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Nicht mehr jede Nation für sich - was der neue Nationalismus will

Hi,

wir beschäftigen uns heute mit einem Thema, das uns in den kommenden Monaten und Jahren noch häufig begegnen dürfte: dem neuen Nationalismus.

Erst wenn man diese Denkweise verstanden hat, kann man manche Aussage aus der extrem rechten Ecke besser einsortieren, die ohne dieses Wissen kaum Sinn ergeben würden.

Schreib uns gern, ob dir dieser neue Nationalismus schon begegnet ist: wierechtereden@proton.me (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Wir freuen uns immer über Zuschriften. Jetzt aber rein ins Thema!

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Um was gehts?

“Russland ist ein westliches Land - bis Moskau. Und das ist der entscheidende Teil. Das ist Europa. Wenn Russen in die USA gehen, gehen sie vom Westen in den Westen.”

Das sagte Götz Kubitschek in einem von uns kürzlich analysierten Propagandagespräch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) mit Jasmin Kosubek.

Kubitschek zeigte damit nicht nur seine Russlandnähe, sondern begründete sie mit einem entscheidenden Detail: Er sprach westlichen Nationen eine gemeinsame kulturelle Identität zu. Diese Identität grenzte er in dem Gespräch hart von Menschen aus Syrien, der Türkei und Afghanistan ab. Von muslimisch geprägten Ländern also.

Kubitschek modernisiert damit eine alte extrem rechte Kernideologie, die schon lange von der Neuen Rechten vorbereitet wurde und die uns in den kommenden Monaten und Jahren noch häufig begegnen dürfte.

Jede Nation für sich

Historisch waren extrem rechte / rechtsextreme Parteien und Bewegungen immer (ultra-)nationalistisch. Der Nationalismus war die Grundlage ihrer Ideologie der Ungleichheit. Dazu heißt es bei der Konrad-Adenauer-Stiftung:

“Für Rechtsextremisten bedeutet ‘Nationalismus’ […] nicht nur einen berechtigten Stolz auf bestimmte Leistungen und Eigenheiten des eigenen Landes, sondern deren ungerechtfertigte Überschätzung und die diffamierende Abwertung anderer Nationen als ‘minderwertig’ [oder] ‘kulturlos’…”

Auch die AfD war und ist in Teilen eine ultranationalistische Partei, was sich beispielsweise in ihrem Slogan “Deutschland zuerst” zeigte. Sie trat zwischenzeitlich offen für einen “Dexit” ein, den Austritt aus dem europäischen Staatenbund.

Seit einigen Jahren “modernisieren” sich AfD und andere extrem rechte Parteien: Der historische Nationalismus, der Identität strikt entlang von Staatsgrenzen dachte, wird durch einen “transnationalen Nationalismus” ergänzt.

Vernetzung über Ländergrenzen hinweg

Ein wichtiger Vorteil: Zusammenarbeit. Die internationale extreme Rechte vernetzt sich seit Jahren - personell und infrastrukturell. Der frühere Chef der rechtsextremen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) Hans-Christian Strache brachte das einst auf diesen Slogan:

Patrioten aller Länder, vereinigt Euch.”

Und danach handelt auch die AfD, wie Lucius Teidelbaum im Sammelwerk “Rechts wo die Mitte ist” aufzeigt [1]:

“Der AfD ist klar, dass ein rein isolationistischer Kurs auch aus nationalistischer Perspektive für die ‘Exportnation Deutschland’ keine sinnvolle Strategie darstellt.”

Was zunächst pragmatisch klingt, geht darüber weit hinaus. Die internationale extreme Rechte arbeitet eng zusammen - und übernimmt gezielt Narrative, Kampagnen und Strategien voneinander. Teidelbaum nennt das “Ideologie- und Ideen-Transfer”:

“So scheint die Kampagne gegen frühkindliche Sexualerziehung (‘Hände weg von unseren Kindern’), die sich unter anderem in Protesten gegen Dragqueen-Lesungen äußerte, in Deutschland und Österreich als Kulturkampf-Thema von queerfeindlichen Rechten aus den USA übernommen worden zu sein.”

Ähnlich hat es die frühere rechtsextreme AfD-Nachwuchsorganisation “Junge Alternative” zur Landtagswahl 2016 in Baden-Württemberg gemacht. Da verkündete sie eine “Märzrevolution”. Die wurde inhaltlich und optisch vermutlich von der FPÖ-Kampagne “Oktoberrevolution” ein Jahr zuvor inspiriert. Genauso “AfD-TV”, das auf das Online-Format “FPÖ-TV” folgte. Dazu passend sagte 2017 Alice Weidel bei einem Besuch in Wien, die AfD könne “enorm viel von der FPÖ lernen”.

Der Transfer endet nicht bei Kampagnen: Bewundert wird auch das “ungarische Modell” - ein autoritärer Umbau demokratischer Institutionen von innen. Ziel ist die „Eroberung und Aushöhlung der Institutionen der parlamentarischen Demokratie”.

Deshalb sind viele Vertreter:innen der extremen Rechten Jahr für Jahr in Ungarn beim Vernetzungstreffen CPAC zu Gast, an dem letztes Jahr auch Alice Weidel teilnahm, sowie Vertreter:innen der MAGA-Bewegung, die das ungarische Modell gerade mit mehr Gewalt, mehr Rücksichtslosigkeit und mehr Geschwindigkeit in den USA umsetzt.

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Wie aber wird diese internationale Zusammenarbeit erzählt und damit legitimiert - immerhin arbeiten hier Parteien zusammen, die früher auf Nationalismus setzten und deren Ideologie damit auf Abschottung beruhte?

Das hat der Historiker Christian Geulen für “Geschichte der Gegenwart” aufgeschrieben [2]. In seinem Text erklärt er, dass extrem Rechte mittlerweile klassisch nationalistische Aussagen vermeiden und stattdessen das Gemeinsame ihrer Nationen in den Vordergrund rücken:

Das entscheidende, zu schützende, zu bewahrende und zu stärkende Objekt […] sind weder Nation noch Vaterland, sondern eine Idee von Gemeinschaft, die sowohl subnational, also weit diesseits der Vaterlandsgrenzen, als auch weit jenseits dieser Grenzen und transnational zum Ausdruck kommt.”

Damit konstruieren extreme Rechte laut dem Historiker eine Gemeinschaft, die von Nation und Staat entkoppelt ist. Geulen nennt sie das “vorpolitische Volk”:

“Sucht man in der modernen Ideen- und Ideologiegeschichte nach einem historischen Vorbild für dieses Gemeinschaftsverständnis, wird man nur auf einen Begriff stoßen: die ‘Rasse’.”

Dieser Begriff - “Rasse” - wird heute bewusst vermieden. Stattdessen wurde er kulturalistisch umgedeutet - diese Strategie ist bekannt geworden unter dem Kampfbegriff “Ethnopluralismus” [3].

Der Ethnopluralismus gilt als ideologische Kernfigur der Neuen Rechten und ist ein “Kulturrassismus” oder auch “Rassismus ohne Rassen”. Er geht von in sich geschlossenen Ethnien aus, die durch Geschichte, Werte und Lebensraum geprägt seien. Nach außen gibt sich der Ethnopluralismus wertneutral, doch hinter einer behaupteten Gleichwertigkeit steht ein Unvereinbarkeitsargument - die Vorstellung, unterschiedliche Kulturen könnten dauerhaft nicht zusammenleben, ohne ihre Identität zu verlieren.

Was als Schutz kultureller Eigenständigkeit erscheint, richtet sich faktisch gegen Multikulturalismus und Migration. Die zentrale Angst ist nicht offen biologisch formuliert, aber strukturell vergleichbar: die Furcht vor “Vermischung” oder dem “Bevölkerungsaustausch”, was im Extremfall zu Narrativen von “Ethnozid” oder “Volkstod” führt.

→ Die Projektionsfläche für das Unbehagen vor “dem Anderen” ist damit nicht mehr Rasse, sondern die konstruierte “kulturelle Differenz”.

Von “Rasse” zu “Kultur”

Diese kulturalistische Verschiebung bildet die ideologische Grundlage für eine gemeinsame Identität der internatinoalen extremen Rechten. Wie diese Identität funktioniert, hat Viola Dombrowski in ihrem Buch nachgezeichnet [4].

Sie bezieht sich darin auf das Konzept des “Zivilisationismus”. Das ist eine Diskursstrategie extrem rechter Akteure, die “eine Grenze zwischen dem ‘eigenen’ zivilisier­ten Europa und dem ‘anderen’ regressiven Islam” zieht.

Der Ethnopluralismus liefert das ideologische Fundament - der Zivilisationismus weitet sie geopolitisch aus. An die Stelle des nationalen “Wir” tritt ein übergeordneter Kulturraum: der “Westen”.

Die Identitätskonstruktion folgt mehreren Mustern:

  1. Der Islam wird dafür als zivilisatorische Bedrohung inszeniert: Er wird “kulturalisiert”, also nicht als vielfältige Religion, sondern als homogene, unveränderliche Kultur dargestellt.

  2. Auf dieser Grundlage werden Menschen kollektive Eigenschaften zugeschrieben. Sie werden aufgrund ihres Namens, Aussehens oder familiären Hintergrunds als muslimisch markiert und daraus wird eine feste kulturelle Identität abgeleitet. Diese Identität ist geprägt von rückständig-negativen Eigenschaften - patriarchal, frauenfeindlich, gewaltbereit, antisemitisch, integrationsunfähig.

  3. So entsteht eine strukturelle Parallele zum klassischen Rassismus: Eigenschaften werden nicht mehr einer “Rasse”, sondern einer Kultur zugeschrieben.

  4. Dem Islam wird dann das Christentum als verbindendes Element des Westens gegenübergestellt. Dieser wird ebenfalls weniger als Religion, sondern als “säkulare, kulturelle Identität verstanden, bei der die Zugehörigkeit nicht auf einem gemeinsamen Glauben, sondern geteilten Wer­ten aufbaut” - dem sogenannten “identitären Christentum”. Dafür muss man auch nichtreligiös sein.

  5. Im Gegensatz zum Islam ist das Christentum zivilisatorisch fortgeschritten - es wird als liberal erzählt. Bei Dombrowski heißt es: “In Abgrenzung zum Islam inszenieren sich [extrem Rechte], oft entgegengesetzt zu offiziellen Parteipositionen, als Beschützer:innen von Jüdinnen und Juden, Frauen, Homo­sexuellen, Trans*-Personen und ‚westlichen‘ Werten wie Meinungs- und Religionsfrei­heit.”  

→ So wird aus einem “Rassenkampf”ein “Kulturkampf”.

Diesen Wandel hat die Neue Rechte seit Jahrzehnten vorbereitet. Es ist daher nur folgerichtig, wenn Akteure wie Götz Kubitschek heute Russland, Europa und die USA unter dem Begriff des “Westens” zusammenführen - und diesen Westen kulturell homogenisieren.

Auch die Hautfarbe spielt eine wichtige Rolle

Dieser Entwicklung hat die Rechtsextremismus-Expertin Natascha Strobl bereits einen Namen gegeben, den wir weiter oben auch schon benutzt haben: “transnationaler Nationalismus”.

Dieser transnationale Nationalismus denkt, das erklärt auch Strobl so, nicht mehr “in nationalen Grenzen, sondern in Kulturräumen”. Aber Strobl erweitert das Konzept um eine weitere verbindende Eigenschaft: die Hautfarbe. So gehe es beim transnationalen Nationalismus um den Raum der “weißen Christen“. Sie nennt den modernen Nationalismus daher auch “white christian nationalism”. Strobl sagt:

“Wichtig ist das Überleben der überlegenen Rasse, Kultur, Nation - wie auch immer sie es dann nennen. Und damit meinen sie den globalen Norden. Sie meinen die weißen Christen.” [5]

Die Logik hinter dem transnationalen Nationalismus wird auch längst angewandt. So hat sich der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik, der 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen ermordete, darauf bezogen. Laut Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent habe sich Breivik als moderner Kreuzritter im “Heiligen Krieg” gegen eine angebliche Islamisierung Europas verstanden [6]. In seinem Manifest bekannte er sich zwar zum Christentum - allerdings ausdrücklich in kultureller, nicht religiöser Bedeutung.

Hier zeigt sich also: Christentum wird zum Identitätsmarker einer bedrohten westlichen Zivilisation.

Und auch im Tech-Faschisten Elon Musk geht der transnationale Nationalismus auf, wenn er beispielsweise länderübergreifend in Wahlkämpfe in UK oder Deutschland eingreift, um dort die extreme Rechte und die “weiße Bevölkerung” zu stärken.

Wie der Guardian gerade erst analysierte, verbreitete Musk auf X nahezu täglich Narrative vom “Aussterben der Weißen”, vom “Bevölkerungsaustausch” und teilte Beiträge rechtsextremer Accounts zustimmend [7], wie der Aussage, dass “weiße Solidarität” der einzige Überlebensweg sei.

Dialog

Aussage:

“Russland, Europa, USA - das ist der Westen mit geteilten Werten.”

Gegenrede:

“So konstruierst du einen einheitlichen ‘Westen’, der über Staatsgrenzen hinweg zusammengehört. Nationalismus wird damit vom einzelnen Land auf einen größeren Kulturraum ausgeweitet. Tatsächlich ist ‘der Westen’ keine feste ethnische oder religiöse Einheit, sondern das Ergebnis politischer und historischer Entwicklungen. Demokratien beruhen auf Staatsbürger:innen-Rechten - nicht auf gemeinsamer Abstammung oder Kultur. Wenn Zugehörigkeit über Kultur definiert wird, werden Ausgrenzungsideen normalisiert und autoritäre Bündnisse leichter legitimiert.”

Quellen
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