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ALIVE, ALIVE, OH

FILM-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

[UPDATE, Januar 2026: Seit Ende Dezember 2025 ist der Film auch im Home Entertainment verfügbar. Gedanken zur VÖ siehe PS.]

Wer sich körperlich betätigt, fühlt sich danach meist platt. Lebendig, aber platt. Anders geht es den Teilnehmern (alle männlich) des „Long Walk“ oder zu Deutsch „Todesmarsch“, wie der Titel des Films von Francis Lawrence (Regie) und T. J. Mollner (Drehbuch auf Basis des Romans von Stephen King aus dem Jahr 1979) hierzulande ergänzt wird.

50 junge Männer, einer aus jedem Bundesstaat, der in einer Art Überwachungsdiktatur abgeglittenen Vereinigten Staaten marschieren auf dem Long Walk, um der Nation die eigene Leistungsfähigkeit wieder vor Augen zu führen. Dieser Marsch hat keine Ziellinie – es gewinnt der, der ohne Unterbrechung am längsten läuft. Die 49 anderen werden am Ort ihres Stillstehens vom begleitenden Major (Mark Hamill) und seinen Soldaten umgehend ihres Lebens entledigt.

Sie machen sich auf den langen Marsch: McVries (David Jonsson), Garraty (Cooper Hoffman), Harkness (Jordan Gonzalez), Olson (Ben Wang) und Baker (Tut Nyuot). // © LEONINE
Sie machen sich auf den langen Marsch: McVries (David Jonsson), Garraty (Cooper Hoffman), Harkness (Jordan Gonzalez), Olson (Ben Wang) und Baker (Tut Nyuot). // © LEONINE

Selbstverständlich gibt es einen Haupt- und mehrere Nebencharaktere, mit denen wir mitfiebern oder ihnen ein schnelles Ende wünschen. Drei Musketiere schart Ray Garraty (Cooper Hoffman) um sich: Peter McVries (David Jonsson), der sich sein Leben lang als Schwarzer Quasi-Weise in Baton Rouge durchkämpfen musste, der Kaugummi kauende Hank Olsen (Ben Wang), über den wir erst spät Wesentliches erfahren und der gläubige Baker (Tut Nyuot). Mit dem sportlichen Stebbins (Garrett Wareing) und dem Bully Gary Barkovich (Charlie Plummer) gibt es auch zwei Antagonisten im Feld der Teilnehmer.

Ray, der von seiner Mutter zum Abmarsch gefahren wird, ist jedoch unser Fokuspunkt und fast immer dynamisch in der Bildmitte platziert (grandiose Bilder von Jo Willems). Wir begleiten sie auf über 300 Meilen und lassen die jungen Männer einander kennenlernen – schließlich handelt es sich im Grunde um einen langen Trauermarsch. Da werden Geschichten aus der Vergangenheit ausgetauscht, Freundschaften geschlossen und einander aufgeholfen, wenn einer einmal nicht mehr weiter kann.

Der Major (Mark Hamill) gibt den unerbittlichen Ton an. // © LEONINE
Der Major (Mark Hamill) gibt den unerbittlichen Ton an. // © LEONINE

Allen ist klar: Sie sind Rivalen und nur einer kann am Ende den undefiniert großen Geldbetrag sowie den individuellen Wunsch gewinnen. Und doch zeigt sich bei vielen die Humanität – Freundschaft in der Konkurrenz, ein faires Spiel, ein fairer, langer Marsch. Kameradschaft und Treue, auch wenn es natürlich diejenigen gibt, die das Spiel mit gezinkten Karten spielen.

The Long Walk ist eine Parabel über diese Themen. Der Film zeigt, wie wir selbst im Angesicht des Todes als zivilisierte Menschen noch durch Kooperation profitieren – und wie einzelne Störer dieses System eben auch manipulieren können. Dieser Film erzählt uns viel über die Menschheit, die Träume, die viele von uns haben, die hier als individuelle Siegeswünsche selbstverständlich ihren Platz finden und erstaunlich oft doch sehr kurzsichtig sind.

Garraty (Cooper Hoffman) und McVries (David Jonsson) haben sich angefreundet. // © LEONINE
Garraty (Cooper Hoffman) und McVries (David Jonsson) haben sich angefreundet. // © LEONINE

Ein paar Details sind es nämlich, die dieses Erlebnis ein wenig trüben: Manche Wünsche sind erstaunlich eindimensional und wenn es darum geht, das System tatsächlich zu verändern, gibt es nur einen, der an dieser Stelle ansetzt. Und der muss erst einmal die anderen 49 überleben, um dann vielleicht erfüllt zu werden. Und auch im Konzept des Todesmarsches gibt es ein paar Ungereimtheiten, aber das trübt die Unterhaltung nur in geringem Maße.

https://www.youtube.com/watch?v=KL22sJtrflc&t=3s (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Das Ende ist... einerseits vorhersehbar, andererseits wiederum nicht. Es hätte vermutlich mehrere Möglichkeiten für ein Ende gegeben und am Ende war wohl die Frage, welche Botschaft bleiben soll. Mit der, die wir schließlich ins Fadenkreuz nehmen dürfen, kann mensch leben, aber auch die Message für den Ausblick ist klar: Dein Weg ist unausweichlich – und du selbst bestimmst, wie lange du ihn gehen kannst und willst.

HMS

PS zum Home Entertainment-Start, 12/25: Nun, alles in allem schließen wir der Meinung von HMS an. Was mir im sonst stimmungsvollen Film allerdings fehlte, war die Dringlichkeit. Die meisten Figuren bleiben blass. Bei allen Schockmomenten und manch Brutalität, bleibt neben einem kurzen “Uh!” nicht viel Schrecken von Substanz. Die Grausamkeit des Szenarios und warum wir mit den Figuren mitfiebern sollten, bleibt erstaunlich schwammig. Unterm Strich ein unterhaltsamer Streich ohne großen Nachhall. - AS/NS

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THE LONG WALK - Der Todesmarsch ist ab dem 11. September 2025 im Kino zu sehen; Laufzeit ca. 108 Minuten; FSK: 16

Sujet Film & Serie

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