
Es ist Donnerstagmorgen. Mein ältester Sohn (9) hat mich geweckt. Ich wache im Bett meiner Tochter auf, die in meinem schläft. Von welchen Bett ich mich morgens aus erhebe, ist immer eine kleine Überraschung. Ob ich verschlafe oder wie heute das Glück habe, geweckt zu werden, entscheidet die Anzahle der Male, die ich nachts aufstehen musste.
Die durchgeschlafenen Nächte in den letzten 9,5 Jahren kann ich an zwei Händen abzählen. Der Unterschied ist gewaltig. Die Energie nach acht Stunden Schlaf ohne Unterbrechung aus einem anderen Universum als die nach einer Nacht, in der Bettwäsche gewechselt, ein Schlafwandler eingesammelt, Tränen von Alpträumen oder Ängsten getrocknet, Wasser geholt, gut zugesprochen wurde.
Eins war klar: wenn ich Mutter werde, dann so eine, wie ich sie gebraucht hätte
Das Thema Urvertrauen ist ein Ding für mich. Als 38-jährige, die sich ihren Selbstwert mühselig Stück für Stück zum ersten Mal in ihrem Leben zusammenbaut, war es eine Zemententscheidung für mich. Als Zwölfjährige bereits in für mein Zukunfts-Ich verschlossene Briefe in Umschläge gesteckt und mit meiner so kleinen Zunge befeuchtet. Für immer besiegelt, zwei Jahrzehnte, bevor ich Mutter wurde.
Ich sehe es bis heute, meine kleinen Händen, die die Unschläge fürsorglich beklebten, die so viel so früh tragen musste. Mein Herz war so schwer und niemand da, ihm Ballast zu entnehmen. Meine Welt um mich herum war unsicher. Aber ich wusste in Stein gemeiselt: wenn ich Mutter werde, dann so, wie ich es gebraucht hätte. Meine Kinder werden Urvertrauen bekommen, aus dem sie ihr Leben lang schöpfen werden.
Die Zahnbürste muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftauchen
Mein erstes Baby, das diesen Herbst zehn Jahre wird, zieht sich an, putzt seine Zähne. Ich wecke seinen Bruder, den ich anziehe und der seine Zähne nicht putzt und seine Schwester, die möchte, dass ich ihre Sachen bringe und beim Zähneputzen neben ihr stehe. Alle drei sind unterschiedlich und können verschiedene Dinge. Alle drei werden gesehen und heftigst geliebt, auch wenn ich zwischendrin “Mama, du bist scheiße!” höre. Genauso wie “Du bist die beste Mama der Welt!”. Wenn wir hinschauen, hinhören, verpassen wir es nicht.
Vom Aufwachen zum Schultor haben wir 55 Minuten. Ich versuche mir den Stress nicht anmerken zu lassen, was mit 10 Bällen jonglieren gleicht. Von den verschiedenen Aufstehvarianten kann man sicherlich auf so einiges schließen, aber es läuft noch 15763x komplexer ab, wie ich es hier versuchen könnte darzustellen. Jeder Moment ist vielschichtig – die Zahnbürste für meinen Sohn muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftauchen, sonst passiert ein Meltdown – das Frühstück, die Brotdosen, die Fußballkarten, Geschichten vom Vortag oder von vor Wochen können in dieser Stunde dafür sorgen, dass sein Nervensystem ihm nicht erlaubt, in die Schule zu gehen. Zwei Geschwister haben auch etwas zu sagen. Gerangel zwischen den Jungs. Jede ruhige Minute ein Geschenk. Laut. Lauter. Dazwischen gehen, ohne, dass es eskaliert, Richtung Schule treiben, ohne Druck. Was ich morgens leiste ist ein Drahtseilakt, der mir mal mehr, mal weniger gelingt.
Ich habe zwei neurodivergente Kinder und eins, auf das ich ein Auge habe
Heute war ein guter Morgen. Unser Auto, aka unsere Rakete fährt im Count-Down aus der Tiefgarage zum Tor, um ins Universum zu starten. Gestern waren wir die Aliens auf einem Ausflug zu den Menschen, heute findet einer von drei das nervig, wir sind heute keine Aliens. Ich sage: “Lasst uns jeder etwas nennen, was wir heute morgen richtig gut gemacht haben und etwas, was wir morgen früh besser machen wollen.” Ich starte mit mir und bekomme danach ein Geschenk in Form von sechs wundervollen Antworten. Als ich, nachdem alle drei Hand in Hand durchs Schultor sind, zurück zum Auto laufe, lächle ich beseelt. Und statt wie gestern mit einer anderen Mama drei Zigaretten am Stück zu rauchen, so heftig war es, schiebe ich heute den Autositz zurück, höre meine Lieblingsmeditation und trinke meinen Tee dazu.
Auf dem Rückweg starte ich einen Podcast, in dem eine Mutter einer Tochter erzählt, wie ruhig es morgens bei ihnen ist und wie angenehm das für sie sei. Ich stoppe die Folge, weil meine Körperin mir eindeutige Signale dazu sendet und ich mich in den letzten Monat viel zu gut kennen- und mögen gelernt habe, um sie zu ignorieren.
Heute Morgen war ein guter Morgen, dessen Glücksgefühle ich so lang wie möglich in den Tag nehmen werde. Ich habe wie immer alles gegeben, was ich habe und dazu all das, wo ich nicht weiß, wo ich es hernehme. Aber manchmal reicht auch das nicht. Oft nicht. Und das liegt nicht daran, dass ich es selbst nicht auch gern ruhig habe. Sondern daran, dass ich drei Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen, eins davon mit Aufmerksamkeitsstruggle, eins mit nonstop Error-Red-Nervensystem und ihre Mama selbst ADHS hat.
Die Gestaltung eines Alltags mit all unseren Rollen
Ich habe es 37 Jahre nicht gewusst und es erklärt so viel, warum ich wie und wann so gefühlt und reagiert habe. Welche Schutzmechanismen ich mir angeeignet habe, von denen ich mich jetzt versuche, zu befreien. Warum angestellt sein nie eine Option für mich war und ich deshalb nicht einen Tag bezahlt wurde, seit ich Mutter bin, wenn ich nicht gearbeitet habe, egal, wer krank war, was anstand, oder ob es Ferien waren.
Als Mutter habe ich paradoxerweise zum ersten mal wirklich begriffen, wie sehr ich Autonomie und Freiheit brauche. In der Gestaltung eines Alltags, der für alle von uns Sinn machen soll, fühle ich mich oft so dermaßen lost. Aber ich habe mir geschworen, niemals aufzugeben, egal, wie oft ich daran denke. Dass ich darauf achte, mich und unser Leben nicht zu vergleichen. Und ich deshalb heute an so einem Glücks-Morgen nichts hören kann, von einer anderen Mama, deren Alltag so weltraummäßig weit weg von meinen scheinen.
Ein kleines bisschen Verständnis für uns und was wir rocken
Die Welt funktioniert nur, wenn wir alle Verständnis füreinander haben und dadurch erkennen, wie sehr wir uns bereichern. Die Wölfinnen un die Bärinnen von uns. Die Löwinnen wie die Häsinnen. Die Eulen, die Schlangen, die Katzen, die Elefanten, die Zebras. Ich sehe uns Mütter wie in König der Löwen vorm Felsen zusammenstehen. Mit unseren Kindern. Alle sind verschieden. Alle sind wichtig. Alle sind gut genug. Alle sind wunderschön.
Dieser Letter heute ist für die von Euch, die sich ein Bild von Mamas mit ADHS machen wollen. Und für alle, die selbst betroffen sind und die heute vielleicht ein kleines bisschen Verständnis für sich und was sie rocken, gebrauchen können. Mamas mit ADHS stehen im Alltag vor großen Herausforderungen – insbesondere wenn sie mehrere Kinder und/oder darunter Kinder mit eigenen Neurodivergenzen großziehen. Gegenseitiges Verständnis und individueller Wachstum haben eine immense Bedeutung für uns.
Hier kommt mein persönlicher Überblick darüber, was es bedeutet, Mama mit ADHS zu sein:
(Gern könnt ihr die Zusammenfassung mit Euren Mitmenschen teilen, um mehr Verständnis zu bekommen)
1. Tägliche Routinen bewältigen: ADHS macht es schwierig, Zeitpläne einzuhalten, organisiert zu bleiben und Verantwortlichkeiten unter einen Hut zu bringen. Die Bedürfnisse von Kindern (in meinem Fall drei) zu erfüllen, insbesondere eines, das besondere Betreuung benötigt, kann überwältigend und anstrengend sein.
2. Probleme mit der Exekutivfunktion: Das Planen, Organisieren und Priorisieren von Aufgaben ist eine ständige Herausforderung. Einfache Aufgaben können sich wie monumentale Hürden anfühlen, was den Alltag stressiger macht.
3. Emotionale Regulierung: ADHS erschwert den Umgang mit Emotionen, insbesondere unter Druck. Wenn ich laut werde oder aufbrausend wirke, ist das nicht persönlich gemeint – es ist ein Zeichen dafür, dass ich überfordert bin. Ich liebe meine Familie sehr und meine Reaktionen sollen niemanden verletzen, weshalb für mich ein großer Fokus darin liegt, ständig daran zu denken, dass, wie ich auftrete, einen Input und Affect hat und in klarer, ruhiger, positiver Kommunikation die Kraft liegt.
4. Reizüberflutung: Das Leben in einer lauten, chaotischen Umgebung kann zu Reizüberflutung führen, insbesondere bei mehreren Kindern und einem mit Autismus-Spektrum-Störung. Dies verstärkt Stress und Frustration.
5. Hyperfokus und Ablenkung: Durch ADHS schwanke ich zwischen intensiver Konzentration auf eine Sache und leichter Ablenkung. Dadurch kann es sich anfühlen, als wäre ich nicht ganz präsent, aber ich gebe mein Bestes.
6. Vernachlässigung der Selbstfürsorge: Wenn ich mich so sehr auf die Kinder und den Haushalt konzentriere, vernachlässige ich leicht meine eigenen Bedürfnisse, was zu Burnout und häufigeren Gefühlsausbrüchen führt.
7. Schuldgefühle und Erwartungen: Die Gesellschaft erwartet von Müttern oft, dass sie „alles machen“, und wenn ADHS dabei im Weg steht, kann dies zu Schuldgefühlen oder Minderwertigkeitsgefühlen führen.
8. Bedeutung von Unterstützung und Therapie: Mangel an Verbundenheit und Empathie füreinander vergrößert meine Herausforderungen nur noch. Ich brauche einen Raum, in dem ich mich mit der Auswirkung dieser Dynamik auf mich auseinandersetzen und Werkzeuge entwickeln kann, um mit Gefühlen umzugehen. In Form von Therapien, Büchern, Podcasts, ganz egal – Hauptsache ist, die Einsicht, das nicht allein und automatisch schaffen zu können. Indem wir an uns selbst arbeiten und gegenseitiges Verständnis anstreben, können wir eine stärkere Verbindung aufbauen. Ich brauche Geduld und Einfühlungsvermögen meiner Mitmenschen, während ich meine ADHS-Herausforderungen bewältige, und ich weiß, dass ich auch an einer besseren Kommunikation und einem Bewusstsein für die Bedürfnisse der anderen arbeiten muss.
Liebe Uschis – bleibt stark und wundervoll!
Un Beso
Eure Uschi