hast du verloren, wenn Eltern nicht helfen können. Deshalb ist es wichtig herauszufinden, was für das eigene Kind am besten funktioniert: Direkt nach dem Essen Hausaufgaben machen oder erst eine Pause? Braucht das Kind Unterstützung von Mama oder Papa? Oder hilft vielleicht ein Geschwisterkind? Manchmal ändert allein die Bestimmung der Person, die hilft, alles. Am Ende geht es darum, gemeinsam Stellschrauben zu finden, die für das Kind funktionieren.
Viele Eltern sagen: „Ich will nicht herumbrüllen, aber es passiert leider.“ Warum verlieren wir gerade bei unseren eigenen Kindern manchmal so schnell die Geduld?
Eltern sollten zuerst einmal aufhören, sich ständig ein schlechtes Gewissen machen zu lassen – schon gar nicht durch perfekte Bilder auf Social Media. Es gibt vielleicht ein paar Menschen, die immer ruhig bleiben, aber die meisten Eltern werden irgendwann laut. Ich selbst auch, obwohl ich Elterncoach bin. Der Grund ist dann meistens Stress. Wenn wir merken, dass das Level steigt, hilft es, kurz auszusteigen: Atmen, ein Glas Wasser trinken, vielleicht in ein anderes Zimmer gehen. Deeskalieren, solange es noch geht. Man kann auch offen sagen: „Ich bin gerade sehr gestresst, weil wir zu spät kommen.“ Die eigenen Gefühle auszusprechen, hilft oft mehr, als sie herunterzuschlucken. Dieses ständige „Ich muss, ich muss, ich muss“ erzeugt enormen Druck. Eigentlich müssen wir gar nichts.
Es hilft, Dinge bewusst zu reduzieren und Stress dort zu senken, wo es möglich ist. Kinder wollen eigentlich kooperieren. Sie wollen dazugehören und geliebt werden. Aber nach einem langen Schul- oder Kita-Tag können sie einfach nicht mehr. Das sollten wir immer im Hinterkopf behalten. Und mein Trick ist, nicht direkt die Kinder anzugehen. Ich fokussiere mich auf die Situation, auf die kann ich schimpfen- das verletzt niemanden und die Wut kann man trotzdem rauslassen.
Wenn Kinder Streit in der Schule haben, leidet oft die ganze Familie. Was hilft in solchen Situationen?
Wenn es größere Konflikte gibt, sollte man die Schule unbedingt informieren und einbeziehen. Bei kleineren Konflikten hilft es oft, mit den anderen Eltern zu sprechen und die Kinder zusammenzubringen. Aber manchmal funktioniert auch das leider nicht, weil andere Eltern das Verhalten ihres Kindes nicht sehen wollen. Dann bleibt nur, das eigene Kind zu stärken. Ich habe meiner Tochter zum Beispiel einmal bei einem Konflikt gesagt: Wenn es gar nicht mehr geht, sprich mit deiner Lehrerin, lass dich umsetzen oder geh deinen Schulweg etwas früher oder später.
Manchmal hilft auch ein Perspektivenwechsel: Ich erkläre Kindern gern das Bild einer Seifenblase: Stell dir vor, du bist in deiner eigenen Blase und das, was außen passiert, geht dich gar nichts an. Wenn andere Kinder merken, dass sie dich nicht mehr ärgern können, wird es für sie langweilig. Dann kann man auch genauso gut wieder befreundet sein und spielen. Manchmal ist es auch in Ordnung, eine Freundschaft zu beenden. Kinder können darin sogar klarer sein als Erwachsene, was ich bewundernswert finde.
Viele Eltern haben das Gefühl, nie genug Zeit für ihre Kinder zu haben. Wie kann man allen gerecht werden?
Je größer der Altersunterschied zwischen den Kindern ist, desto schwieriger wird es. Idealerweise hat jedes Kind einmal exklusive Zeit mit einem Elternteil. Das muss nicht jeden Tag eine halbe Stunde sein. Bei uns funktioniert es oft abends. Dann lese ich einem Kind vor, mein Partner kümmert sich um ein anderes, und später wechseln wir. Manchmal liegen wir auch einfach zusammen im Bett und lesen nebeneinander. Nähe entsteht nicht nur durch Gespräche.
So bekommt jedes Kind irgendwann seine eigene Zeit mit Mama oder Papa. Wenn tagsüber alle gleichzeitig da sind, geht das natürlich nicht immer. Dann kümmert man sich um das Kind, das gerade am dringendsten Aufmerksamkeit braucht. Ansonsten versuche ich, in eine flexible Rotation zu gehen. Und wenn ein Kind einmal länger zu kurz gekommen ist, kann man ihm bewusst mehr Zeit widmen.
Zum Schluss ganz persönlich: Dein bester Eltern-Hack?
Der größte Gamechanger für mich war die Erkenntnis, dass ich nicht perfekt sein muss. Ich habe lange gedacht, ich müsse allen Erwartungen entsprechen – der Familie, der Schule, der Gesellschaft.
Heute weiß ich: Es reicht, wenn es für mich und meine Familie funktioniert. Wenn Krümel auf dem Boden liegen, ist das eben so. Wenn ich nicht bei jedem Elternamt mitmachen kann, ist das auch in Ordnung. Man darf sich von diesen Erwartungen lösen. Auch als Mutter darf man in seiner eigenen Seifenblase unterwegs sein und sich sagen: Ich mache es so gut, wie ich kann – und das ist genug.
Und wer Kontakt zu Jenni aufnehmen oder einen Termin machen möchte, findet sie hier:
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