Passer au contenu principal

EINFACH MAL TUN…

TV-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

„Ich habe bei meiner Recherche in solchen anonym betriebenen Foren mitgelesen, um ein Gespür für die Not der meist jungen Menschen zu entwickeln, die online Unterstützung suchen, weil sie diese offenbar im analogen Leben nicht finden. Dabei fühlte ich mich oft als stummer Zeuge eines Generationenkonflikts: Wir Älteren haben den Jüngeren bereits während der Corona-Krise große Opfer abverlangt. Wir lassen sie jetzt in ihren Nöten im Stich und erwarten nun, dass sie mit und für uns in einem Team spielen, wenn es darum geht, die aktuellen und nächsten globalen Krisen zu bewältigen. Es läge in meinen Augen in unserer Verantwortung, dieser jungen Generation besser zuzuhören und professionelle Hilfsangebote für Jugendliche in seelischer Not deutlich auszubauen.“ - Autor Florian Oeller

...frei nach dem Lieblingsspruch und Podcast-Titel des CDU-Generalsekretärs Carsten Linnemann (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) steht der neue Polizeiruf 110 aus Rostock unter dem oben genannten Motto und trägt es gar im kräftigen Titel: Tu es!

Zwei Menschen sind tot: Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Melly Böwe (Lina Beckmann) am Tatort // © NDR/Boris Laewen
Zwei Menschen sind tot: Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Melly Böwe (Lina Beckmann) am Tatort // © NDR/Boris Laewen

Was es, neben der Ermittlungsarbeit beiden Kommissarinnen Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Melly Böwe (Lina Beckmann), zu tun gilt, erfahren wir direkt zu Anfang des Sonntags-Krimis: Im regnerischen Dunkel richtet die 19-jährige Lara Trensbach (Samara Fry) eine Schusswaffe gegen sich selbst. Als Kommissar Volker Thiesler (Josef Heynert) ihr gut zuredet, schießt sie zunächst auf ihn und tötet anschließend sich selbst. Kurze Zeit später sterben am Steintor zwei Menschen, ein junger Mann ersticht eine Frau und richtet sich dann selbst. Am Tatort stehen König und Böwe vor einem Rätsel, denn zwischen Leon Schilling (Karl Seibt) und der Managerin Mona Färber gibt es keine Verbindung.

Lara (Samara Frey) will Selbstmord begehen. Thiesler versucht, sie aufzuhalten // © NDR/Boris Laewen
Lara (Samara Frey) will Selbstmord begehen. Thiesler versucht, sie aufzuhalten // © NDR/Boris Laewen

Die einzige Spur ist eine Nachricht auf Schillings Handy in der Nacht der Tat – „Tu es!“. Diese stammt vom jungen Lehrer Felix Lange (stark: Sebastian Jakob Doppelbauer), der jedoch streitet jede Beteiligung an der Tat ab. Die Ermittelnden sind skeptisch, schließlich hatten sie Lange schon im Fall Trensbach/Thiesler auf dem Schirm. Sie vermuten, dass der ein wenig eigenbrötlerische Wohltäter sich in einem Internetforum „Wintersonne“ nennt und dort als sadistischer Psychopath sein Unwesen treibt, indem er gezielt junge Menschen in den Suizid schreibt...

Wie ist Sonderling Felix Lange (Sebastian Jakob Doppelbauer) in den Fall verwickelt? // © NDR/Hanno Lentz
Wie ist Sonderling Felix Lange (Sebastian Jakob Doppelbauer) in den Fall verwickelt? // © NDR/Hanno Lentz

Wir kündigten ja bereits im PPS unserer Tatort-Kritik der vergangenen Woche an (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass es an diesem Sonntag in Rostock düster melancholisch werden würde. Ganz im Gegensatz zum beinahe schon aktionistischen Titel dieses Polizeirufs aus der Feder von Florian Oeller (u. a. auch die sehr guten Rostock-Filme Sabine und Seine Familie kann man sich nicht aussuchen) geht es zwar angespannt, aber doch getragen zu. Melancholisch, bedrohlich, erschöpft, getrieben und verkopft könnten die Schlagworte des Films von „Emotionsdetektor“ (O-Ton Oellers) Max Gleschinski, der mit Tu es! seine Sonntags-Krimi-Premiere vorlegt, sein.

Neben dem Fall, in dem sich König und Böwe vor allem mit dem Verdächtigen befassen, derweil Anton Pöschel (Andreas Guenther) sich unter anderem mit Färbers Ehemann und Neu-Witwer Sandro Färber (Jan-Peter Kampwirth) befassen muss, spielt natürlich wieder so manch persönlicher Kram inFall und Folge rein. Melly Böwe wird von Chef Henning Röder (Uwe Preuss) auf ihre Verhörstrategie des vorhergehenden Falls Böse geboren und ihre Vergewaltigung angesprochen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), was sie zunächst wegwischt.

Väterlicher Freund: Henning Röder (Uwe Preuss) ist der Einzige, der Mellys (Lina Beckmann) Geheimnis kennt // © NDR/Hanno Lentz
Väterlicher Freund: Henning Röder (Uwe Preuss) ist der Einzige, der Mellys (Lina Beckmann) Geheimnis kennt // © NDR/Hanno Lentz

Doch nimmt sie das Angebot Röders an, zu erfahren, wer der mögliche Täter von damals und somit Vater ihrer nunmehr entfremdeten Tochter Rose ist. Dies jedoch verkompliziert sich mit dem Auftauchen des Pressesprechers der Staatsanwaltschaft Jan Jürgens (Thorsten Merten) sowie einem mysteriösen Mann im Hintergrund. Beide dürften wir in den kommenden Rostock-Folgen noch besser kennenlernen. Katrin König nähert sich mehr und mehr ihrem Vater Günther (Wolfgang Michael) an, der nun in einer Kneipe tätig ist, die eine Art Stuhlkreis-Selbsthilfegruppe mit Brötchen ausrichtet, die wiederum „Wintersonne“ besuchen soll.

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/dbf1f918-ac67-42bb-904e-e28446ff8b83 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Achso und Pöschel besucht Thiesler im Krankenhaus, der physisch wie psychisch traumatisiert und ungewöhnlich in sich gekehrt ist. Keine Überraschung nach der Nummer. Immerhin haben wir es in den zwar manches Mal etwas arg melodramatischen Rostocker Polizeirufen doch in der Tat mit sehr menschlichen und ihre Eigenheiten auslebenden Charakteren zu tun. Hier nun gibt es diese oft in wenig schmeichelhaften, dafür sehr intensiven Close-Ups und Momenten des Zweifels und der Verzweiflung zu sehen (Bildgestaltung: Hanno Lentz). Dies trifft nicht zuletzt vor allem auf die Episodenrolle Felix Lange zu, „der alles richtig zu machen glaubt und dann an der Komplexität der Welt verzweifelt und scheitert“, wie es Regisseur und Rostocker Kind Gleschinski formuliert.

Ist Felix Lange (Sebastian Jakob Doppelbauer) „Wintersonne“? // © NDR/Hanno Lent
Ist Felix Lange (Sebastian Jakob Doppelbauer) „Wintersonne“? // © NDR/Hanno Lent

Er hatte für seinen ersten TV-Krimi eine Art Montagefilm mit diversen Tempowechseln im Kopf. Also mal Geschwindigkeit (die wir anfangs und vor allem zum Finale sehen) und anschließend wieder Entschleunigung, etwa durch Begegnungen, die nachhallen, dem Publikum die Tragweite verdeutlichen. Das gelingt ihm und Editorin Julia Kovalenko durchaus und hält uns bei der Stange. Zusätzlich wollte er einen Film schaffen, der ein wenig wehtut. Fragt der Autodidakt sich doch, wo wir falsch abgebogen sind, wenn unser Status quo ist, dass wir den Mord am Sonntagabend als (heiteren) Eskapismus betrachten. Das habe ihn schon als Zuschauer immer sauer gemacht: „Und wenn ich jetzt selbst Krimis mache, kann ich zumindest für die Filme, an denen ich arbeite, etwas ändern. Ich kann sagen, nee, das muss wehtun, das muss uns in eine echte Auseinandersetzung bringen mit der Welt.“

Diesem Anliegen nachzukommen und das selbst diagnostizierte Problem anzugehen, dafür ist der Polizeiruf 110 schon die richtige Stelle, wie uns neben den Rostocker*innen vor allem die Folgen aus Magdeburg – zuletzt mit einem Amokschützen an einer Schule (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – zeigen. „Leichtigkeit“ und „Eskapismus“ sind Worte, die uns da eher nicht in den Sinn kommen...

Wie fremdgesteuert: Leon Schilling (Karl Seibt) // © NDR/Hanno Lentz
Wie fremdgesteuert: Leon Schilling (Karl Seibt) // © NDR/Hanno Lentz

Dass die Fälle ebenso nicht selten nah an der Realität sind (2022 wurde in einem Strafprozess gegen Brunhold S. erstmals öffentlich über die Anstiftung zum Suizid verhandelt und True-Crime-Podcasts etc. thematisierten derlei bereits hier und da) verstärkt die empfundene Schmerz-Wirkung und das mögliche Ringen der Zuschauer*innen nur. Auf den Polizeiruf 110: Tu es! passt dazu noch die im Pressedossier-Interview als Frage formulierte düstere Zeitdiagnose: „Überforderung, Personalknappheit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Einsamkeit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die Zersplitterung der Gesellschaft (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), das Abdriften in Extreme (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“, die wohl kaum nach Entspannung klingt.

„König und Böwe sind vielleicht nur ein zartes Licht in einer dunkler werdenden Welt, aber sie leuchten dennoch. Und da sind auch die anderen Säulen des Teams, also Röder, Thiesler und Pöschel – das durch den Schmerz hindurch begreifen wird, wie stark es sein kann, wenn nur keine und keiner von ihnen zerbricht.“ - Autor Florian Oeller // © NDR/Boris Laewen

Dass das Düstere und furchtbar Nahe sowie die Last der Verantwortung und all die offenen Fragen dennoch zu unterhalten wissen, nicht zuletzt eben gerade weil all dies verfangen und zum Mit- und Nachdenken anregen kann, macht diesen Film umso interessanter. Ein weiterer intensiver Eintrag ins Rostocker-Polizeiruf-Logbuch

AS

PS: Autor Florian Oeller zeichnete ebenfalls für das stabile Drehbuch zum Furtwängler-Tatort: National feminin verantwortlich. Die ist nach längerer Abwesenheit kommenden Sonntag mit Letzte Ernte im Alten Land am Start. Mit von der Partie ist Füchsin Lina Wendel, die ihr Ende November wieder in zwei neuen Folgen der Reihe sehen könnt.

IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder auf Facebook (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

Ist der Täter gefasst? Melly Böwe (Lina Beckmann, l.), Henning Röder (Uwe Preuss) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) sind skeptisch // © NDR/Boris Laewen
Ist der Täter gefasst? Melly Böwe (Lina Beckmann, l.), Henning Röder (Uwe Preuss) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) sind skeptisch // © NDR/Boris Laewen

Das Erste zeigt den Polizeiruf 110: Tu es! am Sonntag, 19. Oktober 2025, um 20:15 Uhr, one um 21:45; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar.

Sujet Film & Serie

0 commentaire

Vous voulez être le·la premier·ère à écrire un commentaire ?
Devenez membre de the little queer review et lancez la conversation.
Adhérer