“Ich kann ohne das Schreiben nicht leben!”

Das ist ein Satz, den man von vielen Schreibenden hört
Häufig mit einem Augenzwinkern
Aber was, wenn da mehr dran ist, als wir dachten?
Dass das Schreiben (bzw. erzählen) kulturell zum Menschen gehört, das wisst ihr vermutlich schon.
Es gibt sogar den Begriff:
Homo Narrans, der erzählende Mensch
Dahinter steckt die Idee,
dass das Erzählen den Menschen erst zum Menschen macht
Aber wusstet ihr,
dass das Erzählen auch für das Individuum immens wichtig ist? Psychologisch?
Vielleicht wisst ihr auch schon:
Teile des Gehirns sind narrativ/episodisch strukturiert
Unsere Erinnerungen sind im Wesentlichen
kleine Geschichten
Dazu gehören auch unsere autobiographischen Erinnerungen
Wir haben quasi buchstäblich eine Lebensgeschichte
Woher wir kommen
Wer wir sind
Wie wir dazu geworden sind
Mein Learning der Woche war
dass diese Geschichte ein wichtiger Teil
der sogenannten Selbstkohärenz ist
Wir empfinden unsere Existenz als sinnhaft,
wenn wir daraus eine Geschichte machen können
Für manche Menschen ist das einfacher
wenn das Leben geordnet und strukturiert ist
Für andere, deren Leben oft Chaos war,
ist es deutlich schwieriger
in den zum Teil lebensfeindlichen Umständen
einen Sinn zu finden
Also muss man kreativ werden,
um aus den versprengten
Katastrophen,
Herausforderungen,
Handlungsfragmenten
und Figuren
eine sinnige Lebensgeschichte zu machen
Zu erzählen
Sinn im Chaos zu finden
hat uns also mal „das Leben gerettet“
Es gibt den Spruch:
Wer schreibt, der bleibt
Viele von uns sind geblieben,
weil wir uns unseren Sinn gerettet haben
Und jetzt nutzen wir diesen Survival-Skill
finden Sinn „in all the strange places“
und machen daraus Geschichten zum Lesen
Fortsetzung für meine Waldgeister
Das Erzählen hat uns aber nicht nur unser „Leben gerettet“
unseren Sinn erschaffen
und unsere Identität geformt
Und es ist jetzt auch nicht nur ein nettes Gimmick,
das wir nutzen können,
um andere Menschen mit unseren Geschichten zu begeistern
Es ist immer noch ein wichtiger Stützpfeiler unserer Identität
Sinn im Leben zu haben, ist das, was uns am Leben hält
Diesen Sinn ziehen wir einerseits aus unseren Beziehungen (Relationaler Sinn)
und auch aus unserem Verhältnis zu unserem eigenen Körper (somatischer Sinn, oh boi, dazu kommen noch Beiträge!)
aber eben auch aus dem narrativen Sinn
Wenn ein gut behütetes Leben auf einmal in die Scheiße geht
und die Fähigkeit, einen narrativen Sinn zu finden,
nicht gegeben ist, dann kann das zu einer tiefen Krise führen
Wenn man aber schon sehr gut darin ist,
selbst in den abgefucktesten Situationen irgendwo noch einen Nutzen zu finden
- und wenn der noch so bescheuert ist -
macht einen das resilienter gegen Katastrophen
Also die Feder,
die mächtiger als das Schwert ist,
wissen wir immer noch zu führen,
um unser Leben zu verteidigen,
wenn es drauf ankommt
ABER, und das war für mich diese Woche ganz wichtig,
das Ganze kann auch einen Nachteil haben
Nämlich dann, wenn der narrative Sinn unsere primäre Sinnquelle ist
Den narrativen Sinn als EINE Quelle nutzen zu können,
bedeutet, wir können Sinn finden, wenn alles andere versagt
Wenn der narrative Sinn aber unsere EINZIGE Quelle ist,
weil wir keinen Sinn in unseren Beziehungen finden
und auch keinen Sinn aus unserer körperlichen Selbstwahrnehmung ziehen,
dann MÜSSEN wir einen Sinn finden
Die Folge daraus kann krampfhaftes Grübeln und Overthinking sein
im steten Versuch, immer doch irgendwie Bedeutung zu finden
Es entwickelt sich der Leitsatz „Wenn es nicht TIEF ist, dann hat es keinen Wert“
Das Leben ist aber oft nicht tief
Das Leben ist oft banal, trivial und flach
Und wenn uns das keinen Sinn geben kann
dann brauchen wir permanent Action
Und wie sollen wir so aus dem ganzen Drama rauskommen?
Wie gesagt, das ist für mich gerade ein wichtiges Learning
Ich hab jetzt ne Woche lange versucht, somatischen Sinn in forcierter Langeweile zu finden
Damit nicht immer das ganze Leben eine tiefgründige Heldenreise sein muss
Die Lektion ist:
Erzählen ist geil
Erzählen KÖNNEN ist wichtig
Erzählen MÜSSEN kann gefährlich sein
Vergesst nicht auf Steady zu kommentieren, denn ich möchte unbedingt wissen, wie das für euch ist.
War euch das bewusst?
Wie sieht es mit euren Sinnquellen aus?
Seid ihr auch etwas zu abhängig vom narrativen Sinn?
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!