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Fantasiewelt Agartha: ein rechtsextremer Verschwörungsmythos

Hi,

diese Woche dürfen wir dir einen Gastbeitrag präsentieren.

Dafür haben wir auch ein neues Format ausprobiert: ein Kurzpodcast, in dem der Autor des Beitrags, Martin Seng, erzählt, wie er auf das Thema gestoßen ist und was dahinter steckt.

Wenn dir das neue Format gefällt, schreib uns doch gerne eine kurze Nachricht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): Dann setzen wir das in Zukunft öfter um - auch bei “normalen” Newsletter-Ausgaben. Wir stellen uns das als einen kleinen Blick “behind the scenes” vor, um über besonders spannende Aspekte der aktuellen Ausgabe zu reden oder über alles, was es nicht in den Text geschafft hat - denn davon gibt’s oft genug eine ganze Menge😅

bis dahin, wie immer: Bleib achtsam und alles Liebe,

Newsletter

Heute starten wir den Newsletter mit einem kurzen Gespräch, in dem Martin Seng über den “Agartha”-Trend spricht und was der mit Rechtsextremismus und Energy Drinks zu tun hat:

Martin Seng ist freier Kulturjournalist und Bildungsreferent. Auf seiner Webseite (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gibt es viele frei zugängliche Arbeitsproben, die seine Themenschwerpunkte zeigen: von Gaming über Kampfsport bis zur religiösen Rechten - sehr oft mit einem präzisen Blick auf die politische Dimension dahinter. Er ist auch auf Bluesky (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und Instagram (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Ein Trend von rechts unten

Der “Agartha”-Trend vereint nicht nur Rechtsextremismus und Esoterik, sondern auch alte und moderne Verschwörungsmythen mit Energy Drinks.

Monster Energy kleidet seine Sorten nicht nur in farbenprächtiges Aluminium, sondern versieht sie auch mit extravaganten Namen. Hinter “Orange Dreamsicle Flavor” warten Orange und Vanille, “Ultra Rosá” vereint Erdbeere und Himbeere, das “Ultra Paradise” eröffnet einem den Apfel- und Kiwi-Geschmack. Der mit Abstand populärste Drink ist “Ultra White”, kommt in einer weißen Dose daher und liegt geschmacklich irgendwo zwischen Batteriesäure und einer in Aspartam ertränkten Zitrusnote. Und wenn man dem Social-Media-Trend “Agartha” Glauben schenken mag, verleiht das Getränk auch jedem Menschen ein arisches Erscheinungsbild.

Wofür man weiße Haut, blondes Haar und blaue Augen braucht? Um Zugang zum unterirdischen Paradies zu bekommen, wo nicht nur absurde KI-Versionen von Adolf Hitler, Charlie Kirk, Donald Trump oder einem weißen George Floyd auf einen warten, sondern auch die vergessenen Hochkulturen ihre Tempel im ewigen Eis errichtet haben. Doch das Paradies ist exklusiv für angebliche “Arier” und nur via Reichsflugscheibe erreichbar. Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe müssen sich den Eintritt erst mit einem ordentlichen Schluck Nazi-Esoterik und White Supremacy verdienen, denn “Ultra White” verwandelt ihre Haut in die Farbe, die draufsteht.

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Was wie ein KI-generierter Fiebertraum klingt und zweifelsohne faschistischer Unsinn ist, vereint sich in dem Social-Media-Trend “Agartha”. Spätestens seit Mitte 2025 stehen die abertausenden, rasant geschnittenen Videos auf Instagram und TikTok an der Grenze zum Mainstream und übertreten sie gelegentlich. Ihr konkreter Inhalt ist kaum zu fassen. In ihren Tiefen vermischen sich Bilder von angeblich verschollenen Zivilisationen, rechtsextremer Esoterik und dem Okkultismus ehemaliger NS-Größen wie Heinrich Himmler.

Von der Hohlwelt zur Nazi-Esoterik

Konkret geht es um die namensgebende Welt “Agartha”, die sich laut den Videos in einer Hohlwelt im Inneren der Erde befinden soll. Der Zugang soll wahlweise am Nord- oder Südpol, Asien oder in peripheren Dschungeln liegen. Das klingt zuerst nach einem harmlosen, wenig inspirierten Drehbuch für einen Abenteuerfilm. Doch spätestens, wenn in den Videos die “Schwarze Sonne” aufgeht - ein prominentes Symbol der SS und bis heute fest am Neonazi-Firmament - erkennt man den Extremismus. 

In vielen extrem rechten Weltbildern führen solche Mythen schnell zu Rassismus und Antisemitismus. Auch in “Agartha” trifft man beides an. Der Trend suggeriert, dass sich die Pforten dieser fiktiven Hochkultur, die in den Videos keine feste Form oder Architektur hat, nur für Weiße und insbesondere solche mit arischem Erscheinungsbild öffnen. Jüdinnen und Juden wird der Zutritt verwehrt. Künstlich generierte Videos visualisieren weinende, abgewiesene Jüdinnen und Juden oder aber Wehrmachtssoldaten im Eis, die dank des Monster-Energy-Drinks “Ultra White” Zugang bekommen und mit Reichsflugscheiben zu unterirdischen Palästen gebracht werden.

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Die fliegenden Nazi-Untertassen schweben seit jeher im Orbit extrem rechter Verschwörungen wie auch ein vermeintlich überlebender Hitler. Während extrem Rechte ihm früher noch eine Flucht und anschließend glückliches Leben in Argentinien bescheren wollten, hat er nun den Weg nach “Agartha” gefunden. Dieser künstlich errichtete Überlebensmythos von Hitler, der eben nicht desillusioniert und verzweifelt Selbstmord begangen haben soll, sondern fliehen und sich der Welt entziehen konnte, gewinnt mit “Agartha” eine neue Facette. Jede Form einer Flucht oder eines Überlebens von Hitler wurde über die Jahrzehnte von unterschiedlichen Nationen mehrfach überprüft und widerlegt, doch extrem rechte Kreise klammern sich weiterhin an diese Fantasie. In “Agartha” wird sie satirisch verklärt, um Anklang in der jungen Generation zu finden. 

Die unterirdische Welt selbst stammt aus der Literatur weit vor dem Dritten Reich. Die Videos beschwören immer wieder eine Figur und Energie, die sich den Namen “Vril” teilen. Deren Ursprung ist ein 1871 erschienener Roman des Briten Edward Bulwer-Lytton: “The Coming Race”, in Deutschland “Das kommende Geschlecht”. Darin geht es um die unterirdisch lebende, der Menschheit überlegene Vril-Ya-Zivilisation, die mittels der alles könnenden Vril-Energie nicht nur Telepathie, sondern auch Eugenik betreibt.

Die hochgewachsenen Vril tragen langes, blondes Haar, haben blaue Augen und wirken auffallend androgyn. Was zeitgenössisch als Satire aufgefasst wurde, sahen andere als Tatsachenbericht. Der Mythos um die Welt der Vril wanderte in ein esoterisches Milieu ein, in dem sich Lebensreform, Rassenlehren und völkische Fantasien überlagerten. Später wurde er auch Teil der okkultistischen Seite des Nationalsozialismus. Sucht man lange genug, findet man auch die obligatorischen Verbindungen zu den Epizentren anderer Verschwörungen: die realen Pyramiden von Gizeh wie auch das fiktive Atlantis. Von der Existenz des letzteren und einer dort lebenden arischen Kultur war der nationalsozialistische Ideologe Alfred Rosenberg überzeugt. Der Antisemit schrieb nicht nur “Der Mythus des 20. Jahrhunderts”, sondern trug auch zur Verbreitung der antisemitischen Fälschung “Die Protokolle der Weisen von Zion” bei.

Der Mythos von unterirdischen Übermenschen entwickelte im 20. Jahrhundert ein Eigenleben. Auch die angebliche Vril-Gesellschaft soll in der Weimarer Republik entstanden sein; ihre Existenz ist aber, anders als die der völkischen und konspirativen Thule-Gesellschaft, historisch nicht belegt. Die Thule-Gesellschaft gründete sich nach dem Ersten Weltkrieg und verband völkischen Nationalismus, Antisemitismus, Verschwörungsdenken und germanische Kriegerfantasien. Die Vorstellung einer eugenischen, überlegenen Zivilisation wie die Vril, die die restliche Menschheit kontrollieren und auslöschen kann, resonierte auch mit der aufkommenden NSDAP der 1920er Jahre.

Als eine der Schlüsselfiguren des Holocaust und der SS war besonders Heinrich Himmler dem Übernatürlichen zugetan. Auf der Suche nach einer nationalen Identität, die weiter zurückreichen sollte als das Kaiserreich, verband und überhöhte Himmler esoterische, okkultistische und spirituelle Elemente zu einem deutschen Geschichtsmythos. Er baute die nordrhein-westfälische Wewelsburg zur “Gralsburg” um. Dort befindet sich auch jenes Bodenornament, das später als “Schwarze Sonne” bekannt wurde. Er unterstützte zudem 1939 eine Expedition nach Tibet, in der vergeblichen Hoffnung, Spuren germanischer Kultur zu finden und förderte zahlreiche Ausgrabungen, um auf germanische Geheimnisse zu stoßen (abermals vergebens). Sein Versuch, ein pseudoreligiöses Germanentum zu errichten, hatte letztendlich nicht den gewünschten Erfolg. Und doch ist seine Nähe zum Okkulten und Esoterischen ein entscheidender Teil der nationalsozialistischen Mythenbildung. Der Einfluss des Okkult-Esoterischen auf den Rechtsextremismus wird gleichermaßen über- wie unterschätzt, muss aber zumindest immer Erwähnung finden. 

“Agartha” ist letztendlich eine Modernisierung des Mythischen, angepasst an die Sehgewohnheiten der Generation Z und ihre angrenzenden Kohorten. Die Funktion des Trends ist es, eine menschenfeindliche Ideologie als vermeintlich harmlose Internet-Lore zu tarnen. Alles wirkt überzeichnet, ironisch und liegt außerhalb jeder Realität. Doch wer über weiße Monster-Dosen, Reichsflugscheiben und KI-Hitler lacht, gewöhnt sich zugleich an rechtsextreme Motive: weiße Überlegenheit, der Wunsch nach “Reinheit”, antisemitischer Ausschluss, Sehnsucht nach einem verborgenen Reich sowie die Vorstellung, dass die “sichtbare Welt” im Verfall ist und eine höhere Ordnung darauf wartet, das System zu übernehmen.

Das Kalkül der Videos ist klar: User:innen sollen den historischen Ballast dieser Nazi-Mythen nicht erkennen und sich erst einmal von dem abstrusen Humor angesprochen fühlen. Weil Nationalsozialismus und Faschismus auf Mythen bauen, müssen sie diese Mythen ständig aktualisieren. Bereits Hitlers einflussreiche Propagandistin Leni Riefenstahl inszenierte in ihren beiden “Olympia”-Propagandafilmen von 1938 das Dritte Reich als Erbe der griechischen Hochkultur. Mussolini tat Selbiges mit dem römischen Reich. Heute inszenieren Trump-Milieus Donald Trump immer wieder als messianische oder imperiale Figur und versuchen, mit künstlich generierten Bildern an das von Hollywood verklärte Bild des römischen Imperiums anzuschließen.

Warum Faschismus Mythen braucht

Dabei muss sich der Faschismus stets auf das Vergangene beziehen. In ihrem 1991 erschienenen, schmerzhaft aktuellen Essay “Der Nazi-Mythos” gehen die französischen Philosophen Jean-Luc Nancy und Philippe Lacoue-Labarthe näher auf die Konstruktion einer Identität durch die Bildung eines Mythos ein. Laut ihnen ist dafür nicht nur die Nachahmung der Antike, sondern auch ein daraus resultierender gesellschaftlicher Drang: “Die Macht des Mythos muss wiederbelebt werden.”

Nancy und Lacoue-Labarthe übersetzen ihre Erkenntnis in eine beängstigende These: “Wo der Mythos gesucht wird, ist es das Ereignis, das begehrt wird.” Der Mythos bleibt also nicht bloß Erzählung. Er erzeugt ein Zielbild, dem die Wirklichkeit unterworfen werden soll. Die Verbrechen des Nationalsozialismus zeigen, wie sehr er an einer Realisation festgehalten hat. Wenn sich ein Regime auf den Mythos einer vergangenen Hochkultur gründet, kann dieser Mythos zur Rechtfertigung realer Gewalt werden. Im Nationalsozialismus wurden Mord, politische Willkür, Folter und Genozid zu Mitteln, um einen rassistischen Mythos politisch zu verwirklichen. Wenn der Mythos nicht erreicht werden kann, muss das Regime zumindest so tun, als ob es ihn herstellen kann. Dass sich der “Agartha”-Trend nicht in die Realität umsetzen lässt, tut ihm keinen Abbruch. Er kommuniziert bereits den Wunsch nach einer arischen, übermächtigen Hochkultur, die Jüdinnen und Juden und Nicht-Weiße ausschließt.

Inzwischen gibt es auch den Versuch einer Art Gegenbewegung von vermeintlich linker Seite. Diese ersetzt “Agartha” durch “Red Shambala”, Hitler durch Stalin, Lenin und Mao und gewährt Eingang durch das Trinken der sowjetischen “Leninade”. Doch wie für Online-Trends üblich, bilden sich auch hier in kürzester Zeit Subkulturen heraus. In einigen Videos taucht eine alternative “Schwarze Sonne” auf, die sich aus Hämmern und Sicheln anstatt aus Sigrunen zusammensetzt. Die Grenzen verschwimmen und es bilden sich Übergänge zum Nationalbolschewismus, einer bizarren Synthese aus Kommunismus und Nationalismus. 

→ Man kann die Social-Media-Faszination für diese unterirdische Welt leicht als Satire, Eskapismus, Ironie oder uninspirierten KI-Slop abtun. Und doch lässt sich der rechtsextreme Charakter nicht leugnen. Die häufige Verwendung von Symbolen wie der schwarzen Sonne, teils auch der Sigrune, die Betonung des Ariertums und allgemein weißer Haut sowie die Vorstellung einer überlegenen Rasse lassen keinen Zweifel: Unter seiner unsinnigen Oberfläche ist “Agartha” ein rechtsextremes Refugium.

Die Wirkung entsteht durch künstlich generierte Bilder, die erst aufgrund ihrer Absurdität hängen bleiben. Und mit der Bildsprache bleiben auch die rechtsextremen Motive hängen. Die Fantasie von Reinheit, Ausschluss und Überlegenheit wird als Meme verpackt und unter bizarren Bildern vergraben, doch der rechtsextreme Kern bleibt deutlich erkennbar.

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