Der Sommer, liebe Koapiererin und Koapierer,
scheint noch recht weit weg. Während ich diese Zeilen tippe, fallen vor dem Fenster Schneeflocken und wenn Ihr die Folge öffnet, ist Aschermittwoch - und doch steht "Summertime” im Mittelpunkt dieser siebten Folge des Newsletters. Die Schreibtrainerin Marita Odia (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) verbindet ihren Janis-Joplin-Songtipp mit einem Hinweis auf künstliche Intelligenz - das gibt mir die Gelegenheit, endlich die am häufigsten gestellte Frage an dieses Projekt zu beantworten: Was hat Kopieren denn mit KI zu tun?
Außerdem in dieser fröhlichen Aschermittwoch-Folge: Mehr Cover-News mit einem Schwamm, der Zartmann covert und einer Entdeckung, die ich dem lustigsten Mann des deutschsprachigen Internet zu verdanken habe - Peter Wittkamp (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat nämlich in einer Story auf wunderbare acapella-Cover verlinkt (dass er auch einen Steady-Newsletter (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat, wisst Ihr eh alle, oder?)
Aber jetzt erstmal: Summertime!
Dirk
P.S.: Eva3000 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) empfiehlt diesen Newsletter hier. Eva3000 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist der Steady-Account von Eva Schulz, deren Newsletter ich immer mit großem Gewinn lese. Vielen Dank!
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Janis Joplin: “Summertime” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Vorgeschlagen und beschrieben von Marita Odia (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Texterin und Texttrainerin aus Köln. Zur Zeit steht steckt sie knietief in den Vorbereitungen von Schreibtrainings mit KI (unter anderem an der Universität Bonn und weiteren Weiterbildungsorganisationen). Das Tempo, mit dem sich KI-Tools und ihre Nutzung entwickeln, macht sie manchmal schwindelig - und fasziniert sie zugleich.
„Summertime“ aus dem Musical Porgy and Bess von George Gershwin soll noch häufiger gecovert worden sein als „Yesterday“ von den Beatles. Eine frühe Aufnahme (1935) stammt von der lyrischen Sopranistin Helen Jepson und klingt in meinen Ohren unglaublich artig: So, als würde ein kleines Mädchen ein Gedicht aufsagen, für das es unbedingt gelobt werden möchte. Bei der berühmten Aufnahme (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von Ella Fitzgerald und Louis Amstrong (1957) fühle ich immer schon die Spannung eines flirrenden Sommers, große Sehnsucht und eine genau so große Traurigkeit.
Ich surfe über die Intros verschiedener Summertime-Cover von Billie Holiday (1936), Charlie Parker (1949), Miles Davis (1958), Nina Simone (1960) und Duke Ellington (1960). Und dann Janis Joplin, Woodstock, Hochsommer und grottig schlechtes Wetter. Ihr Intro beginnt mit einigen Takten …
Bach? Auf Reddit erkannte jemand vor 4 Jahren die Fuge in C moll, BWV 847. Ein schräg-schöner Übergang von der Fuge zum Intro von Big Brother & the Holding Company. Janis will nicht gelobt werden. Sie singt rauh, ich höre und fühle Wut. Wut und eine heftige Energie. Und eine schmerzliche Zerrissenheit. Copilot, das Cleverle, kommentiert: „Vom Wiegenlied zum Klageschrei“. Gefällt mir.
Verdammt, warum habe ich die KI gefragt, bevor ich meine eigenen Gedanken aufgeschrieben habe? Jetzt höre ich es noch ein paarmal, um das kopierte Weltwissen wieder abzuschütteln. …
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(A8) Was eine lobenswerte Kopie ist, habe ich bereits in der ersten Folge zu erklären versucht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Was aber eine Kopie ist, darüber sind sich die Expert:innen uneins: Gilt nur das direkte, sozusagen gespiegelte, Duplikat als Kopie? Wer diese strikte Regel anlegt, wird allerdings auch von den meisten Cover-Versionen enttäuscht - denn das Kopieren ist mehr als die exakte Imitation.
Kopieren ist ein weites Spektrum - ich habe dazu ein ganzes Buch geschrieben (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Und das, was wir im Umgang mit Sprachmodellen sehen, passt genau in dieses Spektrum: KI ist Kopieren mit unvorstellbarer Rechenleistung. Nicht nur sind Sprachmodelle schmeichelnde Spiegel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), in denen wir “eine Version meiner eigenen Person (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” erkennen, es geht vor allem darum, dass alles, was wir als KI kennen, auf dem Lernen Kopieren von vorhandenen Daten beruht. Natürlich fertigen LLMs keine exakten Duplikate an, aber in der vergangenen Woche haben wir bereits am Beispiel der KI-Biases (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gelernt, dass im Umgang mit Sprachmodellen die “Garbage In, Garbage Out”-Regel gilt, die auch nur eine andere Formulierung fürs Kopieren ist.
Und wem das für meine Kopier-KI-These nicht reicht: gerade habe ich von diesem interessanten Experiment aus Stanfort (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gelesen. Dabei ist es Forschenden gelungen, in Sprachmodellen den genauen Wortlaut der Bücher Harry Potter und 1984 hervorzubringen. Im Abstract zu dem Experiment heißt es:
Wir stellen fest, dass die meisten LLMs die meisten Bücher nicht vollständig oder teilweise auswendig lernen. Wir stellen jedoch auch fest, dass Llama 3.1 70B einige Bücher vollständig auswendig lernt, wie beispielsweise das erste Harry-Potter-Buch und 1984. Tatsächlich ist der erste Harry-Potter-Band so gut gespeichert, dass wir mit einer Seed-Eingabe, die nur aus den ersten paar Tokens des ersten Kapitels besteht, das gesamte Buch nahezu wortwörtlich deterministisch generieren können. Wir diskutieren, warum unsere Ergebnisse erhebliche Auswirkungen auf Urheberrechtsfälle haben, wenn auch nicht solche, die eindeutig für eine der beiden Seiten sprechen.
Nicht diskutieren muss man dabei meiner Meinung nach: Wenn es gelingt, das Trainings-Kopier-Material aus den Modellen wieder zu finden, dann ist es dort auch irgendwie hereingekommen. Ich sage: Durch die Kopie!
(welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen, dazu später mehr)

Ich habe die bisherigen Folgen auf der Übersichts-Seite (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ergänzt - sie lassen sich den fünf Oberkapiteln des Projekts zuordnen (A bis E), in denen ich jeweils zehn Aspekte des Kopierens zusammenfassen will.
Aktuelle Cover-News der Woche:
Lindsay Zolatz (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) schreibt den Pop-Newsletter der New York Times. Die jüngste Folge lese ich als Beitrag zu diesem Newsletter - sie widmet sich nämlich ausführlich dem Thema Beatles-Cover und stellt 13 Transcendent Versionen von schwarzen Musiker:innen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (NYT-Geschenk-Link) vor.
Dem Thema Cover-Versionen in Form von Kinderliedern widmen wir uns demnächst noch ausführlich. Deshalb diese Woche nur der Hinweis auf die SpongeBob-Version als Zartschwamm von “bin gut drauf (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)”. Ritter Lean covern die Goo Goo Dools: Iris (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und in der Insta-Story des lustigsten Menschen im Internet (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) habe ich einen Hinweis auf Janice Whaley gefunden. Die amerikanische Sängerin hat - passend zur letzten Kopieren kapieren-Folge (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) - im Jahr 2010 Smith-Songs gecovert - und zwar nahezu alle und acapella (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Das ist richtig gut und ich höre jetzt schon zum fünften Mal die acapella-Fassung von “There’s a light that never goes out (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” - auch eine Form von Summertime.