Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Ich habe Beschäftigung oft mit Produktivität verwechselt. Doch wenn wir zur Ruhe kommen, beginnt unser Gehirn mit einer anderen, wichtigen Arbeit.
Hi!
Vor Jahren bin ich einmal nach San Francisco geflogen, um dort den Rapper 50 Cent zu interviewen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ich war ziemlich nervös. Als das Flugzeug abhob, fühlte ich mich, als hätte ich zu viel Kaffee getrunken. Mein Puls ging zu schnell. Das Geräusch der Triebwerke kam mir lauter vor als sonst.
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In den ersten zwei Stunden las ich noch einmal mein gesamtes Recherchematerial, aus meinen Kopfhörern wummerten „In Da Club“ und „Candy Shop“. Dann ließ ich das letzte Blatt Papier sinken, sah aus dem Fenster und begriff: Es gab nichts mehr zu tun. Ich konnte mich nicht weiter vorbereiten. Es gab kein WLAN. Ein Smartphone besaß ich noch nicht.
Vor mir lagen neun Stunden Flug. Neun Stunden, in denen ich keine andere Aufgabe hatte, als aus dem Fenster zu schauen, eiskalten Obstsalat und matschige Nudeln zu essen und mein Buch zu lesen.
Es war einer der entspanntesten Momente meines Lebens.
Daran musste ich denken, als mir neulich Stephanie schrieb, die diesen Newsletter seit Anfang des Jahres unterstützt. „Warum fällt es so schwer, innezuhalten?“, fragte sie.
Bei mir ist es so: Ich kann nur dann komplett innehalten, wenn ich keine andere Wahl habe. Auf einem Transatlantikflug ohne WLAN zum Beispiel. Oder wenn ich richtig krank bin. Oder in dieser einen Woche jeden Sommer, in der ich allen sage, dass ich nicht erreichbar bin, mein Handy ausschalte und in ein Schweige-Retreat gehe. Kurz: Ich brauche Rahmenbedingungen, die mich radikal einschränken.
Ich mache gerade nichts. Warum gibt es mich überhaupt?
Ein Grund dafür ist sicher die sogenannte Hustle Culture. Hustle heißt so viel wie schuften, sich abrackern, ranklotzen. In der Hustle Culture wird daraus eine Lebenshaltung: Man rackert nicht, um ein Ziel zu erreichen, sondern weil das Rackern selbst der Beweis ist, dass man richtig lebt. Dabei geht es nicht nur um Arbeit und Karriere, sondern um dieses Gefühl, dass man jedem Moment möglichst viel abpressen muss, weil man sonst seine Zeit verschwendet.
Ich weiß, dass das Unsinn ist. Trotzdem schämt sich ein Teil von mir, wenn ich einfach nur rumsitze, statt den Moment produktiv zu nutzen, und sei es nur, um wertvolle Gedanken übers Rumsitzen zu haben. Es ist, als würde mein Leben live kommentiert, von einer kritischen Sportreporterstimme. Sie sagt: „Theresa macht gerade gar nichts. Warum gibt es sie überhaupt?
Bevor wir diese wichtige Frage beantworten, geht es kurz um etwas anderes.
Ihr wisst es vielleicht schon: Ich habe mich mit wunderbaren zwei Kolleg:innen zusammengetan, deren Newsletter eng verwandt sind mit meinem. Und weil wir alle drei über Psyche und Gehirn schreiben, heißt unser Zusammenschluss jetzt Nervenbündel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) – drei Newsletter zusammen, zum halben Preis.
Was genau ist das Nervenbündel?
Drei Newsletter im Paket:
Innen & Außen (Barbara Vorsamer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)): Persönliches. Politisches. Psychisches.
Das Leben des Brain (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (Bent Freiwald): Erkenntnisse aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest.
Wie du nicht den Verstand verlierst (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (Theresa Bäuerlein): Den kennst du ja schon :)
Wie funktioniert es?
Du bekommst 30 Tage Zugang zu allen drei Newslettern für 10,50 statt 21 Euro. Der Zugang endet automatisch nach 30 Tagen, du musst also nichts kündigen. Wer schon einen der drei Newsletter abonniert hat, zahlt nur den Restbetrag für die anderen beiden – der Preis des bestehenden Abos wird automatisch abgezogen. Das Angebot läuft bis zum 3.8.2026.
Hier kommst du…
Und jetzt zurück zu der Frage, warum wir es so schlecht aushalten, nichts zu tun.
Der Vorwurf, den mir meine innere Sportreporterin macht, hat eine lange Tradition. Schon Hippokrates soll gesagt haben, dass Untätigkeit den Menschen zum Bösen zieht – so zitiert ihn ein Team von Psychologinnen und Psychologen in einer Studie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)über unseren Widerwillen gegen das Nichtstun. Die Abwertung des Rumsitzens ist also keine Erfindung von LinkedIn. Neu ist höchstens, wie gründlich wir sie verinnerlicht haben.
Wie sehr wir den Stillstand fürchten
Wer nichts Sichtbares leistet, gerät unter Rechtfertigungsdruck. Anfang Juli beschloss der Koalitionsausschuss, dass Beschäftigte schon am ersten Krankheitstag ein Attest vorlegen sollen. Bundeskanzler Merz begründete das laut ZDF (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) mit „exorbitant gestiegenen Krankenständen“. Nur zeigen Untersuchungen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass die Krankenstände gar nicht wirklich gestiegen sind, sondern seit Einführung der elektronischen Krankmeldung nur endlich vollständig erfasst werden. Der Hausärzteverband nennt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)die Beschlüsse „vollkommen faktenfrei“. Trotzdem: Wer krank ist, soll künftig vom ersten Tag an beweisen, dass er nichts Produktives leisten kann.
Wie sehr wir den Stillstand fürchten, zeigt eine Geschichte, von der die Psychologin Erin Westgate in ihrer Doktorarbeit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)über Langeweile erzählt. Am Flughafen von Houston beschwerten sich die Passagiere demnach endlos über die langen Wartezeiten am Gepäckband. Die Flughafenverwaltung war ratlos: Das Gepäckband lag direkt neben dem Ankunftsgate, die Wartezeiten lagen völlig im Rahmen dessen, was in der Branche üblich ist. Trotzdem hörten die Beschwerden nicht auf. Also verlegte man, halb aus Verzweiflung, die Gepäckausgabe weiter weg von den Gates. Die Passagiere bekamen ihre Koffer dadurch keine Minute früher. Aber sie mussten jetzt ein Stück laufen, statt rumstehen und zu warten. Es funktionierte: Die Beschwerden verschwanden. Westgate nennt das ein illusorisches Gefühl von Fortschritt. Wir ertragen offenbar fast alles besser als den Zustand, in dem äußerlich nichts passiert.
Genau hier liegt aber ein großes Missverständnis. Wir halten uns für tätig, wenn wir sichtbar mit Dingen beschäftigt sind – sei es ins Handy tippen, mit Kolleginnen telefonieren oder Wäsche aufhängen. Und für untätig, wenn wir aus dem Fenster schauen. Das Gehirn sieht das anders.