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Wie gehe ich am besten mit großen Enttäuschungen um?

 Die beste Freundin entpuppt sich als illoyal, die Schwiegermutter als Schwiegermonster und dein Göttergatte geht mit der Kollegin mit den langen Krallen fremd. Die Vorgesetzte wirft dich dem Chef zum Fraß vor und der Geschäftspartner bekommt plötzlich Panik und lässt dich auf allen Kosten sitzen. Oder der TV-Job zieht an dir vorbei, obwohl man dich zum dritten Mal angerufen hatte mit den Worten: „Du wirst es! Du wirst es!“ Und dann heißt es beim vierten Mal: „Sorry, du wirst es nicht. Jetzt wollen sie blond.“ 

 Enttäuschung. Gibt es leider immer wieder. Sie kommt nur im anderen Look daher. Beruflich wie privat: Mal trägt sie kurzfristig übergeworfen, mal von langer Hand geplant. Das Einzige, was immer gleich bleibt, ist dieses Gefühl in der Magengegend. Irgendwas zieht sich zusammen, tut weh, lässt uns wanken. Ein Gefühl der Schwäche, weil man vertraut hat und dann ins Leere gelaufen ist. 

„Overwhelming!“ wie meine kanadische Cousine immer sagt. Und letzten Endes ent-täuscht uns der Mensch immer von der Illusion, der wir aufgesessen sind. Wir dachten, wir wüssten, wo wir stehen. Und dann lässt dich der andere diesen einen Schritt in den Abgrund laufen, vergisst dich, verrät dich, dreht sich weg, packt einen neuen Plan aus, in dem du nicht mehr vorkommst.

Manche Enttäuschungen vergisst man wieder, andere sind wie eine Zäsur im Leben. Und wenn man einmal so richtig gelitten hat, fragt man sich: Wie komme ich da am besten durch? Zeit, einen Profi zu fragen: Psychologin Annika Rötters hat mir ein paar Fragen dazu beantwortet.  

 

Annika, warum tut Enttäuschung eigentlich so weh?  

Grundsätzlich gilt: Unser Gehirn ist gar nicht mal so gut darin, zwischen dem, was wirklich passiert ist und dem, was wir uns vorstellen, zu unterscheiden. Auch wenn wir uns etwas nur vorstellen, kann es intensive Gefühle auslösen. Dementsprechend kann eine enttäuschte Erwartung sich so schmerzhaft anfühlen wie das böse Erwachen nach einem kurzen aber intensiven Verliebtsein:

Wenn die Hoffnung zerstört wird, der Wunsch, den Partner fürs Leben gefunden zu haben und sich herausstellt, er ist es eben doch nicht.  Dann haben wir einen Verlust erlitten, und zwar von allem, was wir uns gewünscht haben. Wir haben uns schon beim Ringtausch, beim Hausbau und mit Kindern gesehen, schon die Enkel, den Schaukelstuhl auf der Veranda und die ersten gemeinsamen grauen Haare ausgemalt, und dann verpufft das alles. In der Realität hat das zwar gar nicht stattgefunden, aber die Trauer ist da. Denn auch wenn das erwartete Ereignis nicht sicher war, ist es ein echter Verlust und kann alle möglichen Gefühle auslösen. Was so wehtut, ist häufig Trauer, Wut und Angst, verbunden mit der Frage: Gibt' s das überhaupt? Nach der Trauer kommt dann häufig die Wut auf uns selbst: Wie konnte ich nur so blöd sein und hoffen? Selbstzweifel steigen in einem auf: Kenne ich mich nicht? Oder wie konnte ich das alles so falsch einschätzen? Zusammenfassend kann man sagen: Das ist alles absolut normal. 

 

 

Gibt es verschiedene Level von Enttäuschung? 

Da gibt es nicht "das eine psychologische Modell". Enttäuschung wird als so genannte "sekundäre Emotion" gesehen und beinhaltet oft eine komplexe Mischung aus Gefühlen, wie z.B. häufig Wut und Trauer. Aber wie fast immer im Leben, ist das ganz individuell. Es gibt die kleinen Enttäuschungen und die großen, die wie ein Einschnitt im Leben sein können. Wer enttäuscht wird, ist auf jeden Fall jemand, der hoffen kann. Und das ist ein Zeichen, dass man in der Lage ist, mit Erwartungen in die Welt zu gehen. Die können theoretisch zwar enttäuscht werden, aber auch das - dieses Risiko der Enttäuschung -muss ja nicht grundsätzlich negativ, sondern kann auch ein Verstärker sein. Zum Beispiel für tiefe Verbindung: Für echte Freundschaften braucht es einfach irgendwann einen Vertrauensvorschuss. Wer den nicht geben kann, wird Freundschaften nie so tief empfinden, wie jemand, der sich offen und verletzbar zeigt - und die Erfahrung macht, gehalten und sicher zu sein. Natürlich kann ich enttäuscht werden. Das kann so weit gehen, dass man auch an anderen Beziehungen zweifelt, und sich selbst in Frage stellt. UND: wer dieses Wagnis nicht eingeht, beraubt sich möglicherweise selbst der Erfahrung sicherer und tiefer Freundschaft und Nähe. 

 

 

Wie kommen wir damit klar, wenn es so richtig tief geht?  Wie kann ich denn aktiv die Verarbeitung fördern? 

Wie immer gilt: Hinschauen! Nicht wegdrücken und wegignorieren. Im besten Falle konkret überlegen, welcher Wunsch mit der Enttäuschung verbunden war, denn gerade wenn es sehr weh tut, war dieser offenbar sehr groß. Die Gefühle, die dann hochkommen, sollten wir akzeptieren. Wut und Traurigkeit, unangenehme Überraschung oder auch Angst sind ganz normale Gefühle in dieser Situation. Und dann würde ich mich fragen: Was steckt hinter diesem Gefühl gerade? Ist es eine Angst? Ein unerfülltes Bedürfnis? Ein tiefer Wunsch? Es ist hilfreich, sich selbst Zeit zu geben. Das heißt, je nach Situation kann uns eine Enttäuschung mal ein paar Tage und Wochen aus der Bahn werfen. Das ist ok. Es ist wie ein Trauerprozess. Und ich empfehle, sich mit dem Thema, den Gedanken, den Gefühlen zu beschäftigen, denn es kann uns in Schleifen wieder begegnen. Der Klassiker wäre dann zum Beispiel, dass Du diese Woche etwas erlebt hast, vielleicht sogar kurz geweint oder gewütet hast, das Thema dann jedoch erstmal weggedrückt hast. Und dann sitzt Du in einem Seminar, mit den Kollegen zusammen oder beim Hausarzt und der fragt: „Wie es geht es Ihnen wirklich?“ Und plötzlich laufen die Tränen. Mein Rat: Gib dir die Zeit. Wenn die Gefühle hochkommen, lass sie zu. Oder such dir Unterstützung, das können Freunde oder Profis sein. Vielleicht eine Trauerbegleitung - denn eine Enttäuschung kann auch ein schmerzhafter Verlust sein. Wichtig ist: Dein Selbstbild zu stärken, denn das ist ja auch ins Wanken geraten. Wir sollten uns sowieso viel öfter fragen: Wo sind meine Stärken, was macht mich stark, was gibt mir Halt und wo finde ich meine Kraft? Welche Situationen in meinem Leben waren schwierig und wie bin ich daraus hervorgegangen? Der bewusste Fokus auf Deine Stärken und Erfolge hilft, Dein Selbstwertgefühl zu stabilisieren – oder neu zu verankern, besonders wenn Du Dich durch die Enttäuschung geschwächt fühlst.

 

 

Wie schütze ich mich in Zukunft? Gibt es Strategien oder gehört Enttäuschung zum Leben dazu? 

Naja, wer keine Erwartungen hat, kann auch nicht enttäuscht werden. Aber macht das Sinn? Vielleicht eine Gegenfrage: Wo in Deinem Leben kannst Du gut und gerne auf Erwartungen UND Enttäuschungen verzichten?  Für viele Menschen ist ein klassisches Beispiel: Berufliches und privates trennen, also nicht mit Kollegen über Privates reden. Dann entstehen zwar auch eher keine tiefen Freundschaften im Büro - gleichzeitig werden "menschliche Enttäuschungen" unwahrscheinlicher und man bleibt weniger verletzlich. Man nimmt sich andererseits damit möglicherweise auch die Chance auf echtes Verständnis, wenn es im Privaten kriselt und die Leistungsfähigkeit darunter leidet. 

Es läuft nur eben nicht alles immer nach Plan. Und was, wenn aus den Kollegen die besten Freunde werden könnten? Wir können dann versuchen, realistische Erwartungen zu haben. Aber manchmal muss man eben auch einen Vertrauensvorschuss geben, wenn man sich eine tiefe Beziehung wünscht. Mit eigenen Gefühlen kann man auch arbeiten, die Reaktionen der anderen liegen nicht in unserem Handlungsspielraum.  Und jede Enttäuschung kann ja auch eine Chance sein: So oder so, wir lernen etwas über uns selbst.  

Für den Schutz in der Zukunft ist eine mögliche Frage nach einer Enttäuschung: "wie kann ich in Zukunft schneller erkennen, ob es in diese Richtung geht?" "Was habe ich gefühlt oder gedacht, vor der Enttäuschung?" Und wenn Du das nächste Mal im Leben schon das Gefühl hat, dass es in einer Freundschaft zu einer Enttäuschung kommen könnte, nicht erst abwarten, ob es wirklich so kommt, sondern frühzeitig das Gespräch suchen. Zum Beispiel konkret sagen: „Ich merke, du machst gerade das und das und das fühlt sich für mich komisch an. Ich würde gerne verstehen warum.“ 

Und letztlich gehören Enttäuschungen zum Leben dazu. Es ist wichtig zu akzeptieren, dass Enttäuschung ein natürlicher Teil des menschlichen Lebens ist.  Hier kann das Selbstmitgefühl unmittelbar hilfreich sein:

1.    Das tut weh.

2.    Anderen Menschen geht es auch so.

3.    Ich darf mir selbst freundliches Verständnis dafür entgegenbringen und diesen Schmerz mit mir selbst aushalten.

Sprich: Ich darf freundlich zu mir sein. Ich darf sanft zu mir sein. Ich darf weich sein. Ich darf Erwartungen haben, die enttäuscht werden können – und ich bin mir selbst ein starker Halt, denn ich glaube auch nach Enttäuschungen weiter daran, dass meine Werte richtig und wichtig sind. Ich muss nicht wütend auf mich sein, dass ich es nicht vorher gemerkt habe. Auch eine Entschuldigung nach einer Enttäuschung hilft nicht immer. Auch diese Gefühle dürfen wir zulassen.

 

Muss ich denn einen Kontakt aktiv abbrechen, um mich zu schützen? 

Das kommt auf die Beziehung an. Wir müssen uns nicht zwangsweise verabschieden. Wenn allerdings zum Beispiel eine Liebesbeziehung endet, wenn Erwartungen an diese eine Partnerschaft dauerhaft nicht erfüllt werden können, dann kann es sinnvoll sein, einen Trauerprozess zu durchlaufen und die Idee zur Grabe zu tragen, den Kontakt zu der Person abzubrechen und loszulassen.  Mit kleineren Enttäuschungen können wir vielleicht auch leben, eigene Erwartungen ändern und mit eigenen Gefühlen arbeiten. Je nachdem wie tief die Enttäuschung ist, kann es durchaus ein Auslöser sein, dass man sich für einen Kontaktabbruch entscheidet oder für eine Kontaktveränderung. Manchmal führen Enttäuschungen zum Setzen einer neuen persönlichen Grenze. Und die darf individuell so gesetzt werden, wie sie sich gut anfühlt - vielleicht gehört die Person, die Dich enttäuscht hat, weiterhin zu Deinem Kreis, aber nicht mehr zum engsten, eher zum erweiterten? Du darfst Dich auch fragen: Was hat die Enttäuschung mit mir persönlich zu tun? Was ändert sich, wenn ich akzeptiere, dass die andere Person so ist, wie sie ist? Alles, was die Diskrepanz zwischen Realität und Erwartung verringert, kann helfen, die Enttäuschung zu verarbeiten und Dich zu schützen.

 

Annika findet Ihr auf Insta unter psychotrainment  und auf Linked.In unter Annika Rötters und Psychotrainment.

Auf ihrer Homepage www.psychotrainment.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) findet Ihr Informationen zu zertifizierten Präventionskursen, Workshops und ihrem 1:1 Coaching Angebot.

Annika Rötters weiss, wie man mit Enttäuschung umgehen kann. Sie ist aber auch Coach, gibt Work shops und ist in der Präventition tätig. Und- unter uns- dieses Strahlen gibt ja wohl mehr als Hoffnung, oder?

Eins ist klar: Ein Artikel kann eine professionelle Begleitung nicht ersetzen - wenn Du merkst: "Ich brauche Hilfe!", möchten wir Dir sagen: Du musst da nicht alleine durch.

Und weil der erste Schritt sich Hilfe zu suchen, oft der schwerste ist, sind hier ein paar erste Anlaufstellen verlinkt (keine vollzählige Auflistung):

0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 Telefonseelsorge

  • 116 111 „Nummer gegen Kummer“ 

  • 0800 111 0 550 „Nummer gegen Kummer“ (Elterntelefon) 

  • 116 016 Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen

  • 0800 12 39 900 Hilfetelefon Gewalt an Männern

  • 0800 40 40 020 „Schwangere in Not“ 

    0800 334 4533 Info- Telefon Depression

0800 22 55 530 Hilfetelefon sexueller Missbrauch

0800 70 22 0240 Hilfetelefon tatgeneigte Personen (kostenfrei und anonym)

Sujet MINDSET & PERSPEKTIVE

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