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Das perverse Frankreich

Logo »TITANIC-Wochenrückblick. Der endgültige Newsletter«

Liebe Leser*innen,

heute wird der deutsche Bundeskanzler 70 Jahre und drei Tage alt, der TITANIC-Wochenrückblick gratuliert ganz herzlich! Denn mit 70 und drei Tagen, da fängt das Leben an. Das weiß auch Außenminister Wadephul und hat deswegen versprochen, zur Feier des Tages keine einzige kontroverse Aussage zu treffen (»Flüchtlinge sind auch Menschen«). Um seine Dankbarkeit zu zeigen, kommt Merz Wadephul ebenfalls entgegen:

Fotocollage: Friedrich Merz vor einer zerbombten syrischen Stadt, dazu der Text: "Zugeständnis an Wadephul: Merz räumt 'Stadtbildproblem' in Syrien ein." (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Über das Stadtbild des brasilianischen Beléms lässt sich jedoch nur Gutes sagen. Die deutschen Bundestagsabgeordneten schwärmen vom Fischmarkt und seinem reichhaltigen Angebot sowie den vielen schönen Parkanlagen. Schade nur, dass die Politiker*innen die meiste Zeit damit beschäftigt sind, sich in stickigen Konferenzräumen zu streiten. Mit den folgenden Powersätzen für die Klimakonferenz sind die Diskussionen aber schnell beigelegt und es kann sich wieder am Pool gerekelt werden:

  • »Bin ich es, oder ist es hier etwas heiß?«

  • »Es gibt kein schlechtes Klima, es gibt nur schlechte Destillanzüge!«

  • »Die Reichweite von E-Autos ist vielleicht geringer, aber durch den Anstieg des Meeresspiegels verringert sich ja auch die befahrbare Landfläche.«

  • »Ich werde erst aufhören, auf das Rednerpult zu defäkieren, wenn die anderen auch aufhören.«

  • »Ist in Ihrer Hose ein Gletscher geschmolzen oder freuen Sie sich so, mich zu sehen?«

  • »Ich sehe Deutschlands Zukunft im grünen Stahl: Leopard 2, Puma, KF51.«

  • »Dass Sie als Gastgeschenk für die Teilnehmer eine Million Hektar Regenwald gerodet haben, ist eine bewegende Geste, die wir alle zu schätzen wissen.«

  • »Es ist wirklich heiß hier drin. Ein kleiner Wirbelsturm täte jetzt gut.«

Alle sind sich einig: Klima kann und muss Zukunft. Stahl allerdings auch, weswegen letzte Woche ein Stahlgipfel im Kanzleramt stattfand. Das waren die besten Sätze:

  • »Herzlich willkommen in Stalingrad, Quatsch! Beim Stahlgipfel!«

  • »Wenn unser Stahl am internationalen Markt konkurrenzfähig sein soll, muss er flink wie Windhunde und zäh wie Leder sein.«

  • »Ach, Stahl ... der Rohstoff der Zukunft ist für mich Bildung.«

  • »Wenn wir so erfolgreich sein wollen wie Trump, müssen wir eben 300 Prozent Zoll auf Stahl erheben, Opa zurück in die Kohlegrube schicken und einen neuen Führer ins Kanzleramt bringen ... Habe ich das eben laut gesagt? Ich meine natürlich 250 Prozent Zoll!«

  • »Selbstverständlich brauchen wir eine Stahlindustrie in Europa – oder glaubt ihr, im Dritten Weltkrieg wird mit Gummibäumen gekämpft werden?«

  • »Um den Stahlbedarf im Inland anzukurbeln, müssen wir out of the box denken. Papier reißt – warum also nicht mal Stahltüten im Supermarkt?«

  • »Stahl braucht ein positiveres Image bei den jungen Leuten. Das ›IG‹ in ›IG Metall‹ steht deshalb zukünftig für ›Instagram‹.«

  • »O Gott, bitte ignorieren Sie die Goodiebags! Ich dachte, wir sind hier beim Stuhlgipfel.«

Neben Stahl ist Glas einer der wichtigsten Rohstoffe für die deutsche Industrie, da man daraus Fenster, Spiegel, Monokel, Schuhe und Bürger herstellen kann. Doch häufig kommt es zu Fehlern, da das Ausgangsmaterial mangelhaft ist:

von Paul Amsel gezeichneter Cartoon: Eine Person betrachtet sich erstaunt in einem Zerrspiegel, neben dem ein kleines Schild mit der Aufschrift "defekt" steht. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ein Zerrspiegel der deutschen Gesellschaft ist und bleibt das perverse Frankreich, in dem Dinge immer noch mal blöder und schrecklicher sind als in der Bundesrepublik. Ein Schlaglicht auf den Erbfeind wirft Wochenrückblick-Kolumnist Torsten Gaitzsch:

Torsten Gaitzsch trinkt eine Tasse Kaffee und schaut in die Kamera

Heute: Le Misérable

Im Newsletter der vergangenen Woche ging es an dieser Stelle u. a. um die Gefängnisleseliste des Monsieur Sarkozy. Eine Woche später ist diese schon wieder hinfällig. Zumindest glaube ich kaum, dass der Verurteilte es in drei Wochen geschafft hat, sowohl den »Graf von Monte Christo« als auch »die neueste kreuzheiße Biografie von Jesus« (Harriet Wolff, Taz-Wahrheit) auszuschmökern. Denn auf diese Länge ist der ursprünglich mit fünf Jahren bemessene Freiheitsentzug des Schrumpfpräsidenten zusammengeschrumpft. Zumindest vorübergehend; recherchieren Sie die rechtlichen Details bitte selbst.

Als mir Anfang der Woche die Schlagzeile »Sarkozy kommt frei – unter Auflagen« entgegenploppte, dachte ich jedenfalls noch: »Welche Auflagen das sind, ist ja klar: die erste, zweite und dritte Auflage seiner Knastmemoiren!« Doch nun frage ich mich, ob er die überhaupt je schreiben wird, vor allem, wenn seine Berufung Erfolg hat. Was wird er in den bisherigen drei Wochen Haft schon erlebt haben? Das Wesentliche kennt man bereits aus der Presse: Dass er sich ausschließlich von Joghurt ernährte, weil er Angst hatte, dass seine Mitgefangenen ihm ins Essen spucken könnten (»oder Schlimmeres«); selbst etwas zubereiten kam indes nicht infrage, da Petit Nicolas, wie wir von glaubwürdigen Quellen erfuhren, nicht mal ein Ei braten kann. Wieso Sarkozys im selben Zellenblock »einsitzende« Personenschützer sich nicht mal erbarmt haben, ihm eine Mikrowellen-Quiche zu erhitzen, bleibt so schleierhaft wie die ganze Gaddafi-Affäre. Die ich, Sie merken es, zurzeit wesentlich interessanter finde als alles, was aus den USA vermeldet wird. Mich hat endgültig die Trump-Müdigkeit gepackt, und offenbar nicht nur mich: Warum zum Beispiel war es deutschen Medien keine größere Meldung wert, dass bei einem Treffen im Oval Office jemand im Beisein des Potus bewusstlos zusammengebrochen ist? Wäre das unter Obama oder früher passiert, hätten wir wochenlang über nichts anderes geredet, gewitzelt und philosophiert. Die Älteren werden sich erinnern: Von George W. Bushs Brezelunfall haben Comedy-Autoren ein ganzes Jahr lang gezehrt!

Letzter Denkanstoß für heute, dann dürfen Sie ins Wochenende: Was meinen Sie, hat Carla Bruni den Beschluss des Pariser Gerichts wohl eher freudig, nüchtern oder enttäuscht aufgenommen?

Verabschiedet sich und wünscht ein gut informiertes Wochenende:

Ihre TITANIC-Redaktion

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